.kinoticket-blog.de

wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Katy Karrenbauer

HERRliche Zeiten

Der Film spaltet in vielerlei Hinsicht. Zum einen warten wir seit dem bitteren Abgesang Fifty Shades of Grey‘s immer noch auf einen Film, der sich endlich anständig und ernstzunehmend mit dem Thema der Unterdrückung und Machtverteilung zwischen den Menschen beschäftigt und dies auf spielerische Weise dem Publikum näher bringt, zum anderen enthält auch dieses Werk wieder jede Menge Ansatz-Denkstoff, um sozial- sowie gesellschaftskritisch bewertet zu werden. Das Problem ist jedoch: Die Schaffensaufgabe liegt allein beim Zuschauer – selbst der Denkanstoß fehlt – was diesen Film zu nichts weiter als einer Lächerlichkeit verkommen lässt, die weder provokativ genug ist, um zu spalten, noch lustig genug, um als Unterhaltung angesehen zu werden.
HERRliche Zeiten ist irgendetwas dazwischen. Und dieses Wanken ist grausam, weil es dem Film jedwede Schärfe nimmt, die aus diesem Material etwas durchaus Bissiges und Nachdenkenswertes hätte machen können. Die Art und Weise, wie man sich hier dem scheinbaren Klischee der Subs widmet, schreit förmlich zum Himmel und ist ein grandioser Faustschlag ins Gesicht all derer, die sich gesellschaftlich immer noch nicht ordentlich vertreten sehen und ihre Vorlieben und Ängste, Wünsche und Sehnsüchte fernab der Öffentlichkeit ausleben müssen, immer mit der Angst, entdeckt zu werden.
Den großen Bogen hin zum gesamtsituierten Gesellschafts-Drama sieht man zwar willentlich gespannt, will man dran packen und ihn auf Echtheit prüfen, stellt man aber schnell fest, dass hier eigentlich gar nichts ist. Jede Form ernstzunehmender Kritik mündet in mies geschriebenen Dialogen, die einem schlechten SM-Roman entsprungen sein könnten. Tatsächlich ist dies auch eine Buchverfilmung, die ich selbstverständlich wieder mal nicht gelesen habe, um hier weitere Ausführungen machen zu können.
Dass sich dann aber ein Regisseur namens Roehler einem solchen Stoff annimmt und diesen – für seine Verhältnisse – Mist abliefert, verwundert nicht nur mich. Mit viel Mut und geistiger Schaffenskraft könnte man sich jetzt innerhalb eines philosophischen Stuhlkreises darüber unterhalten, welche Auswirkungen diese Methoden in und auf unsere Gesellschaft nehmen und die Unterwürfigkeit und Versklavung genauso in das großartige Bild des Menschen reininterpretieren, der sich auch an allen Ecken und Enden abhängig macht (von Strom, Politik, Mobilität, Erreichbarkeit etc.) – diese Ansätze werden aber nicht mal angerissen, sondern nur platt widergespiegelt.
Hier fehlt mir eindeutig der Mut, mit diesem schwierigen Thema ohne Hemmungen vorwärts zu preschen um dem Zuschauer wirklich die ganze Soße vorzusetzen und nicht nur ansatzweise den Geruch über den Kopf zu schütten, der dann entweder wahrgenommen wird oder eben nicht.
Klassische, deutsche Produktion – muss ich mehr sagen?
 

.kinoticket-Empfehlung: Die Schauspieler agieren großartig im Rahmen ihrer Möglichkeiten und liefern auch ein gekonntes Bild dieser plattgewälzten Charaktere ab, der Plot gehört allerdings eher verboten als gefördert.
Man hätte hieraus ein kunstübersätes Stück Gesellschaftskritik machen können, das weiträumige Fragen aufwirft und Diskussionen über die Unterdrückung und Bevormundung respektive den faden Überfluss einiger ausgelöst hätte, so aber hat man sich wieder für die traurige, gehemmte Variante entschieden, um ja nicht aus dem üblichen Konservativ-Muster deutscher Filmemacher auszubrechen.
Schade eigentlich.

 
Nachspann
Sitzenbleiben lohnt sich auch diesmal wieder nicht, es kommt nichts mehr.
Kinostart: 3. Mai 2018

Vielmachglas

Gehen wir mal ein paar Schritte zurück:
Man nehme den Deutschen Film.
Man addiere Matthias Schweighöfer.
Man garniere mit etwas Intellekt der Drama-Vorzeigequeen aus Fack Ju Göhte.
Dazu noch ein Poster, das auf genau diese Punkte aufmerksam macht und einen .trailer, der beides kann: Hoffnung machen und Sorgen bereiten. Fertig ist das PR-Konzept von Vielmachglas … merkt ihr schon, wie einem die Vorurteilskotze den Hals emporschießt?
Cut!
Ich habe im Vorfeld nämlich schon viele sagen hören, dass sie sich definitiv keinen deutschen Film und schon gar nichts mit Matthias Schweighöfer ansehen werden. Okay, ich besorg die .kinotickets. Wähle den Saal, die Sitzplätze, lasse den Rest einfach Popcorn kaufen und organisiere vorsorglich ein paar Anschnallgurte, damit sie nicht gleich beim Namen im Vorspann aufstehen und rausspringen.
Da dieser Film heute erst anläuft, habe ich vorher nichts darüber sagen dürfen – selbst ein Augenzwinkern neben dem Plakat war mir verwehrt. Mancher wird sich jetzt an den Kopf greifen und sagen: “Mensch, Matthias Schweighöfer und eine deutsche Produktion – was willst du überhaupt? Gerade dir sollte doch klar sein, dass das einfach nur schlecht sein kann.”
Nein!
Es ist – mit Verlaub – der beste deutsche Film, den Warner jemals zutage gefördert hat. Und wenn sich die Vorurteile dann (dank meiner Anschnallgurte) abgebaut haben, gelangt man zu einem Schluss … und ja, ich schreibe das hier tatsächlich … bei dem man sich wünscht, Schweighöfer hätte einfach mehr Leinwandzeit bekommen, denn er hat eine verdammt coole Rolle und wurde von der Presse durchweg positiv aufgenommen.
Und Haase? Das blöde Tantchen, dass sich in Doof über Schminke, gespielte Unbeholfenheit und närrisches Kindisch sein auf der Leinwand auslässt? Weit gefehlt: Auch sie hat die Challenge akzeptiert und erbaut ein schauspielerisches Erbe, dass ihrer Persönlichkeit anheim fallen soll und sie aus ihrer Paraderolle erlöst, durch die sie deutschlandweit und teils sogar international Ruhm erlangt hat: Sie zeigt, dass auch sie definitiv mehr auf dem Kasten hat und man sich in Zukunft gerne ihrer bedienen darf, wenn es darum geht, authentische Rollen glaubhaft rüberzubringen.
Meine Frage an den Verleih ist also: Wieso? Wieso verbietet ihr es uns, so lange nichts über diesen Film zu sagen? Wieso durften wir nicht viel eher die Menschheit damit anfixen, dass das Zeitalter tatsächlich angebrochen ist, in dem deutsche Filmemacher das Kunstwerk fertigbringen, Drama mit Comedy zu verbinden und nichts davon auch nur ansatzweise Anzeichen von Fremdschämen aufweist?
Diese ungesehene Lockerheit, das natürliche Auftreten, die ungezwungenen Dialoge … und ja, schon wieder richtig gelesen: erstklassige Dialoge – in einer deutschen Produktion!!! … all das in einem Streifen, der kaum Platz für kritische Auseinandersetzung lässt?
Wow!
Woran liegt das, dass es auf einmal doch möglich ist, einheimisches Filmmaterial zu sichten ohne dabei den Dauerbrecheimer vollzukotzen?
Eine Sache hab ich euch bislang verschwiegen: Es ist wieder mal ein Debütfilm, diesmal von Florian Ross. Und ich hab keine Ahnung, wie es da mit der “Mitsprache” seitens der Verleiher läuft. Aber eines steht fest: Es gibt in der Geschichte kaum Beispiele von Debütfilmen, die so schlecht sind, dass sie der Welt als immerwährende, klaffende Wunde der Filmhistorie im Gedächtnis geblieben wären, sondern fast alles namens Debütfilm war bis jetzt ein einschlagender Erfolg.
Was also macht ihr an dieser Stelle richtig?
Die Zuschauer sollten jetzt auf jeden Fall eines tun: Ausschwärmen, ihre Taschen mit .kinotickets füllen und den Machern zeigen, dass diese Form der Unterhaltung genau das ist, was man sich als halbwegs gebildeter, anspruchsvoller Zuschauer wünscht und signalisieren, dass mehr dieser Art auf die Bühnenflächen geworfen werden sollte.
Und nachdem Deutschland es gerade mit Humor und Kinofilmen so überhaupt nicht hat, darf – nein muss!!! – man sich mit Vielmachglas davon überzeugen, dass Vorurteile niemals das Mittel der richtigen Wahl sind, sondern man jedem Titel immer wieder eine neue Chance einräumen muss, sich selbst zu beweisen.
Der Kampf hat funktioniert und Vielmachglas gehört damit für mich erstmalig zu der Sorte Filme, in die ich bedenkenlos jeden Kritiker, Hater, Comedygebeutelten und bislang Enttäuschten schicken werde, denn dieses Wunder begreift nur, wer es wahrhaftig selbst erlebt hat.
 

.kinoticket-Empfehlung: Es ist eigentlich unglaublich, denn deutsche Comedy war bislang immer ein totaler und vor allem tiefer Griff ins sprichwörtliche Klo.
Die Bausteine, um genau den wieder zu vollführen, liegen alle parat und Florian Ross baut daraus den bislang besten, beeindruckendsten und grandiosesten Film, den dieses Land je hervorgebracht hat.
Nicht nur die Botschaft stimmt, sondern die Tour wird aufgelockert durch Auseinandersetzung mit der Moderne und viele kleine, seelische Reisen in die Tiefe der Unendlichkeit – begleitet von der bisher besten Performance von Matthias Schweighöfer, den ich ab jetzt nur noch in solchen Rollen sehen will.
Warum? Warum darf ich erst so kurz vor Kinostart dafür empfehlen? Damit das Startwochenende zusätzlich erschwert wird?
Leute, geht einfach da rein: Deutschland kann es … Vielmachglas ist der Beweis!

 
Nachspann
beinhaltet keine zusätzlichen Shots oder After-Credit-Scenes. Gebt den Saal zum Putzen frei.
Kinostart: 8. März 2018

Kartoffelsalat – Nicht fragen!

Wer den Trailer gesehen hat, wusste, worauf er sich einlässt. Wer nicht, wird sich wohl kaum per Zufall in einen Film wie diesen verirren.
Mit Kartoffelsalat erleben wir eine neue Form von Kino, die sich vom glamourösen Blockbuster-Erlebnis verabschiedet und Platz für die Stars des Alltags bereitet. Nicht umsonst spielen hier viele Youtube-Größen eine entscheidende Rolle.
Genauso abstrus ist auch der Humor gehalten, den man hier vorgesetzt kriegt. Nichts, was einen an würdige Studios mit Eleganz und Größe erinnert, sondern der ganz persönliche, häusliche Charme eines durchtriebenen Youtube-Channels, der mit ausgefuchsten Ideen um die Ecke kommt und unterhalten möchte.
Die Sachen nicht nur beim Namen zu nennen, sondern in übertriebener Manier zu zeigen ist nicht nur ein Stilmittel, auf das oft zurückgegriffen wurde. Die Vielfalt an versteckten Gags, die sich teils ungenannt, teils wirklich in den hintersten Winkeln an den Wänden oder sonstwo äußerten, ist fast unübertroffen.
Die Geschichte hommagiert nicht nur eine Serie oder Film, sondern zieht ihre Bahnen durch klassische Blockbuster, die wirklich jeder kennen dürfte und parodiert sie auf angenehme Art und Weise. Und genauso blöd, wie der Film daherkommt, genauso unterhaltsam ist er auch und sorgt für ein paar Minuten Kurzweil.
Alles in allem ein ganz gelungenes Stück Arbeit, dass sich der geneigte Kinogänger ruhig einmal zu Gemüte führen darf, wenn er sich für die Entwicklung des Films im 21. Jahrhundert interessiert oder einfach mal stupide, banal und vor allem semiprofessionell unterhalten werden will. Ich für meinen Teil bin gespannt, wohin die Reise geht. Was hier geboten wird, sind definitiv Nachwuchskünstler, die das Niveau des deutschen Films in den kommenden Jahren sicherlich auf eine neue Stufe heben könnten. Lassen wir uns überraschen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Nicht nur für Fans der im Trailer genannten Flut an Youtubern ein Gaumenschmaus, sondern auch für Leute interessant, die sich einfach mal platt unterhalten lassen möchten.
Was hier geboten wird, ist nicht nur Dummfug und Blödsinn, sondern ernstzunehmende Filmkultur, die den Zeitgeist des modernen Filmemachens ein wenig widerspiegelt. Die Gags sind bewusst übertrieben und ironisch, der Blick galant selbstkritisch und das Werk als solches eigentlich mit Applaus zu versehen, wenn man bedenkt, wer dahinter steckt.
Respekt in der Hoffnung, dass es in Zukunft weiter geht und das deutsche Kino mit viel Ideenreichtum, Frische und neuem Zuwachs gesegnet wird. Vielleicht werden Leute wie ich ja eines Tages sogar Fans von deutschen Filmen …

 
Nachspann
ist so schön “integriert”, dass man sowieso nicht vorher daran denkt, aufzustehen und zu gehen. Wann ihr den Saal verlassen dürft, kriegt ihr schon gesagt 😉

Powered by WordPress & Theme by Anders Norén