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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Provokation

#FemalePleasure


© 2018 X Verleih

 

Das Leben. Jeder Mensch empfindet es anders. Man steht morgens früh auf, befindet sich in einer Kultur, einem Land, hat sich an die Lebensumstände um einen herum angepasst. Vielleicht gewöhnt. Definiert sie als gegeben und findet sich damit ab. Oder nicht.

Daraus resultiert die Stimmung. Menschen verändern ihre Stimmung, wenn diese negativ ist, indem sie sich gegen bestehende Systematiken wehren, dagegen rebellieren und etwas anzetteln, dass großräumig etwas verändern soll. Oder sie ziehen sich zurück und leiden still, gehen dabei ein und opfern ihre mentale Psyche für den Umstand, dass von außen her keiner etwas ändert.

#FemalePleasure behandelt ein Thema nun mit einem großartigen Aufmerksamkeitsaufgebot: Frauen.

Nun haben wir da bereits verschiedene großflächig angelegte Diskussionen. Großkotzige Fernsehauftritte von Extremen, die zwar für ihre Art stehen, aber von der Allgemeinheit schon wieder zu “übertrieben” wahrgenommen werden, man interessiert sich nicht dafür oder findet es fast schon wieder eklig, mit welcher Verbissenheit manche sich um diese Dinge scheren.

Sind sie wichtig? Warum sind sie wichtig? Und wie befreit man sich von dem schlierigen Mist drumrum und besinnt sich auf den Kern der Dinge?

Die gute Nachricht ist: Die Suche nach Antworten auf diese Fragen braucht uns alle nicht scheren, denn darum haben sich die Produzentinnen von #FemalePleasure bereits gekümmert: Gleichberechtigung, das Bild der Frau, die klaffenden Informationslücken bezüglich verschiedener Praktiken: All das wird hier in einer plastischen, unvergessbaren und tief schürfenden Art aufgegriffen und den Menschen serviert, vor der ich einen Heidenrespekt habe.

Wenn sich je mal einer gefragt hat, wie das ganze Gelaber in richtig geht: So hier.

Was dieser Film an die Oberfläche bringt, sind teils provokante, teils interessante, teils schockierende Fakten, die plastisch darstellen, was weltweit 2018 (!) mit Frauen angestellt wird. Gleichzeitig beleuchtet der Film auch noch, warum das getan wird. Welche Beweggründe Menschen dazu führt, so etwas zu vollziehen.

Es ist kein Gebashe verschiedener Nationen, kein Krieg unter Religionen und kein Rumgeschreie verschiedener lesbischen Klischee-Vertreter in maroden Talk-Formaten, sondern eine unglaublich präzise, galante, und ehrwürdige Aufklärung, die sich nicht für eine Seite entscheidet (also ja, ihr Männer, auch ihr könnt euch das anschauen, ohne als das pure Böse abgestempelt zu werden) und die niemanden denunziert, sondern einfach das richtige tut: Fragen stellen.

Dem Zuschauer werden direkt und indirekt Fragen gestellt. Und darüber ein Denkprozess in Gang gesetzt, der aus dem unverwüstlichen und undurchdringbaren Verbal-Wortball auf einmal klare Linien herauszieht und entschlüsselt, wie die Menschheit sich verhalten könnte, damit alle auf diesem Planeten ein etwas besseres Leben hätten.

Und bevor ihr eure Bio-Schmalz-Tiegel aus dem Bastkörbchen zieht und nach mir werfen wollt: Nein, auch hier driftet man in keinerlei Klischees ab, sondern untersucht diverse Fakten einfach anhand fünf verschiedener Weltreligionen und unterschiedlicher Kulturen und zeigt, wie an verschiedenen Orten dieses Erdballs mit diesen Themen umgegangen wird.

Dank der digitalen Vernetzung gibt es ja schon längst keine Grenzen mehr, auch wenn Politiker immer noch hart daran arbeiten, eben jene weiter aufrecht zu erhalten und dabei nicht merken, dass sich das Gedanken- und Bild-/Videogut schon längst weit darüber hinaus ausgebreitet hat. Insofern entsteht eine neue Verantwortung einzelner, für Missstände von Schwächeren einzustehen und endlich damit zu beginnen, gemeinschaftlich diese Welt zu verbessern.

Oder um es auf cineastisch zu sagen: DU bist Superman und Wonder Woman in einer Person.

Unter normalen Umständen (ja, heutzutage ist nichts mehr normal) sind immer diejenigen, denen es gut (oder besser) geht, diejenigen, die sich um das Leid der Schwachen und Armen zu kümmern haben und dafür sorgen sollten, dass eben jene Missstände von der Bildfläche verschwinden. Und da global gesehen der Westen eben zu jenen Bereichen gehört, dem es vergleichbar exzellent geht, liegt hier auch ein Großteil der Verantwortung, der zeitgleich bedeutet, dass man eben etwas mehr gibt, als andere und etwas kräftiger dazu beiträgt, die Dinge beim Namen zu nennen und dann zu beseitigen.

Wie gut wir damit zurechtgekommen sind, hat jüngst ein Flüchtlings-Phänomen gezeigt, dessen faule Früchte immer noch an den Straßenrändern herumliegen und wütend besorgt um sich treten.

Doch hier geht es nicht um Wohnraum, angeblich geklaute Arbeitsplätze oder immense Kriminalitätsvorwürfe, sondern um das Lustempfinden der Frau, die Darstellung des weiblichen Körpers, den Selbstwert und das kulturelle Wahrnehmen des weiblichen Geschlechts.

Und ja, hier gibt es Defizite. Schwere Defizite. Und dabei sind nicht die billigen Argumentations-Diskussionen im Gender-Streit gemeint, die sich die Parteien gegenseitig seit Jahren an den Latz werfen. Hier geht es schlichtweg darum, dass es immer noch viel zu viele Orte gibt, an denen morgens Menschen aufstehen und eine absolute Scheißkultur vor sich finden, in der sie nicht frei atmen, nicht frei leben, sich nicht frei ausdrücken können.

Für uns Westländler: Einfach aus dem Bett zu gehen und sich eine Hose anzustreifen, um pfeifend aus dem Haus zu spazieren, ist nicht überall auf der Welt eine Selbstverständlichkeit. Solche Banalitäten sollten aber definitiv eine sein.

Wir müssen langsam begreifen, dass das Anwesen, in dem wir wohnen, einen unglaublich großen Anbau dazu bekommen hat und unser Horizont längst nicht mehr an der Landesgrenze enden sollte. Und wir müssen begreifen, dass die demokratischen Grundsätze und ganz simple, grundsätzliche Menschenrechte weltweit eingeführt werden sollten, nach denen sich jede Regierung zu richten hat, wenn sie nicht aus der Weltgemeinschaft verbannt werden möchte.

Diese Zustände mögen für uns Deutsche wohl schon lange gang und gäbe sein, aber genau diese Freiheiten kennen Millionen von Frauen auf dieser Welt noch nicht.

Und darum handelt diese Dokumentation verschiedener Aspekte diesbezüglich. Integration beginnt also nicht erst beim syrischen Flüchtling, der 2016 auf einmal vor der Türe steht und rein will, Integration beginnt direkt neben einem beim weiblichen Geschlecht, dass immer noch nicht weitreichend als eigenständig wahrgenommen wird und längst nicht die Selbstverständlichkeiten genießt, die sie genießen sollten.

Und wie das geht? – Schaut euch den Film an … und dann beantwortet dessen Fragen einfach in euch selbst. Mehr ist es nicht.

 

.kinoticket-Empfehlung: Großer Gott, wie bring ich diese Wichtigkeit jetzt auf einen Nenner?

Es ist ein Werk, dass diese Welt dringend braucht – und nun hat, dass den Gang durch die leidigen Diskussionen auslässt und sich gleich aufs Wesentliche konzentriert. Nicht verurteilt, nicht mit dem Finger auf andere zeigt, sondern in ruhiger, vehementer und aufschreiender Weise aufklärt, erzählt und so für Kulturenverständigung, Integration, Verständnis und Aufmerksamkeit sorgt.

All dies in einer Weise, die längst nichts mehr mit Wehleidigkeit oder alten Phrasen ausgeschmückt ist, sondern klar bebilderte Zustände von überall auf der Welt zusammenträgt und somit resümiert, was im Hause der Menschheit gerade so los ist.

Es wird Zeit, dass wir familiär zusammenkommen und diese Umstände begraben. Der Film macht dafür einen großartigen Anfang – also geht rein und macht ihn zu einem Erfolg. Nicht wegen des Geldes, sondern deshalb, damit ihn mehr als 7 Kinos in Deutschland zeigen und er so lange im Programm bleibt, bis ihn so viele gesehen haben, dass ihn sich der Rest zwingend im TV oder VoD anschaut.

 

Nachspann
❌ hält keine weiteren Szenen parat. Rausgehen erlaubt.

Kinostart: 8. November 2018

Original Title: #Female Pleasure
Length: 101 Min.
Rate: FSK 12

Läuft wo? Nutzt einfach die Suche von Kino-Zeitindem ihr hier klickt 🙂 und eure Stadt und Radius eingebt.

Endless Poetry

Endless Poetry klingt erstmal total schön. Versinken in tollen Versen. Eintauchen in die Kunst von Worten und Gefühl, Sinnlichkeit und Emotion. Kunst fühlbar und begreifbar machen. Intellektuell abheben und seinen Geist mit Dingen beflügeln, die einen aus der armseligen Einfachheit des Lebens herausholen und zu etwas Besserem umgestalten.
Dazu das farbenfrohe Plakat, dass schon einen unglaublich guten Vorgeschmack liefern soll, man möchte geradezu eintauchen in die schillernden Farben und Freuden des poetischen Daseins.
Und dann beginnt der Film.
Und provoziert in einem ungekannten Ausmaß, dass sich vielen wohl ganz von selbst die Fußnägel nicht nur hochstellen, sondern eigenmächtig ausreißen. Ja, es ist hart. Und es ist wohl das allererste Mal, dass ich – als bekennender Liebhaber solcher geistiger Ausflüchte – vor einem Film wie diesem “warne” in Form von: “Nichts für schwache Gemüter”.
Die Darstellungen sind derart plastisch, dass sie einen mit voller Power in den Strudel gedankenfickender Ideen hineintreiben und dabei den Geist zu keinem Zeitpunkt aus der mächtigen Zwangsfesselung entlassen, die Regisseur und Darsteller Alejandro Jodorowsky hier aufbietet.
Viele sehen sein Werk kritisch, fühlen sich nicht ernst genommen oder zu sehr fremdbestimmt in dem, was er den Menschen vorsetzt. Zu kindisch, zu provokativ, zu fern von den Normen des Theaters und der Kunstbühnen… und genau das hat mich an diesem Film unendlich fasziniert.
Diese brutale Wucht, mit der er hier in all die Normen hineinschlägt und jede moralische Zurückhaltung im Keim totschlägt, ist großartig! Ich habe diese Provokation genossen. Man merkt, dass das geistige Niveau entweder vollkommen abgehoben ist, oder auf faszinierende Weise so zerrüttet kaputt, dass es schon wieder ein künstlerisches Meisterstück ist, dass es zu bewundern gilt.
Allein die Einfälle und die durchaus kostspieligen Umsetzungen in diesen Massen und dem darstellerischen Aufwand zu betreiben sorgt bei mir für glänzende Augen. Es ist kein Gedicht, es ist ein Macht-Epos, dass einen mit Kunst erschlägt und die volle Härte und Gewalt auf Anschlag auskostet und zelebriert. Und das in einem Werk, dass sich mit “Poesie” im Namen krönt und damit eigentlich absolut kindertauglich sein sollte.
Derlei hab ich in meinem Leben noch niemals gesehen, ohne es als absoluten Schwachsinn abzutun. Ohne Witz: Ich saß bereits nach 3 Minuten gebannt da und konnte nicht mehr von dem Streifen lassen. Es ist abartig … geil!
Und diesem Teil nun zu bescheinigen, er wäre über den Tellerrand gestolpert und dabei mächtig auf die Fresse gefallen, halte ich für überzogen. Dafür liefert der Stoff so viel Ansatz-Reichtum, um über verschiedene Dinge des Lebens nachzudenken und provokante und immens wichtige Fragen zu erörtern – nur, dass er dies eben nicht mit Worten, sondern mit Schlägen in die Fresse tut. Und die können in der Tat manchmal heilsam sein.
Auch das kannte man einst und nannte es “Erziehung”, und denjenigen, die da durch gegangen sind, hat es in den wenigsten Fällen tatsächlich geschadet. Man spürt sehr, worunter dieser Typ gelitten hat und dass er nun mit allem aufräumen will. Soll er doch. Deswegen brauch ich in der Presse das Werk nicht schlecht reden. Sondern kann mir stattdessen vielleicht mal Gedanken machen, dass diese Zwangsgeistesverhaftung auch ein künstlerisches Mittel ist, die Dinge dieser Welt zu portraitieren, in denen heute die Menschen gefangen sind: Kaufsucht, Nikotin, zwanghaftes Sich-mitteilen-müssen in sozialen Medien, die panische Angst vor dem Alleinsein, gesellschaftliche Normen und Anstandswerte und dergleichen. Für mich war das Werk eine künstlerische Form dieser Gefangenschaft, nur eben von anderer Seite her.
Es ist eine wahre Fundgrube “poetischen” Schaffens, in dem es heiß her geht und zu keinem Zeitpunkt die Uhr stehen bleibt. Man bleibt in einem Strudel gewaltbereiter Bilder gefangen, die sich mit Feuer auf Anschlag im Hirn festfressen und einen nicht mehr so schnell los lassen. Sollte sich also jemand direkt ins Kino setzen und dieses Werk in Gänze genießen, muss er sich fast schon zeitgleich den Titel auf die Wunschlisten packen, um ihn zu Hause dann erneut wieder und wieder durchleiern zu können, damit er das volle Ausmaß und die Hintergründigkeit dieser wuchtigen Kunstbrumme auch vollständig ergreift.
Und dass dazu ein gesunder Geist in der Lage ist, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Aber ich habe ja auch niemals behauptet, normal zu sein …
 

.kinoticket-Empfehlung: Dieser Film feuert mit brutalen Waffen auf die Kinder der moralischen Norm und tötet sie, bevor sie geboren werden.
Dieser Hass auf das gesellschaftliche Blabla hat mir vor Erquickung fast die Tränen in die Augen getrieben und mich sofort gefesselt. Es ist großartig, so ein durchtriebenes, gewaltbereites und kunsterhabenes Stück zu sehen, dass selbst seine eigene Gattung nicht vor Mord und Totschlag bewahrt.
Für mich gilt dieser Film als eine Einzigartigkeit, die höchst spannend ist und auf die man sich vielleicht überhaupt nicht einlassen kann, wenn man in einer rosa Heilewelt großgeworden ist. Meinen “kranken” Geist hat es aber absolut angesprochen und mit einer gewaltigen Vision gegensätzlicher Strudeltiefe erfasst, aus der es kein Entkommen mehr gibt.
Lasst euch vollständig darauf ein, ohne euch zu wehren, haltet die Schläge in die Fresse aus, oder geht am besten gar nicht erst rein. Dann braucht ihr euch auch hinterher nicht drüber beschweren. Für euch ist dieses Werk nicht gemacht worden.

 
Nachspann
❌ Darf entspannt verlassen werden, es folgt nichts weiter.
Kinostart: 19. Juli 2018

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