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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Tränen

Servus Baby (36. Filmfest München)

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Felix Hellmann und Natalie Spinell auf der Weltpremiere von Servus Baby im HFF auf dem 36. Filmfest München

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Binge-Watching auf dem Big Screen… die Zeiten sind längst da gewesen, in denen man mich permanent gefragt hat, ob ich auch Serien schaue und bewerte … und meine Antwort lautete stets: Wenn sie auf dem Big Screen laufen, dann schon.
Jeder von euch weiß, dass ich kein Freund von kleinen Monitoren bin, selbst relativ wenig fernsehe und absolut kein Interesse an billigem Niedrigniveau-TV-Schund habe, der intellektuell anspruchslos ist und volksmündisch die dahinsiechende alte Fraktion befriedigt.
Als genau das könnte man aus den Augen der Jugend betrachtet auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen bewerten, die Argumentationen bezüglich jugendhafter Inhalte auf öffentlich-rechtlichen Sendern lässt ja zuweilen arg zu wünschen übrig. Zu recht, möchte man meinen, denn Paradebeispiel-Sender wie Das Erste und ZDF haben sich in ihrer Vergangenheit selten mit Ruhm bekleckert, was die Beliebtheit bei unter 49jährigen angeht.
Wenn man sich jetzt davon mal abwendet und gleich in die “Dritten” geht, landet man beim Bayerischen Fernsehen und dort bei einer grandiosen Serie, die Fernsehen quasi revolutioniert und etwas bisher nie Dagewesenes bringt, dass so viel Esprit und Charme versprüht, dass es sogar in den Kinos für tosenden Applaus sorgt.
Aber immer mit der Ruhe: Serien laufen deshalb ungern auf großen Leinwänden, weil die Inhalte eben nicht dafür ausgelegt sind, ein großes Publikum auf kurze Sicht vergnüglich und zufriedenstellend zu unterhalten und die zeitliche Planung zum Sichten aller Folgen einer Staffel oftmals miserabel ist. Aus dem Grund gibt es VoD-Anbieter zu Hauf, die eben diese Lücke schließen und quasi den “Es dauert ewig, geht sehr in die Tiefe und ist pro Folge eben nicht massig mit Inhalt voll”-Button permanent gedrückt halten und alles abseits von Film per Stream durch den Äther jagen.
Wie also sollte man dann eine Serie bewerten, die – via Binge-Watching – auf dem 36. Filmfest München in einer Komplettshow gezeigt wird und beim Publikum für Standing Ovation gesorgt hat?
Leute? Ich saß im Kino und hab gedacht, ich bin das erste Mal meines Lebens tatsächlich im Himmel! Dieses Gefühl, das zu erleben … innerhalb der Landesgrenzen des sonst so biederen Deutschlands, dass sich in seiner Geschichte angewöhnt hat, nicht begeistert zu sein bzw. seine Begeisterung nicht emotional ausdrücken zu können … und dann zu spüren, wie das Publikum klatschen will, obwohl die Folge noch gar nicht vorbei ist … der helle Wahnsinn.
Also nochmal auf Deutsch: Ich, der TV-Hasser, habe im Kino gehockt und eine Serie vom BR auf der großen Leinwand geschaut und wurde emotional plattgewalzt von Gefühlen, die permanent zwischen Lachen, Weinen, Mitgefühl, Sorge und extravagantem Humor hin- und her wechselten. Im Ernst: Bieder ist was vollkommen anderes. Altbacken und seltsam, heimatkanalmäßig und volksmusiktrunken, all das lässt sich überhaupt nicht auf das anwenden, was Felix Hellmann und Natalie Spinell da auf den Screen gebracht haben: Der Humor ist sowas von erste Sahne, dass man nicht anders kann, sondern lachen muss!
Ich fühle mich als Wortakrobat kaum in der Lage dazu, würdig genug auszudrücken, mit welcher Verbalwucht man da auf die Menschheit losgegangen ist und sich gleichzeitig aus den Vorurteilsfesseln gesprengt und vom biederen Touch des öffentlich-rechtlichen Fernsehens befreit hat: Dieses Ding ist eine Sensation, die das Fernsehen grundlegend revolutioniert!
Die Dialoge (Deutschland kann keine Dialoge? Äh … doch!) sind der Hammer! Die benutzte, hoch-rasante Situationskomik ist zum Niederknien und die Konversationen brechen mit alten Gewohnheiten und machen Platz für eine von der Jugend verehrbare Form der Unterhaltung, die gänzlich in ihrem Sinne arbeitet und dabei gleichzeitig unterschwellig alles richtig macht in Sachen gendern: Man hat nicht das Gefühl von “Bäh”, sondern liebt es und möchte am liebsten zum Schluss auf “Replay” drücken und alles von vorne nochmal ansehen! Der BR zählt ab sofort zu den nicht-prüden Sendern, denn sowas hätte ich allen zugetraut, aber nicht diesem Sender.
Zeitweise hatte ich das Gefühl, Deutschland kontert nun die Desperate Housewives in einer spritzigeren, besseren und geografisch näher bezogenen Variante, von der ich einfach nur mehr sehen will! Ich bin euch garantiert böse, wenn ihr keine weiteren Staffeln davon dreht und damit endlich dauerhaft jugendlichen Flair in die senile, verstaubte, deutsche Fernsehlandschaft tragt und endlich ALLEN Bürgern Argumente liefert, wozu die Rundfunkbeiträge gut sein können!
Dieses Ding ist so gut, dass es eben nicht nur im TV funktioniert, sondern grandios auf der Kinoleinwand punktet und – so glaube ich – jeden im Saal absolut begeistert hat.
Obwohl die Ausstrahlung für September 2018 im BR geplant ist, wäre es doch absolut wünschenswert, diese Folgenkombination bis dahin noch durch die Kinos zu jagen, denn ich bin mir sicher, dass sich die Freude darüber auch in regulären Vorstellungen aufrecht erhalten lässt.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ein grandioser Befreiungsschlag für das deutsche Fernsehen: Revolutionär, wortgewaltig und voller Humor und Emotionen – Servus Baby überzeugt in jederlei Hinsicht und tischt einen frischen, jugendlichen Geist auf, der sich die Geschlechter ganz neu vorknüpft und daraus etwas absolut Sehenswertes macht, dass es so im TV noch nicht gegeben hat!
Ich fiebere dem September entgegen und werde den ganzen Monat lang das Programm des Bayerischen Fernsehens aufzeichnen, um diese Serie ja nicht zu verpassen! Und ihr solltet dem gleichtun und euch dieses Wunderwerk nicht entgehen lassen – sowohl Mann als auch Frau haben daran garantiert helle Freude.
Lasst es euch auf der Zunge zergehen: Eine Serie des BR ist so grandios, dass sie sogar auf der Kinoleinwand für ekstatischen Beifall sorgte – Servus Baby muss man gesehen haben!

 
Nachspann
in Kurzform, den darf man ruhig abwarten. Die Zeit bis zur nächsten Folge zählt man aber am liebsten in Millisekunden. MEHR DAVON!
Kinostart: Ab September 2018 im Bayerischen Fernsehen
 
Und im Anschluss gibt’s noch ein paar Impressionen von der Weltpremiere von Servus Baby auf dem 36. Filmfest München im HFF – viel Spaß damit 🙂
 

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American Sniper

Filmen mit “American” im Titel misstraut der Durchschnittseuropäer ja erstmal von vornherein und packt seine anti-amerikanische Keule aus, um so richtig gegen den Patriotismus und das “Wir sind die Guten”-Gelaber der Amis zu hetzen.

Meine Wenigkeit wurde im Rahmen der diesjährigen Academy Award Verleihung mit Trailern auf diesen Film hingewiesen. Mein erster Gedanke:
“Ein neuer Clint Eastwood? Kino!”

Viel erfahren über den Film habe ich nicht, außer, dass Bradley Cooper mit von der Rolle ist und dass es – was die gezeigten Szenen deutlich machten – wohl nicht um einen jener Streifen gehn würde, die viel Geballer und Patriotismus zeigen, sondern eben wieder ein rühmlich-ruhiger Eastwood auf die Leinwand gebracht werden würde.

Klar war also, dass ich mir das passende .kinoticket für diesen Film alsbald holte und ihn mir im Rahmen des Kinomarathons zu Gemüte führte. Dass es sich hier um die hollywoodangepasst-wahre Geschichte des echten Scharfschützen Chris Kyle handelt, wurde mir dann kurz vor dem Abspann auch klar.

Innere Zerrissenheit

Mein Empfinden im Saal war eher zweigeteilt. Ich war leicht enttäuscht, ob des dokumentarischen Charakters und empfand mich im Film oft zwischen den Szenen hin- und her geschmissen. Mir fehlte der Zusammenhang, mir fehlte das Abholen der Zuschauer und in die Szenen führen, mir fehlte irgendwie die “Größe”, die man von Filmen dieses Kalibers gewöhnt ist.

Meine Erwartungen an einen Unterhaltungsfilm wurden bitter enttäuscht, denn was man hier zu sehen bekommt, ist nicht für den zu Hause Gebliebenen aufbereitet, sondern schildert das abstruse Verhältnis von Soldaten, die aus ihrem Land, aus ihrer Familie herausgerissen und an eine Front gebracht werden, an der es einfach nur abartig zugeht. Dein Leben besteht nur noch aus Teilstücken ohne jede Bedeutung.

Du hast eine Frau. Sie ist schwanger. Du bist im Einsatz. Du kommst wieder, der Bub ist 4 Jahre alt. Du bist wieder im Einsatz. Du kommst nach Hause, er ist in der Pubertät.

Als Zuschauer musst du dich erst einmal umständlich zwischen den Szenen zurechtfinden und da ist auch keiner, der dir dabei hilft. Kein Erzählstrang, kein Drehbuchschreiber, kein Regisseur. Die Story knallt in genau der gleichen Abartigkeit in deinen Schädel und macht dich ein Stück weit genauso wahnsinnig, wie es den Soldaten im Kampf für ihr Land ebenfalls ergeht.

Dazu kommt, dass den Amerikanern der Status “Soldat” noch ein ganzes Stück mehr bedeutet als hierzulande den Europäern, da dort wahre Helden noch gefeiert und rühmlich begraben werden. Hierzulande schaut dies – Informationen eines Bundis nach – dann doch ein kleines Stück anders aus. Vielleicht ist auch das einer der Gründe, weshalb man sich auf dieser Seite des großen Teiches wohl eher schwer mit solch einer Kost tut. Hat man den Film dann tatsächlich zu recht mit “American” ausgezeichnet?

Der Clou ist der Blickwinkel

Nachdem ich mich telefonisch mit einem Hauptfeldwebel über den Film unterhalten und wir sehr lange darüber diskutiert haben, wurde mir dann auch einiges klar. Dieser Film ist nicht für diejenigen gemacht, die popcornmampfend zu Hause sitzen und sich irgendwelche Kriegspropaganda im Fernsehen anschauen um dann unterhaltend im Kino berieselt zu werden, sondern hier wird gnadenlos aus Sicht der Soldaten gefilmt und geschildert.

Man spürt, wie sehr Cooper sich in den Kriegsgebieten “wohl fühlt” und wie er immer mehr den Bezug zu seiner Familie, zu seinem Leben verliert. Dieses Schwingen zwischen dem Status, den er im Kampf hat in Verbindung mit seiner liebenden Frau, die ihn sehnsüchtig zu Hause erwartet und möchte, dass er sich ihr wieder nähert, wird zum Ende hin fast unerträglich.

Du erlebst mit, wie die Psyche dieses Mannes langsam gebrochen wird, wie er am Ende versucht, dem Leben noch irgendeinen Sinn abzugewinnen und vielleicht die richtige, vielleicht auch die falsche Entscheidung trifft. Am Schluss saß ich im Kino und dachte mir: “Und jetzt? Was soll uns das jetzt alles sagen? Dass Krieg in sich sinnlos ist? Dass er Menschen einfach nur kaputt macht? Dass er enttäuscht? Dass er die Seele von Männern und Frauen schändet und nichts als Leere und Irrsinn zurücklässt?”

Genau das. Clint Eastwood hat hier nicht nur von, sondern auch zu den Soldaten gesprochen und ihnen gezeigt: Es gibt jemanden, der euch versteht. Für die Rekruten ist klar, was es bedeutet, wenn im Abspann keine Musik läuft. Für die Einsatzkräfte ist klar, was mit der “Fernseherszene” gemeint ist. Sie erleben das geschichtliche Zucken von Lebensbruchstücken nicht nur auf der Leinwand, sondern auch im realen Alltag.

Insofern handelt es sich bei diesem Film tatsächlich um großes Kino, mein Fehler war einfach nur, mit den falschen Erwartungen rein zu gehen.

Der Patriotismus bleibt tatsächlich aus, die Frage nach Menschlichkeit wird allzuoft gestellt, die Ansichten in Sachen Kameradschaft und Zugehörigkeit werden umfassend bearbeitet und die Schwierigkeit besteht nicht darin, dass falsch gefilmt oder schlecht bearbeitet wurde, sondern dass man einfach die falschen Erwartungen mitbringt und nicht weiß, dass es sich hier um einen rein dokumentarischen Film einer wahren Begebenheit handelt. Die nämlich ist irre hervorragend umgesetzt und durchaus kinowürdig.

Der fade Beigeschmack, dass Clint Eastwood hier versucht, gemeinsam mit Publikumsmagnet Bradley Cooper sein Schaffen in die Mainstreamschiene zu pressen, um keine allzu abwegigen Gedanken mehr produzieren zu müssen und “noch mehr Leute zu erreichen”, blieb mir zwar bis zum Schluss erhalten, jedoch finde ich im Nachhinein, dass er genau der richtige für diesen Job war, um die – vielleicht missverständliche – Botschaft gebührend auf die Leinwand zu projizieren.

Leute, die jemanden kennen, der beim Bund ist oder gar Zuschauer, die selbst ihr Leben ihrem Land verschrieben haben, dürften sich in diesem Film sehr wohl aufgehoben fühlen und er trägt auch ein ganz klein wenig mit dazu bei, dass vielleicht die unmenschlichen Handlungsweisen von Soldaten nach Jahren im Einsatz ein wenig besser verstanden werden können.

.kinoticket-Empfehlung: Schaut euch davor und danach nichts anderes an. Dann hat es dieser Film tatsächlich in sich.

Wer Unterhaltung erwartet, sollte lieber woanders zugreifen. Wen das Thema Menschlichkeit im Bezug auf Krieg interessiert, der wird einen großartigen Film erleben, der es durchaus wert ist, gesehen zu werden.

Nachspann
✅ bleibe ich bei diesem Film schon aus Respekt einfach sitzen.

Kinostart: 26. Februar 2015

Original Title: American Sniper
Length: 132 Min.
Rated: FSK 16

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