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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Jeremy Irvine

Mamma Mia! – Here we go again

Es ist 10 Jahre her, dass Mamma Mia! weltweit 600 Millionen Dollar eingespielt hat und es ist keine Frage der Ehre, diesen Zug in unserer kapitalistisch veranlagten Welt erneut auszuspielen, auch wenn nur die Hälfte dabei rauskommen sollte.
Hollywood ist sowieso bekannt dafür, einmal funktionierendes so lange wieder neu aufzuwärmen, bis sich daraus wirklich kein einziger Cent mehr melken lässt. An wem ist dieser Film damals denn bitteschön nicht vorbei geschlittert? Es war also irgendwo klar, dass eines Tages die Fortsetzung serviert werden dürfte und – (da fangen jetzt die positiven Nachrichten an) – 10 Jahre sind mehr als genug Zeit, um ein vernünftiges Konzept auf die Füße zu stellen und nicht einfach nur lahmarschiges Wiederkäuen zu aktivieren.
An diese Mammutaufgabe hat sich Regisseur Ol Parker gewagt und alte Gefühle wieder neu aktiviert. Es ist nicht zu viel verraten, wenn ich ABBA ins Spiel bringe und es ist auch bekannt, dass es zweite Teile immer immens schwer haben. Im Suhl der derzeitigen .trailer-Landschaft sieht es auch höchst komisch aus, wenn auf einmal irgendwelche Figuren über die Leinwand tanzen und diese doch recht seltsam anmutende Vorschau mit dem im Vergleich merkwürdigen Film das Sommerevent des Jahres ankündigen will.
Man bleibe skeptisch. Als Laie ist bekannt, dass die immer gleichen Geschichten wieder und wieder auf den Opernbällen und Theaterbühnen erzählt werden und es niemals niemals niemals neuen Stoff geben darf, weil sonst die immer schon so seiende Bühnenlandschaft irre in sich zusammenbrechen würde und die Leute wohl auch heute in Theatern immer noch das gleiche sehen wollen.
Genau wie Grimm’s Märchen. Die gibt es – und da werden niemals neue erzählt, sondern die Klassiker wieder und wieder ausgepackt. Neu interpretiert, aber behüt’ euch Gott, wenn man dazu neuen Stoff gesellt.
Und nun ratet, was ich von Mamma Mia! – Here we go again gedacht habe. 😉
Ich meine: Allein der Titel ist schon langweilig und prophezeit einem ja förmlich, dass es quasi nur warmen Babybrei geben wird und das genussgeballte Spanferkel schon von vornherein von der Speisekarte gestrichen ist.
PUSTEKUCHEN!
 
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Das Teil ist dermaßen geil und großartig geworden, dass ich dem Film wünsche, die 600 Millionen Dollar zu knacken und die Macher zu inspirieren, in vielleicht 8 Jahren dann den dritten Wurf zu präsentieren!
Es ist absolutely amazing, was einem da von der Leinwand in die Seele springt und die Gefühle vom Hocker reißt! Die Farbenfreude, das Summer-Feeling, die hoch angesiedelte Emotionalität und die Idee, mit der man hier eine absolut bekannte und zigtausendmal durchgekaute Geschichte so verblüffend neu und einzigartig erzählt, ist unglaublich!
Wer meine Disney-Ausführungen verfolgt hat, der weiß, wieviel ich für “Singfilme” übrig habe und wer schon etwas länger mitliest, weiß auch, dass ich einige Male prophezeit habe, dass in Zukunft immer mehr Werke in die Lichtspielhäuser gezerrt werden, die neue Zuschauer anwerben und ihnen Opern und Theater schmackhaft machen sollen. Initiative “Bekehrt den Bürger fürs Theater” ist also auf vollen Touren und Mamma Mia! – Here we go again spielt da kein einziges Stück mit rein und teilt sich den Kuchen, sondern basht einfach mit unfassbarer Positivität und tatsächlichen Sommergefühlen vor den Latz, dass einem Hören und Sehen vergeht.
Dieses Ding ist so wunderbar ausgeglichen und austariert, dass eben nicht nur die üblichen Schmonzetten und Evergreens präsentiert werden, sondern man hat eine hervorragende Auswahl an Songs getroffen, bringt diese (besser als auf der Bühne?) in den Storyfluss ein und interpretiert da drumherum ein Stück, dass eine mögliche Entstehung der Geschichte des ersten Teils erklären könnte.
 


 
Nichts wurde aufgewärmt, sondern man liefert Frischfleisch und junges Gemüse und distanziert sich damit hintergründig auch von “Die jungen Schauspieler können allesamt nichts mehr, sondern nur noch doofen CGI-Kram” und setzt selbst hinter den Kulissen damit Maßstäbe und Statements, die mehr als begrüßenswert für die Kinolandschaft sind.
Wer hier am Schluss keine gute Laune hat, dem ist leider nicht zu helfen. Und das, was einem geboten wird, zieht in seinen Bann, Opernlover ja oder nein – es ist wurscht, ob man sich damit auskennt, Teil 1 vielleicht sogar noch nicht gesehen hat oder in seinem Leben noch nie etwas von Mamma Mia! gehört hat (gibt’s da jemand?) – diese Fortsetzung zählt, ich möchte fast schon sagen “erstmalig”, zu den Sequels, die das Level ihres Vorgängers überragen und sich absolut nicht anmerken lassen, dass es hier “nur weiter geht”.
Es ist ein gigantisches Spektakel, dass sich niemand – und ich meine wirklich niemand – auf der großen Leinwand entgehen lassen soll, und danach – so beweisen es die Bilder im Beitrag – darf man sich dann in die Theater verziehen und dort das passende Bühnenstück bewundern, von dessen Münchner Darstellerinnen und Pianisten wir in der Pressepreview eine exklusive Überraschungsvorstellung genießen durften.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ich halte nichts von Hypes und es ist daher um so verwunderlicher, dass ich auf diesen Faszinationszug aufspringe und begeistert bin von dem, was uns da auf der Leinwand geboten wird: Eine absolut neu aufgesetzte, durchkuratierte und ästhetisch himmlische Darbietung, die alles andere seinerzeit mit Leichtigkeit in den Schatten stellt.
Wenn man vorher kein ABBA-Fan war: Danach ist man es. Und das liegt sehr daran, dass eben nicht nur Dauerbrenner, sondern gerade die “liegengelassenen” Titel großartig vorgetragen und in Szene gesetzt werden, so dass man am Schluss total beflügelt und vor positiver Energie sprühend ins Leben entlassen wird.
Wer jemals eine Glücksdroge ohne Nebenwirkungen haben wollte: Hier ist sie! Stürmt die Säle und lasst euch dauerhaft davon begeistern und verzaubern – es lohnt sich!

 
Nachspann
✅ Abwarten! Den kriegt man quasi gar nicht mit, weil das, was in einem Nachspann normalerweise gezeigt wird, vollkommen untergeht … und tut euch selbst den Gefallen und geht nicht, bevor der letzte Vorhang fällt: Es kommt nämlich noch was. Und zwar ganz zum Schluss!
Kinostart: 19. Juli 2018

Stonewall

Roland Emmerich ist einigen ein Begriff, richtig?
Dass der gebürtige Stuttgarter sich einem Film widmet, der die Ursprünge der Schwulenbewegung in New York und die dabei geschehenen Konfrontationen der Gays mit der New Yorker Polizei beleuchtet, haben sicherlich weniger von euch gedacht.
But so it is.
Was mir an diesem Film enorm gefallen hat, war die endlich mal klischeefreie Darstellung von schwulen Hauptdarstellern. Ich bin jemand, der hasst Klischees. Gleich welcher Art. Jeremy Irvine macht hier mal alles richtig und etabliert das Bild eines Menschen, der auf das gleiche Geschlecht steht und dabei so ganz und gar nicht mit der ganzen Szene-Suppe klar kommt, in die der mediale Schwule jedesmal provokant gepresst wird.
Und ebenso vorbildlich ist sein aus der Rebellion entstandenes Verlangen, für eben jene Gerechtigkeit einzufordern und sich gegen die Unterdrückung der New Yorker Polizei zu stellen.
Ich habe mir diesen Film als Mensch angeschaut und versucht, jegliche Vorurteile unter den Tisch fallen zu lassen. Und unter Beachtung der Tatsache, dass genau diese Aufstände 1969 tatsächlich stattgefunden und damit den Grundstein der heute noch aktuellen Christopher Street Day-Aufmärsche gelegt haben, finde ich es höchst interessant, von einem Regisseur eine Dokumentation dieser Art vorgelegt zu bekommen, der sich weder im schwulen Milieu behaupten will noch es nötig hätte, sich mit irgendwelchen Randgruppen zu beschäftigen.
Und genau das macht dieses Werk für mich so einzigartig. Man spürt im Vergleich zu klassischen Spartenfilmen dieser Art eine ungemein erwachsene, professionelle Herangehensweise an ein Thema, bei dem sich vielen heute immer noch die Fußnägel hochrollen. Und das, obwohl sich das Thema Gleichgeschlechtlichkeit eigentlich langsam in der Gesellschaft etabliert haben sollte, da sich mittlerweile bereits genügend Prominente dazu bekannt haben und wir uns als Menschheit eigentlich dahingehend weiterentwickelt haben sollten, so viel Toleranz und Akzeptanz mitzubringen, dass wir eine vielschichtige Gesellschaft haben, in der nicht mehr ausschließlich die konservativen Werte und Weltvorstellungen ausgelebt werden.
Wer jetzt der Meinung ist, früher wäre alles einfacher gewesen und da hätte es so etwas nicht gegeben, der irrt schlichtweg. Früher wurde das nicht öffentlich ausgelebt, sondern hinter verschlossenen Türen praktiziert. Da gingen Menschen noch in den Tod, wenn jemand derartiges entdeckt hätte.
Und auch heute gibt es immer noch Länder, in denen Homosexualität mit dem Tod bestraft wird.
Überlegt euch mal: Menschen werden wegen irgendeiner verdammten Einstellung und Sichtweise hingerichtet!
Aufklärung tut bitter Not und dazu trägt dieser Film in seiner Gänze bei. Er bewertet nicht. Er verurteilt nicht. Er hasst nicht. Er bevorteilt nicht. Er beleuchtet einfach historische Ereignisse, aus denen heraus sich eine Gruppe von Menschen gebildet und für ihre Rechte gekämpft hat.
Und damit ist Stonewall für mich ein wertvoller Beitrag für mehr Menschlichkeit untereinander und das fundierte Miteinander und füreinander einstehen können, selbst wenn ich dieser Lebensweise selbst absolut nichts abgewinnen kann.
 

.kinoticket-Empfehlung: Roland Emmerich wagt sich hier an ein Thema, das ihm wohl die wenigsten zugetraut hätten.
Tatsächlich ist es aber immer noch nicht so, dass die Gesellschaft dazu fähig ist, seine Nachbarn und Mitbürger einfach so zu akzeptieren, wie sie sind. Und so lange dieser Tatbestand noch nicht erfüllt ist, so lange braucht es Filme wie diesen auf den Leinwänden, um den Menschen zu zeigen, was passiert, wenn die Toleranz fehlt.

 
Nachspann
zeigt die Bilder der echten Jungs, die diesen Schlamassel damals ausbaden durften.

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