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Tag: Juan Antonio Bayona

Jurassic World: Das gefallene Königreich (3D)

Testfrage: Gehst du in Jurassic World: Das gefallene Königreich – evtl. sogar in eine 3D-Vorstellung?
Menschen, die unlängst bei der Vorbestellung zugeschlagen haben, dürften hier schon eine feststehende Antwort parat haben. Und alle anderen? Hand aufs Herz? Ja oder nein?
Daran seht ihr, dass die Entscheidungen eigentlich schon längst gefallen sind und man daran auch als Kritiker womöglich nicht mehr wirklich etwas ändern könnte.
Und darum wird der Film auch funktionieren.
Logisch. Der alte hat ja auch funktioniert. Jurassic World gehört immerhin zu den weltweit (!) erfolgreichsten Filmen aller Zeiten nach Einspielergebnis (da ist das böse Wort) und belegt dort gleich Platz 5 im Ranking. Sein Urvater Jurassic Park schafft es im Jahr 1993 sogar auf den historischen Platz 1 auf der Toplist der weltweit erfolgreichsten Einspielergebnisse.
Als erfolgreichstes Franchise räkelt sich die Filmreihe derzeit auf Platz 12, was sich demnächst dann ändern dürfte. Franchise?
Das ist dieses Ding, wo jemand eine – zugegebenermaßen – grandiose Idee hat, sich dann hinsetzt und ein Papier aufsetzt, in dem steht, was andere mit dieser Idee im Rahmen der Freigaben anstellen dürfen und fortan damit nur noch Geld verdient. Und hier fangen die Probleme an. Ja, Entschuldigung, ich jammere …
Jurassic Park war damals einzigartig. Was gab es drumrum an Filmen? Wie sah der Markt aus? Was wurde dem Zuschauer an Gros aus Filmen geboten, wenn er sich für ein Lichtspielhaus entschied? Welche Alternativen gab es? Alles war gleich. Mehr oder weniger. Normale Menschen, normale Größen, mal lustig, mal traurig, aber alles auf ein und demselben Level.
Und es gab Jurassic Park. Dinosaurier! Egal, ob man sich vorher dafür interessiert hat oder nicht, danach tat man es. Diese unfassbare Vorstellung, dass diese Viecher, von denen keiner von uns je eines lebend gesehen hatte, jetzt lebendig auf der Leinwand rumtobten und dort jede Menge Krawall anrichteten – ein Traum! Allein die Faszination des Lebens ganz neu bestaunen zu dürfen und von den Protagonisten mitgerissen zu werden – das Dinofieber war ausgebrochen und ein Wort bekam neue Dimensionen: Superlative!
Die Dinos waren vor allem eins: Groß und mächtig. Wir Zuschauer fühlten uns unterlegen, klein, voller Begeisterung und Bewunderung – gefesselt von der Magie und Faszination, fast schon demütig vor ihnen und zuckten alle in unseren Sesseln zusammen, wenn das schwere Trappen der übergigantischen Monster zu vernehmen war. Es gab nichts, was ihnen den Rang ablief. Sie waren die absoluten Götter der Giga-Dimension mit einer vernichtenden Kraft, vor der man ganz automatisch in die Knie ging.
Heute?
Gibt es Godzilla, Kong: Skull Island, Transformers, Transformers – Die Rache, Transformers – Die dunkle Seite des Mondes, Transformers – Ära des Untergangs, Transformers – The Last Knight, Pacific Rim, Pacific Rim: Uprising, Cloverfield, 10 Cloverfield Lane, Monsters, Rampage: Big meets Bigger … und? Jurassic Park, Jurassic Park II, Jurassic Park III, Jurassic World und nun eben auch Jurassic World: Das gefallene Königreich. Um mal nur ein paar zu nennen.
Die Einzigartigkeit, die Jurassic Park damals ausgemacht hat, das “riesige” was uns über den Kopf gewachsen ist und seit jeher in den historischen Gedanken der Menschheit verankert existierte, wieder neu zum Leben erweckt, fristet heute ein Dasein in einer dunklen Nische und ist umgeben von Superlativen, in denen wir alle in den letzten Jahren längst ersoffen sind.
Geben wir es doch zu: Keiner will mehr was von diesen monströsen “immer noch größer und noch besser und noch schlechter animiert, aber dafür 2489 Billiarden teurer”-Filmen mehr sehen, denen jedweder Geist und Seele fehlt und denen es allen nur ums Geld geht, aber nicht mehr um eine grandiose, und vor allem funktionierende Geschichte.
Willkommen in Jurassic World. Verdammte hacke!
Und jetzt fang ich wirklich das Kotzen an! Warum?
Ihr erinnert euch an meine jüngsten Hasstiraden gegen den Megakonzern Disney, der das weltweit unrühmliche Beispiel geliefert hat, wie man aus etwas Wunderschönem eine karambolagierende Untergangsmaschinerie gestaltet und damit zahlungsunfähige und filmliebende Kinos ausblutet, die fortan mit schlechteren Filmen die großen Blockbuster subventionieren müssen, um über Wasser zu bleiben?
Universal Pictures folgt ihrem diabolischen Beispiel. Sie wollen Geld. Sie werden raffgierig. Sie kriegen nicht genug. Die Zeiten der Dankbarkeit und des “Hey, Wow, wir haben es weltweit zu Bekanntheit und Ruhm geschafft” sind vorbei und machen dem Mammon Platz. Irgendjemand hat zwischen seinen Trilliarden immer noch Lücken im Portmonee und die müssen dringend auf Kosten von kleinen Kinos gestopft werden!!! Da werden harte Verhandlungen im Hintergrund geführt, die sogar Multiplex-Kinoketten wie CinemaxX in die Knie zwingen und bis ganz zum Schluss die Entscheidungen offen stehen lassen, ob Jurassic World 2 dort überhaupt anlaufen wird oder nicht. Warum? Weil der Konzern so immens hohe Gebühren fordert, dass die Kinokette daran nichts mehr verdienen würde.
Ernsthaft jetzt?
Und was machen dann die kleinen, die nicht so solvent und zahlungsstark sind wie solche Megaketten?
Ist das wirklich euer Ernst? Ist das der Respekt vor dem Leben und die Aufrichtigkeit, die uns Jurassic Park gelehrt hat?
Ihr – die ihr die Macht in euren Händen haltet, hättet mit beispielhaftem Vorbild vorangehen müssen und sagen: Wir geben ihn euch. Wir machen damit sowieso Kohle. Unfassbar viel Kohle! Wir verdienen so viel, wie wir niemals tragen oder ausgeben können. Hier ist ein Bruchteil dessen für euch, damit keiner sich zu Tode schuften und irgendwas subventionieren muss, um unseren Film zu zeigen.
Ihr habt nämlich vergessen, dass Kinos die Plattform sind, wo eure Filme gezeigt werden und ihr auf diese Häuser angewiesen seid. Ohne ihre Leinwände seid ihr … nichts! Eure ganze verdammte Großkotzigkeit ist NICHTS ohne eine Leinwand! Ihr verachtet mit solch einer Aktion eure eigene Familie und blutet die aus, die dafür sorgen, dass ihr euch hinterher stolzierend brüsten und selbst feiern könnt, weil nur die Kinos die Menschen anlocken und dort eure Werke gefeiert werden. Oder eben nicht.
Ich warte bis heute auf den Konzern, der das einsieht und der endlich ein markantes Beispiel setzt und sich erkenntlich zeigt. Der es begreift, wenn man große Macht hat, dass darauf große Verantwortung folgt. Habt ihr denn alle nicht euren eigenen Worten zugehört? Habt ihr nichts von den Superhelden der Vergangenheit gelernt? Scheinbar nicht.
Und dieser Umstand kotzt mich an! Recherchiert man ein wenig, findet man ruckzuck Kinos, in denen ein (1!!!) Ticket für einen Film in 3D knappe 30 € – also 60 DM – kostet. Warum DM? Weil ich an die Zeit erinnern wollte, wo man für 50 Pfennig durch die Tür gelassen wurde. Aus 0,25 € wurden 30,00 €. Findet ihr nicht auch, dass ihr durch diesen Wahnsinn den Kinogängern eh das Geld aus der Tasche zieht? Und dass immer genügend Gewinne da sein werden, in denen ihr euch suhlen könnt?
Okay okay … wenn ihr auch etwas dafür bietet. Dann schauen wir doch mal.
Jurassic World: Das gefallene Königreich – gefallen … gehört das zur Selbsterkenntnis oder ist euch nichts besseres eingefallen? Selbst der grottenschlecht abschneidende Solo: A Star Wars Story hatte Momente, die an seinen Schöpfer erinnerten und bei jedem die Gänsehaut aufflammen ließen, z.B. als die beiden erstmalig im Millennium Falcon sitzen und der Beat von Star Wars erklingt. Redet den Film schlecht. Kritisiert seine Unzugehörigkeit zum Rest von Star Wars, aber die Szene hat funktioniert. Und davon hättet ihr in Jurassic Park genügend Ansatzmöglichkeiten gehabt, um genau das wieder hervorzurufen.
Und was tut ihr stattdessen? Weiß jemand, was Killcounts sind? Diese Counter, die am Bildschirmrand mitzählen, wieviele Leute abgemetzelt werden? So etwas hätte ich gerne im Eck gehabt, und zwar für Logikfehler.
Ein Dino rammt mit seinem Schädel gegen Wände und bringt massive Betonsteinmauern zum Einsturz und scheitert anschließend an einer kleinen Holzdiele? Läuft.
Dino rennt eine Treppe hoch und hinterlässt Zerstörung und das absolute Chaos, erklimmt das Dach und die zerbrechlichen, sensiblen kleinen Dachziegelchen bleiben allesamt heile? Läuft.
Oder euer Einfallsreichtum. Ich kann mir das so vorstellen: “Was hat denn schon mal funktioniert?” “Hm… keine Ahnung? Dinos?” “Ahh … ja. Welche denn?” “Ähm, wir könnten … irgendwas mit Raptoren. Ach und T-Rex vielleicht.” “Ja, machen wir das doch. Wie halten wir das Budget gering?” … das könnt ihr im Film selbst anschauen.
Euer Film erstickt an seiner eigenen Vorhersehbarkeit. Ausnahmslos jede einzelne verdammte Szene ist vorhersehbar. “Jetzt passiert das.” … und es passiert. “Und jetzt müsste das passieren” und es passiert. “Und jetzt müsste sie eigentlich dahin rennen.” … und sie rennt dahin. So geht das den ganzen Film über. Es gibt absolut keine Überraschungen oder Momente, die einen wirklich vom Hocker reißen und auch nur ansatzweise das Staunen, die Mystik und Faszination zurückkehren lassen, die uns Jurassic Park einst lieferte. Statt dessen presst sich aus allen Poren etwas völlig anderes: Scheinheilige Kompromisse, um ja niemanden auf der ganzen Erdkugel vor den Kopf zu stoßen. Jurassic World 2 ist alles: heilig, halal, vegan, bio, glutenfrei, koscher und laktoseintolerant. Diese Kompromissbereitschaft und das Daniederliegen in Angst, auch nur einen einzigen Cent zu verlieren, weil IRGENDJEMAND sich vor den Kopf gestoßen fühlen könnte, ist zum Erbrechen!
Ich meine: Überlegt euch das mal… wir haben hier einen Film mit der wohl gewaltigsten Schöpfung und Kraft, die es auf diesem Planeten jemals gegeben hat. Eingepackt in einen Film, der vor Symbolträchtigkeit und Schwere von niemandem anzuheben ist und eigentlich Unvergleichbar sein sollte. Und seine Schöpfer haben Angst? Angst davor, Geld zu verlieren? Stattdessen verlieren sie sich selbst in einer Kompromissbereitschaft, die zum Himmel stinkt und in einer öden, langweiligen und lahmarschigen Variante seiner selbst untergeht und aus etwas Meisterwerk-Unangreifbarem einen Schundfilm gemacht hat, der wie ein billiges, hässliches Kind wirkt, dass mit nichts zufrieden ist, was man ihm gibt.
Die Dialoge sind so dermaßen öde und langweilig, uninspirierend und langsam, überhaupt nimmt der Film keinerlei Fahrt auf. Alles ist einfach da. Dinos rennen. Juhu. Ach nein, auf einmal stehen wieder alle einfach nur rum. Obwohl im Hintergrund …. egal. Spoiler ich? Tschuldigung. Da … eine offene Autotür. Ach Mist, der Dino ist noch nicht da. Warten … Warten …. bloß nicht einsteigen … nicht reingehen und einfach abhauen und wegfahren. Kucken! Warten und Kucken! Noch mal kucken! Und warten. Jetzt ist der Dino da. Ein Schritt. Es wäre nur ein Schritt. Aber ich gehe ihn nicht. Sondern warte lieber. Und kucke den Dino an. Der bewegt sich. Auf mich zu. Ich bewege mich aber nicht, denn ich muss kucken. Und warten. Und zack – ist meine zehnstündige Chance, im Auto mit offener Tür direkt vor meiner Fresse auf einmal unwiderbringlich verloren.
MEINE FRESSE! Und sowas verkauft ihr uns als erfolgreichsten Dinofilm aller Zeiten, der so verhandelbar stark ist, dass ihr sogar Monster-Kinoketten in die Knie zwingen wollt, so dass sie daran nichts mehr verdienen?
Go, fuck yourself.
Das einzige, das an diesem Film gigantisch ist, ist der gigantische Schlag in die Fresse eines jeden, der im Leben schon mehr als 5 Filme gesehen hat, den ihr nach Strich und Faden verarscht und ihn perverserweise noch dafür bezahlen lasst. Und zwar teuer. Teuer mit Zeit und teuer mit Geld, über das ihr dann auf der Leinwand wieder scheinheilig rumlamentiert und es aufs höchste verurteilt. Erkannt? Das, was Jurassic World 2 am Wesen des Menschen anprangert, erfüllt ihr mit eurem eigenen Film parademäßig selbst. Wie pervers bitteschön ist das denn?
Und das eigentlich traurige daran kommt jetzt: Es wird funktionieren. Der Film wird sensationelle Einspielzahlen einfahren, denn wer will denn nicht Dinos auf der Leinwand hüpfen sehen? Wir alle lieben es doch abgöttisch, wenn diese Monster vor uns die Welt in Schutt und Asche legen und wir dabei zuschauen dürfen.
Nur, dass das leider in dem Film hier nicht passiert.
Wisst ihr, was mir an dem Film gefallen hat?
Das, was die meisten meiner Pressevorführungsmitglieder alle schon nicht mehr mitgekriegt haben, weil der Saal grottenleer war: Die After-Credits-Szenen. Ganz zum Schluss – nachdem alles abgelaufen ist, kommt nämlich noch ein saftiger Nachspann. Und bei der Sequenz hatte ich Lust auf einen neuen Film. Der war da aber dann endgültig vorbei. Verdammt!
 

.kinoticket-Empfehlung: Dieses Werk ist auf allen Ebenen des Seins eine grandiose Enttäuschung.
Auf der Leinwand, in Sachen Logik, in Sachen “baut Geschwindigkeit auf”, in Sachen Dialoge, in Sachen Animation, in Sachen Einfälle.
Hinter der Leinwand in Sachen Verhandlungen, in Sachen Geldgier, in Sachen Ausbluten kleinerer Kinos, in Sachen Ausbluten großer Kinos, in einem verachtungswürdigen Verhalten der Betreiber in jederlei Hinsicht.
Und aus diesem Grund sollte man dieses Werk konsequent boykottieren, um hier als zahlender Kunde ein Zeichen zu setzen und zu sagen: So nicht! Denn eines haben die Studios auch vergessen: Ihr braucht nicht nur die Kinos, um selbst reich zu werden. Ihr braucht in allererster Linie uns zahlende Kundschaft. Und wenn die auf mein Nachfragen nicht wie aus der Pistole geschossen antwortet “Geil!!!”, sondern Sätze fallen wie “Da muss ich erst nochmal eine Nacht drüber schlafen, ob der wirklich gut war oder nicht”, dann gibt es in meinen Augen kein besseres Zeugnis eures Versagens.
Geht, haut ab und kommt einfach nicht wieder.
P.S: Jurassic World 3 ist bereits für 2021 angekündigt.

 
Nachspann
✅ Hocken bleiben – und zwar ganz bis zum Schluss, sonst verpasst ihr das Beste des Films! Hier kommt noch eine mörderische Szene!
Kinostart: 06. Juni 2018

Sieben Minuten nach Mitternacht

Manchmal gibt es Menschen auf der Welt, die einen Draht zu etwas ganz besonderem haben. Genies. Vielleicht in der Realität total verarmte, verwahrloste oder unscheinbare Typen, die jedoch mit etwas ganz besonderem gesegnet sind. Menschen, die Schicksale erleiden, Menschen, die unglaubliches durchstehen müssen, Menschen, die man an ihre Grenzen bringt und ihnen anschließend einen Arschtritt verpasst und dabei zusieht, wie sie über sich selbst hinauswachsen und dabei etwas Unvergessliches erschaffen.
Ich weiß nicht, wer Siobhan Dowd war, wie sie gelebt hat, und was ihr widerfahren ist, ich weiß nur, dass sie vor Beendigung ihres Schreibens dem Krebs erlegen ist und daher diesen Roman niemals fertigstellen konnte. Dieser Aufgabe hat sich dann Patrick Ness angenommen und damit renommierte Preise, weltweites Aufsehen und einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht.
Ich selbst habe dieses Werk noch nie in den Händen gehalten und kann daher keine Beurteilung darüber abgeben, inwieweit der Film der Buchvorlage gerecht wird, was ich aber weiß, ist, dass hier so dermaßen unglaublich brachiales, herzzerreißendes und zutiefst emotionales Kino geboten wird, um eine Geschichte zu erzählen, die meine persönliche Gefühlswelt jedes Mal bei weitem überfordert hat.
Das erste Mal (ich meine, es war Anfang November 2016) wusste ich nicht, wo ich im dunklen Kinosaal schnell ein paar Tücher kriegen konnte, um mein verheultes, ergriffenes Gesicht wieder einigermaßen alltagstauglich zu machen, während man mir beim zweiten Mal im April diesen Jahres die Frage stellte, ob bei mir alles in Ordnung sei, weil ich so ergriffen im Foyer sitzen würde.
Beide Male war der Film daran schuld. Beide Male war diese unglaubliche Ausdruckskraft, das künstlerische Können und die bildhafte Sprache von jugendlicher Rebellion, die jeden Erwachsenen anspricht und damit das Thema der Generationen galant überspielt, daran schuld – denn beide Male hat man brennende Pfeile auf mein Herz abgeschossen und sich meine cineastische Liebe ohne Kompromisse erkauft.
Mal ernsthaft: Ich hadere auch immer mit mir selbst (und lese deshalb vorzugsweise keine Bücher, von denen ich glaube, dass sie verfilmt werden könnten), ob man nun dem kreativen Freiraum des Geistes die Bühne gewähren und die Fantasie spielen lassen, während man sich langsam durch das geschriebene Wort wälzt, oder ob man sich genüsslich zurücklehnen und die Effekte spielen lassen sollte, um die Geschichte verblümt über die Leinwand rauschen zu sehen.
Ich denke, Sieben Minuten nach Mitternacht schafft beides – denn der Besuch im Kino ist packend und trifft garantiert jedes fühlende Wesen tief in seiner Seele an einem sensiblen Punkt.
Und daran ist nicht nur Sigourney Weaver schuld, der ich seit Alien treu ergeben bin, und auch nicht die Preisträgerin Felicity Jones oder der medienwirksame Liam Neeson, sondern einer der wichtigsten Säulen dieses packenden Stücks ist Lewis MacDougall, der als Jungdarsteller hier mit einer Mimik und berauschenden Ausdrucksart glänzt, die man Kinderdarstellern niemals zutraut.
Im Ernst: Was hat man diesem kleinen Kerl zu schlucken gegeben, dass der so eine abartig-geile Performance hinlegt und sein Publikum innerhalb von Sekunden an sich reißt und es keine Sekunde mehr auch nur einen Millimeter von sich weglässt?
So eine atemlose Jagd nach etwas völlig Unnatürlichem mit einer derartigen Bildkraft und emotionalen Tiefe habe ich selten erlebt. Und ich finde auch bei längerem Nachdenken keine vergleichbaren Filme, die ebenfalls mit solch einer Würde das innere Sterben von Glückseligkeit auf so eine wunderbare Weise darstellen und hier inmitten von Umrahmungen die größte Geschichte aller Zeiten erzählen.
Auf Deutsch: Noch nie war es so erbittert grausam, zu warten, bis man endlich darüber reden darf. Noch nie war es so unsagbar schwer, den Kinostart herbeizufiebern und endlich endlich endlich wieder und wieder in diesen Titel rennen zu können.
Leute? Obwohl mein Limit für UHD-Discs deutlich niedriger angesetzt ist, würde ich ohne zu zögern 49 Ocken auf den Tisch blättern, um das Teil nachts beim Einschlafen, morgens beim Aufstehen und unter tags auf dem Bildschirm rauschen zu sehen und beständig in die Abgründe der Seele des Kleinen abtauchen zu können.
Diese Notwendigkeit, mit der man hier Schmerz illustriert und dem Zuschauer über furchtbare Kanäle zuführt, diese Selbstverständlichkeit, mit der man die kindlichen Anomalien des Denkens überzeichnet und sie der Erwachsenenwelt zugänglich macht, die Vermengung von Alltäglichkeit und den unsagbar tiefen Abgründen kindlicher Ängste in einem Film zu verdeutlichen und jedem – wirklich jedem – nahezubringen, grenzt für mich selbst an ein unglaubliches Wunder.
Und genau so würde ich diesen Film auch bezeichnen: Als ein unglaubliches Wunder, dass den Kinofan und Filmliebhaber packt, umgarnt und anschließend tief in den Sog einer unfassbaren Welt zieht, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Und der einzige Weg zu überleben, ist der des kleinen MacDougall, der in diesem Stück die wohl wichtigste Lektion seines Lebens auf unvergessliche Weise lernt – und dies in der Umsetzung von Juan Antonio Bayona mit uns allen teilt.
 

.kinoticket-Empfehlung: Solltet ihr die Wahl haben, entscheidet euch für die Originalversion mit Untertitel (OmU), denn nur hier schrammt man verbal wieder an der Profiltiefe, wie sie vom Autor wohl vorgesehen war.
Vergleicht einfach mal die Trailer auf YouTube, insofern ihr euch einen Teil der Geschichte bereits vorab zerstören wollt – oder vertraut mir und geht in die Vorstellung.
Wenn es sich je gelohnt hat, dann jetzt.

 
Nachspann
braucht man nach dieser Gefühlsorgie nicht mehr, sondern eher Zeit zum Verdauen.
Kinostart: 4. Mai 2017

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