Phew, was soll ich dazu sagen?
Meine Einstellung zu Shakespeare’s “Leben und leben lassen” dürfte mittlerweile ja in einigen Beiträgen durchgesickert sein. Gleichzeitig kann ich mich mit der einseitigen Darstellung schwuler Momente in der diesbezüglich realitätsfernen Welt der Medien absolut nicht anfreunden und empfinde jeden Film, der diese Aussage nur weiter untermauert, eher kontraproduktiv gegenüber dem von den Schwulen so gewünschten Gleichstellungswunsch innerhalb der öffentlichen Gesellschaft.
Hier wird ein Bild einer Kultur gezeichnet, dass in Teilen so zwar stimmig und richtig ist, jedoch kaum die komplette Bandbreite dieser (Sub)-Kultur beinhaltet und somit den Menschen außerhalb dieser Branche genügend Angriffsfläche bietet, um Vorurteile und unrichtige Anschuldigungen blühen und gedeihen zu lassen. Und die schwulen Filmemacher unterstützen dieses Bild in meinen Augen damit, dass keiner sich traut, einfach mal völlig normale, gleichgeschlechtliche Paare zu zeigen und der Welt zu offenbaren, dass diese Form des Zusammenlebens auch “völlig normal” im Sinne der konservativen Gedanken sein kann, die in Teilen unserer Gesellschaft noch fest verankert sind. Ich fände, hiermit wäre allen besser gedient.
So verirrt man sich in ein Werk, dass zwar interessante Berichterstattung über die 50er und 60er in West-Berlin unternimmt und damit die Zuschauer schon teilweise darüber aufklärt, welche Abgründe, Schwierigkeiten, politischen und gesellschaftlichen Hürden Homosexuelle damals erklimmen und überwinden haben müssen, jedoch fördert die Gesamtaussage meiner Meinung nach auch nicht das eigentliche Urbestreben dieses kulturellen Einschlags, sondern sorgt eher für negativen Diskussionsstoff innerhalb der Gesamtbevölkerung.
Somit muss man als Zuschauer wirklich extrem viel für diese Lebensart übrig haben, oder man ist per se angewidert und wendet sich eher davon ab mit der Aussage “Und was soll mir das bringen? Alles nur schräge Vögel.”
Genau diese Intoleranz sorgt für die herrschenden Diskrepanzen zwischen der Gay-Community und dem Rest der Welt. Und dieser Film trägt damit meiner Meinung nach in keiner Weise dazu bei, genau das zu ändern. Wäre das nicht viel mehr die Aufgabe der Filmemacher, sich hier mal der Öffentlichkeit zuzuwenden und zu zeigen: “Hey, die Facetten sind viel reichhaltiger, als ihr bisher dachtet?”
 

.kinoticket-Empfehlung: Normalerweise klassifiziere ich nicht gerne, da ich Schubladendenken hasse, aber hier ist es wohl notwendig, zwischen “Schwul” und “Nicht Schwul” zu unterscheiden, um jeweils eine Empfehlung abzugeben.
Denn innerhalb dieses Milieus ist man mit diesem Film bestens bedient, erhält geschichtliche Aufklärung und erfährt Dinge, die man vielleicht noch nicht wusste. Nach außen hin erweist sich das Werk aber wieder als viel zu bunt, als dass es von der Öffentlichkeit als ernsthafte Argumentation für eine schwule Lebensweise wahrgenommen werden könnte und nimmt einem als Befürworter freier Entscheidungen eher die Argumente aus der Hand, als einem welche zu geben.

 
Nachspann
kommt keiner, man darf also wieder nach draußen trotten.
Kinostart: 29. Juni 2017