Poet

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Endless Poetry klingt erstmal total schön. Versinken in tollen Versen. Eintauchen in die Kunst von Worten und Gefühl, Sinnlichkeit und Emotion. Kunst fühlbar und begreifbar machen. Intellektuell abheben und seinen Geist mit Dingen beflügeln, die einen aus der armseligen Einfachheit des Lebens herausholen und zu etwas Besserem umgestalten.
Dazu das farbenfrohe Plakat, dass schon einen unglaublich guten Vorgeschmack liefern soll, man möchte geradezu eintauchen in die schillernden Farben und Freuden des poetischen Daseins.
Und dann beginnt der Film.
Und provoziert in einem ungekannten Ausmaß, dass sich vielen wohl ganz von selbst die Fußnägel nicht nur hochstellen, sondern eigenmächtig ausreißen. Ja, es ist hart. Und es ist wohl das allererste Mal, dass ich – als bekennender Liebhaber solcher geistiger Ausflüchte – vor einem Film wie diesem “warne” in Form von: “Nichts für schwache Gemüter”.
Die Darstellungen sind derart plastisch, dass sie einen mit voller Power in den Strudel gedankenfickender Ideen hineintreiben und dabei den Geist zu keinem Zeitpunkt aus der mächtigen Zwangsfesselung entlassen, die Regisseur und Darsteller Alejandro Jodorowsky hier aufbietet.
Viele sehen sein Werk kritisch, fühlen sich nicht ernst genommen oder zu sehr fremdbestimmt in dem, was er den Menschen vorsetzt. Zu kindisch, zu provokativ, zu fern von den Normen des Theaters und der Kunstbühnen… und genau das hat mich an diesem Film unendlich fasziniert.
Diese brutale Wucht, mit der er hier in all die Normen hineinschlägt und jede moralische Zurückhaltung im Keim totschlägt, ist großartig! Ich habe diese Provokation genossen. Man merkt, dass das geistige Niveau entweder vollkommen abgehoben ist, oder auf faszinierende Weise so zerrüttet kaputt, dass es schon wieder ein künstlerisches Meisterstück ist, dass es zu bewundern gilt.
Allein die Einfälle und die durchaus kostspieligen Umsetzungen in diesen Massen und dem darstellerischen Aufwand zu betreiben sorgt bei mir für glänzende Augen. Es ist kein Gedicht, es ist ein Macht-Epos, dass einen mit Kunst erschlägt und die volle Härte und Gewalt auf Anschlag auskostet und zelebriert. Und das in einem Werk, dass sich mit “Poesie” im Namen krönt und damit eigentlich absolut kindertauglich sein sollte.
Derlei hab ich in meinem Leben noch niemals gesehen, ohne es als absoluten Schwachsinn abzutun. Ohne Witz: Ich saß bereits nach 3 Minuten gebannt da und konnte nicht mehr von dem Streifen lassen. Es ist abartig … geil!
Und diesem Teil nun zu bescheinigen, er wäre über den Tellerrand gestolpert und dabei mächtig auf die Fresse gefallen, halte ich für überzogen. Dafür liefert der Stoff so viel Ansatz-Reichtum, um über verschiedene Dinge des Lebens nachzudenken und provokante und immens wichtige Fragen zu erörtern – nur, dass er dies eben nicht mit Worten, sondern mit Schlägen in die Fresse tut. Und die können in der Tat manchmal heilsam sein.
Auch das kannte man einst und nannte es “Erziehung”, und denjenigen, die da durch gegangen sind, hat es in den wenigsten Fällen tatsächlich geschadet. Man spürt sehr, worunter dieser Typ gelitten hat und dass er nun mit allem aufräumen will. Soll er doch. Deswegen brauch ich in der Presse das Werk nicht schlecht reden. Sondern kann mir stattdessen vielleicht mal Gedanken machen, dass diese Zwangsgeistesverhaftung auch ein künstlerisches Mittel ist, die Dinge dieser Welt zu portraitieren, in denen heute die Menschen gefangen sind: Kaufsucht, Nikotin, zwanghaftes Sich-mitteilen-müssen in sozialen Medien, die panische Angst vor dem Alleinsein, gesellschaftliche Normen und Anstandswerte und dergleichen. Für mich war das Werk eine künstlerische Form dieser Gefangenschaft, nur eben von anderer Seite her.
Es ist eine wahre Fundgrube “poetischen” Schaffens, in dem es heiß her geht und zu keinem Zeitpunkt die Uhr stehen bleibt. Man bleibt in einem Strudel gewaltbereiter Bilder gefangen, die sich mit Feuer auf Anschlag im Hirn festfressen und einen nicht mehr so schnell los lassen. Sollte sich also jemand direkt ins Kino setzen und dieses Werk in Gänze genießen, muss er sich fast schon zeitgleich den Titel auf die Wunschlisten packen, um ihn zu Hause dann erneut wieder und wieder durchleiern zu können, damit er das volle Ausmaß und die Hintergründigkeit dieser wuchtigen Kunstbrumme auch vollständig ergreift.
Und dass dazu ein gesunder Geist in der Lage ist, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Aber ich habe ja auch niemals behauptet, normal zu sein …
 

.kinoticket-Empfehlung: Dieser Film feuert mit brutalen Waffen auf die Kinder der moralischen Norm und tötet sie, bevor sie geboren werden.
Dieser Hass auf das gesellschaftliche Blabla hat mir vor Erquickung fast die Tränen in die Augen getrieben und mich sofort gefesselt. Es ist großartig, so ein durchtriebenes, gewaltbereites und kunsterhabenes Stück zu sehen, dass selbst seine eigene Gattung nicht vor Mord und Totschlag bewahrt.
Für mich gilt dieser Film als eine Einzigartigkeit, die höchst spannend ist und auf die man sich vielleicht überhaupt nicht einlassen kann, wenn man in einer rosa Heilewelt großgeworden ist. Meinen “kranken” Geist hat es aber absolut angesprochen und mit einer gewaltigen Vision gegensätzlicher Strudeltiefe erfasst, aus der es kein Entkommen mehr gibt.
Lasst euch vollständig darauf ein, ohne euch zu wehren, haltet die Schläge in die Fresse aus, oder geht am besten gar nicht erst rein. Dann braucht ihr euch auch hinterher nicht drüber beschweren. Für euch ist dieses Werk nicht gemacht worden.

 
Nachspann
❌ Darf entspannt verlassen werden, es folgt nichts weiter.
Kinostart: 19. Juli 2018

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Gundermann – selbst als Geborener in dieser Region ist mir dieser Name niemals aufgefallen. Ja, es gibt diejenigen, die sich dem nachhallenden Hype der Nostalgie hinterherwerfen und der Meinung sind, damals war alles perfekt. Wer dort leben musste, wird wissen, dass zwar einige Dinge ganz okay waren, vieles aber auch sehr fragwürdig bzw. beängstigend. So zumindest habe ich es in meiner Kindheit erlebt, die ich zum Großteil in der DDR verbracht habe.
Nimmt man jetzt mal Augenschein auf die unzähligen Dokumentationen, die zum Teil in schwarz/weiß bereits hunderte Male in den TV-Stationen rauf und runtergespielt wurden, wird man sehr schnell merken, dass diese Themen unlängst alle einmal behandelt wurden und eigentlich nur noch nervig sind. Das ewige Schwelgen in den immergleichen Lobeshymnen auf die “gute alte Zeit” oder das dramatische Panikmachen in wüster “Aufklärung” über die Ära und die ach so bösen Politiker … ich kann und will es nicht mehr sehen. Es nervt. Ausschließlich. Kommt sowas, zappt meine Fernbedienung fast schon von alleine weg, weil sie weiß, dass mich derlei einfach nur noch ankotzt.
Und dann findest du dich eines Tages im Kino wieder und betrachtest einen Film, über den du vorher noch nie was gehört hast und der sich mit genau dieser Ära beschäftigt.
Und fühlst dich immens unterhalten. Lachst, bangst, siehst die Dinge in einer verspielten Leichtigkeit und Ruhe, empfindest Sympathie und Empathie und freust dich über die kleinen Erfolge, betrauerst die Misserfolge und denkst am Schluss: Wann läuft der endlich an, damit ich ihn direkt nochmal sehen kann?
Gundermann ist ein Biopic von einem DDR-Bürger, der von Alexander Scheer so glaubwürdig und authentisch gespielt wurde, dass viele, die das Original nicht kannten, dachten, er wäre es wirklich. Die Performance ist unglaublich! Und dieser Film so vielschichtig, dass man sich wünschte, er würde in allen Ecken und Enden der TV-Landschaft über den Äther fließen und das Volk endlich mal vernünftig über das aufklären, was dort gang und gebe war.
Denn die Verflechtungen mit den verschiedenen Bereichen, mit denen ein Mensch im Laufe seines Lebens in Berührung kommt, wurden hier so wunderbar zusammengeführt, dass es einfach Spaß macht, ihm zuzusehen, wie er mehr oder weniger durch sein eigenes Leben stolpert und dabei trotzdem weiß, was er will. Seine schillernde Persönlichkeit wurde so grandios eingefangen, dass allein dafür schon ein Ticket lohnenswert wäre.
Dazu kommt, dass dies die erste Dokumentation über das Leben in der DDR ist, die ich mit Freuden aufgesogen habe und mir jederzeit wieder anschauen würde, auch wenn sie recht lang ist. Und das sage ich als jemand, der seiner “Heimat” (wie viele den Geburtsort nennen) schon lange den Rücken gekehrt hat und der es nirgendwo lang genug aushält, um die Wurzeln zu schlagen, die ihn an diesen Boden binden würden. Ich liebe das Reisen, ich liebe die Bayern, ich fühle mich hier viel mehr zu Hause als in Sachsen und wenn ich auf meiner Arbeit erzähle, dass ich gebürtiger Sachse bin, glaubt mir keiner ein einziges Wort.
Meine Bindung zum Sächsischen ist quasi nicht vorhanden und ich vermisse überhaupt nichts, sondern liebe das, wo ich jetzt lebe und bin und mir sind die Leute immer peinlich gewesen, die dem Hype um die DDR nachrennen, dennoch bitte ich euch inständig darum: Schaut euch diesen einen Film an und genießt ihn, denn er hat rein gar nichts von dieser abstoßenden Materie, die andere Dokus über diese Zeit schon im Vorfeld versprühen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Entfesselt die Einblicke in ein verborgenes Reich aus anderen Perspektiven und beleuchtet Dinge, die nicht in der allgemeinen Öffentlichkeitswahrnehmung vorhanden waren.
Alexander Scheer spielt so glaubwürdig, das man meinen könnte, er wäre “der Echte” und der Film bietet Unterhaltungspotenzial, das einen vergessen lässt, dass dies eigentlich nur eine “langweilige Biografie” sein sollte. Selbst als DDR-Hasser empfindet man Sympathie mit den Handlungen und fühlt sich auf höchstem Niveau entertaint. Also geht rein und genießt es… noch niemals wurde Geschichte so wunderbar aufgearbeitet und erzählt.

 
Nachspann
❔Der finale Nachspann stand zur Pressevorführung noch nicht fest, daher können dazu keine Aussagen gemacht werden.
Kinostart: 13. August 2018

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