.kinoticket-blog.de

wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Tot

Friedhof der Kuscheltiere

Friedhof der Kuscheltiere

© 2019 Paramount Pictures Germany GmbH

Stephen King – entweder man liebt ihn, oder hasst ihn, oder neuzeitlich: Kennt ihn nicht. So unvorstellbar das klingt – auch das gibt’s mittlerweile. Womöglich einer der Gründe, weswegen man das grandiose Original seines beliebten Klassikers Pet Sematary neu auflegt und somit einer völlig neuen Generation verfügbar machen möchte.

Ohhhhh My Gosh … sooooo unnötig …. Blabla bla. Bla.

Fertig?

Cool.

Friedhof der Kuscheltiere gehört nämlich zum ersten Mal in meinem Leben zu den Remakes, die neben dem Original bestehen können und die man am besten in ein Double Feature packt und optimalerweise im Kino bestaunt. Keiner der beiden Filme macht dem anderen jeweils Konkurrenz, auch wenn die Story sich in Teilen gleicht: Irgendwie hat man es meiner Meinung nach wunderbar hin bekommen.

Und sowas ist höchst selten.

Ja, jeder erwartet die typischen Szenen, Momente, Elemente und möchte innerlich den Film einfach nur abhaken. Und kommt dann wahrscheinlich nicht so ganz klar, weil hier nämlich in zwei völlig unterschiedlichen Macharten gearbeitet wurde. Wo der eine auf Emotionen und Gefühle, Werte und Familie setzt, zielt der andere auf völlig neue Elemente ab und möchte nicht kopieren, sondern liefert seinen eigenen Stil.

Wow!

Was mich zudem unfassbar beeindruckt hat: Die ruhige, konsequente und elegante Kameraführung … Immer im richtigen Winkel, immer im richtigen Blickfeld, immer mit der richtigen Einstellung – hier hat man so akkurat und präzise geplant und überlegt und dann durchgezogen, da steckt sicherlich eine unglaublich hohe Menge an Vorarbeit dahinter, um das so perfekt hinzubekommen.

Das gleiche bei den berühmten “Jump Scares” – die sind soooo ausgelutscht mittlerweile, dass selbst die “Inception“-Variante davon nicht mehr wirklich funktioniert.

Warum zuckt dann auf einmal plötzlich wieder der Großteil im Saal rum? Großes Kino.

Und diese bedrohliche Ruhe dabei … da fängt man sogar an, mit John Lithgow seinen Frieden zu schließen und Jason Clarke ist schauspielerisch sowieso ne Bombe.

Alles in allem hat mich der Film sehr begeistert, weil er eben eines nicht tut: Kopieren. Und sowas in einem Remake eines so weltbekannten Klassikers zu schaffen – großartig!

.kinoticket-Empfehlung: Am besten im Double Feature mit dem Original genießen!

Findet seinen eigenen Stil, legt auf völlig eigene Dinge wert, liefert exzellente Kameraeinstellungen und perfekte Bilder und interpretiert so das Werk von Stephen King völlig neu.

Einziger Kritikpunkt: Ich hätte mir eine Blutspur gewünscht. Wenigstens eine kleine. Ihr wisst, wo.

Nachspann
❌ Muss man nicht abwarten, hier folgen keine weiteren Szenen mehr.

Kinostart: 04. April 2019

Original Title: Pet Sematary
Length: 101 Min.
Rated: FSK 16

Of Fathers and Sons – Die Kinder des Kalifats

Of Fathers and Sons

© 2019 Port au Prince Pictures GmbH

Talal Derki hat’s getan: Sein Leben riskiert, eine falsche Identität angenommen, andere Verhaltensweisen einstudiert, sich als jemand ausgegeben, der er nicht ist, sich mit Kamera über 300 Tage in der “Friendzone” einer Familie der al-Nusra-Front eingenistet und deren Alltäglichkeiten gefilmt.

Dieser Coup brachte ihm bereits 17 Preise, 19 Nominierungen sowie eine Oscar-Nominierung ein.

Und die ganze Welt hat nun die Chance, den “Fehler” der Academy wieder auszubügeln und diesen immens wichtigen Film dennoch zu schauen – denn der macht viele Diskussionen überflüssig.

Und kein Film dieser Art hat mich bisher mehr beeindruckt, als dieser.

Der Stoff ist harter Tobak. Extrem harter Tobak. Man wird mitten in die Dinge geworfen, die einem kein Medienvertreter zeigen, kein TV-Sender zur besten Sendezeit präsentieren kann, denn in diese geschlossenen Gelage dringt gewöhnlich niemand vor, ohne dabei seinen Kopf zu verlieren. Talal Derki hat seinen noch, aber auch nur, weil er in der Lage dazu war, sich als Sympathisant dieser grausamen Machenschaften auszugeben und dabei nicht aufzufliegen.

Das Material, das hier gesammelt und ungeschönt vorgeführt wird, wurde unter Einsatz seines Lebens zusammengetragen – und ich hab keine Ahnung, ob ich persönlich dazu in der Lage gewesen wäre, mit solchen Menschen zu speisen, zu beten, zu leben … über 300 Tage lang. Wohl eher nicht.

Umso mehr Respekt verlangt diese Tat mir ab, umso mehr verbeuge ich mich vor dem Risiko, dem sich dieser Regisseur gestellt hat – eine Welt zu erkunden, über die man im “Wilden Westen” unserer Breitengrade eigentlich wenig weiß.

Als jemand, der das Leben schätzt, der gleichzeitig aber auch alle Menschen erst einmal respektiert und in ihrer Kultur und ihren Bräuchen toleriert und der zugegebenermaßen keinerlei Ahnung vom Islam, IS, Terrorismus und Co. hat, weil mich das Thema bis dato offen gesagt nur “tangiert”, aber niemals aufmerksam interessiert hat, habe ich beim Sichten dieses Films nahezu Schockzustände bekommen, denn die bittere Wahrheit dieser Personen kommt in diesem Film abartigst zum Tragen.

Und ich verneine solcherlei Absichten, Durchführungen, Weltanschauungen und Taten aufs Schärfste, denn für solches Gedankengut kann und darf man keinerlei Verständnis und Toleranz aufbringen… und es ist mir bis jetzt immer noch ein Rätsel, wie dieser Regisseur in solch einem Umfeld ruhig bleiben konnte.

Of Fathers and Sons geht aber nicht um Abartigkeiten, sondern nimmt sich einer noch viel größeren Aufgabe an: Nämlich ein Bild zu zeichnen, dass nicht Schlag auf Schlag verurteilt und grausame Gräueltaten zur Schau stellt, sondern das Verhältnis eines Vaters zu seinen Söhnen darzustellen, die in dieser krankhaften Welt aufwachsen und mehr oder weniger gar keine Chance dazu haben, anderes Gedankengut kennenzulernen oder zu spüren, was echte Liebe überhaupt ist.

Das rechtfertigt überhaupt nichts, schafft aber sehr viel Denkstoff, zukünftig solche Personen anders zu bewerten und ihnen die “Menschlichkeit” nicht vollständig abzusprechen. Wie wärst du, wenn du so einen Vater hättest und dir keine Auswege blieben, um dich anders zu entwickeln? Was würdest du tun?

Fragen, die ich niemals beantworten möchte …

Das eigentlich grausame daran ist, dass es für diese Menschen normal ist, so zu handeln, so zu leben, so zu denken und ihre Beweggründe aus einer tiefen Überzeugung heraus geschehen, die man ihnen womöglich noch nicht einmal vorwerfen könnte – as said: Was würdest du in dieser Situation tun?

“Auf keinen Fall Menschen umbringen” ist an dieser Stelle keine Antwort, denn diese Konsequenz ist bereits aus westlicher Erziehung innerhalb einer Demokratie entstanden und nicht auf dem eigenen Mist gewachsen…

Ihr merkt: Es ist soooooo wichtig, dass ihr diesen Film seht. Und es gibt tatsächlich Möglichkeiten, dies in einem sicheren Rahmen zu erledigen, denn die Kinovorstellung weiß, worum es geht und kennt die “Rahmenhandlung” drumrum, während bloßes Ausstrahlen auf einem Fernsehsender womöglich bei Menschen, die “mitten rein zappen” zur bloßen Verstörung führen könnte, denn hier wird unkritisch berichtet und einfach draufgehalten… mit dem allseits vorhandenen Anfangswissen “Er kann nicht anders.”

Keine Kommentare, keine Erklärungen, keine kritischen Fragen, sondern das hungrige Draufstürzen auf diese krankhaften Wahnvorstellungen, die eine Welt offenbaren, die – wie oben erwähnt – viele Diskussionen beendet und überflüssig macht.

Und das macht Of Fathers and Sons – Die Kinder des Kalifats zu einem brutal wichtigen Werkzeug im Rahmen der Aufklärung über Kultur, Brauchtum, Gedankengut und Handlungsweisen, weil es kein Blatt vor den Mund nimmt und weil es das vorführt und bloßstellt, das hierzulande niemand zu Hauf zu Gesicht bekommt und von dem viele gar nicht erst sprechen, weil sie sich selbst entblößen und sich ihrer eigenen Grundlage berauben würden, die sie so vehement verteidigen.

Der Film ist aber kein Moralstück, dass zum Hass und zum Völkermord aufruft oder in mannigfaltiger Art und Weise denunziert und demütigt, sondern es ist eine Flut von Aufrichtigkeit und Vervollständigung, die ein Bild gänzlich beleuchtet und darum höchst wertvoll im Umgang mit diesen Themen bei Diskussionen und Konfrontationen ist, denen sich die westliche Welt immer häufiger aussetzen muss.

Und glaubt mir: Ihr wollt dieses Ding nicht auf Netflix im Bus oder irgendwo auf der Straße schauen, eure Blicke würden immer mehr über eure Schultern wandern und ihr würdet irgendwann vermutlich vor Scham und Angst abschalten, denn wenn euch jemand darauf ansprechen würde, kämt ihr in große Erklärungsnöte.

Harter Tobak.

Und was sich da festsetzt, was man da sieht, was sich zusätzlich im Kopf abspielt und was letztendlich der Regisseur vor seinen Augen gesehen und teilweise (Gott sei Dank) nicht gefilmt hat – ich hoffe, dass der FSK 12-Antrag scheitert und es eine 16 wird – und jeder, der dieses Alter erreicht hat, dazu aufgerufen wird, dieser Pflicht nachzugehen und diese Inhalte zu konsumieren, um sich – ganz automatisch – damit auseinanderzusetzen und die Dinge zu bewerten.

Ganz ehrlich? Der Text ist jetzt schon viel zu lang und ich hab noch lange nicht das Gefühl, euch auch nur annähernd gesagt zu haben, was ich zu diesem Titel gerne los werden möchte: Hier habt ihr es auf jeden Fall mit einem Ausnahmewerk zu tun, dass die Nominierung verdient und den Oscar erhalten hätte sollen. Das Niveau wurde bei weitem überstiegen.

.kinoticket-Empfehlung: Schockierend, brachial, erschütternd und gnadenlos: Dieser Film wurde unter dem Risiko gedreht, das Leben des Regisseurs von Heut auf Morgen zu beenden.

Es ist ein Ausnahmezustand, der so viel Kraft, Mut und Courage erfordert, um so etwas fertig zu bringen, die tatsächlich kaum jemand besitzt, sonst hätten wir längst viele dieser Dokumentationen. Das Niveau ist Oscar-würdig, die Einsichten zerschlagen deinen Geist und die Erkenntnisse zertrümmern dein Weltbild mehrfach in Gänze.

Harter Stoff, Bilder im Kopf und Herausforderungen, denen manche womöglich nicht gewachsen sind, die aber eine dringliche Wichtigkeit und Warnung an alle beinhalten, die sich mit solchen Themen auseinandersetzen und die grundsätzlich dabei helfen, Terror und Hass zu verstehen und damit umzugehen.

Was der Film kann, dazu bin ich nicht in der Lage, darum reiche ich euch einfach ans Kino weiter: Ich weiß, ihr werdet anders wieder raus kommen, als ihr reingegangen seid. Promise!

Nachspann
❌ muss nicht abgewartet werden, hier folgt nichts weiter.

Kinostart: 21. März 2019

Original Title: Of Fathers and Sons
Length: 99 Min.
Rated: FSK 12 (beantragt)

Müslüm

MUSLUM_A4_300dpi

© 2018 Kinostar Filmverleih GmbH

Lang lang ist’s her, dass ich mal wieder einen türkischen Film auf dem Teller serviert bekommen habe und ehrlich gesagt war mir zwischendrin zwar sehr wohl die Chance gegeben, hier und da mal wieder in diesen Kulturkreis zu schauen, allerdings hat mich die überdrehte und oftmals doch sehr ungewöhnliche Art, “Humor” zu betreiben, abgeschreckt und lieber etwas anderes schauen lassen.

Müslüm war auf einmal dann doch interessant für mich, weil ich den .trailer gesehen und festgestellt habe, dass hier absolut rein gar nichts witzig ist, sondern man sich ernsthaft um ein Drama (wenn man so möchte) bemüht, das die reale Geschichte eines türkischen Stars aufzeichnet, der durch einige Höllen gegangen ist, die ich besser niemandem wünsche.

Zwar braucht man jetzt als Westeuropäer nicht zwingend von der Form Kunst sprechen, die hierzulande alltäglich ist und in irgendeinem Maße überjubelnd begeistern würde, jedoch zählt der Film, nachdem ich ihn gesehen habe, sehr wohl zu den Dingen, die man nicht ungesehen an sich vorbeistreifen lassen sollte, da nicht nur dramaturgisch, sondern auch inhaltlich harter Tobak auf den Tisch kommt, der einen eben doch ungeniert bei den Eiern packt.

Und dafür ist Kino ja da: Um Geschichten zu erzählen, die spannend, mitreißend, unterhaltsam und allgemein tauglich sind und nicht nur eine ganz spezielle Klientel ansprechen.

Was mich ebenso fasziniert hat, war, dass ich hier eine völlig neue Seite türkischen Kinos bewundern konnte, die wirklich absolut gar nichts mit allem, was mir je aus diesem Land schon unter die Füße gekommen ist, zu tun hat oder in irgendeiner Weise vergleichbar wäre. Diese schwermütige Ernsthaftigkeit und krasse Drama-Tiefe sitzt einem hinterher tatsächlich noch in den Knochen und wirft ein völlig neues Licht auf dieses Land.

.kinoticket-Empfehlung: Unvergleichlich, was sonstige türkische Filme angeht – man erzählt eben eine wahre Geschichte eines Menschen, der ziemlich viel krassen Mist hinter sich gebracht hat und damit einen völlig neuen Weg beschreitet, der es bisher noch nicht in unsere Kinos geschafft hat.

Die dramatische Schwere, die diesem Werk beihaftet, packt einen sehr und liefert eben nicht nur völlig andere Einblicke in diese Kultur, sondern berichtet auch über ein Phänomen, der ein ganzes Land begeistert hat. Auch, wenn der Kinostart schon etwas her ist: Wer noch die Chance hat, nehmt ihn ruhig mit, bevor er wieder verschwindet.

Nachspann
✅ zeigt Fotos von dem echten Müslüm, ist also gar nicht unspannend.

Kinostart: 15. November 2018

Original Title: Müslüm
Length: 132 Min.
Rate: FSK 12

Dirty Cops – War on Everyone

Genau wie bei den Präsidentschaftswahlen in den USA sind auch bei Dirty Cops – War on Everyone die Meinungen geteilt. Die einen hassen, was die anderen lieben und vice versa.
Fakt ist: Dirty Cops punktet hier mit extrem schwarzem Humor und einer biederen Trockenheit, die Grenzen zum toleranten Geschmack nicht nur überschreitet, sondern gar nicht wahrzunehmen scheint. Der Peak lautet hier: Flucht nach vorne und direkte Konfrontation mit den unschönen Themen – und zwar auf die bitterste Art, die es gibt.
Und genau das macht diesen Film für mich zu einem sensationellen und sehenswerten Stück Filmgeschichte: Man überträgt das Verantwortungsgefühl in die Hände zweier Persönlichkeiten, die Recht vertreten und Ansehen in der Gesellschaft genießen – und selbiges mit Füßen treten. Die – man möchte fast schon sagen – Gleichgültigkeit, mit der hier mit ernstzunehmenden Situationen umgegangen wird und die Geradlinigkeit, mit der man dieses Verhalten bis ganz zum Schluss auf Kosten des Heldentums durchzieht, schreit geradezu nach Applaus.
Man will sich hier nicht profilieren. Boxt nicht mit Argumenten, appelliert nicht an den Verstand oder setzt welchen voraus, sondern man unterhält einfach ganz klassisch mit einer Art, die Menschen wie ich, die Allgemeinheit verabscheuen, einfach nur lieben können.
Ich hatte während des Films meine helle Freude an den Wesenszügen der beiden Hauptdarsteller und freue mich schon auf den Kinostart, damit ich mir diesen Film definitiv nochmal ansehen kann. 
Der Cast ist hervorragend und besticht mit seiner Schauspielweise auf glanzvolle Art, die Kaputtheit dieser beiden Typen wird exzellent rübergebracht. Dass viele mit dem Film ihre Schwierigkeiten zu haben scheinen, erklärt sich mir nur durch ihre Verbundenheit zu den allgemeingültigen Werten, die sie auf der Leinwand mit Füßen getreten sehen und dadurch keinerlei Sympathie mit den Charakteren aufbauen können, die ihre eigenen Moralvorstellungen ignorieren – ein huldvolles Beispiel gelebter (Anti)-Toleranz in Europa.
Und genau diese Ehrlichkeit, mit der man hier an die Front zieht und losprügelt, fasziniert mich. Die Grenzen in diesem Ausmaß zu überschreiten, dass die Verurteilungswürdigkeit schon wieder in Frage gestellt werden darf, ist ein Schachzug, den ich mir von manchen Politikern gerne wünschen würde – und die Tatsache, dass es hier Angestellte des Staates sind, die diese Verbrechen ausüben, zeigt wieder eins: Im Kino ist alles möglich – und dafür liebe ich es.
 

.kinoticket-Empfehlung: Die Freude ist groß bei Freunden von zutiefst schwarzem Humor, die bis an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen und wissen, dass das alles nur ein Film ist, der eines will: Erstklassig unterhalten.
Die große Errungenschaft liegt hier eindeutig in den Dialogen und der Kaltschnäuzigkeit, die man an den Tag legt und damit eine Geschichte erzählt, über die definitiv gesprochen werden kann.
Ich gehe gerne nochmal rein und kann jedem nur empfehlen, es mir gleich zu tun, auch wenn streckenweise etwas längere Passagen sind, die den Push etwas verlangsamen – der Film als solches lohnt sich dennoch.

 
 
Nachspann
ist wie üblich ohne weitere Szenen und Blabla. Also gerne aus dem Saal rausgehen.

Swiss Army Man

Ich habe mich auf diesen Film gefreut und extra nochmal eine 150 km Fahrt investiert, um ihn in der Sneak Preview zu sichten, denn meine Befürchtungen, dass dieser Titel anschließend niemals seine Jungfräulichkeit auf der Leinwand der Masse ablegen wird, sind begründet.
Swiss Army Man ist dem Fantasy Film Fest entnommen, wo er auch bereits gezeigt wurde, was dem globalen Zuschauer ungefähr die Richtung vorgeben könnte, in welche Bahnen man hier mit der Kamera schwenkt und welche Inhalte man zum Programm macht.
Ladies und Gentleman, ich präsentiere: Independent Kino.
Den berühmten Namen eines Harry Potter-spielenden Daniel Radcliffe oder dem aus Love & Mercy bekannten Darsteller Paul Dano ist wohl zu verdanken, dass der reichhaltigen Auswahl aller Fantasy Film Fest-Filme eben dieser entzogen wurde, vermutlich, weil man sich mit einem derart bekannten Schauspielrepertoire doch ein gewisses Maß an Zuschauern erhofft oder eben hier die besten Chancen zur Weiterverwertung dieses Stoffes sieht.
Eben diese zwei waren auch der Grund, weshalb ich mich unglaublich auf diese Performance gefreut habe, denn spielen können die Jungs. Radcliffe ist seiner Schule längst entwachsen und hat bereits in Die Frau in Schwarz bewiesen, dass er hartem Stoff gefeit ist und Dano ist für mich per se eine Schauspiellegende, der unglaublich viel Feingefühl und verborgene Überraschungen in sich trägt, die vielleicht in kommenden Jahren stückweise enthüllt werden könnten.
Und allem Gezeter zum Trotz erhebt sich hier ein Stück, das jedweder Beschreibung spottet und dem Zuschauer erstmal einwas nimmt: Alle Grenzen und Barrieren.
Hierbei trennt sich sofort die Spreu vom Weizen. Sobald dann das Blitzlichtgewitter der aufgehenden Saaltüre endlich vorrüber ist, bleiben diejenigen sitzen, die zu geizig oder zu neugierig sind, um herauszufinden, was aus dem Stoff, der dem Zuschauer anfangs wirklich extrem viel abverlangt, geworden ist.
Wenn ich sage, es werden alle Grenzen überschritten, dann meine ich damit alle Grenzen. Der Mensch wird auf das absolute Minimum reduziert und in Dimensionen geschickt, wo nichts mehr zählt als das nackte Überleben.
Zwischen all dem Hohn, dem Schmutz, der fäkalen Sprache und dem irrsinnigen Schwachsinn erhebt sich dann stückweise eine Philosophie, die dir permanent mächtig ins Gemächt tritt und dabei jedesmal die Bühne für den nächsten Schlag frei macht, den dir die grenzensprengenden Momente dieses Films unwiederbringlich immer wieder ins Gesicht donnern, damit du auch ja nie vergisst, außerhalb deiner sonst denkenden Barrieren zu bleiben.
Das fällt einem als Nichtkenner solcher Movies erstmal richtig schwer. Eigentlich fällt es den ganzen Film über schwer, aber der biegt sich dann immer wieder in versöhnende Kurven, so dass die Lust niemals genommen wird, man aber immer wieder außerhalb der Bahn durch den Dreck schlingert, statt sich in einer kitschigen Komödie wiederzufinden, die auch ein anständiges Studio genommen hätte.
Und da sind wir wieder bei den Vorteilen des Independent Kinos: Es gibt keine Ärsche, die auf ihren hohen Rössern thronen und den Regisseuren vorgeben, was geht und was nicht. Man will Grenzen überschreiten und tut es auch. Alles, was man dafür braucht, ist etwas Akku in den Kameras und Menschen, die bereit sind, eine derartige Performance abzulegen, die schauspielerisch mit Sicherheit mehr abverlangt, als alle Marvel-Superhelden gemeinsam in den Pott bringen.
Denn das können die beiden wirklich herausragend: Diese abartige Rolle spielen, in die sie hier gesteckt werden und mehr als überzeugend rüberbringen, was man im Drehbuch womöglich gemeint hat. Mit Mimik, Andersartigkeit und völligem Entarten so überzeugend zu demonstrieren, dass alles, was sich der Mensch als Verhaltensweise angeeignet hat, eigentlich eine Farce ist, über die man am Ende verstohlen selber lächeln muss, gehört für mich auf einen Thron, der nicht nur im Kino platziert sein sollte, sondern weit darüber hinaus Spekulationsstoff für hoch philosophische Diskussionen bietet.
Und genau das ist das marketingstrategische Problem: Swiss Army Man kriegt man niemals für ein Massenpublikum aufbereitet in ein Kino rein, bei dem der Saal dann auch voll wird und die Leute es frenetisch abfeiern, insofern man nicht auf Wunderwaffen wie das Fantasy Film Fest zurückgreift, wo all die Fans von Independent aus ihren Gruften steigen und ihre Filme endlich mal auf der großen Leinwand bestaunen dürfen.
Insofern wird sich dieses Werk wohl eher auf einem Dachboden mit DVD Player verkrochen seiner Wohltat rühmen und still und leise im heimlichen Kämmerlein geschaut werden, was diese Sneak angesichts eines wirklich relativ gefüllten Saals dann zu einer noch interessanteren Show macht als ohnehin schon.
Dass der Film niemals alle Menschen auf seine Weise berühren kann, ist von Anfang an ausgeschlossen. Wer jedoch akzeptiert, dass hier mit Themen gespielt, die auch in fünftausend Jahren noch nicht auf RTL diskutiert werden, dem wird ein unvergesslicher Kinoabend zuteil, der – vermutlich – mangels Vorstellungen sowieso nur im heimischen Wohnzimmer stattfinden wird. Hier wiederum lohnt sich ein Stück weit mitgebrachte Ernsthaftigkeit und der Wille, sich des Stoffes tatsächlich anzunehmen, denn dann hat man eine wunderbare Diskussionsgrundlage, auf der basierend man so einiges im Leben hinterfragen darf.
Das ist dann der Moment, aus dem neue Ideen entspringen, der Zeitpunkt der Geburt von Kreativität und großem Geist. Das ist der Moment, wo die Trance, in die uns die Medien, sozialen Netzwerke und der nie aufhörende Boom an Überschwemmung von Informationen geführt hat, endlich aufhört und vielleicht ein erster Gedanke einem ansonsten schmutzigen Geist entspringt, der das Feuer des Lebens neu entfacht.
Dass dazu ungewöhnliche Methoden notwendig sind, versteht sich ganz von selbst. Und Swiss Army Man ist ungewöhnlich. Unbestreitbar. Doch davon solltet ihr euch vielleicht besser selbst ein Bild machen. Die DVD-Regale warten auf euch.
 

.kinoticket-Empfehlung: Tja, jetzt einfach alles auf einen Punkt zu bringen, ist genauso schwierig, wie das Publikum über die ersten 15 Minuten zu führen.
Nach der Vorstellung vor dem breiten Publikum einer preisreduzierten Sneak Preview wird der große Ansturm wahrscheinlich sowieso ausbleiben, demnach ist es schwierig, dass anschließend noch Leute aus dem Saal rennen, denn es geht wohl kaum erst jemand rein.
Und das ist nicht nur traurig, sondern zeigt auch, warum das Independent Kino bislang keine großartigen Erfolge feiern durfte. Dass eben jene Machart von Filmkunst allerdings extrem wichtig ist, davon zeugt Swiss Army Man genauso wie von der Tatsache, dass man hier sehr wohl gewusst hat, was man tat, die wahren Absichten aber genial zwischen den Zeilen versteckt hält.
Und Menschen, die dafür den Türöffner gefunden haben, haben hier nicht nur ein Freudenfest, sondern eine rühmliche Orgie an dematerialistischen Eindrücken, die nicht nur aus der Realität holt, sondern einen auch nicht wieder in diese hinein lässt.
Was meine Person angeht: Gerne mehr davon.

 
Nachspann
bleibt weitere Sequenzen schuldig, nach der Abblende darf man also nach draußen tigern und sich wieder in geordneten Bahnen bewegen.

Powered by WordPress & Theme by Anders Norén