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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Schriftstellerin

Colette

Colette

© 2018 DCM Film Distribution GmbH

Kaum ein Film lässt so tief blicken, wenn es darum geht, etwas zu vollbringen und dafür die gebührende Ehre und den Lohn zu bekommen: Dort, wo heute alle nur noch wild durcheinander gackern und sich aufregen wie die Waldschnepfen, gab es früher echte Probleme, die sehr wohl aufzeigen, woraus so mancher inzwischen abwegiger Kulturzweig entstanden ist.

Was es wirklich bedeutet, unter dem Schemel gehalten zu werden, welche Auswirkungen es hat, wenn eine Gesellschaft so funktioniert, wie sie funktioniert, welches Leid und welche Qualen die stillen Helden unserer Welt im Kämmerlein ertragen müssen, darüber berichtet uns Colette – ein Film, der im Kern seiner Aussage vollkommen auf wahren Ereignissen und Menschen basiert und dessen Erstellung gar von den Erbinnen dieser Frau höchstpersönlich abgesegnet und unterstützt wurde.

Dabei ist es nicht nur Keira Knightleys höchst bewundernswerter Performance zu verdanken, dass dieser Titel als “oscarwürdig” ausgepriesen wird, sondern der Geschichte selbst, die danach schreit, an die Öffentlichkeit zu gelangen und von einer Frau vorgelebt wurde, die es zu Lebzeiten bereits zu Ansehen gebracht hat: Wer hier zuschaut, der weiß, was es bedeutet, Gleichberechtigung zu leben und welche Opfer manche dafür erbringen mussten und zum Teil bis heute müssen.

Und wer schon ein wenig länger mitliest, weiß, was ich von all den leidigen Diskussionen über teils völlig abstruse Forderungen halte und für wie entgleist ich diese Thematik im deutschen Fernsehen inzwischen finde … und wenn ich mich als “Online-Autor” mit solchen Dingen auseinandersetzen muss, dann kommt mir oftmals nur die Galle hoch: Worum geht es wirklich? Ist es tatsächlich ein “-in”, dass jemanden psychisch so dermaßen zermürbt, dass er und seine Familie den heiligen Weg ins Todesgrab antreten müssen oder stecken tatsächlich andere Dinge dahinter und das moderne Geheule ist tatsächlich nichts weiter als ein aufmüpfiges Schreien um des Schreiens willen?

Bevor ihr jetzt (lustig, wie auf einmal das Blut in Wallung kommt, wenn jemand ein wenig provokativ darüber textet, oder?) auf mich losgeht wie die Rohrspatzen, haltet inne und hört kurz zu: Geht auf die Straße, setzt euch in eurer Auto oder den Bus oder aufs Rad oder in die U-Bahn und tretet den kürzesten Weg zum nächsten Lichtspielhaus an und beseht euch Colette. Denn dieser Film drückt meine wahren Gefühle über Gleichberechtigung und die wahren Notstände und Misserfolge menschlichen Tuns aus und offenbart, worum es tatsächlich gehen sollte. Wenn Gleichberechtigung gelebt und aktiv praktiziert werden soll, dann mit Vorbildern wie dieser starken Persönlichkeit, die es im übrigen in Frankreich als erste Frau zu einem Staatsbegräbnis geschafft hat.

Ja, hier werden akute und krasse Dinge gezeigt, von Erfahrungen berichtet, die ich heute nirgends mehr sehen möchte und wo mir klar ist, dass das Thema noch längst nicht vom Tisch ist. Es wird jedoch ebenfalls offenbar, dass es mit einem “-in” nicht getan ist, sondern das respektvolle Behandeln unserer Mitmenschen nicht darin besteht, die Sprache derart zu zerstückeln, dass niemand mehr etwas sagen oder schreiben kann, sondern es manchmal einfach nur um Respekt, Ehre und aufrichtige Anerkennung geht und es das ist, was diesem Land zu großen Teilen fehlt und worunter ganz offensichtlich der “weibliche Flügel” zu leiden hat.

Und damit erhält man hier nicht nur ein wunderbar erzähltes Stück menschliche Historie, sondern ein grandioses Biopic einer Dame, die ich für alles bewundere, was sie in ihrem Leben geleistet hat und zudem ein fantastisches Werk, dass den Namen “Unterhaltung” mit dem hoch angesehenen Wort “Bildung” perfekt vermischt.

Sofern es möglich ist, mehr davon zu bekommen, dann lasst es mich wissen … und ich werde es hier für euch kund tun.

.kinoticket-Empfehlung: Ich weiß, ich benutze dieses Wort inzwischen inflationär oft: Großartig!

Viele andere mögen das Schauspiel Knightleys loben, ich bewundere den Stil und die Courage, eine so tolle Geschichte zu erzählen und damit vorzuleben, wie Gleichberechtigung tatsächlich funktioniert und was dieses Wort in seiner Tiefe bedeutet – ohne dabei auf irgendwelchen Öko-Pfaden zu wandeln und in absurde Diskussionen abzuschweifen.

Wer hier fern bleibt, der verpasst etwas … großartiges!

Nachspann
✅ nach den Schriftzügen ist dann endgültig Schluss, also rennt nicht sofort raus.

Kinostart: 03. Januar 2019

Original Title: Colette
Length: 111 Min.
Rate: FSK 6

Deine Juliet

Leute: Zeit für Titeldiskussionen!
Was lest und seht ihr beim Plakat? Ich bin unzählige Male in der Untergrundstation an dem riesigen Teil vorbeigelaufen und dachte mir: Mäh, noch so ein Weiberfilm, Mann, Frau, Deine Juliet, wunderbar für’n Mädchenabend … da musst du dann wohl irgendwann durch und dir den Mist anschauen, ihn bewerten und darfst ihn dann endlich wieder vergessen. Gottseidank.
Ich verrate euch, wie das Original dazu heißt:
The Guernsey Literary And Potato Peel Pie Society
oder übersetzt:
Die Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf
Merkt ihr was?
Irgendwo tief im Hirn klopft Der Club der toten Dichter ans Hirninnere und erinnert an einen verdammt guten Film. Solche “schwierigen” Titel haben doch schon einmal funktioniert, wieso belässt man es dann nicht einfach beim englischen Original?
Weil das Buch in Deutsch bereits auch so doof heißt.
Wer hat damals diese katastrophale Fehlentscheidung überhaupt getroffen? Nun, Titel werden wohl immer schon früh genug ausgewählt und dann wird erstmal gemacht … und dabei handelt der Film tatsächlich vielmehr von der “Society” als dem “Deine Juliet”-Anteil, der zwar vorhanden, aber eher unwichtig ist.
Und er nimmt jedwedes Frauen-Vorurteil und spricht eine in meinen Augen viel breitere Masse an, was den Film viel interessanter macht und enorm aufwertet. Warum also verzichtet ihr auf diesen geilen Titel? Zumal der im Film sogar oft genug genannt wird, um titelgebend Bezug darauf nehmen zu können?
Egal.
Was viel wichtiger ist: Dieses Werk, in dem gefühlt der komplette Downton Abbey-Cast mitspielt (eben die Elite der britischen Schauspieler), baut zwar auf Klischee und Tränendrüsen-Mentalität und greift somit scharf die kritischen Züge von Genialität und Einfallsreichtum an, aber: Er funktioniert. Und das sowas von. Man möchte es nicht anders.
Er ist großartig! Beeindruckend. Nachhallend. Diese Geschichte lebt und man entdeckt ein völlig neues Niveau in diesem Genre, das kein anderer Liebesfilm bisher auch nur annähernd auf diesem Level erreicht hätte. Und genau das ist der Grund, weshalb der nicht nur in der Ladies-Night, sondern überall laufen und von allen Gesellschaftsschichten und -sorten besucht werden sollte: Diese geniale Auseinandersetzung mit den Themen, mit denen Deine Juliet aufwartet, gehört mit ausreichend Besucherzahlen belohnt. Man fühlt sich auf intellektuell absolut hohem Niveau bestens unterhalten und stört sich kein kleines bisschen an möglichen Klischees oder emotionalen Tragweiten.
Dieses enorm hohe Level an Kunstfertigkeit, mit denen Mike Newell hier auftrumpft, hat auch mich stark beeindruckt. Und ja, ich werde erneut reingehen und ihn tatsächlich in der Ladies-Night sichten, um die Reaktionen des Publikums abzugreifen und mich davon zu überzeugen, dass die Erst-Sichter dann auch genügend Werbung für diesen Film machen, denn so etwas gehört auf die Leinwand. Den Weg in die Herzen der Menschen erobert der Film im Sturm.
Was noch beeindruckend ist: Arthaus hat ja mittlerweile einen zu abgespacten Beigeschmack, so dass sich viele in dem Wissen eher wieder davon abwenden, weil die Filme zu seltsam, zu anspruchsvoll oder zu abgehoben sind. Das hier ist Arthaus und keiner merkt’s. Damit hat man eine Brücke geschlagen und bietet dem ganz gewöhnlichen Zuschauer, der keinen allzu großen Anspruch möchte, hochwertiges Kino mit einer lebendigen und spannenden Story, die für einen Kinoabend allem anderen vorzuziehen ist.
 

.kinoticket-Empfehlung: Das Original heißt: The Guernsey Literary And Potato Peel Pie Society.
Und jetzt packt eure Klamotten ein, bringt ein paar Taschentücher mit und lasst euch von diesem anspruchsvollen und absolut wertigen Film beeindrucken, der mit dem deutschen Titel das Understatement des Jahrhunderts gesetzt hat: Dahinter verbirgt sich so viel mehr, als man anfangs erwartet. Und genau deshalb sollten insbesondere auch Männer diesen Film zwingend besuchen.

 
Nachspann
❌ braucht man nicht abzuwarten, rausgehen erlaubt!
Kinostart: 09. August 2018

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