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Tag: Werk

Werk ohne Autor

Florian Henckel von Donnersmarck‘s bisheriges filmisches Lebenswerk ist zuweilen noch recht überschaubar: Nach vier Kurzfilmen und einem durchschlagenden Erfolg mit dem Oscar-ausgezeichneten Spielfilm Das Leben der Anderen versuchte er sich an einer Re-Interpretation von Fluchtpunkt Nizza, die sowohl in Amerika und Europa jeweils mittelmäßige bis schlechte Kritiken erntete.
Woran immer dieses “Scheitern” gelegen haben möge, mag man als Außenstehender kaum zu beurteilen. Fakt ist, dass ihm damit dennoch ein Box-Office-Hit gelang und Fakt ist ebenso, dass ihn ein Großteil der Presse nun an diesem Werk aufhängt und schon mal grundsätzlich mit negativer Stimmung an seinen neuesten Regie-Streich herangeht.
Werk ohne Autor geht 2019 für Deutschland ins Oscar-Rennen und hat darum bereits jetzt hohe Aufmerksamkeit erreicht. Mit 189 Minuten Spielzeit setzt man auch in punkto Filmlänge ganz neue Maßstäbe, was auch unterschiedlich gedeutet wird: Ich habe mir bereits mehrfach anhören dürfen, dass sich die Ausführungen zu lange ziehen, man sich da wesentlich straffer hätte fassen können und mehr auf den Vorantrieb der Geschichte wert legen.
Ich persönlich habe den Film im Vorfeld bereits 2x sichten dürfen, 1x um die Story kennenzulernen, 1x um herauszufinden, ob das Werk wirklich so elends lang rüber kommt und – da man bereits alles weiß – in den ersten Minuten anfängt, zu langweilen.
Beides ist in meinen Augen nicht der Fall, wenn man es schafft, in die Stränge von Donnersmarck vorzudringen. Ich habe die einmalige Chance gehabt, den Film mit ihm gemeinsam im Kino zu sichten und durfte ein paar Anekdoten und Hintergründe zum Dreh und den Absichten erfahren, die ich euch gerne weitergeben möchte.
 

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Florian Henckel von Donnersmarck und Benjamin Klob von .kinoticket-blog.de bei der Pressevorführung von Werk ohne Autor in München im Cinema Filmtheater


 
Viele kennen ja den Ausspruch, dass man sich nicht beschweren, sondern es lieber besser machen soll. Donnersmarck hat das getan und uns bereits vor dem Film verkündet, dass er genau das gedreht hat, was er in Zukunft gerne im Kino sehen möchte: Neben Blockbustern und vielen Debütfilm-Flops gibt es für die Zuschauer seiner Meinung nach nur noch wenige Gründe, in Zeiten von Video on Demand und anderen Angeboten, den Weg ins Kino zu gehen und es liegt seiner Meinung nach in den Händen der Kritiker, ob das Kino auch in Zukunft seinen eigenen Fortbestand sichern kann oder nicht.
Meine Meinung ist da eine leicht abgeänderte: Um die Zuschauer ins Kino zu locken braucht es als allererstes mal verdammt gute Regisseure, die es verstehen, eine Geschichte so zu erzählen, dass sie dem Zuschauer Spaß macht, ihn fordert, ihn aus seiner Wohlfühlzone lockt oder ihm etwas bietet, dass ihm diese Welt da draußen nicht bieten kann.
Manchmal ist es pure Entspannung, manchmal ist es das “Wortergreifen” im Namen vieler, die sich allein kein Gehör verschaffen können, manchmal ist es Vergnügen und Humor, manchmal Dramatik oder andere Gefühlsebenen, die man nicht auf der Straße auflesen kann. Hier ertüchtigen sich viele, es wirklich schaffen tun aber nur sehr wenige. Und die feiert man bis zum Abkotzen ab.
Und da kommt dann ein klein wenig der “Ich hab es besser gemacht”-Defensivismus ins Spiel, denn es ist zuallererst mal Donnersmarck‘s gutes Recht, als Regisseur genau das zu drehen, was er gerne sehen möchte. Es ist ja niemand gezwungen, sich diesen Film anzusehen.
Was mir allerdings auch aufgefallen ist, als ich ihm zuhören und seinen Erzählungen lauschen konnte: Er selbst weiß vielleicht gar nicht, was er da eigentlich fabriziert hat, sondern die Dinge sprühen nur so aus ihm heraus. Ich habe ihn als einen wunderbar entspannten, sauvergnüglichen Typen kennengelernt, der in meinen Augen selbst sein eigenes Werkzeug ist, das die Ideen und Schöpfungen aus seinem Inneren nach außen hin umsetzen möchte und den Menschen etwas näher bringen, in dessen Metier er sich selbst unfassbar wohl fühlt.
Und ich glaube, das haben viele pessimistische Kritiker nicht verstanden: Sie wollen einen Film sehen, der einen vorwärtsdrängenden Plot aufweist und eine Geschichte erzählt, sich auf eine bestimmte Sache fokussiert und diese dann in Perfektion austariert um am Ende mit irgendeiner Moral wieder nach Hause zu spazieren.
Werk ohne Autor ist dafür nicht da. Hier geht es um ganz andere Dinge, die nichts mit einer bestimmten Geschichte oder anderem zu tun haben. Geschichte ja – Florian hat es meiner Meinung nach schon mit Das Leben der Anderen geschafft, die krude deutsche Geschichte herausragend aufzuarbeiten und den Menschen dabei zu helfen, die Dinge zu verdauen und endlich ad acta zu legen. Und er tut dies in Werk ohne Autor so ganz nebenbei, ohne dass es einem auffällt: Seine Arbeit trägt im Wesentlichen dazu bei, dass ganze Generationen sich mit geschichtlichen Fakten auseinandersetzen und diese Dinge mental, psychisch und zeitgeschichtlich aufarbeiten können, weil er im großen Stile irgendwo verstanden und erkannt hat, was der Mensch braucht, um sich ein klein wenig glücklicher zu fühlen.
Dabei hat er es im Blut, Welten zu erschaffen, die dem “Original von damals” in nichts nachstehen. So wie man sich in dem Biotop seines Plots wohl fühlt, auch wenn das ganze System verdammt ist, so fühlt man sich auch in Werk ohne Autor wohl: Die Suche nach dem Sinn der Kunst, die er hier angeht und dabei eben keinen Fokus auf Deutsche Geschichte oder andere Spezifikationen legt, die viele in diesen Film hinein dichten wollen, ist selbst zu einem Kunstwerk geworden und der Autor ist er selbst. Ich weiß nicht, ob er sich dessen wirklich bewusst ist oder nicht.
Die Liebe und Hingabe, mit der man sich hier dem Verständnis von Kunst oder besser gesagt: der Kunst selbst widmet, ist außerordentlich. Und da gehört diese Laufzeit einfach dazu und sie wurde von mir beide Male nicht als zu lang empfunden, sondern eher als “Was? Schon vorbei?”
Zum Einen wird man nämlich dazu angehalten, wirklich mal runterzukommen und sich auf das Wesentliche zu besinnen und sich wirklich darauf einzulassen, zum anderen versteht man ein großartiges Bild in einem Museum auch nicht im Vorbeilaufen, sondern man muss sich Tage, vielleicht Wochen, Monate oder gar Jahre damit auseinandersetzen, um den tieferen Sinn dahinter zu verstehen.
Flo gibt uns hier kürzeste 189 Minuten, die dennoch ausreichend genug dafür sind, um das Epos “Kunst” in Wallung zu bringen und dem Zuschauer ein Gedicht darzulegen, dass diese Welten bestens beschreibt. Man taucht ein, taucht wieder auf und ist ein besserer Mensch.
Und damit habe ich seit langem wieder mal einen deutschen Film, für den ich mir den Oscar dringend wünsche.
 

.kinoticket-Empfehlung: Absolut kurzweilig, detailreich, kunstliebend und nachhaltig: Florian Henckel von Donnersmarck*’s neuestes Filmwerk zeigt, dass eigene Kreationen sein bestes Handwerk sind.
Ich persönlich glaube, dass er sich mit The Tourist an Amerikanismus ausprobieren wollte und dabei gemerkt hat, dass “Nachmacherei” nicht sein Ding ist. Mit diesem Werk schießt er den Vogel ab und bringt ein Masterpiece an Erklärungsvorbild ins Kino, dass Kunst nicht nur bestens beschreibt, sondern selbst ein herausragendes Kunstwerk ist.
Die Oscar-Kandidatur ist auf jeden Fall rechtmäßig und die immens lange Laufzeit kommt einem nach dem Film gar nicht so lang vor. Traut euch!

 
Nachspann
❌ braucht’s nicht bis zum Schluss, hier folgen keine weiteren Ausführungen mehr.
Kinostart: 03. Oktober 2018
Original Title: Never Look Away
Length: 189 Min.
Rate: FSK 12

Jigsaw

Der nicht enden wollende Horror geht nun in die mittlerweile achte Runde und zieht einmal mehr Fans des Jigsaw-Killers in die Kinos, um mit ihnen gemeinsam die neusten Machenschaften dieser Filmära auszuschlachten.
Als ich den ersten Teil von SAW damals in die Finger kriegte, war ich absolut begeistert und habe mich selbst als den größten Fan dieses Films bezeichnet. Die Genialität, das tiefgründige Rachenehmen an Ungerechtigkeiten und der soziopathische Blick auf eine kaputte Gesellschaft, in der nicht einmal mehr die Kirche dazu in der Lage ist, Sünde wirklich zu verdammen und Gott irgendwie geistesabwesend zu sein scheint – und dann kommt jemand, der einfach mal aufräumt. Mit Verstand und Genialität behaftet – nichts habe ich so gefeiert, wie das Boshaftigkeitsfeuerende des ersten Teils.
Und dann?
Kapitalismusbombe!!!
Meine Sympathie zur Filmreihe schoss in den Keller in den ersten 3 Minuten des zweiten Teils. Aber ihr wisst: Ich gebe allem eine zweite Chance. Und eine Dritte. Lasse mich wieder und wieder enttäuschen, in der Hoffnung, dass man es schafft. Teil 4, 5, 6 … 3D-Gore … was wollte man uns dabei denn eigentlich geniales sagen? Außer: Wir haben einfach nur kranke Fantasien und lassen euch daran teilhaben?
Irgendwo spiegelt diese Filmreihe auch ein wenig das echte Leben wieder – insofern man den ganzen Fanhype a la Facebook-Social-Blabla so bezeichnen möchte: Jeder macht irgendwas, titelt das Logo seines Lieblingsmovies drauf und ist damit schon “genial”. Oder wie Katrin Bauerfeind einst wortgemäß in ihrer Trendkolumne sagte: “Die Jugend wird heute einfach nur fürs Dasein abgefeiert.”
Und genau dieses Gefühl bereitete in der Vergangenheit enorme Bauchschmerzen: Dass da einfach was mit SAW war, nur eben keine Intelligenz. Die Bauchschmerzen kamen eben nicht wegen raushängendem Gekröse, sondern wegen mangelnder Grandiosität, mit der uns der Urvater dieses unbetitelten neuen Genres seinerzeit beglückte.
Und nun lässt man uns wissen: Das Grauen hat noch kein Ende …
Es läuft JIGSAW in den Kinos … Und als Frage stellt man sich dabei eher: Was ist denn mit Grauen gemeint? Dass der Film so schlecht ist? Oder man jetzt endlich zu neuen Höhen gefunden hat und wieder mit Brillanz auftrumpft?
Die Wahrheit liegt nicht irgendwo da draußen, sondern eher irgendwo mittendrin. JIGSAW ist in der Tat besser als seine Vorgänger, vielleicht auch, weil man ein wenig zurück zu seinen Wurzeln und Anfängen gefunden hat und endlich nicht mehr billige Kinder an die Macht lässt, sondern wieder Vernunft und Ehre Einlass gewährt, obwohl es hier nur um Abschlachten und Tötungen geht.
Dennoch gibt es viel zu viele “Hä?”-Momente, die einem das Leben im Kino nicht unbedingt erleichtern, weil zeitgleich schon vorhersehbar ist, was gleich passieren wird – nur eben nicht, warum.
Und das hat laut Ausrufen einiger Zuschauer nicht nur mich heftig gestört.
Damit zündet man also nicht einfach “im neuen Zeitalter” eine alte, einst funktionierende Bombe neu, sondern muss sich damit abfinden, einen Blindgänger-Silvester-Böller auf die Leinwand geworfen zu haben, der zwar brennt, aber bislang noch nicht wirklich explodiert ist. Dafür fehlt einfach noch viel zu viel vom Ursprung.
Positiver Sideeffect: Der “Halloween Blood Drive” wurde dieses Jahr in den USA und Kanada wiederbelebt: Überall in den Staaten und seinem Nachbarland wurden mobile Blutspendemobile aufgestellt, in denen Menschen gegen ein .kinoticket des neuesten SAW-Films Blut spenden konnten. Damit wurden seit Beginn des Franchise bereits 57.000 Liter Blut gespendet, was umgerechnet 360.000 Leben retten konnte.
(Quelle: www.jigsawblooddrive.com) – dafür wieder meine Hochachtung!
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer sich als Fan vorheriger Teile bezeichnet, wird hier eine erfrischende Belebung der alten Teile finden, die tatsächlich zu neuen Höhepunkten führt und ein wenig von der ursprünglichen Eleganz mitbringt.
Der Beigeschmack fehlender Grandiosität im Vergleich zum ersten Teil ist allerdings so heftig, dass es das Gesamtwerk dennoch merklich abstuft und somit kein vollwertiges Horrorvergnügen mehr darstellt. Schade eigentlich – denn dieses Franchise hätte durchaus wieder ein paar großartige Momente nötig, um weiter bestehen zu bleiben.

 
Nachspann
Braucht man nicht abwarten, hier folgt nichts mehr.
Kinostart: 26. Oktober 2017

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