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wenn aus filmen leidenschaft wird

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Mackie Messer – Brecht's Dreigroschenfilm

Die Mission “Operisierung des Kinos” schreitet voran und bekommt mit Mackie Messer einen Film, der sich gehörig gewaschen hat und selbst die Theaterwelt auf den Kopf stellt. Seinerzeit von Brecht inszeniert erlebt das Kino des modernen 21. Jahrhunderts ein Revival der Rebellion gegen die Künste der Gegenwart und das borniert-verstoßene Auftreten der offiziellen Pagen des Theaters. Brecht bricht mit allen bekannten Konventionen und legt selbst Hand an das Gewissen und die Psychowelt der Zuschauer, um sie davon zu überzeugen, dass alles Bekannte förmlicher Schwachsinn ist.
Und genauso, wie ihr beim Lesen des ersten Absatzes dieses Beitrags verwirrt seid, verwirrt dieser Film. Auf eine unfassbar positive Art und Weise. Ich habe jüngst schon bekannt gegeben, dass ich die mediale Einflechtung von Theaterinhalten in die Form des Kinofilms beginne, abgöttisch zu lieben. Und dieser Titel beansprucht zwar viel Lebenszeit ob seiner unglaublich starken Laufzeit, besticht dabei aber mit einer optischen und inhaltlichen Brillanz, wie sie lange nicht im Kino zu sehen war.
Kenner der Szene beschweren sich schon vor Kinostart darüber, dass man viel zu wenig Augenmerk auf die Dreigroschenoper selbst gelegt hat, ich als blutender Anfänger empfand es eher als eine herausragende Einführung in eben jene Welt, von der der Durchschnitt längst nichts mehr wissen will. Genau das Alltäglich-Durchbrechende, mit dem Brecht groß geworden ist, besticht hier mit einer mitreißenden und anmutenden Eleganz, wie ich sie in einem Kinofilm lange nicht erlebt habe.
Ich meine, der Streifen ist durch und durch seltsam. Hat keine Handlung und irgendwie doch, ist Theater und doch wieder keins, räumt Wände beiseite und baut gleichzeitig Räume, in denen man sich hin und her bewegen kann ohne zu wissen, was man tut. Es fühlt sich an, als durchflute eine dunkle Masse deine Seele und gräbt sich dabei immer tiefer in deine Psyche vor, packt dann zu und lässt dich nicht mehr los.
Und obwohl du eigentlich denkst: “Was für ein Schwachsinn” fühlst du dich gleichzeitig dazu hingezogen, nochmal rein zu gehen und ihn dir wieder anzusehen, denn irgendwas fasziniert dich daran. Damit erhebt man nicht nur den längst nicht erloschenen Hype um die Dreigroschenoper selbst erneut zu güldenem Glanz, sondern feiert gleichsam eine Wiederauferstehung der Magie, die Systeme durchdringt und sie von innen heraus aufbricht.
Dieser künstlerisch durchzogene “Hass”, den Brecht auf diese erhabene Weise auslebt, trifft genau den Nerv einer Zeit, deren Ära noch lange nicht vorbei ist.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer eine vollkommen neue Kinoerfahrung sucht, sollte hier zupacken.
Die Inhalte des Theaters ins Kino zu bringen ist eine Sache, wenn man aber dann etwas, dass selbst den Bühnen Schwierigkeiten bereitet hat, so aufarbeitet, dass die Vorhänge dabei zerrissen werden und man in völlig neue Dimensionen eintauchen kann, dann wird’s erst richtig spannend.
Ein so aufgewühltes, hassdurchdrungenes und künstlerisch wertvolles Werk hat es selten gegeben. Es ist in jeder Hinsicht einzigartig und besticht durch Optik, inhaltliche Brillanz und intellektuelle Forderungen, die der Zuschauer selbst unwissentlich erfüllen kann.

 
Nachspann
✅ Den Anfang darf man noch mitnehmen, sobald dann auf schwarz geblendet wird, ist es rum.
Kinostart: 13. September 2018
Original Title: Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm
Length: 135 Min.
Rate: FSK 6

Asphaltgorillas

Buck, dem wir u.a. die Bibi und Tina-Filme zu verdanken haben, hat sich auf die Straße gewagt und einen Rennfilm gemacht. Dachte ich. Als ich auf Facebook die Titelabfrage gelesen habe und mitentschieden, wie der Film nun endgültig heißen soll.
Asphaltgorillas war auch meine finale Entscheidung gewesen, was ich allerdings, seit ich diesen Film gesehen habe, nun doch bereue. Nicht, weil der Filminhalt schlecht ist, sondern weil der Titel nun eben doch nicht so optimal passt und ein anderer Vorschlag besser gewesen wäre. Der Inhalt ist nämlich völlig entgegengesetzten Erwartungen gerecht geworden.
Aber mal der Reihe nach. Film kann Deutschland ja erst seit neuestem, nicht zuletzt das Teenie-Machwerk Das Schönste Mädchen der Welt überzeugt mit einer technischen und vor allem inhaltlich- und sprachlichen Eleganz, wie man sie von deutschen Filmschaffenden eigentlich sonst nicht kennt. In etwas älterer Vergangenheit gab es schon einmal “Frankfurter Milieu”-Filme, die ebenfalls ganz brauchbar sind – Nur Gott kann mich richten ist da nur ein Beispiel davon.
Man arbeitet sich also langsam nach oben und merkt, dass ernsthaftes Kino durchaus seine Abnehmerschaft findet und man sich gerne auch ohne auf zwanghaften Humor setzen zu müssen hinter die Kamera stellen und Filme drehen darf.
Hat Buck gemacht. Und irgendwie packt einen der Film ob seiner technischen Raffinesse und Eigenart doch relativ schnell. Auf eine seltsame Art und Weise. Natürlich muss man konform gehen mit den schon im Vorfeld plakativ präsentierten Darstellern, muss eine gewisse Vorliebe für solche Filme mitbringen und sich dann im Kino auch willentlich darauf einlassen, meine vorurteilenden Zweifel habe ich jedenfalls relativ schnell abgelegt.
Das Problem bleibt meiner Meinung nach eher beim Titel hängen, der – so ganz ohne Vorwissen und .trailer nun eben doch etwas völlig anderes verspricht, als der Film schlussendlich liefert. Enttäuscht ist man deswegen aber trotzdem nicht, vor allem die Moves und Kämpfe im Film sind sehr durchgestylt und lassen viel Erfahrung und ästhetisches Geschick vermuten. Und dass in diese Richtung aus dem deutschen Filmeareal noch einiges auf euch zukommen wird, brauch ich ja nicht groß ankündigen, oder?
 

.kinoticket-Empfehlung: Ist kein Rennfilm im klassischen Sinne, sondern ein technisch durchgestylter und plakativer Film, der das deutsche Kino wieder sehr stark aufwertet.
Lässt man sich auf die Schauspieler ein, kann dem “Frankfurter Film” einiges abgewinnen, findet man hier sehr schnell Freude. Und Kida Khodr Ramadan, mach bitte immer so weiter!

 
Nachspann
❌ braucht man nicht auszuharren, es sei denn, man steht auf den Sound 😉
Kinostart: 30. August 2018

Wonder Wheel

Woody Allen ist wohl einigen ein Begriff – und Wonder Wheel gehört definitiv zu den besten Filmen seiner Art. Maßgeblich dazu beigetragen hat wohl auch die Performance, die Kate Winslet hier an den Start legt – die Presse war sich einige darüber, dass sie dafür den Oscar® verdient hat.
Für alle, die ihn nicht so kennen, hier einfach mal ein paar Einblicke:
Farbgebung
Der Film besitzt eine unglaubliche Präsenz durch die Auswahl seiner Farben, die allein schon fast als “Stilmittel” herhalten dürfen. Ein Grund, sich den Film tatsächlich in einem Kino anzusehen, denn auf dem großen Screen kommt genau das richtig zur Geltung und man kann quasi darin “baden gehen”.
Charakterstark
Allen versteht es, mit wenig Aufwand und Brimborium unglaublich detaillierte Profile seiner Protagonisten zu erstellen, mit denen jeder Schauspieler tatsächlich unverkennbar verschmilzt. Man vergisst, dass dies “echte Menschen” sind und nimmt jedem seine Rolle ohne zu zögern ab.
Inhalte
Diese neumoderne Art und Weise, den Zuschauer durch CGI zu beeindrucken und dahinter nur blasse Luft in Form von cineastischem PS-Geprolle zu beinhalten, lehnt Allen kategorisch ab. Seine Filme haben allesamt eine erzählerische Tiefe, in die man automatisch abtaucht, ohne sich dessen bewusst zu sein. Damit zählt einmal mehr nicht das 3D oder besonders geile Animationen, sondern das Werk der Schauspieler trägt den Film von Anfang bis Ende. Back to the roots oder einfach klassisches Kino “aus der guten alten Zeit” – wie immer man es nennen möchte: Es wirkt und hat jeden im Saal übermäßig beeindruckt.
Und wer jetzt noch ein klein wenig etwas für das “alte USA” übrig hat, wird zusätzlich mit einem Bonbon belohnt – ob pro- oder kontrakritisch: Dieser Film ist der Besuch eines Kinos definitiv wert!
 

.kinoticket-Empfehlung: *Wochentoplist, hier kommt ein Kandidat für die ersten Ränge: Wonder Wheel beeindruckt auf allen Ebenen und sollte von euch diese Woche definitiv bei der Auswahl des Films präferiert werden.*
Klassisch gehalten, ohne dabei altbacken oder überholt zu wirken, mit einer immensen Botschaft und viel Inhalt, getragen durch Schauspielkünste und nicht durch Technik – allein das sollte durch ein .kinoticket belohnt werden.

 
Nachspann
After-Sequenzen-frei, rausstürmen erlaubt.
Kinostart: 11. Januar 2018

Maria Mafiosi

Mit den Eberhofer-Krimis ist zumindest in Bayern ein neuer Kinokult aus dem Boden gestampft worden, der hierzulande auch wahnsinnig positiv aufgenommen und von den Kritikern hoch gelobt wird.
Kein Wunder also, dass man sich jetzt auch anderweitig in dieser Nische versucht und mit Maria Mafiosi erneut ein Mundart-Werk in die Kinos bringt, das genau diese Zielgruppe befriedigen soll: Bayerische Fans, die Krimi-Komödien lieben und ihre bekannten Stars aus den Eberhofer-Verfilmungen auch zwischen den Publikationen auf den Leinwänden erleben wollen.
Dieser Aufgabe hat sich Jule Ronstedt angenommen und einen abtrünnigen Bruder der großartigen Filme erschaffen, der eine eigene Gangstergeschichte erzählt, die nicht weniger lustig ist und vor lauter Klischees nur so trieft.
Ob dies nun positiv oder negativ aufgenommen wird, überlasse ich den Zuschauern. Offensichtlich versucht man sich hier kaum an politischer Korrektheit noch daran, der Gleichberechtigung oder anderen neuartigen Phänomenen hinterherzurennen, sondern bedient sich ganz altbackener, klassischer Stereotype, um den Kinozuschauer in seiner Lust nach lokalsprachlicher Komik-Unterhaltung zu befriedigen. Und das gelingt meiner Meinung nach auch ganz gut, sofern man sich nicht den vergleichsweise hohen Ansprüchen der Rita Falk-Verfilmungen stellen möchte.
Maria Mafiosi bedient hier sozusagen die gleiche Klientel auf hohem Fan-Art-Niveau und lockt mit dem Regiedebüt der aus Wer früher stirbt ist länger tot bekannten Schauspielerin in die Kinos.
 

.kinoticket-Empfehlung: Natürlich muss man sich damit abfinden, dass hier keine großartigen Hollywoodbudgets im Hintergrund dümpeln oder sich die Macher auf ihre jahrelange Erfahrung stützen können, sondern man es mit einem vergleichsweise “jungen” Film zu tun kriegt, der die Zuschauer einfach auf seine Weise begeistern will – und kann.
Die Darsteller sind teilweise bekannt und liefern allesamt glaubwürdige Szenarien ab, die für sich zwar kein Meilenstein in der Kinogeschichte darstellen, allerdings auch nicht zum Lückenbüßer verkommen, sondern durchaus ihre Existenzberechtigung vorweisen.
Wer sich darauf einlässt, hat hier durchaus seinen Spaß im Kino – solange der Streifen noch auf den Screens gezeigt wird.

 
Nachspann
gibt’s ohne weiterführende Szenen oder zusätzliche Gimmicks – man darf also getrost nach draußen spazieren.

Calgi Cengi Ikimiz

Es ist schon eine Weile her, dass dieser Film in den Kinos lief und ich entschuldige mich an dieser Stelle gleich mal vorweg für die späte Rezension, die allerdings genauso gut für den DVD-Markt hergenommen werden kann.
Mit Calgi Cengi Ikimiz tritt man ins Musikbusiness, vermischt deren Elemente mit fremden Genres und publiziert damit wieder einen Mix, der in die typische Verrücktheit des türkischen Kinos passt. Das absonderliche Verhalten der beiden Hauptprotagonisten ordnet sich dabei in die Reihe anderer türkischer Filme ein und unterstreicht einmal mehr die kongruente Linie, derer sich die landestypische Machart dieser kulturellen Einzigartigkeit in bisher schon vielen Beispielen unterworfen hat.
Thematisch geht es dieses Mal erfreulicherweise nicht um Liebe oder die Beziehung zwischen Mann und Frau, sondern man führt die Emotionen in völlig andere Richtungen. Dass der Film sich dabei – wie seine kulturellen Geschwister auch – absolut nicht ernst nimmt, sondern den Zuschauer zu unterhalten versucht, indem sich ein paar Männer vor der Masse zum Affen machen, gehört hier scheinbar einfach zur alltäglichen Ordnung und wird auch von mir mittlerweile fast schon erwartet.
Durch seine Lockerheit und die charmante Durchgeknalltheit überzeugt die Idee und weiß tatsächlich einen Abend lang zu unterhalten.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer seine Freundin beeindrucken möchte, wählt hier nicht unbedingt das treffendste Werk aus.
Komik, Kurzweil und funktionierende Unterhaltung bekommt man trotzdem auf dem Leinwandtablett serviert und es braucht nicht mehr viel, um danach glücklich von dannen zu ziehen.
Der Genremix ist mal etwas völlig Neues und der Besuch im Kino nicht unbedingt erforderlich, da durch die heimelig wirkende Atmosphäre dieser Film viel eher ins Wohnzimmer passt.

 
Nachspann
folgt keiner, man darf sich also wieder ans Sonnenlicht trauen.

Live by Night

Die Generationen vor uns hatten Francis Ford Coppola’s Der Pate, dessen unerreichte Genialität und Zeitlosigkeit bis heute unübertroffen ist.
Nicht umsonst stehen bis dato noch hochpreisige Boxen dieser Trilogie in den Ladenregalen und erfreuen sich auch bei der Käuferschaft immer noch großer Beliebtheit.
An diese unerreichte Meisterleistung hat sich seitdem keiner mehr so wirklich rangetraut. Klar hat man auch in Hollywood versucht, Geschichten dieser Art in neuem Gewand zu verkaufen, aber entweder waren diese Unterfangen schon von vornherein zum Scheitern verurteilt oder haben sich während der Spielzeit selbst ihr Grab geschaufelt. Man versuchte zu kopieren, “auch etwas großartiges zu schaffen” und wenn bei einer solchen Sache nicht alle (auch die unbekannten) Faktoren genauso zusammenkommen, kann das nicht in dem Ausmaß funktionieren, wie es Der Pate vorgemacht hat.
Das zumindest beweist, dass es nur ein echtes Original gibt und alles andere entweder abgekupfert oder schlecht gekonnt wirkt und nie so richtig tief in die Essenz des Films einsteigt. Dabei hat die Thematik, die auch Live by Night aufgreift, so viel Schöpfungskraft und Erzähldichte, dass man hier schier unendliche Storys bereitstellen könnte.
Woran Johnny Depp in Black Mass scheiterte, wo sich Tom Hardy verzweifelt in Legend emporkämpfte, daran erblüht Ben Affleck nun in Live by Night.
Der Film steigt genauso langfristig und solide ein, wie Der Pate, wo es auch erstmal eine geschlagene halbe Stunde dauert, bis man überhaupt in der Sachlage durchsteigt. Man schafft hier genau das gleiche solide Erzählfundament und arbeitet sich bis zum Schluss permanent weiter nach oben.
Salopp gesagt hatte ich größte Schwierigkeiten zu Beginn des Films, ausgehend von den abartig krassen Trailern im Vorfeld, in die Ruhe und Gediegenheit zurückzufinden, die hier konsequent ausgelebt und permanent gesteigert wird. Ist man aber erstmal drin, macht selbst die lange Spielzeit absolut nichts mehr aus, denn Affleck vollbringt das Wunder, in mir den Gedanken hervorzurufen, dass diese Generation nun auch endlich einen eigenen Paten ihr eigen nennen darf.
Der Junge hat ja auch vorher schon mehrmals bewiesen, dass in ihm nicht nur ein schlechter Daredevil sondern ein wahnsinnig guter Regisseur steckt, der durchaus etwas zu sagen hat und dies auch überzeugend auf die Leinwand transportiert bekommt.
So beweist sich im Film oftmals auch die Tatsache, dass er nicht nur an das große Vorbild der ehemaligen Generation X anknüpft, sondern auch dessen Wesenszüge studiert und verstanden hat. Die Liebe zur Familie, der Bezug zum Geschäftlichen, die krassen Gegensätze zwischen Tod und Leben, selbst die Härte der Durchschlagskraft der einzelnen Ziele wurde hier genauso aufgegriffen, wie man es aus Coppola’s Zeiten kennt.
Auch wenn man dem Werk letztendlich den Nachahmereffekt nicht gänzlich absprechen kann, so ist diese Kopie jedoch in meinen Augen sehr gut gelungen und läuft in der zweiten Hälfte des Films dann zur Höchstform auf.
Die floppende Wirkung in den Kinos kann ich mir daher nur durch die durchaus miese PR vorstellen, denn der Trailer macht auch nicht unbedingt Lust auf den Film.
 

.kinoticket-Empfehlung: Freunde des klassischen Kinos kommen mit etwas Vorsprungs-Zeit hier voll auf ihre Kosten.
Mit Live by Night erwächst ein neuer Filmmeilenstein, der den Paten der heutigen Generation darstellt und im Laufe der Spielzeit zu immer höheren Zielen aufläuft und diese herausragend erreicht.
Und nicht nur Story, Hintergründe, Schauspieler und Effekte, sondern auch der Soundtrack zeigt, dass man sich hier im oberen Milieu aufhält.

 
Nachspann
kommt keiner mehr, man darf also aufspringen und raus. Was gibt es eigentlich immer so wichtiges, dass da jeder wie bekloppt rennt?

Triple 9

Und weiter geht’s mit der nächsten verspäteten Sneak Preview, ein Film, den ich eigentlich schon lange im Rahmen dieser Vorvorführung erwartet hatte: Triple 9.
Mit Casey Affleck, Chiwetel Ejiofor, Anthony Mackie, Norman Reedus, Gal Gadot, Woody Harrelson und Kate Winslet ist dieser Film promitechnisch hochkarätig besetzt und verspricht, keiner von den halbgaren Vorstellungen zu werden, in denen man irgendetwas erzählt und dabei verschiedene wichtige Aspekte des Films vernachlässigt.
Und genau so startet man auch – fulminant und actionbeseelt mit einer Geschwindigkeit, die in den ersten 15 Minuten einfach nur Vorfreude auf den Rest des Films hervorbringt. Die große Introduktion verspricht viel und man ist sofort im Geschehen gefangen.
Dann fährt man erstmal mit dem Erzählflow nach unten und lässt dem Zuschauer Zeit zum Luftholen, was dieser sicherlich nutzt, aber – im Hinblick auf Blockbuster wie Sicario – keinesfalls von Nöten gewesen wäre.
Das Problem dieser Atempause: Es geht danach irgendwie nicht weiter. Der Plot baut auf der Auflösung des Triple 9 auf, dessen Erklärung komischerweise aber bereits im ersten Trailer aufgelöst wurde (wer zur Hölle winkt so etwas einfach durch?), was das Interesse des Zuschauers deutlich mindert, da er bereits zu Beginn des Films weiter ist als die gesamte Truppe auf der Leinwand zulassen möchte.
Irgendwie stockt daher die durchaus professionell aufgebaute Geschichte und man verweilt auf einer Plattform, die weder den Absturz noch den weiteren Aufstieg zulässt. Und dieses Ausruhen auf der anfänglich verbreiteten Überflieger-Mentalität macht dem Zuschauer letztendlich das Gesamtwerk kaputt, da in dieser Weise die Komponente des zeitlosen Klassikers feierlich untergeht.
Irgendwie war zum Schluss der Streifen nur ein kurzes Aufflammen gigantischer Gefühle mit Hoffnung auf mehr, die aber zuletzt nur in Enttäuschung endet, jedoch keinen minderwertigen Geschmack abgibt, da man sich trotz des heruntergefahrenen Tempos dennoch auf hochniveaulastiger Ebene bewegt.
Hier hätte ich wesentlich mehr Action, mehr Durchtriebenheit, mehr Klasse erwartet, so dass man als Zuschauer endlich ein modernes Äquivalent zu Der Pate in der Hand hätte, mit der man die zeitlose Geschichte von Korruption und Gewalt weitererzählt, die schon seit Jahrzehnten für gute Unterhaltung in der Filmbranche sorgt.
Aber dies sollte nicht sein.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer eine ruhige, gelassene Form von Action sucht, die gelegentliche Spannungsspitzen zulässt, aber nicht allzudeutlich hochfährt, der ist mit Triple 9 sicherlich auf der richtigen Fährte.
Insgesamt ist das Werk aber eher enttäuschend gewesen, da ich hier wesentlich mehr Action und Plot-Verzweigungen erwartet hätte, die aber nicht wirklich vorhanden waren und angesichts der heruntergefahrenen Erzählgeschwindigkeit auch das Potenzial eines modernen Pate verschenkt wurde. Mehr als etwas langatmiger Durchschnitt ist hier einfach nicht drin.

 
Nachspann
gibt’s nur die üblichen Texte, weitere Bilder oder Geschichtsbrocken bleiben aus.

Criminal Activities

Ich höre schon wieder Zähneknirschen, wenn einige den Namen John Travolta lesen. In seiner Karrierelaufbahn hat dieser Kerl nicht nur einmal mit seinen Machwerken direkt ins Klo gegriffen.
Wenn sein Name im Vorspann auftaucht und man sich so besieht, was gezeigt wird, dann ist es tatsächlich auch richtig schwer, erstmal damit klar zu kommen. Man könnte fast sagen: Man wird mit einem festen Arschtritt ins kalte Becken geschmissen und muss tierisch rudern, um irgendwie an der Wasseroberfläche zu bleiben – und wenn man einmal die Balance gefunden hat, dann ist es im Becken auf einmal richtig geil.
Criminal Activities gehört definitiv nicht zu den Massenunterhaltungsfilmen, sondern breitet sich hier in einer Nische aus, die man lange nicht mehr im Kino gesehen hat. Es stehen außer Travolta keine unbedingt bekannten Schauspieler auf der Bildfläche und die Art ihrer Präsentationsweise ist – as said – sehr gewöhnungsbedürftig.
Was es meines Erachtens nach aber absolut rausreißt, ist die Pointe des Films, die sich über den kompletten Schluss erstreckt und die Gegebenheiten nochmal so richtig durchmischt und somit beweist, dass hier jemand die Finger im Spiel hatte, der definitiv etwas von guten Geschichten versteht – auch wenn sie zeitweise etwas Hirnakrobatik erfordert und nicht nur visuell manchmal Magenschmerzen hervorrufen kann.
Die gezeigten Szenen sind hier und da mal nichts für schwache Gemüter, wer sich aber von dem Anfangs erwähnten Arschtritt erholt hat, darf hier nun schlussendlich ein Fest des neuartigen Geschmacks zelebrieren und geht nicht enttäuscht wieder aus dem Saal.
 

.kinoticket-Empfehlung: Auch wenn man Travolta nicht mag, darf man trotzdem sein .kinoticket für diesen Film lösen, denn es erwartet einen fast schon anspruchsvolle Unterhaltung auf einem völlig nischenhaften Niveau.
Es braucht Zeit, um sich auf die ungewohnten Gegebenheiten einzustellen, wer dann aber den Absprung in die Geschichte schafft, geht in ihr völlig auf und hat auch durchaus seinen Spaß daran.
Der Mainstream dürfte so seine lieben Schwierigkeiten mit diesem Werk haben – und das ist auch gut so, denn Filme wie dieser beweisen, dass Kino auch salonfähig für andere Dinge als stupide Ballerei ist und Anspruch nicht unbedingt sofort ein Garant für einen Flop darstellt. Hoffe ich.

 
Nachspann
kommt keiner mehr, man darf also nach der Schwarzblende wieder nach draußen rennen.

Legend

Black Mass hat es unlängst vorgemacht, Legend zieht hier mit einem unglaublich starken Double-Part-Hauptdarsteller lediglich nach: Gangster-Epos in den Fußstapfen des bisher unerreichten Der Pate.
Erzählt wird – wieder einmal – basierend auf wahren Begebenheiten und somit Teile der Vergangenheit systematisch aufgedeckt. Das “Problem” solcher Filme ist nach wie vor, dass hier spannungstechnisch nicht auf übliche Muster gesetzt werden kann, sondern man einfach irgendwo mittendrin anfängt und später irgendwo wieder aufhört.
Demnach fehlt auch hier ein wenig die höhepunktale Orgie am Schluss des Films und macht einem erzählerischen Unmut Platz, der dem sonst grandiosen Film ein unehrwürdiges Ende bereitet.
Punkten kann Legend definitiv in Sachen Genre, da hier weder an Witz noch an Ironie und Sarkasmus gespart wurde, den Tom Hardy in seiner beeindruckenden Doppelrolle wirklich bei beiden Charakteren sensationell überzeugend verarbeitet.
Jedoch verliert der Film im Zuge seiner Laufzeit irgendwann den roten Faden und treibt die Geschichte selbst nicht mehr voran, sondern arbeitet sie lediglich ab. Somit weicht man in diesem Beispiel fast schon ein bisschen vom Pfad der Gangster ab und landet in einer biografischen Selbstdarstellung der Kray-Brüder und ihrer Geschichte. Ob dies tatsächlich so gewollt, oder einfach nur ein Nebeneffekt ist, kann man nicht wirklich erkennen.
Fakt bleibt, dass hier die Ausdrucksweise, der Stil und das eloquente Verhalten hoch im Kurs stehen und man in Sachen Verhaltensethik wieder einmal provokante Vorbilder aufstellt.
 

.kinoticket-Empfehlung:  Ansehen sollte man sich dieses Werk allemal, da allein schon das Schauspiel von Tom Hardy seinesgleichen sucht.
Umgeben von jeder Menge anderer, fähiger Protagonisten erlebt man hier ein Gangster-Werk der Neuzeit, das zwar nicht an Der Pate heranreicht, auf dem Weg dorthin jedoch bereits sehr weit oben angekommen ist.
Der finale Paukenschlag bleibt diesmal auch aus, die Zeit dazwischen darf man allerdings mit wunderbar schrägem Humor und ironischem Sarkasmus lustvoll genießen.

 
Nachspann
kommt keiner mehr, aufstehen und rauslaufen also erlaubt.

Black Mass

Johnny Depp hat schon viele unterschiedliche Rollen gespielt und landete damit mal ganz vorn, mal ganz hinten. In Black Mass tritt er erneut mit einem neuen Gesicht an und beweist einmal mehr, dass in ihm kein kleiner, sondern ein herausragender Schauspieler steckt, der durch Mimik, Sprache, Gestik und exzellente Darstellungen zu überzeugen weiß.
Dabei hatte ich oft das Gefühl, dass seine Mitspieler ihm bei weitem nicht gewachsen waren. Was Depp verkörpert, ist phänomenal und sucht grenzüberschreitend seinesgleichen ohne auch nur ansatzweise fündig zu werden. Die Thematik selbst empfand ich mehr lückenhaft als erfüllend, denn hier wird weder auf der einen, noch der anderen Seite hinreichend inhaltlicher Denkstoff gegeben, sondern mehr oder weniger aufgezeigt, was im Stillen sowieso fast jeder vermutet, auch wenn diese Art der Kooperation dann doch reichlich ungewöhnlich zu sein scheint.
Nichtsdestotrotz erfüllt Hollywood auch hier wieder eine neue Tugend: Man verfilmt Realereignisse und füllt die Kinosäle mit Menschen, die vergangene Geschichten zuschauerverträglich aufbereitet im Kino sehen möchten – dieser Trend scheint zu funktionieren.
Die Szenen (sowohl die lustigen, als auch die ernsten) brennen sich definitiv tief unter die Haut ein, die Skrupellosigkeit und Gier, die Unhaltbarkeit, das Verflechten in Systeme, deren Kontrolle man schon am Anfang verloren hatte – all das wird verständlich und visuell hervorragend rübergebracht.
Was mir allerdings fehlte, war ein zufriedenstellender Schluss. Irgendwie hockt man am Ende da und wartet auf eine Aussage, die einfach nicht kommt. Nach dem Abspann findet man sich dann damit ab, dass die Eindrücke und Szenerien, die während des Films gezeigt werden, allein die Essenz des Movies ausmachen wollen und da jetzt tatsächlich nichts mehr kommt – und das war für mich, als jemand, der den großen Endpaukenschlag abgöttisch liebt, tatsächlich etwas verstörend und enttäuschend.
Dennoch wandert man tief beeindruckt und seelisch mitgenommen wieder aus dem Kino auf die Straße und fühlt sich irgendwie kratzbürstig durchgewaschen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer Johnny Depp liebt, sollte sowieso da rein, wer einfach nur mal geniale Schauspielerei erleben möchte, auch.
Die verkörperte Gestalt von Bulger sucht seinesgleichen, was Charakter, Stärke und Profiltiefe angeht. Die Szenerien beeindrucken nicht in gleichem Maße, wie es Urgesteine wie Der Pate tun, allerdings erhält man hier etwas gleich großes, dem nur der epische Schlusspathos fehlt.
Ansonsten erhält man hier überdurchschnittlich rare Kost, die ein Biopic abzeichnet, das den Film zurecht verdient.

 
Nachspann
gibt es keinen, der Soundtrack von Tom Holkenborg überzeugt aber auch hier wieder auf voller Linie.

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