Dieser Film hat zwei Seiten. Einerseits – und das ist vollkommen löblich – setzt er sich mit Erziehungsmethoden auseinander, die grandios durchdacht sind und aus dieser Welt systematisch die Waschlappenkinder wieder entfernen könnten, wenn sich mehrere Tagesstätten derartiger Methoden annehmen und sie im Alltag praktizieren würden.
Ich habe nach der Pressevorführung jede Menge negative Stimmen gehört, worauf ich aber später noch zu sprechen komme. Warum mein Blickwinkel darauf trotzdem positiv ist? Wahrscheinlich lese ich zu viel zwischen den Zeilen oder mache mir währenddessen Gedanken darüber, wie es sonst in der Welt so aussieht und finde das Konzept, das im Hintergrund damit beworben wird, einfach fantastisch.
Und das sage ich jetzt befreit von jedwedem Öko-Bio-Neumodern-Gelaber, sondern einzig im Hinblick auf die Tatsache, dass wir von diesen Helikopter-Eltern einfach zu viele haben und sich viele abgewöhnt haben, Erziehungsberechtigte zu sein und sich stattdessen lieber darauf konzentrieren, beste Freunde der Kinder zu werden, die bei nichts mehr durchgreifen und damit Menschen heranwachsen lassen, die ihrerseits absolut unfähig dazu werden, wieder ihre Kinder zu erziehen.
Diesem Trend, der damit die ganzen Vollidioten produziert, die einem auf der Straße tagtäglich begegnen und von denen man auch im Netz jede Menge Bullshit vor die Augen geschmissen bekommt, wird hier auf eine völlig defensive und erkenntnisreiche Art entgegengewirkt und man sollte sich tatsächlich über das ein oder andere mal wieder klar werden – dazu werden gerade am Anfang des Films einige Sätze in den Raum gespeist, über die es sich ernsthaft nachzudenken lohnt.
Andererseits – und damit kommen wir zu den kritischen Stimmen – ist dieser Film sehr “nah” gefilmt, was bedeutet, dass während des Drehs der unabhängige Abstand zu den Kindern fehlt, die sich vor der Kamera tatsächlich völlig eigenständig und unbeeinflusst bewegen und verhalten können, was den Verdacht aufwirft, dass es im Hintergrund wohl doch “Regieanweisungen” gegeben haben könnte. Wohlgemerkt: haben könnte, es ist nicht gesagt, dass es tatsächlich so war, sondern das geschulte Auge bemerkt eben einfach, dass räumlich gesehen oft zu wenig Platz war, um beispielsweise mit extremem Zoom zu filmen und so den Kindern nicht zu sehr auf die Pelle zu rücken.
Wer schon mal vor einer solchen Kamera hat agieren müssen, weiß selbst, wie “seltsam” das ist und kann sich daher denken, dass auch Kinder anders reagieren – auch hier gab es einige Szenen, die solcherlei Vermutung aufkommen lassen, weil es – sagen wir – etwas unnatürlich wirkt, wie sich die Kinder angeblich “aus freien Stücken” verhalten.
All dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass dieses Gesamtkonzept absolut löblich ist und – ohne Kamera – gerne weiterverbreitet werden darf.
 

.kinoticket-Empfehlung: Mit pädagogischen Augen betrachtet ist dies ein rühmliches Vorbild, an dem man sich in der Kindererziehung gerne in jedem Haushalt orientieren kann.
An vielen Stellen fehlte ein wenig der Abstand, um die Kinder nicht zu aufdringlich zu verfolgen, was einen negativen Beigeschmack produziert, in meinen Augen aber das hintergründliche Prinzip deswegen nicht angreift.
Darum empfehle ich den Streifen definitiv als sehenswert und warte einfach darauf, welche Generationen diesem Erziehungsprinzip entspringen. Es wäre in höchstem Grade wünschenswert, dass es viele sind.

 
Nachspann
braucht man nicht abzuwarten, es folgt nichts mehr.
Kinostart: 19. April 2018