Beim Stichwort “Schüler” fällt den meisten Kinogängern dieses Jahr wohl die Komödie Fack Ju Göhte 2 ein. Den Erfolg feierte der Film durchaus verdient, jedoch sollte man diese Filmreihe nicht als Vergleichsprodukt für Die Schüler der Madame Anne hernehmen, denn vieles verhält sich hierbei gänzlich anders.
Wir befinden uns wieder in dem schon die ganzen letzten Jahre immer wieder erfrischenden französischen Kino, bei dem mit Hingabe und Leidenschaft ein Thema ausgearbeitet und präsentiert wird, dass sich nicht den Weg in die Herzen erkämpfen muss, sondern mit Leichtigkeit dort landet.
Zum einen die Sympathie: Sowohl die Lehrerin als auch die Schüler landen auf dem Sympathiebarometer ganz weit oben. Hier geht es mal nicht um Klischee-Provokation oder die extra schlechten Schüler, sondern man hat – angelehnt an den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte – die Schüler durchaus realistisch “rebellieren” lassen.
Zum anderen das Thema: Nichts könnte aktueller, nichts bewegender, nichts wichtiger sein als das. Auch hier stoßen dem Zuschauer wieder keine Würgegefühle auf, da nichts breitgetreten, nichts in zähfließendem Wehklagen wieder und wieder auf die Plattform des geistigen Genusses geschmiert wird, sondern man gut verdauliche, appetitliche Happen serviert kriegt, die nicht nur schmecken, sondern auch in bester Manier unterhalten – Bildungsfaktor inklusive.
Diese Art der Herangehensweise an das sehr brisante Thema, das immer wieder leicht überkippt und starke Gefühle bei den Angesprochenen auslöst, empfand ich das erste Mal in der Geschichte meines Lebens als bekömmlich und schmeichelnd. Es wurde klar angeklagt, es wurde gezeigt, was passiert ist, es wurde aufgearbeitet, aber eben nicht mit Zeigefinger und Rohrstock, sondern behutsam und so, dass die Angesprochenen die Möglichkeit hatten, sich damit auseinanderzusetzen ohne sich schlecht zu fühlen.
Die Zeit der Verantwortlichen ist längst vorbei. Das mit dem Finger auf uns deuten, längst nicht mehr zeitgemäß und rechtens. Das darauf hinweisen, wie so etwas entstanden ist und welche fatalen Folgen so etwas haben kann, mehr als notwendig und sehr elegant gelöst.
Nichts hätte rührender, nichts wohlschmeckender, nichts besser sein können als das Ende dieses Films. Und in Anbetracht der Tatsache, dass das hier eine Wirklichkeitsverfilmung ist, finde ich es mehr als begrüßend, dass solche Lehrer und Schüler existieren, die vorbildlich vorleben, wie man mit den Dingen umzugehen hat.
 

.kinoticket-Empfehlung: Schickt eure Schüler da rein. Geht mit eurer Familie da rein. Falls es nicht mehr läuft, wartet die Blu-ray-Veröffentlichung ab und schaut es zu Hause im Heimkino an!
Die Schüler der Madame Anne gehört für mich zum bildungsnotwendigen Pflichtprogramm unseres Landes und unterhält nicht nur erstklassig, sondern behandelt zum ersten Mal in meinem Leben ein Thema, bei dem nicht die Schuld- sondern die Ursachenfrage geklärt wird. Und dafür meinen tiefsten Respekt, endlich in unserer Zeit angekommen zu sein und nicht mehr Menschen Taten zu bezichtigen, die sie persönlich nicht verübt haben.
Großartiges Kino und ein weiterer Beweis dafür, dass sich Hollywood warm anziehen kann: Die Franzosen kommen!

 
Nachspann
gibt’s keinen, man darf also getrost nach Hause gehen und über das nachdenken, was einem da präsentiert wurde.