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Tag: Kult

An den Rändern der Welt

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© 2018 FILMTANK Audience

 

Ein Mensch, ein Planet, genügend Zeit und immer begrenzterer Raum zum Wohnen, Leben, Reisen: Mit fortschreitenden Zeitaltern beginnt diese Spezies das Problem zu entwickeln, langsam wirklich alles zu kennen, jeden noch so erdenklichen Winkel ausgiebig ergründet und erforscht zu haben und im Zuge der Globalisierung, die unaufhaltsam fortschreitet, gibt es bald keinen Flecken der Erde mehr, der nicht von Menschen beseelt, belebt und letztendlich kaputt gemacht wurde.

Und dabei steht einer womöglich klassischen, teils zurückgebliebenen, wohl aber auch gesunden Lebensweise von Indogenen eine unfassbar schnell technologisierte, hochentwickelte westliche Welt entgegen, die mit Standards bis in die entlegensten Ecken der Welt reinreicht und somit Brauchtum, Kultur, Lebensweise, Zukunft, Hoffnung, Perspektiven und schlussendlich einfach “gute Leben” zerstört.

Diese Völker werden an den “Rand der Welt” gedrängt und finden bald keinen Lebensraum mehr, um sich nach ihren Vorstellungen zu entfalten, werden gefunden von Kapitalismus, Geldgier, Neid und all den boshaften Eigenschaften, die der Mensch nunmal so mit sich bringt und opfern ihre eigene Art, um sich dieser scheinbaren Wunschrealität anzuschließen und bei all dem Wirken nicht auf der Strecke zu bleiben.

An den Rändern der Welt nimmt sich genau dieser Elemente an: Man bereist eben jene Winkel, geht in die entlegenen Dörfer, findet diese unentdeckten Zivilisationen und ist gleichermaßen Zerstörer und Aufklärer: So faszinierend das ist, diese Arten von Leben kennenzulernen, diese Menschen zu entdecken, diese teils großartige Unbeschwertheit mitzuerleben, so erdrückend und niederschlagend ist es, zu sehen, dass genau mit diesem Entdecken dieses zerbrechliche Gut kaputt geht und man durch Neugier und Aufklärung quasi alles großflächig vernichtet.

Ist es gut, dass es diesen Film gibt?

Schlussendlich wäre es irgendwann sowieso dahin gekommen, dass Tourismus, immer weniger Platz und immer neue Verdienstmodelle dafür gesorgt hätten, dass jene Plätze sowieso entdeckt und vernichtet worden wären. So haben wir einen Film, der es vielleicht schafft, hier und da ein klein wenig Aufmerksamkeit zu bekommen und Menschen dafür zu sensibilisieren, wie wichtig solche Rückzugsorte sind, um Kulturen zu erhalten, die dem Untergang geweiht sind.

Berauschende Bilder, unglaubliche Fotos, emotionale Momente und schlussendlich eine tiefe Trauer … dieser Film löst alles auf einmal aus und ist damit gleichermaßen gut und schlecht.

Sollte man ihn sich ansehen? => Ganz klares Ja! Denn es vorher wenigstens zu wissen ist besser, als sich hinterher zu ärgern und sich zu fragen, warum nie jemand einem davon erzählt hat. Wer weiß, vielleicht reißt unsere Rasse das Ruder ja noch rum?

 

.kinoticket-Empfehlung: Beeindruckend und bedrückend gleichermaßen: Faszinierende Entdeckung unentdeckter Flecken unserer Welt, die gleichzeitig ein Porträt der Vernichtung offenbaren, dem Brauchtum, Einzigartigkeit und Unbeschwertheit anheim fallen.

Diesen Film zu sehen ist sehr wichtig – und gleichermaßen ist bedeutend, dass damit sehr vorsichtig umgegangen wird, um ihn nicht den falschen in die Hände fallen zu lassen: Er offenbart das zerbrechliche Konstrukt des Lebens in einer Form, die herzzerreißend ist.

 

Nachspann
❌ lohnt sich nicht, sitzenzubleiben, gebt den Saal zum Putzen frei.

Kinostart: 1. November 2018

Original Title: An den Rändern der Welt
Length: 90 Min.
Rate: FSK 0

Hereditary – Das Vermächtnis

Horror und Kino – zwei Gegensätzlichkeiten. Könnte man meinen. Szenenintern geht der Horrorfan eher ins Festival, denn ins richtige Kino und selbst Normalos, die sich “nur ab und an mal einen Horrorfilm anschauen”, finden, dass das klassische Kino in den letzten Jahrzehnten kaum brauchbare Streifen in diesem Genre rausgebracht hat. Ein überdeutliches Kennzeichen dafür, was in der Massenproduktion der Filmindustrie schon seit Jahren falsch läuft: Man möchte wieder niemanden vor den Kopf stoßen und produziert daher kompromissbereit, was unweigerlich zur Folge hat, dass man die Liebhaber und eingeschworenen Fans unweigerlich vor den Kopf stößt.
Das, was man vermeiden möchte, um damit eine große – teils desinteressierte – Zuschauerschaft anzusprechen, stülpt man den Fans gezwungenermaßen über und vergrault so im Prinzip gleich alle. Diese elenden Eingriffe zugunsten von “Das könnte jemandem nicht gefallen und dieser Umstand kostet uns bares Geld!”, diese rigorose Selbstzensur zugunsten von Dollar und Reichtum, wird uns eines Tages noch unsere Freiheit im Reden und in der Kunst kosten.
Die Produzenten müssen wieder aufwachen und anfangen, Regisseure und Schreiberlinge das sagen zu lassen, was sie sagen möchten, um Streitgespräche zu entfachen, um zu provozieren. Um den Mächtigen dieser Welt zu zeigen, wo ihre Grenzen sind. Um Menschen zu mobilisieren, für ihre Rechte einzustehen und als Vorbild voranzugehen, diese Welt zu einer besseren Welt zu machen.
Dafür braucht es Leute, die Eier in den Hosen haben – Menschen, die sich was trauen und denen Geld auf deutsch gesagt scheißegal ist.
Ari Aster gehört zu diesen Menschen. Bereits zwei Jahre vor Produktionsbeginn sprach er mit Menschen und warb für sein Projekt. Er wusste genau, was er wollte. Er engagierte mehr oder weniger bereits große Teile der Crew, obwohl noch überhaupt nichts feststand und von Finanzierung noch gar keine Rede war. Er verfasste ein 75seitiges Manuskript nur mit Einstellungen und Festlegungen, wie der Film zu sein hat, ohne vorher Drehorte noch etwas anderes gesehen zu haben. Große Teile seines Sets baute er schlichtweg einfach selbst, da die Kameraeinstellungen und Drehmöglichkeiten schon so exakt feststanden, dass es quasi unmöglich geworden ist, einen Location Scout auf die Suche zu schicken, der dann wieder mit Kompromissen in der Tasche angekommen wäre.
Sprich: Er wusste genau, was er sagen wollte und ließ sich nicht durch irgendwelche dubiosen Grenzen und Panikentscheidungen ausbremsen.
Und das Ergebnis, liebe Kapitalismusgeilheitsfanatiker?
Der Film ist noch nicht mal in den Kinos gestartet und die breite Fangemeinde feiert ihn jetzt schon sensationell ab – und das zu Recht!
Dieses Ding revolutioniert das Horrorgenre auf eine völlig neue Weise und gilt jetzt schon als der Höhepunkt unseres Jahrhunderts. Und ja, seit Äonen war das wieder mal ein Film, bei dem ich im Kino saß und mitgezittert habe, der so richtig schön einzigartig und sehenswert ist – und der dem Psychohorror-Genre angehört. Dass ich so etwas noch zu Lebzeiten erleben werde, hatte ich schon längere Zeit bezweifelt. Allein die Kameraeinstellungen und Drehweisen sind spektakulär und erschaffen hier eine völlig neue Dimension des Schauens.
Diesen ganzen massengeglätteten Schwachsinn darf man sich also gerne getrost sonstwohin stecken – hier kommt der Titel, der endlich wieder das hält, was er verspricht: Hereditary. Wer das am Ticketschalter schlecht aussprechen kann, sagt einfach: “Ein Ticket für den besten Horrorfilm unseres Jahrzehnts!” und schult so gleich das Kinopersonal, ebenfalls reinzugehen und zu schauen, was die Leute da so mögen.
Gabriel Byrne gehörte mit Stigmata zu einem meiner Kindheitsträger, die damals schon eine tragende Rolle gespielt haben und Alex Wolff liefert hier auch sensationelle Darstellungen ab. Und das Ende ist gleichermaßen eine Verneigung vor dem klassischen Horror der 90er als auch eine grundlegende Neuschöpfung in Sachen Twist.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ein herausragendes Beispiel dafür, was passiert, wenn man sich einfach gnadenlos auf ein Genre einlässt und diese Menschen mit Bravour bedient: Ein Film, der schon weit vor Erscheinen von seinen Fans gefeiert wird und als DAS Meisterwerk seiner Branche schlechthin gilt.
Die absolute Verweigerung jedweder Kompromisse dient Regisseur Ari Aster hier als Erfolgsgarant: Die Menschen lieben diesen Titel und können es alle kaum erwarten, dass dieses Ding endlich in den Kinos startet, die damit zum ersten Mal seit Jahren endlich einmal erstklassigen Horror auf dem Big Screen präsentieren und sich nicht mit glattgebügeltem Schwachsinn zufriedengeben müssen.
Ein großartiger Meilenstein, der mit Würde schafft, worin vorher hunderte andere versagten.

 
Nachspann
❌ lohnt nicht, auszusitzen, hier folgt nichts mehr.
Kinostart: 14. Juni 2018

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