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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Patrick D’Assumcao

L’Apparition – Die Erscheinung

© 2018 Filmperlen

Die Erscheinung, nicht gleichbedeutend mit “Die Erleuchtung” oder “Das Maß aller Dinge”, das sich Gläubige im Zuge dessen gern mal selbst auf die Stirn tätowieren und per se den kompletten Rest der Welt kategorisch ausschließen, ohne deren Richtungen und Lebensweisen überhaupt wirklich zu kennen… Ein Phänomen, das mir die Religion zusätzlich ziemlich verdorben hat.

Dazu kommen all die verdammten Kriege, Hasspredigten, tief verwurzelte Geistesirrungen, wie man sie z.B. von einem Herr Sarrazin bundesweit in den Spiegel-Bestsellerlisten lesen kann, die ganze Völker systematisch mit unbegründetem Hass vergiften. Religion ist und war schon immer Streitpunkt, der Anlass dazu gab, dass man sich gegenseitig die Schädel einrannte und – wenn man nicht damit beschäftigt war, blutigen Horror auf der Leinwand und dem Papier zu verdammen – selbst die schlimmsten aller Horrorvorstellungen zu erschaffen und in weiter Welt auszuleben.

Ich gehöre zu den “Kindern”, die darunter heute immer noch leiden und darum eine sehr … sagen wir “eigenwillige” Einstellung zu diesem Thema mit sich rumtragen.

Blickt man ganz nüchtern in die Geschichte der Menschheit zurück, erkennt man klar und deutlich, dass sich Religion oft als ein Stellmaß für systemweite Kontrolle über ganze Bevölkerungsschichten dargestellt hat, ohne dass diese es auch je bemerkt hätten: Klar, der Gläubige definiert sich selbst gerne als “wissend” und “mündig” und merkt dabei gar nicht, dass seine Hirnwindungen vielleicht längst gewaschen wurden und er einer Lüge aufgesessen ist, die man ihm als Wahrheit verkauft hat. Natürlich möchte er ein guter Gläubiger sein, der frei von Zweifeln einen anständigen Glauben lebt und darum nichts in Frage stellt.

Ist euch schon mal aufgefallen, dass dieses “Infragestellen” von den Anführern solcher Religionsgemeinschaften oft genauso beantwortet wird, als würde man ihnen eine Suppe mit toten Ratten vor die Nase setzen?

“Tz tz tz, bist du etwa vom rechten Weg abgekommen und vertraust nicht auf die Schrift, die Gott der Heilige selbst verfasst hat? Tz tz tz … Geh hin und tue Buße!”

Und dabei definieren sich die wahrhaftigen und beständigen und vor allem wahren Dinge doch gerade dadurch, dass man sie prüfen und untersuchen kann und sie jedweder Untersuchung standhalten. Jesus sprach auch im neuen Testament zu Johannes, dass dieser ihn berühren und es am eigenen Leib prüfen sollte, ob er wahrhaftig der Messias ist. Er sagte nicht “Du Idiot, glaub einfach und halt deine Fresse”, sondern er hielt ihm seine Hände hin und ließ sie auf Herz und Nieren testen. So zumindest steht es in der Bibel, die für die christliche Glaubensgemeinschaft ja irgendwie eine Art “Fundament” darstellt, auf der all das gegründet zu sein scheint und nach der man sein eigenes Leben ausrichten sollte und es gleichtun.

Warum also möchten die Führer solcher Legionen nicht, dass man selbstständig nachdenkt und einfache Überprüfungen anstellt, die es einem wieder und wieder beweisen, dass man noch auf der richtigen Fährte ist und nicht irgendwelchen Mumpitz auf einmal für wahr anerkennt?

Warum möchte der politische Staat nicht, dass der Soldat an der Front nachdenkt, bevor er seine Waffe zückt und fremdes Leben eigenmächtig beendet?

Warum möchten religiöse Führer nicht, dass man sich exakt an die Schrift hält, sondern dichten immer wieder neue Verhaltensweisen dazu und begründen sie damit, dass sie selbst sie gesagt haben und sie deshalb wahr sind?

Fragen über Fragen, deren Antworten wir wohl niemals erfahren werden … wenn wir nicht selbst unsere Rübe anstrengen und unseren mächtigen Geist benutzen und darüber ausfragen, was gut und richtig ist und was nicht.

Die Erscheinung verblüfft mit einer famosen Infragestellung des katholischen Glaubens und deren Macht-Ideologien und gründet sich dabei nicht auf die sonst übliche “Pro-Kontra”-Kultur, mit der man Glauben in der Regel außerhalb und innerhalb der Kirche begegnet, sondern setzt hier eine fast schon nahezu wissenschaftliche Betrachtungsweise in Gang, die gelinde gesagt faszinierend ist.

Das Bild, dass man sich hier zeichnen möchte, ist frei von jedweden geistigen Kontaminationen und rollt die Kunstprojektionsfläche vollständig von vorne auf. Keine Katapulte aus der Vergangenheit, keine Klischees, kein Voranstellen irgendwelcher geistigen Eigenschaften, sondern die Leinwand weiß machen, drauf träufeln, was einem von der Kirche geliefert wird und dann schön systematisch und analytisch durchexerzieren, bis am Ende nur noch die Wahrheit übrig bleibt.

Und das bedeutet: Arbeit! Einen riesigen, langwierigen, zähflüssigen, beschwerlichen und ärgerlichen Misthaufen an Arbeit, durch den man sich wühlen muss und Konventionen brechen, Menschen bis auf die seelische Haut ausziehen und mühselig herausfinden, was nun wahr ist und was nicht.

Klar: Darum heulen heut auch viel lieber die Sarrazin-Kinder auf Facebook rum, wie durchmuselmant unsere Gesellschaft ist, ohne Nachforschungen anzustellen und Strichlisten zu führen, wie viele christliche Geistige durch die Popup-Bekehrungs-Waffenüberfälle sonntags vor der Kirche gewaltbereit konvertiert wurden … logisch, da würde nämlich “0” rauskommen und das ist ja nunmal keine Zahl, um sich großflächig drüber aufzuregen und ein ganzes Land in Angst und Schrecken zu versetzen, dass “endlich etwas getan werden muss”.

Die mühsame Arbeit der Recherche und der faktischen Überprüfung von Behauptungen auf sich zu nehmen und durchzugehen ist eine Tätigkeit, die heute kaum noch jemand tut – man liest irgendwo etwas und kauft es für bare Münze ab. Selbst eine Quelle hat keine Bedeutung mehr, sondern es stand ja hier und da, also ist es auch wahr.

Dass gerade in so einem Zeitalter, in der Worte wie Dreck um einen herum fliegen und dermaßen inflationär überall gepostet werden kann, umso mehr Scheißdreck wiedergegeben wird, ist bislang noch niemandem aufgefallen? Nein?

Zurück zum Film: Der zähfließt am Anfang auch erstmal durch einen mühseligen Prozess, der einen tatsächlich auf den Boden der Tatsachen holt und der – in der OmU-Fassung erst recht – erstmal ziemlich anstrengt. Begrifflichkeiten, Formalitäten, Behauptungen, Zusammenkünfte. Aus diesem Grund arbeite ich nicht in irgendeiner Kirche.

Und doch steht dieser Streifen diese Woche auf Platz 1 meiner Wochen-Empfehlungen. Warum?

Was hier nämlich kommt, ist einfach sagenhaft. Ist man einmal drin, lässt einen der Film kaum mehr los. Die Nachforschungen werden immer spannender, die Behauptungen immer durchschaubarer und das Konzept, mit dem man all das hier aufgezogen hat, feiere ich beständig: Noch nie hat es eine so geniale Konstellation an Interessen gegeben, die hier aufeinander losgelassen werden und sich tatsächlich der Materie widmen und dabei alle niederen Instinkte vollkommen außen vor lassen und sich wahrhaftig auf hohes Niveau begeben.

Und das beim Thema Religion! Der Hammer!

Begleitet von einer absolut einfühlsamen Kamera, sporadisch eingesetzten Musik-Elementen, die einen tatsächlich innerhalb des kirchlichen Themas lassen und einer persönlichen Story, die mal nicht den üblichen “… und jetzt noch die Liebe dazu”-Beigeschmack hat, sondern sich am Schluss tatsächlich zu meinem persönlichen Höhepunkt entwickelt und mir Tränen in die Augen getrieben hat, entpuppt sich der Film als eine grandiose Entdeckung am Sternenhimmel aller bisherigen Filme rund um Religion und als einer der wahrhaftigsten.

Und glaubt mir: Allein die Thematik reicht oft schon aus, um mich mit Zornesröte im Gesicht zu erleben. Die Aufgabe, mich hier auf einen positiven Standpunkt stellen zu können, ist also ungleich schwieriger und der Weg dahin um einiges länger, als es anfangs den Anschein hat. Wie gesagt: Der Titel steht auf der Top 1 diese Woche … und dazu stehe ich.

Auch, wenn man hier anfangs viel Geduld und Zeit mitbringen muss und wirklich den Wunsch haben, diesen Film zu sehen: Die Anspannung löst sich hinterher nicht nur selbst in Wohlgefallen auf, sondern führt einen zu einem geistigen Punkt, der großartig ist und den ich in dieser Konstellation so noch nie erlebt habe – was mich wirklich vom Hocker geschmissen hat.

.kinoticket-Empfehlung: Religion ohne Vorurteile und inklusive eigenes Hirn einschalten – funktioniert das?

Ja, wenn man Die Erscheinung anschaut und feststellt, dass hier tatsächlich meisterhafte Fragen gestellt und mit dem Zuschauer gemeinsam erörtert werden. Xavier Giannoli wirft den Hunden also nicht nur einfach irgendwelchen Fraß vor, sondern eröffnet die Chance, selbst auf Spurensuche zu gehen und in ein tiefgreifendes Geflecht einer Welt vorzudringen, die vermint wie nochmal was ist und dabei die größte Entdeckung aller Zeit herauszufinden.

Das Niveau, mit dem man sich hier nähert und welches zum Ende beständig gesteigert wird, lässt diesen Film für mich zu einem wahren Leckerbissen werden, den man sich nicht nur beschauen sollte, sondern freiwillig verschlingt.

Nachspann
❌ muss man nicht abwarten, Saal freigeben und nach draußen.

Kinostart: 13. Dezember 2018

Original Title: L’Apparition
Length: 137 Min.
Rate: FSK 12

Die Grundschullehrerin

Seit ein paar Wochen schwärme ich schon davon, dass es demnächst jede Menge Filme geben wird, die euer Herz fordern werden – ohne dabei Namen zu nennen – dies hier ist einer davon.
Mit so viel Liebe, Inbrunst, Herzblut und pädagogischem Vorbild geht man die zwischenmenschlichen Beziehungen im frühen Kindesalter an und entdeckt die Welt einmal völlig neu und von vorne. Dabei ist die Herausarbeitung der verschiedenen Persönlichkeiten enorm! Das Meckern über mangelnde Profiltiefe bei zu oberflächlich dargestellten Charakteren trifft spätestens hier auf seine Grenzen, denn die Ineinanderverflechtung der verschiedensten Ausgangssituationen erlebt in einem völlig herzlichen und absolut empfehlenswerten Film seinen Höhepunkt.
Dabei wurden die Darsteller sowas von sorgfältig ausgewählt, dass einem selbst als Kinderhasser das Herz aufgehen muss, denn die Kleinen leisten Umwerfendes! Das rührt fast schon zu Tränen!
Man mag kaum glauben, dass es sich diesmal nicht um eine wahre Geschichte handelt, sondern alles nur fiktiv ist und spürt die zweijährige Recherche an allen Ecken und Enden. Das Ergebnis ist mehr als authentisch und zeugt von so viel Vorbildcharakter, dass ich diesen Titel fast schon als Lehrstudie im Unterrichtsplan von angehenden Lehrkräften sehen möchte. Als absoluten Pluspunkt muss man an dieser Stelle ebenfalls erwähnen, dass die Menschen hier nicht auf ihre Berufe reduziert oder süffisant auf ihre Stereotypen runtergebrochen wurden, sondern man tatsächlich das Kunststück (was eigentlich keins sein sollte) geschafft hat, ein ganzheitliches Bild zu zeichnen, das keinen Aspekt des Lebens außen vor lässt und Menschen gedanklich Unmögliches abverlangt.
Gerade das Umgehen mit Schwächen, das Lernen in allen Perspektiven und die spielerische Auseinandersetzung mit todernsten Themen machen aus diesem Film eine Perle, die man definitiv gesehen haben muss.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ob ihr den Titel nun im Kino, Heimkino oder irgendwo unterwegs schaut, sei dahingestellt – wichtig ist nur, dass er auf eurer To-Do-Watchlist steht und ihr keinesfalls versäumt, die Inhalte dieses französischen Peaks zu konsumieren.
Natürlich würde ich immer die gemütliche Abendrunde mit Freunden im Independent-Kino eurer Wahl bevorzugen, für mich verbirgt sich hinter dem fast unscheinbaren Titel aber eine ganz große Story, die es wert ist, der Welt gezeigt zu werden.
Also schaut sie euch an.

 
Nachspann
muss nicht abgebrochen werden, man wird hier endlich wieder mal “sanft entlassen”.
Kinostart: 15. Februar 2018

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