.kinoticket-blog.de

wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Stammbaum

Hereditary – Das Vermächtnis

Horror und Kino – zwei Gegensätzlichkeiten. Könnte man meinen. Szenenintern geht der Horrorfan eher ins Festival, denn ins richtige Kino und selbst Normalos, die sich “nur ab und an mal einen Horrorfilm anschauen”, finden, dass das klassische Kino in den letzten Jahrzehnten kaum brauchbare Streifen in diesem Genre rausgebracht hat. Ein überdeutliches Kennzeichen dafür, was in der Massenproduktion der Filmindustrie schon seit Jahren falsch läuft: Man möchte wieder niemanden vor den Kopf stoßen und produziert daher kompromissbereit, was unweigerlich zur Folge hat, dass man die Liebhaber und eingeschworenen Fans unweigerlich vor den Kopf stößt.
Das, was man vermeiden möchte, um damit eine große – teils desinteressierte – Zuschauerschaft anzusprechen, stülpt man den Fans gezwungenermaßen über und vergrault so im Prinzip gleich alle. Diese elenden Eingriffe zugunsten von “Das könnte jemandem nicht gefallen und dieser Umstand kostet uns bares Geld!”, diese rigorose Selbstzensur zugunsten von Dollar und Reichtum, wird uns eines Tages noch unsere Freiheit im Reden und in der Kunst kosten.
Die Produzenten müssen wieder aufwachen und anfangen, Regisseure und Schreiberlinge das sagen zu lassen, was sie sagen möchten, um Streitgespräche zu entfachen, um zu provozieren. Um den Mächtigen dieser Welt zu zeigen, wo ihre Grenzen sind. Um Menschen zu mobilisieren, für ihre Rechte einzustehen und als Vorbild voranzugehen, diese Welt zu einer besseren Welt zu machen.
Dafür braucht es Leute, die Eier in den Hosen haben – Menschen, die sich was trauen und denen Geld auf deutsch gesagt scheißegal ist.
Ari Aster gehört zu diesen Menschen. Bereits zwei Jahre vor Produktionsbeginn sprach er mit Menschen und warb für sein Projekt. Er wusste genau, was er wollte. Er engagierte mehr oder weniger bereits große Teile der Crew, obwohl noch überhaupt nichts feststand und von Finanzierung noch gar keine Rede war. Er verfasste ein 75seitiges Manuskript nur mit Einstellungen und Festlegungen, wie der Film zu sein hat, ohne vorher Drehorte noch etwas anderes gesehen zu haben. Große Teile seines Sets baute er schlichtweg einfach selbst, da die Kameraeinstellungen und Drehmöglichkeiten schon so exakt feststanden, dass es quasi unmöglich geworden ist, einen Location Scout auf die Suche zu schicken, der dann wieder mit Kompromissen in der Tasche angekommen wäre.
Sprich: Er wusste genau, was er sagen wollte und ließ sich nicht durch irgendwelche dubiosen Grenzen und Panikentscheidungen ausbremsen.
Und das Ergebnis, liebe Kapitalismusgeilheitsfanatiker?
Der Film ist noch nicht mal in den Kinos gestartet und die breite Fangemeinde feiert ihn jetzt schon sensationell ab – und das zu Recht!
Dieses Ding revolutioniert das Horrorgenre auf eine völlig neue Weise und gilt jetzt schon als der Höhepunkt unseres Jahrhunderts. Und ja, seit Äonen war das wieder mal ein Film, bei dem ich im Kino saß und mitgezittert habe, der so richtig schön einzigartig und sehenswert ist – und der dem Psychohorror-Genre angehört. Dass ich so etwas noch zu Lebzeiten erleben werde, hatte ich schon längere Zeit bezweifelt. Allein die Kameraeinstellungen und Drehweisen sind spektakulär und erschaffen hier eine völlig neue Dimension des Schauens.
Diesen ganzen massengeglätteten Schwachsinn darf man sich also gerne getrost sonstwohin stecken – hier kommt der Titel, der endlich wieder das hält, was er verspricht: Hereditary. Wer das am Ticketschalter schlecht aussprechen kann, sagt einfach: “Ein Ticket für den besten Horrorfilm unseres Jahrzehnts!” und schult so gleich das Kinopersonal, ebenfalls reinzugehen und zu schauen, was die Leute da so mögen.
Gabriel Byrne gehörte mit Stigmata zu einem meiner Kindheitsträger, die damals schon eine tragende Rolle gespielt haben und Alex Wolff liefert hier auch sensationelle Darstellungen ab. Und das Ende ist gleichermaßen eine Verneigung vor dem klassischen Horror der 90er als auch eine grundlegende Neuschöpfung in Sachen Twist.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ein herausragendes Beispiel dafür, was passiert, wenn man sich einfach gnadenlos auf ein Genre einlässt und diese Menschen mit Bravour bedient: Ein Film, der schon weit vor Erscheinen von seinen Fans gefeiert wird und als DAS Meisterwerk seiner Branche schlechthin gilt.
Die absolute Verweigerung jedweder Kompromisse dient Regisseur Ari Aster hier als Erfolgsgarant: Die Menschen lieben diesen Titel und können es alle kaum erwarten, dass dieses Ding endlich in den Kinos startet, die damit zum ersten Mal seit Jahren endlich einmal erstklassigen Horror auf dem Big Screen präsentieren und sich nicht mit glattgebügeltem Schwachsinn zufriedengeben müssen.
Ein großartiger Meilenstein, der mit Würde schafft, worin vorher hunderte andere versagten.

 
Nachspann
❌ lohnt nicht, auszusitzen, hier folgt nichts mehr.
Kinostart: 14. Juni 2018

My Big Fat Greek Wedding 2

Dass ich für Komödien nicht unbedingt zu haben bin, dürfte anhand vergangener Rezensionen ja schon ersichtlich gewesen sein. Selbst beim Trailer hatte ich in diesem Fall schon eher ein mieses Gefühl und mich gefragt, wie ich die Vorstellung überstehen soll, damit ich den Film hier im Blog rezensieren kann.
Meine Erwartungen waren also unter aller Kanone und bewaffnet mit Batman-Coke bin ich dann in den doch recht gefüllten Saal und durfte miterleben, wie sich Damen und Herren zumeist älteren Semesters köstlich über die gezeigten Spinnereien amüsierten.
Bei mir dauerte es einen Moment, bis der unterschwellige Charme im Film zum Tragen kommt, aber dann hatte selbst ich Spaß bei den Spirenzchen, denen sich dieser verrückte Trupp in der Story hingibt.
Dass hier nicht die Materialien an der Front stehen, die man uns im Trailer als Hauptgeschehen verkaufen will, war für mich die extremste und positivste Überraschung überhaupt, denn so, wie man den Plot hier aufgezogen hat, hätte man es besser nicht tun können. Stück für Stück verliebt man sich immer mehr in die Charaktere dieser Familie und baut so einen hohen Grad Sympatie auf, da die Macher diesmal nicht mit den bekannten Elementen der komödiantischen Unterhaltung punkten wollten, sondern eher das Geschehen vorantreiben und stilistisch mit doch echt gut gelungenen Pointen die Rahmenhandlung verzieren.
Und gerade diese Gradlinigkeit der vorwärtstreibenden Erzählweise und das Ausgerichtetsein auf die Kurzweil lässt diesen Film als etwas wirklich wertvolles erscheinen. Der Verzicht auf Klischees sticht dabei genauso positiv hervor wie das Umschiffen von dramaturesk überzogenen Hochzeitsmomenten – der Film entwickelt ab einem gewissen Punkt einfach ein wunderbares Eigenleben und funktioniert in seiner Darstellung und Präsentation einwandfrei.
So hat man am Schluss richtig Lust darauf, einen möglichen dritten Teil zu besuchen, auch wenn sich die Hersteller dafür jede Menge Zeit lassen sollten, um nicht im Wiederholungswahn zu enden und nur noch halbwarme Brühe auf die Leinwand zu klatschen.
Insofern – alles richtig gemacht, Daumen hoch!
 

.kinoticket-Empfehlung: Eine wunderbare Komödie über einen Familienclan, der sich weit vom Kern normaler Generationen wegbewegt hat, um damit erstklassig zu unterhalten.
Lacher sind in diesem Streifen genauso vorprogrammiert, wie das schrittweise Heranführen an emotionale Momente, die in den immer zielgerichteten Pointen der Erzählung ihre Höhepunkte erleben und somit einen positiven Gesamteindruck hinterlassen.
Daumen hoch – so funktioniert gute Unterhaltung, bei der man auch gern über das ein oder andere Vorhersehbare hinwegsehen kann.

 
Nachspann
bleibt bei Schrift und Ton, weiterführende Elemente bleiben aus.
 
[Edit: 03. April 2016] Nachtrag:
Nachdem ich kürzlich der Vollständigkeit halber den ersten Teil auf DVD gesehen habe, muss ich meine Meinung noch mehr in Richtung positiv revidieren: Teil 2 schlägt den ersten Teil mal locker um Längen.
Die Langatmigkeit und Eintönigkeit, das Fokussiert sein auf immer wieder die gleichen Elemente wurde im Folgefilm mit fortwährender Geschwindigkeit, mehr Witz, mehr Lebendigkeit und weniger Stillhalten zu einem im Vergleich erträglichen und unterhaltsamen Stück umgewandelt.
Die Einschlafgefahr aus dem Ursprungsfilm wurde komplett verbannt! Damit gehört dieses Werk zu den Filmen, bei denen ich Die Fortsetzung besser finde als das Original. Und das soll was heißen!

Powered by WordPress & Theme by Anders Norén