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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Michiel Huisman

Deine Juliet

Leute: Zeit für Titeldiskussionen!
Was lest und seht ihr beim Plakat? Ich bin unzählige Male in der Untergrundstation an dem riesigen Teil vorbeigelaufen und dachte mir: Mäh, noch so ein Weiberfilm, Mann, Frau, Deine Juliet, wunderbar für’n Mädchenabend … da musst du dann wohl irgendwann durch und dir den Mist anschauen, ihn bewerten und darfst ihn dann endlich wieder vergessen. Gottseidank.
Ich verrate euch, wie das Original dazu heißt:
The Guernsey Literary And Potato Peel Pie Society
oder übersetzt:
Die Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf
Merkt ihr was?
Irgendwo tief im Hirn klopft Der Club der toten Dichter ans Hirninnere und erinnert an einen verdammt guten Film. Solche “schwierigen” Titel haben doch schon einmal funktioniert, wieso belässt man es dann nicht einfach beim englischen Original?
Weil das Buch in Deutsch bereits auch so doof heißt.
Wer hat damals diese katastrophale Fehlentscheidung überhaupt getroffen? Nun, Titel werden wohl immer schon früh genug ausgewählt und dann wird erstmal gemacht … und dabei handelt der Film tatsächlich vielmehr von der “Society” als dem “Deine Juliet”-Anteil, der zwar vorhanden, aber eher unwichtig ist.
Und er nimmt jedwedes Frauen-Vorurteil und spricht eine in meinen Augen viel breitere Masse an, was den Film viel interessanter macht und enorm aufwertet. Warum also verzichtet ihr auf diesen geilen Titel? Zumal der im Film sogar oft genug genannt wird, um titelgebend Bezug darauf nehmen zu können?
Egal.
Was viel wichtiger ist: Dieses Werk, in dem gefühlt der komplette Downton Abbey-Cast mitspielt (eben die Elite der britischen Schauspieler), baut zwar auf Klischee und Tränendrüsen-Mentalität und greift somit scharf die kritischen Züge von Genialität und Einfallsreichtum an, aber: Er funktioniert. Und das sowas von. Man möchte es nicht anders.
Er ist großartig! Beeindruckend. Nachhallend. Diese Geschichte lebt und man entdeckt ein völlig neues Niveau in diesem Genre, das kein anderer Liebesfilm bisher auch nur annähernd auf diesem Level erreicht hätte. Und genau das ist der Grund, weshalb der nicht nur in der Ladies-Night, sondern überall laufen und von allen Gesellschaftsschichten und -sorten besucht werden sollte: Diese geniale Auseinandersetzung mit den Themen, mit denen Deine Juliet aufwartet, gehört mit ausreichend Besucherzahlen belohnt. Man fühlt sich auf intellektuell absolut hohem Niveau bestens unterhalten und stört sich kein kleines bisschen an möglichen Klischees oder emotionalen Tragweiten.
Dieses enorm hohe Level an Kunstfertigkeit, mit denen Mike Newell hier auftrumpft, hat auch mich stark beeindruckt. Und ja, ich werde erneut reingehen und ihn tatsächlich in der Ladies-Night sichten, um die Reaktionen des Publikums abzugreifen und mich davon zu überzeugen, dass die Erst-Sichter dann auch genügend Werbung für diesen Film machen, denn so etwas gehört auf die Leinwand. Den Weg in die Herzen der Menschen erobert der Film im Sturm.
Was noch beeindruckend ist: Arthaus hat ja mittlerweile einen zu abgespacten Beigeschmack, so dass sich viele in dem Wissen eher wieder davon abwenden, weil die Filme zu seltsam, zu anspruchsvoll oder zu abgehoben sind. Das hier ist Arthaus und keiner merkt’s. Damit hat man eine Brücke geschlagen und bietet dem ganz gewöhnlichen Zuschauer, der keinen allzu großen Anspruch möchte, hochwertiges Kino mit einer lebendigen und spannenden Story, die für einen Kinoabend allem anderen vorzuziehen ist.
 

.kinoticket-Empfehlung: Das Original heißt: The Guernsey Literary And Potato Peel Pie Society.
Und jetzt packt eure Klamotten ein, bringt ein paar Taschentücher mit und lasst euch von diesem anspruchsvollen und absolut wertigen Film beeindrucken, der mit dem deutschen Titel das Understatement des Jahrhunderts gesetzt hat: Dahinter verbirgt sich so viel mehr, als man anfangs erwartet. Und genau deshalb sollten insbesondere auch Männer diesen Film zwingend besuchen.

 
Nachspann
❌ braucht man nicht abzuwarten, rausgehen erlaubt!
Kinostart: 09. August 2018

Für immer Adaline

Zugegeben: Man hat nach dem Sichten des Trailers nicht unbedingt sonderlich viel Lust auf den Film und auch ich hatte meine Bauchschmerzen, als ich in den ersten Sekunden der Sneak Preview begriff, dass wir Für immer Adaline serviert bekommen. Genauso wenig kann ich mir vorstellen, dass man sich als geneigter Blockbuster-Liebhaber ein .kinoticket für diesen Streifen lösen möchte. Und genau das versuche ich, mit diesem Beitrag zu ändern.
Der Film ist sehr ruhig gehalten. Man spürt von Anfang an, dass hier nicht auf Effekte und CGI, sondern viel mehr auf erzählerischen Tiefgang wertgelegt wird. Die Bilder im Vorspann entführen in eine Welt der Ruhe und Vergangenheit.
Klar mag für den wissenschaftlich fundierten Menschen hierbei eine gewisse Komik unentbehrlich sein, für Laien überrascht die Idee jedoch mit erfrischend viel Ernsthaftigkeit, mit der selbst Unerklärliches verstanden werden will. Und genau das haut einen bei diesem Werk völlig um.
Vom Schauspiel eines Harrison Ford, der es schafft, über Minuten hinweg ohne ein einziges Wort eine Naturgewalt an Gefühlen loszutreten, die allein an dem Zucken seiner Mundwinkel und dem geschichtenerzählenden Blick seiner Augen wahrgenommen werden können – Wahnsinn!
Ich hätte ihm noch stundenlang zuschauen können. Meinem Empfinden nach würde ich sagen: Ein emotionaler Seelenfick sondergleichen, wenn man bedenkt, was in einem Menschen vorgehen muss, dem so etwas widerfährt. Die Ebene der Gefühle ist hier jenseits von Gut und Böse.
Die Macher spielen mit dem schmalen Grat, den man beim Offenbaren seiner Empfindungen beschreitet, bei dem Menschen entweder glücklich oder zutiefst verletzt werden. Auch hier kriegen wir wieder beispielhaftes Vorbildverhalten unserer Spezies vor Augen geführt, die um das kämpft, was sie zu Erfolg und Zufriedensein führt.
Das berühmte Schema des Spannungsauf- und Abbaus erleben wir hier nicht in seiner klassischen Form, sondern die Geschichte bewegt sich im Rahmen allgegenwärtiger Sehnsüchte der Menschheit, die nicht nur wissenschaftliche Labore und Romanschreiber damit betraut, eine Lösung für dieses Problem zu finden, sondern in einem gedanklichen Experiment erörtert, wie schein-perfekt die optimalste Variante dieser Wünsche in Wirklichkeit wäre. Und das bringen die Charaktere wahrhaft glaubwürdig und überzeugend rüber.
Man spaziert aus dem Kinosaal und ist glücklich darüber, dass man ist, wer man ist und dass die Naturgesetze und biologischen Abfolgen so sind, wie sie sind. Emotionales Kino par excellence, in dem nicht nur Ford eine unglaublich gute Figur macht.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer bisher der Ansicht war, dass Kino nur etwas für Verblödete ist, weil da eh nur amerikanischer Schrott läuft, den man getrost als Zeitverschwendung abtun kann, den lehrt Für immer Adaline, dass diese Art von Über den Kamm scheren definitiv falsch ist.
Was hier geboten wird, bewegt sich im meisterlichen Bereich der Erzählkunst und überzeugt nicht nur mit dem Erschaffen, sondern auch Verarbeiten von Gefühlen, die hier gekonnt in Szene gesetzt sind.
Allein für die Szenen mit Ford lohnt es sich, den Film zu schauen. Wer das hier verpasst, dem entgeht ein großes Stück Filmgeschichte, das man definitiv gesehen haben sollte.

 
Nachspann
darf getrost ignoriert werden, hier kommt nichts wesentliches mehr.

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