.kinoticket-blog.de

wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Peri Baumeister

Mackie Messer – Brecht's Dreigroschenfilm

Die Mission “Operisierung des Kinos” schreitet voran und bekommt mit Mackie Messer einen Film, der sich gehörig gewaschen hat und selbst die Theaterwelt auf den Kopf stellt. Seinerzeit von Brecht inszeniert erlebt das Kino des modernen 21. Jahrhunderts ein Revival der Rebellion gegen die Künste der Gegenwart und das borniert-verstoßene Auftreten der offiziellen Pagen des Theaters. Brecht bricht mit allen bekannten Konventionen und legt selbst Hand an das Gewissen und die Psychowelt der Zuschauer, um sie davon zu überzeugen, dass alles Bekannte förmlicher Schwachsinn ist.
Und genauso, wie ihr beim Lesen des ersten Absatzes dieses Beitrags verwirrt seid, verwirrt dieser Film. Auf eine unfassbar positive Art und Weise. Ich habe jüngst schon bekannt gegeben, dass ich die mediale Einflechtung von Theaterinhalten in die Form des Kinofilms beginne, abgöttisch zu lieben. Und dieser Titel beansprucht zwar viel Lebenszeit ob seiner unglaublich starken Laufzeit, besticht dabei aber mit einer optischen und inhaltlichen Brillanz, wie sie lange nicht im Kino zu sehen war.
Kenner der Szene beschweren sich schon vor Kinostart darüber, dass man viel zu wenig Augenmerk auf die Dreigroschenoper selbst gelegt hat, ich als blutender Anfänger empfand es eher als eine herausragende Einführung in eben jene Welt, von der der Durchschnitt längst nichts mehr wissen will. Genau das Alltäglich-Durchbrechende, mit dem Brecht groß geworden ist, besticht hier mit einer mitreißenden und anmutenden Eleganz, wie ich sie in einem Kinofilm lange nicht erlebt habe.
Ich meine, der Streifen ist durch und durch seltsam. Hat keine Handlung und irgendwie doch, ist Theater und doch wieder keins, räumt Wände beiseite und baut gleichzeitig Räume, in denen man sich hin und her bewegen kann ohne zu wissen, was man tut. Es fühlt sich an, als durchflute eine dunkle Masse deine Seele und gräbt sich dabei immer tiefer in deine Psyche vor, packt dann zu und lässt dich nicht mehr los.
Und obwohl du eigentlich denkst: “Was für ein Schwachsinn” fühlst du dich gleichzeitig dazu hingezogen, nochmal rein zu gehen und ihn dir wieder anzusehen, denn irgendwas fasziniert dich daran. Damit erhebt man nicht nur den längst nicht erloschenen Hype um die Dreigroschenoper selbst erneut zu güldenem Glanz, sondern feiert gleichsam eine Wiederauferstehung der Magie, die Systeme durchdringt und sie von innen heraus aufbricht.
Dieser künstlerisch durchzogene “Hass”, den Brecht auf diese erhabene Weise auslebt, trifft genau den Nerv einer Zeit, deren Ära noch lange nicht vorbei ist.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer eine vollkommen neue Kinoerfahrung sucht, sollte hier zupacken.
Die Inhalte des Theaters ins Kino zu bringen ist eine Sache, wenn man aber dann etwas, dass selbst den Bühnen Schwierigkeiten bereitet hat, so aufarbeitet, dass die Vorhänge dabei zerrissen werden und man in völlig neue Dimensionen eintauchen kann, dann wird’s erst richtig spannend.
Ein so aufgewühltes, hassdurchdrungenes und künstlerisch wertvolles Werk hat es selten gegeben. Es ist in jeder Hinsicht einzigartig und besticht durch Optik, inhaltliche Brillanz und intellektuelle Forderungen, die der Zuschauer selbst unwissentlich erfüllen kann.

 
Nachspann
✅ Den Anfang darf man noch mitnehmen, sobald dann auf schwarz geblendet wird, ist es rum.
Kinostart: 13. September 2018
Original Title: Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm
Length: 135 Min.
Rate: FSK 6

Liliane Susewind – Ein tierisches Abenteuer

Kinder weiß man auf Bildschirmen immer zu beeindrucken – viele Eltern dürften davon ein Lied zu singen wissen. Sony Pictures nimmt sich ab sofort eines gewaltigen Abenteuers an und schickt euch gemeinsam mit den Kleinen wieder auf eine Reise, die gleich mit einem spannenden Twist beginnt. Dieser benötigt zwar einige Reifezeit, aber alsbald haben sich die Kleinen damit abgefunden und sind mitten im Geschehen gefangen.
Hier werden unter anderem wichtige Fragen geklärt, die auch im Alltag immer wieder aufkommen und mit denen man sich gerne einmal neu auseinandersetzen darf: Liliane Susewind – Ein tierisches Abenteuer bietet hier auch für Erwachsene ganz neue Denkanstöße z.B. im Umgang mit Tieren und der Tierhaltung zu Hause.
Der Plot und die bekannt-überzogene Darstellung erwachsener Schauspieler wirkt für Kinder glaubwürdig, verlangt Erwachsenen aber einiges an Toleranzvermögen ab, so dass diese ihre Kinder wohl besser in einem der Kinosäle “absetzen” und nach der Vorstellung wieder aufgreifen sollten.
Die moralische Erziehung der Kinder steht auch hier wieder subtil im Subkontext und vermittelt das ethisch-verantwortungsvolle Verhalten gegenüber anderen Lebewesen sehr eindrucksvoll und unterhaltsam.
Dabei geht es auch um Korruption, Verhaltensfragen und deren hintergründige Beleuchtung, die sich u.a. sehr nah an der Buchvorlage für Kinder orientieren und hier einen würdigen Filmvertreter dieses Stoffes abliefern.
 

.kinoticket-Empfehlung: Die Story reißt Kinder in ihren Bann und sorgt für kurzweilige und pädagogisch wertvolle Unterhaltung.
Laufzeit und Inhalte sind sehr schön an Kinderverhältnisse angepasst und eignen sich hervorragend, um den Kleinen den korrekten Umgang mit anderen Lebewesen auch im eigenen Haushalt gut erklären und beibringen zu können.
Als Familienfilm eignet sich dieser eher weniger, da erwachsene Teilnehmer wohl eher ihre Schwierigkeit mit der überzogenen Darstellung ihrer Pendants im Film haben dürften, die Kinder jedoch hatten ihren Spaß und waren allesamt vom Film begeistert.

 
Nachspann
Nicht aufstehen, der wird bis zum Schluss wunderbar durchgezogen und fällt gar nicht großartig durch Langeweile auf.
Kinostart: 10. Mai 2018

Unsere Zeit ist jetzt

Meiner Meinung nach war es ein Fehler, diesen Titel in der Vorschau mit dem Namen Til Schweiger zu verbinden, denn das wird für einen Großteil ein Grund sein, die Vorstellung nicht zu besuchen.
Und diese Entscheidung dürften viele spätestens dann bereuen, wenn sich irgendein Fernsehsender die Streamingrechte erkauft hat und das Teil im Free-TV zu sehen sein wird, denn die werbefrei-unangetastete Vollversion des Films erhält man nur, wenn man ein .kinoticket löst und sich das Teil in einem dem Film den gebührlichen Respekt erweisenden Areal anschaut: Nämlich im Kino selbst.
Die Schaffenden hinter der Kamera offenbaren hier nämlich nicht nur ein völlig skurriles Bild, das sich mit viel um die Ecken gedachten Paralellen wieder in Richtung “Musikfilm” bewegt, sondern inszenieren eine neue Art Movie, das in den kommenden Jahren gerne als Startpunkt für eine neue Bewegtbildära gelten darf, die mir als jemand, der ständig auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen ist, mehr als gut gefallen hat.
Der Bruch mit der 4. Dimension mag manch einem ja bekannt sein, aber was man hier an Inception-Moves vereinigt hat (mir fällt grad kein besserer Begriff dafür ein), sucht seinesgleichen.
Und das in einem Titel, bei dem Til Schweiger einen Großteil zu sagen hat.
Spätestens nach diesem Abspann hast du dem Kerl alles vergeben, was dir in der Vergangenheit womöglich bitter aufgestoßen ist. Nicht nur die eigenironische Weise, mit der man sich ständig selbst parodiert, sondern auch die unglaubliche, dem deutschen Film niemals zugetraute Größe, die hier auf einmal auf dem Tablett liegt, hat mich positiv geschockt.
Und ich hasse deutsches Kino – und selbstverliebte Darsteller erst recht. Beides ist in diesem Film nicht zu finden. Die Bühne gehört ganz dem ursprünglichen Sinn von Kinofilmen: Dem Rüberbringen einer faszinierenden, fesselnden Geschichte, wie sie im Buche steht.
Dass hierbei nicht nur echte Menschen involviert sind, die aus dem tatsächlichen Leben erzählen, sondern auch noch eine Verbindung geschaffen wird, die die Tiefgründigkeit einer zumeist oberflächlich dargestellten Persönlichkeit ans Licht bringt in dieser in sich geschlossenen Umgebung hat mich zutiefst beeindruckt.
Wo vorher Abneigung und gehypter Hass im Raum wogte, steht auf einmal Sympathie, Mitgefühl und eine unglaubliche Nähe zu einem Typ, den man vorher noch nie in seinem Leben getroffen hat.
Doch nicht nur die autobiografisch-anmutende Erzählumgebung, sondern auch das Schauspiel der darum stolzierenden Mitbewerber setzt internationale Akzente und sorgt mit dafür, dass sich Deutschland immer mehr Platz auf dem Podest des internationalen Ruhmes erarbeitet und das Repertoire des vorzeigbaren Schauspiels um einen Film erweitert, den man auch noch nach Jahren uneingeschränkt empfehlen kann.
Mich hat es tierisch begeistert, ich war geflasht von der herzergreifenden Basis der Gefühle, die hier auf die Oberfläche transportiert wurde und kann immer noch nicht fassen, dass dieses Ding tatsächlich von Schweiger unterstützt und geschaffen wurde.
 

.kinoticket-Empfehlung: Springt über euren Schatten und wagt den Griff ins Ameisennest: Diesmal werdet ihr nicht enttäuscht.
Es gibt keine vergleichbaren Werke, die man Unsere Zeit ist jetzt gegenüberstellen kann und somit greifen auch keine Vorurteile von bisher dagewesenen Fehlgriffen, die man dem Mann andichten kann.
Nicht nur die Machart beeindruckt über alle Maßen, sondern auch die Inhalte repräsentieren, dass man hier etwas verstanden hat: Die Menschen zu unterhalten, zu fordern und ihre Seelen ganz tief zu berühren.
Also Abmarsch ins Kino und unbedingt diesen Film schauen – wenn es sich je gelohnt hat, dann jetzt.

 
Nachspann
Sitzenbleiben. Nicht nur die Musik wirkt im Kino unglaublich, sondern nach dem Abspann folgen auch noch weitere Momente, also rennt nicht gleich weg.

Powered by WordPress & Theme by Anders Norén