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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Kanada

Super Troopers 2

Seit 2001 musste die Fanbasis von Super Troopers – Die Superbullen darauf warten, dass ihr damals so erfolgreich im Kino gestarteter Film endlich eine Fortsetzung spendiert bekam. Die Machern haben sich dazu entschlossen, 15 Jahre darauf zu warten, um nicht ausschließlich für diesen Filmgaudi bekannt zu sein – und meine Frage ist: Warum?
Scheinbar kam der erste Teil damals so immens gut an, auch wenn der Regisseur davon spricht, dass dies die Zeit gewesen sei, in der er die meisten Anfeindungen und bösen Kritiken bekommen hätte – aber da kann ich nur sagen: Who cares?
Fakt ist: Genau diesen Schmarren wollen Kinder, die in den 90ern aufgewachsen sind, doch sehen! Das ist das gute alte, traditionsreiche Klamauk-Kino, mit dem wir großgeworden sind und dass diesen ganzen banalen, stumpfsinnigen und zum Schreien komischen Scheiß verzapft, der auf der Leinwand und im Kino einfach unglaublich viel Spaß macht!
Die Gags sind teilweise so doof, dass man darüber lachen muss und allem Rumblödeln fehlt niemals der Style und die Courage, zu seinen Dummheiten zu stehen. Damit macht man biedere Vorbilder zu ikonischen Figuren auf der Leinwand und präpariert sie als Steilvorlage für Lachsalven sondergleichen.
Ich kann verstehen, wenn die Feuilleton-Elite sich nicht damit auseinandersetzen mag und es als “Unfug” abtut. Ich kann verstehen, wenn man ernsthaftes Kino erwartet und so einen (positiven) Scheiß serviert bekommt, man leicht angepisst ist oder irgendwas boshaftes darüber schreibt.
Tatsache ist aber: Ich habe mich selten so vergnüglich im Kino amüsiert und hatte so viel Spaß in einem Film, dessen Vorläufer ich bis dahin noch nicht kannte. Danach schaut man dreimal im Kalender nach, ob wirklich 2018 ist, denn man fühlt sich gezeitreist und denkt tatsächlich, die Hochblüte der 90er ist gerade am Gedeihen!
Auf diesen Schmarren muss man sich vorher einlassen oder einfach völlig unbefangen und lockerflockig ins Kino spazieren und der Dinge harren, die da kommen mögen. Es dauert nicht lange, bis man unfreiwillig zu lachen beginnt und der Rest kommt dann ganz von selbst. Vertraut mir.
Allein die Gag-Ideen gehören teilweise ausgezeichnet, denn hier wird mal kein Unterhosen-Humor en masse produziert, sondern man hat sich wirklich etwas einfallen lassen. Und dass nicht nur ich so denke, davon zeugt der Umstand, dass dieses Projekt mit einer Crowdfunding-Aktion begonnen wurde, die als die zweiterfolgreichste aller Zeiten im Bereich “Film” gilt. Die Fans wollen es. Und was sie geliefert bekommen, entspringt 37 Drehbuchentwürfen, die man sich zusammengestückelt hat, um möglichst viele Gags zu schreiben und auf einen reichen Fundus an Lachsalven-Granaten zurückgreifen zu können.
Und glaubt mir eins: Das Ding zündet. Und zwar sowas von.
 

.kinoticket-Empfehlung: Auch wenn sich unsere herrschaftlichen Kinos damit zurückhalten sollten, in die Kapitalbresche zu springen und den Film ordentlich ans Publikum auszuliefern, stürmt die Säle, die sich diesen Coup getraut haben: Es lohnt sich!
Selten habe ich über so viel Blödsinn gelacht und einige Szenen sind derart zum Schreien, da kommt unsere moderne Millennium-Welt längst nicht mehr mit. Dies ist genau das klassisch-traditionelle Comedy-Kino, von dem ich mir so viel mehr wünsche, als es heute existiert.
Danke Broken Lizard, danke FOX und danke an alle, die daran beteiligt waren. In 15 Jahren wollen wir Teil 3! 😀

 
Nachspann
✅ Ja, und bitte bleibt bis ganz nach dem Abspann sitzen. Das Ding hört wirklich erst ganz zum Schluss auf. Und das ist keine billige Blabla-Szene, sondern noch richtig viel Film am Schluss.
Kinostart: 12. Juli 2018

Maudie

Damals, ja damals, als die Welt noch in Ordnung war …
So oder so ähnlich denken und reden heute viele Leute. Und das komische dabei ist: Auch unsere Eltern haben zu ihrer Zeit so geredet. Und deren Eltern. Und deren auch… Das Band zieht sich hin bis in die düstere Vergangenheit, wo die Leute wohl auch noch so geredet haben. Denn niemand fragt danach, was damals wirklich abging, sondern man sieht nur die aktuellen Zustände und fragt sich, wieso nicht alles einfacher ist, so wie früher.
Nur, dass es früher eben nicht einfacher war. Weniger komplex – das vielleicht, aber sicherlich nicht einfacher, was Maudie eindrucksvoll beweist.
Regisseurin Aisling Walsh hat sich daran gemacht, das Lebenswerk und die Geschichte von Maud Dowley zu verfilmen und der Welt eine Künstlerin zurück ins Gedächtnis zu rufen, von der unsereiner garantiert noch nichts gehört haben dürfte.
Und jetzt knallt’s auf einmal auf den Screens und zum Vorschein kommen oscarverdächtige Leistungen von Sally Hawkins und Ethan Hawke, die hier dem Bild dieser Zeit erneut Leben einhauchen und in unvergleichlich guter Schauspielkunst bezeugen, was für interessante und vor Kunstgeist strotzende Persönlichkeit diese Frau war.
Und dabei stehen Farben und Lichtverhältnisse – zwei Elemente, von denen Kino generell lebt – ganz im Vordergrund und lassen den Zuschauer nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich in die Welt der Verhältnisse dieser Zeit eintauchen. Man sieht nicht nur, zu welchen Größen sich hier emporgearbeitet wurde, sondern man spürt es förmlich und befindet sich mittendrin.
Und der Film weiß durch seine liebevolle, simple und extrem berührende Art zu begeistern. Wer also seiner Freundin kurz vor Halloween nochmal ein herzensgutes Geschenk machen möchte, besorgt für sie und sich selbst ein .kinoticket und verbringt einfach einen wunderschönen Abend zu zweit im Independent-Kino um die Ecke.
 

.kinoticket-Empfehlung: Die Stille und Behutsamkeit, die aufkeimende Liebe und Berührtheit streichelt hier sanft aus einer grobschlächtigen Welt die Synapsen des Zuschauers und bohrt sich liebevoll ganz tief in sein Herz.
Die schauspielerische Leistung ist erstklassig und tatsächlich anwärtig für zumindest eine Oscar-Nominierung.
Wer berührendes Kino mag, ist hier völlig richtig. Machts euch auf den Sesseln gemütlich und vergießt dabei nicht zu viele Tränen.

 
Nachspann
ist gespickt mit der echten Dame und ihren Kunstwerken. Sehenswert!
Kinostart: 26. Oktober 2017

(Exklusiv-Interview) Zwei um die Welt: In 80 Tagen ohne Geld

In einem zugegebenermaßen etwas merkwürdigen Trailer habe ich die beiden zum ersten Mal gesehen und dachte mir: Wow – ein Film übers Reisen, da muss ich unbedingt hin.
Pustekuchen. Denn das war kein Film, sondern die beiden Hauptdarsteller waren live vor Ort und haben über ein Experiment berichtet, das so sicherlich noch kein zweiter unternommen hat. Und es war nicht nur mega aufregend, den beiden Zwillingen beim Referieren über ihre Erfahrungen rund um den ganzen Globus zuzuhören und -zu schauen, sondern der Abend hat bei mir und sicherlich vielen anderen auch noch ganz andere Emotionen ausgelöst.
Warum ich hierüber berichten will? Weil ich es spannend und unglaublich wichtig finde, einen Blick über den Tellerrand zu werfen und für mich das Leben nicht nur aus Facebook, Arbeit und Schlaf besteht, sondern ich das Reisen als elementaren Bestandteil einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung betrachte.
Neben den irrsten Berichten aus aller Herren Länder bringen die beiden auch noch etwas mit, das mich unglaublich beeindruckt hat: Eine Weltoffenheit, Sympathie und Ausgereiftheit, was die Wertvorstellungen im Leben angeht, von denen sich so manch Großer (und Kleiner) mehrere Scheiben abschneiden sollte.
 
in80tagenohnegeld

Werbung für die Show vorm CinemaxX Augsburg am 10.10.2016
© 2016 kinoticket-blog.de

 
Zur Geschichte von Hansen & Paul Hoepner
Mit dem Fahrrad mal eben von Maastricht nach Milano radeln, um eine Möbelmesse zu besuchen, die seit drei Tagen vorbei ist, das Ganze dann etwas mehr ins Extrem prügeln und mit dem Bike nach Shanghai – für die beiden Zwillinge Hansen & Paul Hoepner gehört das zum Leben dazu.
Ersterer studierte Produktdesign, Goldschmiede und Fotografie, während Paul Mediendesign in Köln und “Human Factors” an der TU Berlin studierte. Beiden wurde die Sehnsucht nach Abenteuern bereits in die Wiege gelegt, da ihre Eltern sie schon frühzeitig mit auf Touren nahmen. Dieses Hobby haben sie ausgebaut und jetzt das Experiment gewagt, in 80 Tagen einmal die Welt zu umrunden, ohne dabei Geld in der Tasche zu haben.
 
Das Ziel des Projekts
Vorurteile abbauen gegenüber anderen Menschen, anderen Kulturen. Die Couchzone verlassen, den Komfort hinter sich lassen und einmal die Erde umrunden, ohne dabei zu betteln oder auf bedürftig zu machen, sondern immer etwas zurückzugeben, wenn man auch etwas bekommen hat.
Das Ergebnis davon ist nicht nur wahnsinnig interessant, sondern sollte von euch allen gesehen werden, wenn sie ihre CinemaxX-Tour durch Deutschland machen und dabei ihr Projekt in den Kinos vorstellen.
 
Für mich ist es ein unglaubliches Privileg, die beiden kennengelernt zu haben und ich freue mich, euch heute hier ein exklusives Interview präsentieren zu dürfen, das ich nach der Vorstellung mit Paul Hoepner führen durfte.
 

Ben
Die erste Frage, die ich habe, ist: Was hat euch überhaupt bewegt, grundsätzlich diese Reise zu machen?

Paul
Ich glaube, der ursprüngliche Gedanke war, dass wir was machen wollten, was wir so vorher noch nicht gemacht haben, und zwar gleich aus zwei Richtungen: Wir wollten wieder ein Abenteuer erleben, wieder auf Reisen gehen, aber wir hatten keinen Bock, unendlich viel Geld auszugeben und unendlich viel zu planen, gerade was Finanzierung angeht, weil das bei unserer ersten Reise eben das aufwendigste war. Also dieses Crowdfunding, was wir gemacht haben, bei der ersten Reise. Und dann haben wir uns überlegt: Wir versuchen’s einfach ohne Geld einmal – keine Ahnung – quer durch Europa. Das war so der erste Plan. Dann haben wir halt immer weiter gesponnen und – wie es bei mir und Hansen dann halt so ist – spinnen wir so lang weiter, bis wir das Maximum haben. Also haben wir gesagt: Wir versuchen’s einmal ganz um die Welt.
Ben
Gab’s da jemals Zweifel daran, ob das Projekt generell durchführbar ist, oder habt ihr gesagt “Das ist auf jeden Fall machbar, nur  – es wird halt interessant”?

Paul
Es ist eigentlich ironischerweise beides, also einerseits hat mein Gefühl mir gesagt, und auch mein Verstand am Anfang, dass es nicht machbar ist. Ich hab auch ehrlich gesagt am Anfang nicht dran geglaubt, dass wir’s schaffen würden. Ich hab immer damit gerechnet, mir immer irgendwelche Trostpreise überlegt, so wie “Naja, wenn wir’s bis Lissabon schaffen, ist ja auch schon ganz schön” und so weiter. Dass wir dann tatsächlich irgendwann nach Kanada rüberkommen, war schon ‘ne Überraschung für mich. Und dass wir’s dann von Kanada tatsächlich auch noch nach Tokio schaffen, war ‘ne Überraschung. Und so kam eigentlich eine Überraschung nach der anderen, bis man’s dann irgendwann fast geschafft hatte, und dann kam natürlich entsprechend die große Enttäuschung, dass man dann so kurz vorm Ziel scheitern soll, wenn man’s schon so weit geschafft hat. Das ist so ein bisschen wie wenn du in einer Quiz-Show bist und du hast die 900.000 € Frage und denkst dir: “Verdammt nochmal, jetzt geh ich auf die Million!” und dann verkackste. (lacht)
Ben
Habt ihr irgendwelche Regeln für’s Unterwegs sein? Also so Regeln, die grundsätzlich gelten, sowas wie “Nimm möglichst wenig Gepäck mit” oder legt ihr das speziell bei jedem Projekt dann neu fest?

Paul
Wir haben wirklich Regeln, die auch auf Erfahrung basieren. Die erste Regel ist, dass die Welt bei weitem nicht so gefährlich ist, wie sie immer dargestellt wird. Dass man vor Ort Sachen viel viel besser einschätzen kann, als wenn man sie von zu Hause aus plant. Das ist glaube ich wichtig, sich zu merken, weil: Wenn ich hier zu Hause eine Reise plane und ich gehe Informationen über ein gewisses Land durch, dann wird man mir durch diese Informationen sagen, ich sollte besser nicht in dieses Land reisen, denn das ist gefährlich. Aber wenn man erst einmal vor Ort ist und sich langsam rantastet an die Leute, an die Kultur, an die Problemzonen vielleicht auch in diesem Land, dann ist das eigentlich immer so, dass man feststellen wird, dass diese ganzen Gefahren, die da so übertrieben dargestellt werden, nur für diese Leute gelten, die total unsensibel in diese Kultur reinplatzen. Die vielleicht mit fetter Spiegelreflexkamera vorm Bauch in irgendein Ghetto reingehen und da Fotos von hungernden Kindern machen, weil sie es irgendwie toll finden und so Leute werden überfallen und vielleicht auch Opfer von irgendwelchen Raubmorden, aber wenn du halt einfach sagst: “Ich geh da nur hin, wenn ich eingeladen werde”, dann ist das was anderes.
Ben
Wieso sollte man sich den Vortrag von euch anschauen? Also, was ist der Beweggrund für jemanden, der jetzt im Internet surft, auf ein Blog geht und sagt: Ich hab hier einen Filmtitel, warum soll ich jetzt da rein?
Paul
Hab ich keinen Grund (lacht). Macht’s auf keinen Fall! (lacht)
Also ich glaube, was so das Feedback ist – kann man ja selber immer schwer einschätzen – aber was das Feedback ist, das wir so kriegen, ist, dass es schön zeigt, wie Menschen von den unterschiedlichsten Kulturen an einem Strang gezogen haben, nämlich dieses Projekt umzusetzen. Es sind ja alle Leute, die uns irgendwie geholfen haben, alle Leute, die uns unterstützt haben, irgendwie Teil dieses Projekts geworden und das wussten die eigentlich auch schon in dem Moment, wo die angefangen haben, uns zu unterstützen. Und das macht irgendwie all diese Leute zu einem Team. Und das ist – glaube ich – echt ein schönes Erlebnis, das zu sehen, wie das funktioniert, quer über alle Kulturen hinweg, über alle Länder, durch die wir gereist sind. Und der Mehrwert, den man auch als Zuschauer vielleicht ein bisschen hat, ist, dass man die Angst vor der Welt ein bisschen verliert. Dass man sich vielleicht eher mal traut, nach Indien zu reisen, wenn man noch kein Hotel gebucht hat, oder sich nicht sicher ist, ob man sich das Hotel leisten kann. Einfach mal hinfahren und zu sagen: Mir wird nichts passieren, weil ich hundertprozentig sicher bin, dass ich irgendjemanden finden werde, der mich freundlich aufnehmen wird, der mir vielleicht sogar ein Hotel zahlen wird, oder was weiß ich. Offenheit ist auf jeden Fall ein gewisses Thema.
Ben
Hat euch jetzt speziell diese Reise persönlich irgendwie verändert oder ist danach irgendetwas anders geworden?
Paul
Also was anders geworden ist, ist so ein Gefühl von “Was soll jetzt noch passieren?” – wenn man es schon schaffen kann, ohne Geld um die Welt zu reisen und von wildfremden Leuten für ein Projekt, was ja eigentlich ein simulierter Zustand war, Hilfe zu bekommen, dann ist man sich eigentlich sehr sehr sicher, dass, wenn man in einer Situation ist, wo man ernsthaft Hilfe braucht, diese Hilfe auch bekommen wird. Und zwar auch überall auf der Welt. Und es gibt einem ein gutes, sehr zuversichtliches Gefühl übers Leben, weil was auch immer passieren wird – worst case ist: Man hat nichts mehr – und offensichtlich kommt man auch so ganz gut zurecht.
Ben
Und würdet ihr jetzt, nachdem ihr das alles erlebt habt und all die Eindrücke, die ihr gezeigt habt heute in der Show, diese Reise nochmal machen?
Paul
Das ist so ein bisschen eine zweiseitige Antwort dazu. Wir haben schon festgestellt, dass wir jedem empfehlen würden, so eine Reise mal zu machen, weil die Erfahrungen, die wir gemacht haben auf dieser Reise so wertvoll sind, allein die Menschen, die wir getroffen haben, mir gezeigt haben, wie Menschen in solchen Ländern eigentlich sind und nicht, wie sie durch die Medien dargestellt werden. Das ist das eine: Ich würd’s jedem empfehlen, das zu machen, aber ich würd’s selber nicht nochmal machen können, weil wenn ich jetzt schon wüsste, welche Strapazen auf mich zukommen, wenn ich diese Reise mache, dann würde ich wahrscheinlich sagen: Ich mach lieber was anderes. Aber trotzdem ist es die Erfahrung absolut wert, so an seine eigenen Grenzen zu kommen und in einer absoluten Abhängigkeit von anderen Menschen zu sein ist wirklich eine Erfahrung, die man mal gemacht haben sollte.
Ben
Und zu dem Projekt, das ihr angekündigt habt für 2017, dass ihr in Deutschland Abenteuer erleben wollt, gibt es da schon ganz konkrete Pläne oder ist das alles noch in der Schwebe?
Paul
Ist eher noch in der Schwebe. Wir wollen irgendwas in Europa machen, was eine Herausforderung ist, was ein Abenteuer ist und was uns auch mit den Menschen in Europa zusammenbringt.
Ben
Vielen Dank für das Interview.
Paul
Sehr gerne.

 
Wow. Wenn man bedenkt, dass sie auf der ganzen Reise eigentlich keine einzige negative Reaktion auf ihr Vorhaben erlebt, sondern allerhöchstens Unglauben entgegengebracht gekriegt haben, zeigt das einmal mehr, wieviel Positives doch in den Menschen steckt.
All dies basierend darauf, dass sie nirgendwo gebettelt haben, sondern ehrlich und aufrichtig mit ihrem Experiment durch die Straßen gezogen sind und die Menschen mit ihrer Geschichte unterhalten haben.
Und all dies ganz bewusst ohne soziale Netzwerke. Paul hat mir gesagt, dass es ihnen wichtig war, nicht auf irgendwelche Hilferufe auf Facebook zu bauen, sondern dass all diese Kontakte tatsächlich im echten Leben stattfinden sollten. Noch nicht mal Bekannte oder Tanten, die man vielleicht irgendwo in Toronto hat, wurden informiert, weil man dieses Kapital dann auch von zu Hause mitgebracht hätte. Kein Couchsurfing, keine Apps, kein Internet.
Dass man dann in Tokio beim Einkaufen eben nicht weiß, was man da gerade kauft und das Mittagessen mal aus kondensierter Gemüsebrühepaste besteht, die ungenießbar ist, gehört dann einfach zum Abenteuer dazu.
Auf jeden Fall haben die Jungs viel von der Welt gesehen und wurden von vielen Menschen unterstützt, was sie nicht nur in finanzieller Form durch Unterstützung verschiedener Projekte wieder an die Welt zurückgegeben haben und -geben.
Insgesamt wurden bei dem Unterfangen rund 150 32GB-SD-Karten an Videomaterial erstellt, von denen knapp 50 Minuten verwertet wurden, die ihr alle auch in ihrer Show Zwei um die Welt – in 80 Tagen ohne Geld im CinemaxX eurer Wahl bestaunen dürft.
Lasst euch diese wertvolle Chance nicht entgehen und bucht die Vorstellung, solange noch Plätze verfügbar sind – dieses einmalige Erlebnis bekommt ihr garantiert so schnell nicht wieder!
Es war mir eine Ehre, euch beide kennengelernt zu haben und ich hoffe, wir laufen uns auch in Zukunft noch oft über den Weg.

The Revenant – Der Rückkehrer

Leonardo DiCaprio ist bekannt dafür, großartige Filme zu machen und dafür von der Academy nicht mit Lob besudelt zu werden. Zeit für einen neuen Film von ihm, für den er wieder keinen Oscar abstauben wird.
So zumindest sollte man denken, wenn man sich die glorreichen Machenschaften seiner Vergangenheit im Hinblick auf die Vergabe des Goldjungen anschaut. In diese Reihe erfolgreicher Erzählungen wirft Alejandro G. Inarritu mit ihm als Hauptdarsteller einen weiteren Film, der vor technischem Können und schauspielerischer Präsenz nur so leuchtet.
Was diesmal unübersehbar richtig gemacht wurde: Der Dreck. Was ich bei Im Herzen der See schon so bemängelt habe, wurde hier nun ausgiebig gefeiert: Gestandene Männer werden in den Dreck geschmissen und müssen sich aus selbigen wieder herauskämpfen, ohne dabei von der Natur oder ihresgleichen in irgendeiner Form Unterstützung beigemessen zu kriegen.
156 qualvoll lange Minuten schaut man dabei zu, wie der Mensch sich unter katastrophalen Zuständen windet und ums nackte Überleben kämpft. Hier wird einmal mehr die Seele unserer Spezies offen auf der Leinwand präsentiert und die schrecklichen Abgründe verschiedenster, niederträchtiger Absichten offenbart.
Was anfangs noch spannend ist, verändert sich im Laufe des Films langsam zur tatsächlichen Qual für den Zuschauer, da bei dem Werk zwar offensichtlich sehr nahe am real Erlebten gearbeitet wird und der Held der Stunde eben nicht einfach aufsteht, sich den Dreck von den Ohren wischt und fröhlich weiterspaziert, jedoch mangelt die gesamte Darstellung an erzählerischer Tiefe.
Es wirkt fast, als hätte man einfach ein Fenster in die Vergangenheit aufgerissen und – ausgeschmückt über den Umweg eines Romans – ein paar Geschichten erzählt, die Teile ihres Ursprungs in tatsächlich Erlebtem fundieren. Was mir persönlich dabei fehlt, ist die Leitung des Zuschauers hin zu einer Pointe, die einen nach so langer Zeit bereichert wieder aus dem Saal spazieren lässt.
Die ist zwar – wenn man ganz genau hinschaut und es so will – schon vorhanden, jedoch im Rahmen dessen, was man vorher gezeigt hat, so unspektakulär und klein, dass einem kaum auffällt, dass hier etwas gesagt wurde. Und damit geht ein riesengroßer Paukenschlag offensichtlich ins Leere, weil am Schluss dennoch die Frage bleibt: “Und jetzt? Wofür das Ganze?”
Schauspielerisch kann man weder an Tom Hardy noch an Leo DiCaprio irgendwas bemängeln und auch die Technik im Hintergrund hat ganze Arbeit geleistet. Die Kälte und Unverfrorenheit der Natur, die harte, kalte, unmenschliche Gegend und das Unwillkommene, in das die Menschen hier geworfen werden, kommt mehr als gut und realistisch rüber und zeigt sehr eindrucksvoll, dass Natur eben nicht immer nur schön und wunderbar, sondern auch rauh und hart zu einem sein kann.
Angesichts der blutigen Elemente, empfinde ich die Freigabe ab 16 teilweise schon als zu niedrig, da hier doch ziemlich offensichtlich Dinge zelebriert werden, die zwar hervorragend in die Geschichte passen, jedoch nicht unbedingt von der breiten Allgemeinheit (FSK 16 wird von der Gesellschaft oft als “Jugendfrei” wahrgenommen und somit auch FSK 12-Klientel gezeigt) gesehen werden muss, da manche Parts im Film sehr wohl einen harten Magen voraussetzen, um hier unbeschadet über die Szenen zu schlittern.
Was bleibt, ist ein gigantischer Film, der eindrucksvolle Bilder zeigt, imposante Szenen zelebriert und damit eine Geschichte ausschmückt, die unter realen Bedingungen sicherlich niemand persönlich erleben möchte.
Hätte man hier noch etwas mehr Tiefgang eingebaut und nicht nur die Natur selbst sprechen lassen, wäre daraus ein gigantischer Meilenstein des Kinos geworden. So spart man zwar auch mit Worten und vollführt vieles durch reines Beobachten, erhält dadurch aber auch irgendwie keine so richtige Inhaltswucht, sondern plätschert mit wenigen Elementen natürlich dahin.
 

.kinoticket-Empfehlung: Großartiges Kino mit eindrucksvollen Momenten, deren Ursprung auf realen Begebenheiten beruht und fürs Kino und zuvor für einen Roman ausgeschmückt wurden.
Die Realitätsnähe ist diesmal mehr als deutlich, der Dreck, durch den man sich wühlt, fühlt sich auch als Zuschauer echt an und die Kälte und Rauhheit der Natur erlebt nicht nur einmal ihren Höhepunkt im Siegeszug gegen den Kampf ums Überleben.
Was mir fehlt, ist ein bleibender Schluss, der dem Film den Sinn  verleiht, um nicht aus dem Gedächtnis wieder zu verschwinden. Hier wurde einfach zu wenig aufgetragen, so dass nach 156 Minuten Laufzeit das Fenster zur Vergangenheit einfach wieder zugeht und man nun dasteht und sehen muss, was man mit dem eben Gesehenen anfängt.

 
Nachspann
gibt’s nicht, nachdem auf schwarz geblendet wurde, darf man sich also aus dem Saal entfernen.

Coconut Hero

Meine Aversionen gegen das gekünstelte Spinnerkino, das unser Land in der Regel auf die Leinwand wirft, mit dem man uns glauben lassen will, dass die Menschen “in echt” auch so gestochen sprechen, dürften den meisten hier im Blog ja nicht entgangen sein.
Tja, was soll ich sagen: Da kommt der große Bruder der Filmindustrie, packt uns einfach mal nett an der Hand und raus kommt ein Werk, dass nicht nur “normal” ist, sondern mal so richtig tief deine Seele fickt!
Alex Ozerov spielt einen Jungen, der schon von Beginn an mit seiner mega-sympathischen Art und seinem tiefschwarzen Humor einen Charakter darstellt, der einfach zum Anbeißen ist. Nicht nur die herrlich-skurrile Schräge dieses Teens sorgt für jede Menge Lacher im Saal, sondern die fast schon anmutend-defensive Introvertiertheit indiziert in einem selbst Gefühle, die dich zu Themen Positionen beziehen lassen, die einen selbst verwundern.
Man merkt: Hier wird nicht mit billigen Tricks oder gekünstelten CGI-Effekten um sich geschlagen, sondern das Werk trieft nur so vor sprachlicher und tiefgründiger Leistung, dass selbst arte-Jüngern Hören und Sehen vergeht.
Ja, arte hat seine Finger mit im Spiel und ich habe lange überlegt, ob ich das hier anführen soll, denn damit verschreckt man ja quasi fast schon die Menschen, denen arte zu “studiert” und “weltfremd” bzw. “realitätsfremd” ist. Denn genau diese Klischees, die man im Zuge der Nennung mit dem Sender verbindet, ziehen hier in diesem Film mal so gar nicht. Das Teil könnte überall laufen und es hat mich einfach nur eiskalt und vor allem brachial erwischt.
Wer glaubt, hier etwas zu sehen, dass es schon 100x woanders gab – liegt falsch. Wer glaubt, dass diese Geschichte hier nicht von jedem verstanden werden kann, weil sie nur ein spezielles Genre bedient – liegt falsch.
Coconut Hero überschüttet dich einfach nur so mit Charme und Herz, dass dir nicht nur schlecht bei dem Gedanken wird, dass dem Typen irgendwas zustoßen könnte. Du bist von Anfang an gefesselt von den Schauspielern, den Ideen, dieser ganz eigenen Welt, die ihre eigenen Regeln kennt und in der – bis auf einen – alle ganz normal sprechen.
Ich war geflasht und so etwas passiert bei mir höchst selten. Ich fiebere dem Tag entgegen, da der Film im offiziellen Programm läuft und ich ihn mir wieder und wieder reinziehen kann.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer Unterhaltung mit Anspruch sucht, schwarzem Humor und einer wunderbar in sich geschlossenen Hemisphäre von Eigenarten etwas abgewinnen kann, der sollte sich zwingend dieses Werk zu Gemüte führen.
Ich würde fast soweit gehen und sagen: Kino in Perfektion. Und damit meine ich Tiefgründigkeit, Komplexität, geistiger Anspruch und seelische Nahrung, die dich gefühlsmäßig so richtig wegbombt.
Mich jedenfalls hat es vom Stuhl gehauen und ich würde sofort wieder reingehen und ihn mir nochmal anschauen.

 
Nachspann
findet nicht in Bildern statt, sondern offenbart nur, dass es sich hier wirklich um eine deutsche Produktion handelt, was mich angesichts des Gezeigten ehrlich gesagt bis heute immer noch ungläubig staunen lässt.

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