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wenn aus filmen leidenschaft wird

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Mackie Messer – Brecht's Dreigroschenfilm

Die Mission “Operisierung des Kinos” schreitet voran und bekommt mit Mackie Messer einen Film, der sich gehörig gewaschen hat und selbst die Theaterwelt auf den Kopf stellt. Seinerzeit von Brecht inszeniert erlebt das Kino des modernen 21. Jahrhunderts ein Revival der Rebellion gegen die Künste der Gegenwart und das borniert-verstoßene Auftreten der offiziellen Pagen des Theaters. Brecht bricht mit allen bekannten Konventionen und legt selbst Hand an das Gewissen und die Psychowelt der Zuschauer, um sie davon zu überzeugen, dass alles Bekannte förmlicher Schwachsinn ist.
Und genauso, wie ihr beim Lesen des ersten Absatzes dieses Beitrags verwirrt seid, verwirrt dieser Film. Auf eine unfassbar positive Art und Weise. Ich habe jüngst schon bekannt gegeben, dass ich die mediale Einflechtung von Theaterinhalten in die Form des Kinofilms beginne, abgöttisch zu lieben. Und dieser Titel beansprucht zwar viel Lebenszeit ob seiner unglaublich starken Laufzeit, besticht dabei aber mit einer optischen und inhaltlichen Brillanz, wie sie lange nicht im Kino zu sehen war.
Kenner der Szene beschweren sich schon vor Kinostart darüber, dass man viel zu wenig Augenmerk auf die Dreigroschenoper selbst gelegt hat, ich als blutender Anfänger empfand es eher als eine herausragende Einführung in eben jene Welt, von der der Durchschnitt längst nichts mehr wissen will. Genau das Alltäglich-Durchbrechende, mit dem Brecht groß geworden ist, besticht hier mit einer mitreißenden und anmutenden Eleganz, wie ich sie in einem Kinofilm lange nicht erlebt habe.
Ich meine, der Streifen ist durch und durch seltsam. Hat keine Handlung und irgendwie doch, ist Theater und doch wieder keins, räumt Wände beiseite und baut gleichzeitig Räume, in denen man sich hin und her bewegen kann ohne zu wissen, was man tut. Es fühlt sich an, als durchflute eine dunkle Masse deine Seele und gräbt sich dabei immer tiefer in deine Psyche vor, packt dann zu und lässt dich nicht mehr los.
Und obwohl du eigentlich denkst: “Was für ein Schwachsinn” fühlst du dich gleichzeitig dazu hingezogen, nochmal rein zu gehen und ihn dir wieder anzusehen, denn irgendwas fasziniert dich daran. Damit erhebt man nicht nur den längst nicht erloschenen Hype um die Dreigroschenoper selbst erneut zu güldenem Glanz, sondern feiert gleichsam eine Wiederauferstehung der Magie, die Systeme durchdringt und sie von innen heraus aufbricht.
Dieser künstlerisch durchzogene “Hass”, den Brecht auf diese erhabene Weise auslebt, trifft genau den Nerv einer Zeit, deren Ära noch lange nicht vorbei ist.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer eine vollkommen neue Kinoerfahrung sucht, sollte hier zupacken.
Die Inhalte des Theaters ins Kino zu bringen ist eine Sache, wenn man aber dann etwas, dass selbst den Bühnen Schwierigkeiten bereitet hat, so aufarbeitet, dass die Vorhänge dabei zerrissen werden und man in völlig neue Dimensionen eintauchen kann, dann wird’s erst richtig spannend.
Ein so aufgewühltes, hassdurchdrungenes und künstlerisch wertvolles Werk hat es selten gegeben. Es ist in jeder Hinsicht einzigartig und besticht durch Optik, inhaltliche Brillanz und intellektuelle Forderungen, die der Zuschauer selbst unwissentlich erfüllen kann.

 
Nachspann
✅ Den Anfang darf man noch mitnehmen, sobald dann auf schwarz geblendet wird, ist es rum.
Kinostart: 13. September 2018
Original Title: Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm
Length: 135 Min.
Rate: FSK 6

Deine Juliet

Leute: Zeit für Titeldiskussionen!
Was lest und seht ihr beim Plakat? Ich bin unzählige Male in der Untergrundstation an dem riesigen Teil vorbeigelaufen und dachte mir: Mäh, noch so ein Weiberfilm, Mann, Frau, Deine Juliet, wunderbar für’n Mädchenabend … da musst du dann wohl irgendwann durch und dir den Mist anschauen, ihn bewerten und darfst ihn dann endlich wieder vergessen. Gottseidank.
Ich verrate euch, wie das Original dazu heißt:
The Guernsey Literary And Potato Peel Pie Society
oder übersetzt:
Die Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf
Merkt ihr was?
Irgendwo tief im Hirn klopft Der Club der toten Dichter ans Hirninnere und erinnert an einen verdammt guten Film. Solche “schwierigen” Titel haben doch schon einmal funktioniert, wieso belässt man es dann nicht einfach beim englischen Original?
Weil das Buch in Deutsch bereits auch so doof heißt.
Wer hat damals diese katastrophale Fehlentscheidung überhaupt getroffen? Nun, Titel werden wohl immer schon früh genug ausgewählt und dann wird erstmal gemacht … und dabei handelt der Film tatsächlich vielmehr von der “Society” als dem “Deine Juliet”-Anteil, der zwar vorhanden, aber eher unwichtig ist.
Und er nimmt jedwedes Frauen-Vorurteil und spricht eine in meinen Augen viel breitere Masse an, was den Film viel interessanter macht und enorm aufwertet. Warum also verzichtet ihr auf diesen geilen Titel? Zumal der im Film sogar oft genug genannt wird, um titelgebend Bezug darauf nehmen zu können?
Egal.
Was viel wichtiger ist: Dieses Werk, in dem gefühlt der komplette Downton Abbey-Cast mitspielt (eben die Elite der britischen Schauspieler), baut zwar auf Klischee und Tränendrüsen-Mentalität und greift somit scharf die kritischen Züge von Genialität und Einfallsreichtum an, aber: Er funktioniert. Und das sowas von. Man möchte es nicht anders.
Er ist großartig! Beeindruckend. Nachhallend. Diese Geschichte lebt und man entdeckt ein völlig neues Niveau in diesem Genre, das kein anderer Liebesfilm bisher auch nur annähernd auf diesem Level erreicht hätte. Und genau das ist der Grund, weshalb der nicht nur in der Ladies-Night, sondern überall laufen und von allen Gesellschaftsschichten und -sorten besucht werden sollte: Diese geniale Auseinandersetzung mit den Themen, mit denen Deine Juliet aufwartet, gehört mit ausreichend Besucherzahlen belohnt. Man fühlt sich auf intellektuell absolut hohem Niveau bestens unterhalten und stört sich kein kleines bisschen an möglichen Klischees oder emotionalen Tragweiten.
Dieses enorm hohe Level an Kunstfertigkeit, mit denen Mike Newell hier auftrumpft, hat auch mich stark beeindruckt. Und ja, ich werde erneut reingehen und ihn tatsächlich in der Ladies-Night sichten, um die Reaktionen des Publikums abzugreifen und mich davon zu überzeugen, dass die Erst-Sichter dann auch genügend Werbung für diesen Film machen, denn so etwas gehört auf die Leinwand. Den Weg in die Herzen der Menschen erobert der Film im Sturm.
Was noch beeindruckend ist: Arthaus hat ja mittlerweile einen zu abgespacten Beigeschmack, so dass sich viele in dem Wissen eher wieder davon abwenden, weil die Filme zu seltsam, zu anspruchsvoll oder zu abgehoben sind. Das hier ist Arthaus und keiner merkt’s. Damit hat man eine Brücke geschlagen und bietet dem ganz gewöhnlichen Zuschauer, der keinen allzu großen Anspruch möchte, hochwertiges Kino mit einer lebendigen und spannenden Story, die für einen Kinoabend allem anderen vorzuziehen ist.
 

.kinoticket-Empfehlung: Das Original heißt: The Guernsey Literary And Potato Peel Pie Society.
Und jetzt packt eure Klamotten ein, bringt ein paar Taschentücher mit und lasst euch von diesem anspruchsvollen und absolut wertigen Film beeindrucken, der mit dem deutschen Titel das Understatement des Jahrhunderts gesetzt hat: Dahinter verbirgt sich so viel mehr, als man anfangs erwartet. Und genau deshalb sollten insbesondere auch Männer diesen Film zwingend besuchen.

 
Nachspann
❌ braucht man nicht abzuwarten, rausgehen erlaubt!
Kinostart: 09. August 2018

Peter Hase

Schlagt mich, aber ich muss etwas loswerden: In letzter Zeit tauchen immer mehr Filme auf – und Peter Hase ist ein Paradebeispiel dafür – die kein klassisches Genre mehr bedienen, auf das man sich verlassen kann, sondern es vermischt sich – genauso wie auch schon in der Musik alles immer vielfältiger geworden ist.
Genau das passiert jetzt nicht mehr nur mit den Genres, sondern auch mit den Bewertungskriterien, in die man Filme klassischerweise kategorisieren kann. Was sich früher simpel in “mega”, “mittelmäßig” und “schlecht” einordnen ließ, bewegt sich jetzt immer differenzierter und dabei ist mir kürzlich ein besonderes Neugenre im Einordnungssystem aufgefallen: gutschlecht.
Gemeint sind Filme, die eigentlich schlecht sind und von den Kinogängern auch der Einfachheit halber als schlecht bezeichnet werden, aber gleichzeitig so viele grandiose Szenen, Jokes oder Momente haben, die eigentlich verhindern, den Film als schlecht zu markieren. Das bedeutet aber nicht: So schlecht, dass sie schon wieder gut sind, und auch nicht schlechtschlecht, also grottenschlecht, sondern eben grundsätzlich schlecht mit zu vielen geilen Momenten, die per Definition wieder einen mittelmäßigen Film draus machen würden, aber dafür wäre er zu schlecht.
Kommt ihr noch mit?
Genau da tu ich mich gerade besonders schwer, bei Peter Hase eine ehrliche, würdige und aufrichtige Einschätzung abzugeben, denn der Film ist einfach ein Paradewerk von Schrödingers Katze – gleichzeitig gut und schlecht.
Er hat genügend Momente, die durchaus witzig sind, er ist frisch, er trumpft mit inspirierenden Ideen auf und bereitet gleichzeitig Langeweile, verbreitet Klischees oder zündet an vielen Stellen nicht, so dass man oft darüber nachdenkt, warum das eigentlich alles. Und bevor man in depressive Gedanken abgleitet, kommen wieder Momente, die reich an Gefühlen oder Humor sind und einen aus dem Tal des Aufgebens herausreißen, es aber allgemein nicht schaffen, daraus einen Film zu machen, den man mit Freuden anderen weiterempfehlen würde.
Und genau das ist die Crux: Man kann weder sagen, er wäre schlecht, noch, er wäre gut. Er ist beides. Nur eben nicht mittelmäßig.
Deal with it.
 

.kinoticket-Empfehlung: Animierter Spaß mit Längen, merkwürdigen Momenten, grandiosen Einfällen und gleichzeitig klischeeüberladenen Humoreskapaden, die aus dem Film eine leibhaftige Schrödingerkatze machen: Gleichzeitig gut und schlecht.

 
Nachspann
Mitnehmen, der enthält noch einiges an Szenen.
Kinostart: 22. März 2018

The Girl with all the Gifts

Ich hab Angst. Der Film ist gerade erst ins Kino gekommen und dümpelt bereits von Anfang an in den 23 Uhr Vorstellungen rum, die erfahrungsgemäß sowieso keiner großartig besucht.
Ich verstehe, weshalb man als Kinobetreiber darum ersucht, solche Filme in eben jene Zeitschienen zu schieben, weil sie aufgrund ihrer Inhalte schlichtweg früher fehlplatziert wären.
Ich erkenne das Dilemma, hier auf Jugendschutz zu achten und gleichzeitig das Kunststück fertig zu bringen, etwas derartiges überhaupt zu screenen.
The Girl with all the Gifts verschlägt mir gerade derartig die Sprache, dass ich nicht weiß, was ich überhaupt dazu sagen sollte, außer sprachlos mit dem Maul zu klappern und in richtung Kino zu brüllen.
Leute – das ist mit Abstand der BESTE Horrorfilm, den ich in diesem ganzen Kinojahr (beginnend mit dem April letzten Jahres) überhaupt je gesehen habe.
Wie sehr bin ich ständig auf der Suche nach all den Elementen, die man hier nicht nur feierlich miteinander vereint, sondern auf so extrem brachiale Weise gebracht hat, dass es mir nach der Vorstellung immer noch in Mark und Bein übergeht.
Wo soll ich anfangen? Und wie?
Der Film reißt. Er reißt dich so gewaltig in einen Strom von (An)Spannung, die die ganze Spielzeit über kaum abreißt. Meine Arme schmerzen immer noch.
Informationen gibt’s keine. Es passiert einfach und du sitzt die ganze Zeit davor und denkst dir: “What the Fuck?” während mit unerbärmlicher Grausamkeit und orkanartiger Stärke vernichtende Bilderstürme über dich hereinbrechen, die nicht nur mit absolutem Unverständnis, sondern einer derartigen Endgültigkeit über die gnädigen Wünsche urteilen und dich vor absolut vollendete Tatsachen stellen, die du nicht nur nicht wahrhaben willst, sondern deren Realität du wohl kaum begreifen wirst – auch nicht, wenn es denn irgendwann mal klar wird.
Warum?
Warum?
Mir fehlen einfach die Worte. Kein Gefasel. Keine Befriedigung. Keine Abfertigung irgendwelcher Massen. Kein Kommerz. Kein Gebashe. Keine Vergleiche. Kein Genörgel. Absolut keine Kompromisse.
Der Plot stellt sich jeglichen Anforderungen einfach mit seiner totalen Wahrhaftigkeit in den Weg und rumpelt alles platt, was es schon mal gegeben hat.
Die Show zieht. Und zwar sowas von. Atempausen gibt es keine. Höchstens ein paar Inseln, die sehr schnell offenbaren, dass Ausruhen als Tätigkeit nicht akzeptiert wird.
Dazu der Soundtrack. Dazu die Optik … mir kommen vor Freude und Ergriffenheit fast schon die Tränen! Es ist mit Abstand – mit Abstand der beste Horrorfilm dieser Art, der hier so klare Grenzen gegenüber allem anderen zieht und mit Dingen beeindruckt, die sonst keiner vorweisen kann. Allein schon, dass wirklich an alles gedacht wurde und die Intelligenz des Zuschauers in keiner einzigen Sekunde beleidigt wird … Meine tiefste Ehrfurcht und Verneigung vor den Machern dieser Story!
Wer jemals wissen wollte, wie ein Film aussieht, der zu absolut 100% meinen Geschmack trifft: Hier ist er. The Girl with all the Gifts.
Und wisst ihr, was der größte Scheiß daran ist?
Das Teil sprießt so dermaßen aus einer Nische heraus, dass man tausende von Kilometern zurücklegen muss, um überhaupt ein Kino zu finden, das ihn zu einer nicht existenten Tageszeit auf den Screen wirft. Und was glaubt ihr, wie lange wird sich diese Konstellation in unserer geldgierigen Weltwirtschaft wohl auf den Bildschirmen halten können?
Und genau davor habe ich Angst. Bittere Angst. Denn anschauen will ich mir das Teil nicht nur noch 10 oder 20 mal …
 

.kinoticket-Empfehlung: Ihr wollt einen Referenzfilm, der meinen Geschmack zu 100% trifft und völlig kompromissfrei meinen zutiefst sehnlichen Filmgeschmack repräsentiert?
Hier ist er.
Anschauen! Wenn ihr alt genug seid und genügend davon ertragt.
Und das bittere ist: Ich wünsche mir nicht nur die Filmwelt unter diesen Umständen, sondern hätte auch nichts dagegen, wenn es auf unserer Welt so zugehen würde, denn das würde bedeuten: Es gibt doch Gerechtigkeit und all unsere Sünden wären damit vergeben.
Mir hat’s die Sprache verschlagen – und ich wette, jedem von euch wird das auch so gehen, sofern ihr auf dieses Genre steht.
Ein grandioser Meilenstein perfekten Kinos. Rein!

 
Nachspann
Ruhig noch sitzen bleiben, es kommt zwar nichts mehr, aber der Sound dreht hier nochmal richtig auf.

Bob, der Streuner

Im Getümmel der ganzen durchaus brauchbaren Veröffentlichungen zur Zeit geht Bob, der Streuner fast schon ein wenig unter. Zu unrecht, denn hier handelt es sich um einen Film, dessen Sehenswertigkeit nicht nur in der Wiedergabe einer wahren Begebenheit liegt, sondern der auch mit ganz viel Charme und Sympathie das Herz der Zuschauer erobert.
Und damit meine ich nicht das typische “Oh kuck mal, Katzen”-Emotionsgetue, dass man auf einigen Timelines auf Facebook oder sonstwo im Internet abfeiert, sondern durchaus eine tiefgreifende Geschichte, die die berührende Veränderung erzählt, die der Protagonist im Laufe seines Lebens durch dieses Tier durchmacht.
Auch wenn das Poster in meinen Augen schon fast etwas 0-8-15 erscheint, den Kauf eines .kinotickets werdet ihr an dieser Stelle nicht bereuen. Es ist das Leben, das die besten Geschichten schreibt und Regisseur Roger Spottiswoode spielt hier gekonnt die Fäden dieser Erfahrungen zu einem Geflecht zusammen, dass wiederum ein gemütliches Gesamtbild ergibt, an dessen Ergebnis nicht nur die Leser der Buchvorlage in jüngster Vergangenheit bereits ihren Spaß hatten.
Das Besondere am Film: Der Original-Kater spielt tatsächlich seine eigene Rolle und wird nur in wenigen Fällen “gedoubelt”. Das macht alles noch ein Stück weit authentischer und verleiht der Erzählung einen Spritzer mehr Esprit.
Das Abtauchen in diese für viele unbekannten Züge des Lebens wird nicht nur gekonnt umgesetzt, sondern die damit verbundenen Empfindungen auch glaubwürdig rübergebracht. Damit erstellt der Film ein ganz neues Profil einer Gesellschaftsklasse, der wenige angehören möchten und die in der Öffentlichkeit allgemein ungern gesehen ist.
Der schonungslose Umgang mit diesen Widerwärtigkeiten lässt diesen Film als lehrreiche und dennoch unterhaltsame und zuletzt wunderschöne Erfahrung im Saal widerhallen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Nicht nur für Katzenfans, sondern alle, die Gefühlskino lieben, ohne dass man in die Schnulzen-Region abdriftet.
Aufrichtiges Kino mit der richtigen Portion Geschick, bei der die wahre Geschichte sehr authentisch und glaubwürdig wiedergegeben wird.
Definitiv sehenswert!

 
Nachspann
Zum Schluss wird noch einiges an Überraschungen geboten – also nicht gleich aufspringen.

Bastille Day

Was den Film ganz von Anfang an prägt, ist seine unglaubliche Liebe zur Natürlichkeit. Alles, was man auf der Leinwand sieht, sprudelt förmlich vor “Das könnte genau so neben meiner Haustüre passieren” und entsagt jeglicher aufgepumpter, amerikanischer Patriotismus-Heldenmanier, die in vielen Blockbustern als Publikumsmagnet genutzt wird. Dieser Titel ist für mich in allen Facetten und Formen ein unglaublich starker Vorbildgeber für jeden Tatort, der mit all seinen Mitteln und Facetten versucht, die Menschen zu unterhalten und neben Bastille Day einfach sang- und klanglos untergeht.
Hier wurde Action-Thriller-Geschichte der besonderen Art geschrieben, die weniger auf die CGI-überladene Zukunft des Kinos als vielmehr in Richtung der 70er ausgerichtet ist, wo den Filmen und Charakteren innerhalb selbiger noch die verschiedensten Eigenschaften zugesprochen wurden, die sich im Laufe des Plots entweder erhärteten oder veränderten.
Hier schickt man gleich drei dieser wichtigen Schlüsselfiguren ins Rennen und bastelt darum eine Geschichte, die nicht nur sensationell unterhält, sondern auch zeitgeschichtlich wahnsinnig aktuell ist und einmal mehr die tief strukturierte Flucht in die Abgründe von Macht und Korruption offenbart. Dieser Coup ähnelt einer Jagd nach der Wahrheit, über die die Öffentlichkeit falsch und unter Anwendung von viralen Hypes bewusst desinformiert wird, so dass der normale Bürger eine gänzlich falsche Auffassung von politischen und kriegerischen Handlungen erhält und entwickelt und darauf basierend der Gefahr von Falschinformationen ausgesetzt ist, die zu völlig surrealen Resultaten in der öffentlichen Wahrnehmung führen.
Dass die Macher alles daran gesetzt haben, immer möglichst nah auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und nicht durch überzogene CGI-Unterstützung die Plattform der Realität zu verlassen, zeichnet diesen Streifen mehr als deutlich aus.
Was auch im Gespräch mit anderen Kritikern offenbar wurde, ist, dass auch in breiterer Reihe die urtümliche Geschichte eher als etwas “lächerlich” (falsches Wort) wahrgenommen wird, da die Ideen hier zwar toll sind, jedoch etwas unwirklich und aufgesetzt wirkten, die Umsetzung derselben aber auf wahnsinnig hohem Niveau stattfindet und somit das Manko der Überzogenheit an einigen Plot-Stellen sehr wohl vergeben werden kann, weil die Arbeit rundherum einfach kritiklos passt.
Genau so war auch mein Empfinden, denn ich hätte mir diese Art “Jagd” auch lieber in einer abendfüllenden, gigantischen Show im Fernsehen gewünscht, die sämtliche Fernsehfilme in den Schatten stellt und dem Zuschauer einfach wahnsinnig hochwertige Kost in die Wohnzimmer liefert. Dafür ist Bastille Day allerdings viel zu wertig, um es einfach im TV abzuspulen und dann auf verschiedensten Kanälen verkommen zu lassen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer sich in den 70ern gerne Filme mit Esprit und personell-strukturiertem Charme angesehen hat, die nicht nur überragende Bilder, sondern auch hervorragende Entwicklungen parat hatten, der wird sich mit Bastille Day in vergangene Zeiten zurückversetzt fühlen und kann erneut den totalen Charme dieser Kinoepoche wieder ausleben und genießen.
Fernsehproduktionen können sich nicht nur vorbildliche Inspiration abholen, sondern auch gleich lernen, wie richtig gute Unterhaltung funktioniert, bei der auch die Massen an die Stühle gefesselt werden ohne dabei auf den Geist von Profiltiefe und Sinn hinter dem ganzen zu verzichten.
Dass hier dann auch noch extrem wichtige Aspekte unseres gesellschaftlichen Lebens angesprochen werden, ist für mich die Kirsche auf der wahnsinnig wohlschmeckenden Sahnetorte, die den Film zu einem sehenswerten Event macht, das man sich als Kinoliebhaber auf keinen Fall entgehen lassen sollte.
Schnappt eure Partner/innen, ladet die Eltern und Freude ins Auto dazu und macht euch auf den Weg, um euch diesen Film gebührend anzusehen – es lohnt sich!

 
Nachspann
spielt nur die üblichen Infos durch und liefert keine weiterführenden Szenen oder Bilder.
Kinostart: 23. Juni 2016
Social: https://www.facebook.com/StudiocanalGermany

London has fallen

Dieser Film hat einen ganz gewaltigen Fehler: Er genießt verdammt gute PR.
Gerard Butler und Morgan Freeman in einem Trailer zu zeigen, der vor Action-Andeutungen nur so überquillt, endet zumeist in der Tatsache, dass die Massen tatsächlich ins Kino rennen und sich diesen Film als Entscheidung der Woche auserwählen.
Und nun stehen wir vor zwei Problemen. Erstens: Es gab schon mal so ein Teil, nämlich Olympus has fallen, der sich inhaltlich nicht sonderlich von der jetzigen Geschichte abhebt, und zweitens: Der erste Versuch war bereits grottenschlecht.
Auch hier klaffen wieder Logiklücken, die jeden mit Verstand gesegneten Zuschauer bitter zu Gott flehen lassen, dass dieses Dilemma bald enden möge. Diesbezüglich hätten die Macher gut daran getan, sich wenigstens um einige Grundprinzipien der Physik zu bemühen, um nicht alle gemeinen Zuschauer böse vor den Kopf zu stoßen, wenn es um ganz banale Tatsachen geht, die längst nichts mehr mit überzogener Action oder dramatischer Übertreibung zu tun haben.
Um hier nicht zu spoilern, aber dennoch darauf hinzuweisen, was ich meine: Zwei Meter daneben passiert dann nichts mehr, wenn es explodiert, ja? Im Ernst?
Überhaupt wirken die Explosionen hier zwar mächtig gewollt, jedoch fehlt ihnen eine Substanz, die beispielsweise der Trailer von Independence Day – Wiederkehr vermittelt: Stärke. Man spürt einfach das Fehlen von Geld betreffend der CGI-Momente, mit denen im Film ganz rar umgegangen wird. Ironie off.
Irgendwie wird damit der dramatische Absturz eines Flugzeugs mal eben zur schlecht eingespielten Computerspielsequenz, die mehr die Information über das Geschehen vermittelt, als mit Imposanz eine cineastische Erfahrung auf die Leinwand zu produzieren, die dem Zuschauer die Gänsehaut auf dem Rücken stehen lässt. Diesbezüglich lob ich mir Teil 7 der Fast and the Furious-Saga, die auch mit Action maßlos übertrieben, dabei aber den Wumms nicht aus den Boxen geklaut haben, sondern sowohl sound- als auch bildtechnisch ordentlich aufs Gewand hauen. Und diese unterschwellige, fundamentgebende Stärke fehlt hier vollends.
Dass man sich bei dieser Art Unterhaltung nicht über den Stoff selbst austauschen darf, versteht sich von allein. Selbst da wäre ich so kulant zu sagen, dass man hier einfach freigeistige Schöpfungskreativität in einen Popcornstreifen legt, der zu nichts anderem taugt, als die Bassboxen mal wieder von ihrem angesammeltem Staub zu befreien – aber wenn genau dieser Punkt dann ins Leere trifft und hier absolut kein Widerstand zu spüren ist, dann geht für mich als Zuschauer die Story mitsamt allem dahinter komplett den Bach runter.
Und dass hierbei dann meine sowieso schon extrem niedrigen Erwartungen untertroffen werden, hätte ich wirklich nicht erwartet. Aber was will man machen: Die Kinosäle sind voll, die Massen rennen rein, der Trailer und damit die PR-Jungs haben ganze Arbeit geleistet und mit dem Ergebnis wird Kohle verdient – finanziell gesehen also alles richtig gemacht.
Schade finde ich hierbei eigentlich nur, dass das Thema gar nicht so blöd ist, wie man anfangs denkt, denn hieraus könnte man tatsächlich eine gigantische Schlacht epischen Ausmaßes herauskitzeln, was wiederum aber extrem viel Fingerspitzengefühl benötigt, um damit auch die etwas intellektuellere Schicht der Kinogänger anzusprechen. Und für sowas reißt sich heutzutage wohl kaum noch jemand den Arsch auf, oder?
 

.kinoticket-Empfehlung: Wenn ihr des Trailers wegen da reinspaziert seid, erwartet keine gigantischen Trümpfe.
Butler bemächtigt sich zwar seiner kuriosen und teilweise überzogenen Brutalität in Wort und Tat, das allein reicht aber nicht aus, um den Film die ganze Spielzeit über am Laufen zu halten.
Hier fehlt meines Erachtens nach einfach ganz viel Glaubwürdigkeit und eine Brise mehr Wumms hinter den teilweise lieblosen Animationen grandioser Zerstörungsmomente, die – mit den richtigen Mitteln – durchaus in cineastischen Nervenkitzel verwandelt werden könnten.
Hier hat man scheinbar an den falschen Ecken gespart und damit die Fortsetzung eines bereits in meinen Augen misslungenen ersten Teils grandios zum Scheitern verurteilt.
Sollte Teil 3 folgen und der wieder mit den gleichen rabiaten Mitteln aufspielen, ändere ich meine Meinung und halte fest, dass ich dieser Form der Unterhaltung einfach nichts abgewinnen kann und somit das völlig falsche Publikum für sowas bin.
Und bis es soweit ist, rate ich euch dringend davon ab, diesen Film im Kino zu sichten. Wartet lieber auf ProSieben, da kostet euch der Spaß dann wenigstens nichts.

 
Nachspann
kommt keiner mehr, auch wenn hier nochmal züngelnd der teils an Epik grenzende Soundtrack etwas aufspielt, die Kiste aus dem Sand ziehen diese Minuten dann auch nicht mehr.

Im Rausch der Sterne

Sternekoch, Paris, London, Menüs, Küche … zu behaupten, die exzessive Kochkultur sei nun aus dem TV ins Kino übergeschwappt, wäre gemein.
Gemein deshalb, weil es hier nicht um das bloße Zurschaustellen irgendwelcher zweitklassiger Köche geht, sondern eine Geschichte mit derart viel Esprit und Charme erzählt wird, die den Bogen schafft, dabei die Schiene der Realität nicht unbedingt zu verlassen.
Hier geht’s eben nicht um die Kochtipps für Oma in einem billigen Mittagsmagazin, sondern tatsächlich um wahre Größe im Showbusiness der Köche. Im Gespräch mit einem Koch, der eben solche Gefilde aus persönlichen Erfahrungen heraus kennt, habe ich mir sagen lassen, dass die gezeigten Situationen durchaus realitätsnah angelegt sind und hier nicht zwingend übertrieben oder dramatisiert wird.
“Entweder es läuft so wie dort oder so wie es jetzt gezeigt wird. Dazwischen gibt es eigentlich kaum etwas.”
Ob diese Art von Film jetzt dafür sorgt, dass weniger Menschen in den Beruf eines Kochs einsteigen wollen oder der gerade den Zuwachs fördert, weil nicht nur die Problematiken einer Sterneküche aufgezeigt, sondern auch diverse Wunschvorstellungen und Träume ent-wunschdenkt werden, sei dahingestellt.
Fakt ist: Kochen ist eine Kunst, die oberflächlich oder tiefgründig ausgelebt werden kann. Der Film spielt dabei im allerhöchsten Niveau mit und bringt eben jene Größe auch bedeutsam zur Geltung. Allein das Zeigen der verschiedenen Gerichte auf den Tellern dürfte so ziemlich jeden Gourmetliebhaber vom Hocker hauen. Foodporn mit Stil und Eleganz, gepaart mit cholerischer Hypertonie der Emotionen ergibt hier ein Zusammenspiel vieler Schauspielgrößen, die im Team als solches nicht überzeugen, sondern verblüffen.
Bradley Cooper, Emma Thompson, Daniel Brühl, Omar Sy, Sienna Miller – der Film wird von vielen Säulen getragen und mit gefühlsintensivem Bravour über die Ziellinie gebracht.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer immer es ins Kino schafft und nicht weiß, was er schauen soll, der sollte sich dieses Werk vornehmen.
Humor, Eleganz, Stil, Krach, Niederlagen und Siege – der Streifen vereint alles, was für einen guten Kinoabend nötig ist und liefert nicht nur sensationelle Bilder herausragender Kost, sondern auch Emotionen, nackte Haut und den Alltag einer Küche im Milieu der Reichen.
Für Anwärter dieser Branche ist der Film fast schon Pflichtlektüre, für alle anderen einfach nur wunderbare Unterhaltung für einen Abend mit berauschenden Bildern für die Sinne.

 
Nachspann
gibt’s keinen, der Saal darf also frühzeitig wieder verlassen werden.

Crimson Peak

Der Trailer verwies durch seine Machart ja irgendwo zweifellos auf einen kommenden neuen Horrorfilm, wenn man von den guten Absichten der Macher ausgehen und sie nicht schon die besten Szenen in selbigem verpulvern lassen will.
Aber gerade bei Horror ist das so eine Sache, da hier eben wenig “Zwischenmenschliches” existiert, mit dem man die breite Masse ködern und durch exzellente Vorschau-Ausschnitte ins Kino locken könnte.
Stutzig wurde ich dann, als in meinem Stammkino der Titel dieses Films auf einmal in der Vorschau zur kommenden Ladies Night stand. “Okay, wenn sie das den seichten Damen zumuten möchten, meinetwegen.” – mein erster Gedanke dabei.
Yoah, dass ich mir alles anschaue, was ich im Kino unter die Finger kriege, dürfte inzwischen ja bekannt sein – also auch Crimson Peak, dessen Saal sehr gemischt gefüllt war (anders als z.B. bei Magic Mike XXL).
Was mir dann begegnet ist, war nicht etwa Horror mit brutalen, schockierenden oder goregetränkten Szenen, sondern der mädchenhafteste und gleichzeitig kunstvoll beeindruckendste Film, den man irgendwie in die Grusel-Ecke stellen kann.
Irgendwie, denn hier handelt es sich nicht um Horror im klassischen Sinne, sondern wohl eher um eine romantische Art von Gothic (womit wahrscheinlich noch weniger Menschen etwas anfangen können).
Schwierig zu erklären, ist die Gothic-Szene zum einen heute nicht mehr so penetrant in der Öffentlichkeit repräsentiert, lässt sich diese Subkultur wohl am einfachsten mit den Worten “schaurig”, “düster”, “intellektuell mit dem Tod beschäftigend” beschreiben, was nicht gleichzusetzend mit Todessehnsucht ist, sondern einfach nur mit der selbstreflektierten, kunstvoll inszenierten Auseinandersetzung mit Themen, die der “normalen Masse” unangenehm sind und gerne in dunkle Ecken verdrängt werden.
Hier geht es um die Vergänglichkeit der Dinge, des Lebens, den größeren Sinn dahinter, oftmals begleitet mit den Farben weiß und schwarz und viele Gothics – insbesondere eben die weiblichen – kleiden sich extrem elegant und kunstvoll sowie gleichzeitig provokativ, ohne dabei in ekelerregende Gestalten verwandelt zu werden. Man könnte sagen: “dunkle Schönheiten”.
Ihr merkt schon, es ist schwierig, es verständlich zu erklären und gleichzeitig Anhänger dieser Szene nicht zu verletzen durch falsche Pauschalaussagen, also betrachtet das ganze etwas spielerischer.
Und genau das tut Crimson Peak: Er spielt mit den Elementen, die ganz klar ihre Wurzeln in der Gothic-Szene begründen und legt hier insbesondere eine künstlerische Liebe in die Farbe rot. Der ganze Film ist eine einzige Huldigung an die Farbe rot, denn hier sind es nicht die Schauspieler oder Dialoge oder die teils merkwürdige Story, die die Show bietet, sondern tatsächlich die Locations, die Guillermo del Toro exzellent gewählt hat.
Das Haus, die Ortschaften, die “Art des Landes”, alles erinnert entfernt schon fast ein wenig an Shakespeare in Love, nur eben in düster mit stilvoll gekleideten Personen, Respekt, Ehre, und spielerisch benutzten Elementen aus anderen Horrorfilmen, die aber nicht mit männlich-brutaler Härte auf einen niederschlagen, sondern sanft wie ein Entlein daherwehen und dafür sorgen, dass die weiblichen Parts im Kino nicht schreckhaft aufspringen, sondern sich gemächlich-kontinuierlich immer tiefer in die Arme ihrer männlichen Begleiter kuscheln.
Alles verdaulich, ohne Ambitionen zu erschrecken, dennoch mit genügend überragender Optik, die nicht nur als Kulisse, sondern auch in der Farbgebung wirklich atemberaubend daherkommt und allem anderen die Show stiehlt.
 

.kinoticket-Empfehlung: Geht man unter dieser Prämisse ins Kino (“Ich schaue mir die Finsternis mal von ihrer schönsten Seite aus an”), landet man in einem Film, der wahrlich beeindruckend daherkommt und mit seiner Liebe zur Farbe, zu den Formen und zur gewaltigen Kulisse bleibende Eindrücke hinterlässt.
Den Gruselfaktor darf man gerne außen vor lassen, der ist teilweise da, drängt sich aber nicht in den Vordergrund und sorgt so für ein Filmbeispiel, das sich auch Horrorfilmgegner gerne zu Gemüte führen dürfen, da hier ganz klar andere Aspekte (auch geschichtlich) im Vordergrund stehen.
Was Ernsthaftigkeit und mangelnde Doofheit der Charaktere angeht, liegt Crimson Peak ganz klar mit Abstand vor allem, das sonst dieses Jahr in Richtung “erschrecken” im Kino gelaufen ist.
Definitiv ein Stück sehenswerte Filmgeschichte, dessen tieferen Sinn man nicht suchen sollte, sondern sich einfach von einer Machart von Film begeistern lassen, die einzigartig ist: Eben ein echter Guillermo del Toro.

 
Nachspann
gibt’s keinen, ihr dürft also gerne gemütlich aus dem Saal strömen.

Es ist kompliziert…!

Was vielen wohl eher als ein Beziehungsstatus auf Facebook bekannt ist, verwandelt die BBC in einen romantischen Komödientrip quer durch London, auf dem Simon Pegg zur richtigen Zeit am richtigen Ort die falsche Person aufschnappt, um sein Blind Date mit ihr zu zelebrieren.
Ja, der Trailer war etwas spinnig und erinnerte ein wenig an die miesere Version eines gelungenen, französischen Films. Aber wenn man schon in der Sneak Preview hockt, nimmt man mit, was geboten wird und hält einfach erstmal die Füße still.
Genau das tat ich und schon nach wenigen Minuten war das Eis gebrochen. Die Macher verwandeln die trailerhaft anmutende Art von unterirdischer Durchgeknalltheit sehr schnell in eine angenehme Sex-and-the-City-Schmonzette, die zwar zeitweise trotzdem etwas blöd rüberkommt, aber im Allgemeinen überzeugt.
Sie wirkt – gewollt oder nicht – die ganze Zeit über etwas damenhaft-naiv und es bleibt auch den restlichen Film über nicht abzusehen, dass sich daran etwas ändert. Mein Typ einer Traumfrau sähe anders aus, aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.
Pegg hingegen selbst gehört zu denen, die in das typische Bild eines Romantic-Comedy-Kerls passen: Nicht Manns genug, harte Entscheidungen zu fällen und sie im richtigen Augenblick zu erkennen, weichgespült und zedernhaft, um die fiebrige Frauenwelt anzusprechen und das dann noch gepaart mit ein paar unglücklichen Zufällen ergibt eine Story, wie sie in jedem besseren Frauenmagazin nachzulesen ist.
Nur, dass man es mit dem britischen Charme diesmal tatsächlich geschafft hat, so etwas wie eine Wohlfühlatmosphäre aufzubauen, in der sich der Zuschauer tatsächlich geborgen fühlt und sich dabei nicht verarscht vorkommt.
Am Schluss hat man das Gefühl, Teil einer riesigen Familie zu sein, die einfach eine tolle Zeit miteinander verbracht und wieder einen Schwank mehr in den Geschichtsbüchern stehen hat.
 

.kinoticket-Empfehlung: Als Mann mag man stellenweise seine Schwierigkeiten mit den Frauenproblemen haben, die dieser Film enthüllt und zu entschlüsseln versucht, jedoch ergibt das mit Freundin an der Seite durchaus einen ganz netten Abend, von dem beide nicht unbedingt enttäuscht sein dürften.
Die typischen Klischeeübertreibungen bleiben diesmal im verschlossenen Kämmerlein und man wird entführt in eine Welt im nächtlichen London, in der es turbulent zugeht. Gepaart mit viel verbaler Interaktion und auch einigen durchaus witzigen Szenen schafft es die BBC hier einmal mehr, mit filmischem Können zu überzeugen und einen Familienfilm zu kredenzen, der durchaus seine Höhepunkte aufzuweisen hat.
Dieser Film ist also durchaus sehenswert.

 
Nachspann
solide und fundiert nach klassischer Manier: Nach dem Ende ist auch wirklich Schluss. Sitzenbleiben lohnt sich also nicht.

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