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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Hühner

Aus einem Jahr der Nichtereignisse

Die Fußball-Weltmeisterschaft steht vor der Tür und damit das großkonzernige, kapitalgetriebene Mega-TV-Ereignis, bei dem wieder Milliarden fließen und die ganze Welt in Aufruhr gebracht wird.
Außerhalb dessen kennen die meisten von uns ein Leben, dass gefühlt so vollgepresst ist, dass man damit gut und gerne drei Leben füllen könnte. Selbst Kindern wird heutzutage der Terminkalender schon so vollgestopft, dass ihnen gar keine Zeit mehr zum Spielen und Leben bleibt und sie bereits in jungen Jahren nahe an den Abgrund des Burnout getrieben werden. Die Idee, den Menschen dahingehend zu trimmen, dass er sich schlecht fühlt, wenn er diesem Druck nicht gewachsen ist, hat längst in den Registern der Normalität unserer Gesellschaft Einzug gehalten und sich mal dahingehend Gedanken zu machen, ob dieser Wahnsinn der Hetze tatsächlich normal ist, oder man sein Leben wieder entschleunigen sollte, ist bislang noch keinem gekommen.
Naja, fast. Regisseurin Ann Carolin Renninger hat bewaffnet mit altertümlicher Technik ein ganzes Jahr lang einen Bauern aus Norddeutschland begleitet und einfach seinen Alltag festgehalten. Dieses Werk spuckt erstmal auf moderne Technik und vergisst all das, was unsere Rasse in den letzten Jahrzehnten technisch aus dem Boden gestampft hat – was sich zunächst mal wie ein breiter, fetter Arschtritt anfühlt. Und ich meine das ernst: Den “Urlaub”, den andere Kritiker diesem Werk antiteln, muss man sich anfangs redlich verdienen, bevor man wirklich soweit ist und sich tatsächlich zurücklehnen und diese Form des Lebens “genießen” kann.
Auch hier benutze ich Anführungszeichen, da zwar alsbald von Sympathie und Mitgefühl die Rede ist, ich allerdings sehr gut nachvollziehen kann, wenn ein Großteil der Zuschauer dennoch die Nase rümpft und diesem Lebensstil nichts abgewinnen kann. Ästhetik ist etwas anderes. Auch ich kenne persönlich einen Menschen, der in ähnlichen Zuständen lebt und damit scheinbar sehr glücklich und zufrieden ist. Natürlich ist diese Form des Daseins berechtigt und die Abgeschiedenheit von allem, was modern und “gesundheitsschädlich” ist, mag auch positive Aspekte haben, jedoch bilden sich hier für mich keine nachahmenswerten Zustände oder gar erstrebenswerte Momente, sondern dieses Bild liefert eher einen traurigen Anblick eines Lebens, das einen Menschen zeigt, der vom Grunde seines Herzens glücklich und zufrieden und mit sich im Reinen ist.
Diesen Spagat auf die Reihe zu kriegen und sich tatsächlich in diesen Menschen hineinversetzen zu können, ist etwas sehr schwieriges. Gleichsam erfährt man sowohl eine historische Reise, die Geschichten aus älterer Vergangenheit zum besten gibt und portraitiert damit die in der Zeit hängengebliebenen Relikte und Rituale eines jemand, der längst nicht vereinsamt oder armselig ist, sondern in seinem Inneren großartigen Reichtum trägt.
 

.kinoticket-Empfehlung: Eventuell bedient man sich hier der Hilfe einer der .trailer, um dieses Werk etwas besser einschätzen zu können, da es einen filmisch als auch optisch vor große Herausforderungen stellt.
Wer einmal die Sympathie erlangt hat und in den Suhl des Lebens eingedrungen ist, kann sich tatsächlich zurücklehnen und die Langsamheit des Protagonisten genießen, ob man sich deshalb jetzt aber in den Räumlichkeiten aufhalten möchte, steht denke ich auf einem anderen Blatt.

 
Nachspann
❌ braucht man nicht abwarten, hier folgt nichts weiter.
Kinostart: 14. Juni 2018
Der Film startet deutschlandweit in folgenden Kinos:
Nürnberg: Casablanca
Regensburg: Andreasstadl
München: ab der 2. Woche im Werkstattkino

Allied

Robert Zemeckis, dem wir Filmlegenden wie Zurück in die Zukunft I-III, Der Tod steht ihr gut, Forrest Gump und Contact zu verdanken haben, wirft einmal mehr den Scheinwerfer über dem Regiestuhl an und widmet sich diesmal einem Drama, das ich in einer derart sensiblen, zärtlichen und einfühlsamen Verbaljonglage so noch nicht erlebt habe.
Da ich diesen Film im Rahmen der Sneak Preview Tage später erneut im deutschen Synchronton erleben durfte, muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass sich meine Rezension tatsächlich auf die Originalversion bezieht, die man (wahlweise mit deutschen Untertiteln) der Deutschen auf jeden Fall vorziehen sollte.
Warum?
Brad Pitt und Marion Cotillage machen hier einen derart feinfühligen Sprachwettbewerb auf, der mit dieser extrem anmutigen Darstellungsweise von ihr beispielsweise eine abartige Gänsehaut erzeugt, wenn sie an vielen Stellen des Films elegant durchs Bild tanzt und sich in ihrer ruhigen, sensiblen Art und Weise nicht nur durch die Gegend, sondern auch den Plot bewegt.
Pitt reagiert darauf nicht weniger professionell und erhebt die Kunst des Krieges damit auf ein neues Niveau: Der Überraschungsmoment im Film ist nicht etwa der, den man als Zuschauer tatsächlich im Stillen erwarten würde, sondern erhebt sich auf völlig neue Ebenen, die sich einem erst dann erschließen, wenn man wirklich im Film sitzt und alles andere um sich rum langsam ausblendet.
Das Ganze gipfelt in einem Finale, bei dem ich in der OV-Vorstellung wahrhaftig Tränen in den Augen hatte. Die stille Verzweiflung, das erhebende Gefühl von Liebe und Geborgenheit, die Sehnsucht und inneren Wünsche wurden von Cotillard hier so dermaßen eindrücklich in die Kamera gesendet, dass der deutsche Zuschauer nur davon träumen kann, dieses Momentum in gleichem Ausmaß zu erleben.
Tatsächlich ist nämlich in der Synchronisierung jeglicher Charme dieser eleganten Darstellungsweise durch plumpes “Ablesen” verloren gegangen, was den Film zwar auf bildhafter Ebene großartig erscheinen lässt, mit dem stumpfen Dahinplappern der Dialoge dann aber eher zu einer ungewollt-komischen Vorstellung erscheinen lässt, die den tieferen Sinn dieses Dialogs völlig ins Abstruse verkehren.
 

.kinoticket-Empfehlung: Nichtsdestotrotz sollte man sich aufmachen, denn Allied – Vertraute Fremde schafft auch hier wieder Raum für großartig erzähltes Kino und präsentiert eine wunderbare Geschichte mit herzergreifendem Ende.
Wer immer die Chance dazu hat, sollte sich nach den OV-Vorstellungen umsehen oder später in den VOD-Portalen nach eben jener suchen, denn nur hier kommt wirklich rüber, was Zemeckis uns in seiner Geschichte sagen wollte.

 
Nachspann
enthält Cast & Crew nach üblicher Manier, wartet aber nicht mit Bild- oder Videomaterial auf. Der Sturm zum Ausgang ist also gerechtfertigt.

Petterson und Findus – Das schönste Weihnachten überhaupt

ZDF lässt grüßen. In Sachen Altbackenheit. Traditionell. Opa-Flair. Dazu noch zweitklassige Animationen und fertig ist ein Film, der höchst seltsam anmutet und hier die Kinderschar begeistern will.
In der Kinderbuchwelt scheinbar wieder ein etabliertes Werk, das man als Elternteil kennen sollte (Gottseidank hab ich keine Kinder) und von dem es schon einige Vorläufer und Serien gibt. Ändert nichts daran, dass der Film irgendwo nicht zünden will.
Zielpublikum sind hier wohl die 4jährigen, die eine Geschichte rein instinktiv über die Momentaufnahmen einiger Bilder wahrnehmen und sich den Rest mit ihrer kindlichen Fantasie dazu ausmalen. Oder man wirft etwas ein und schaut sich das Teil auf einem Trip an, das könnte dann auch spannend werden.
So bleibt hier eine Verniedlichung, die kaum auszuhalten ist und rein gar nichts mit der Realität zu tun hat. Allerhöchstens mit der des ZDF – ich weiß es nicht. Ich zumindest hätte meinen Namen nicht für so etwas hergegeben. Und als Familienfilm taugt der auch nur, wenn man sich hinterher heftig mit der Jugendfraktion auseinandersetzen und zerstreiten möchte, weil der Tag im Arsch ist.
Ja, hier sollen Werte vermittelt werden, die mit Freundschaft, Familie, Hilfe und anderen Dingen zu tun haben, aber das Umfeld ist derart surreal, dass ich an dieser Stelle noch nicht mal von einem Lerneffekt durch eine eindrückliche Moral sprechen will, sondern mich eher zügeln muss, damit keine Aggressionen hervorbrechen, die in breiten Kotzattacken enden.
Es war schwierig, den Film bis zum Ende anzusehen und es ist noch schwieriger, darüber zu schreiben, ohne mich strafbar zu machen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wenn ihr zur rollkragenpullovertragenden farblosen Generation gehört, die nach Omi-Parfum stinkt und bei denen die Moderne komplett ausgeschlossen ist, euch Schmonzetten absolut nichts ausmachen und ihr keine gute Moral wollt, sondern einfach nur eine Geschichte, die hinterm Mond anzusiedeln ist, dann geht hier rein.
Ganz im Ernst: Ich liebe Weihnachten und mach diesen ganzen scheiß Kitsch mit, weil es mir was bedeutet, einfach mal ein paar Tage im Jahr nachdenklicher zu werden und sich allgemein zu beruhigen.
Aber damit es ein schönes Weihnachten wird, werde ich alles dafür tun, um diesem Film so fern wie möglich zu bleiben. Anders kann ich es für mein Empfinden an dieser Stelle nicht ausdrücken. Sorry ZDF.

 
Nachspann
Ob es sich lohnt, hier zu warten, ist fraglich, denn die Sequenz ganz am Schluss ist … nichtssagend. Hm.

Burg Schreckenstein

Wir sind wieder im Kinderland und laden ein in die coolste Schule aller Zeiten:
Überraschend an Burg Schreckenstein ist die wahnsinnig etablierte Welt, in die man als Zuschauer geworfen wird und keinerlei deutschen Blödsinn vorfindet, der einem in irgendeiner Weise auf die Senkel geht. Was hier zählt, sind Unbefangenheit, gesunde Kindheit, Freude, Freunde, Spaß und jede Menge Abwechslung – und das gepaart mit dem absolut coolsten Rektor aller Zeiten, der beispielhaft zeigt, dass man – zumindest in Filmen – auch anders mit der ehrbaren Pädagogik umspringen kann als so viele Lehrkräfte dies in unserem Land tun.
Abseits jedweden biederhaften Benehmens erlebt man hier einen Zusammenhalt, der grenzübergreifend für Freude auf der Leinwand sorgt und Kindern ein Universum bietet, in das sich wahrscheinlich ein Großteil sowieso wünscht.
Was mich am meisten beeindruckt hat, ist die Wertevermittlung, derer man sich dabei angenommen hat. Nicht seitens der Erwachsenen, sondern auch zwischen den Kids selbst tobt hier eine tief empfundene Freundschaft, die in Filmen für Kids seinesgleichen sucht. Die Lässigkeit, mit der man auch an schwierige Situationen rangeht, die Normalität innerhalb der Crew, wenn man als Zuschauer etwas völlig anderes (dummes) erwartet – der Sound und das Ehrgefühl, dass man hier vermitteln möchte, machen aus Burg Schreckenstein für mich einen Film, der für Kinder absolut geeignet ist und damit das Attribut Familienfilm sofort verdient hat.
Erstklassige Unterhaltung für jung und alt, die einen zurückversetzen in die eigene Kindheit oder einfach nur eine Plattform zum Träumen bieten, die einen für ein paar Minuten aus der Realität rausholt und somit genau den Zweck verfolgt, den Kino haben sollte: Meisterhaft zu unterhalten.
 

.kinoticket-Empfehlung: Als Familienfilm uneingeschränkt empfehlenswert, sofern man auf Streiche, viel Kameradschaft und jede Menge Trubel steht, der hier Heiterkeit und Fröhlichkeit verbreitet, die so in Kidfilmen selten zu sehen ist.
Die Coolness aller Beteiligten überzeugt auf einem Niveau, dass ich diesem Film absolut nicht zugetraut hätte. Mit dieser Reihe darf es gerne weitergehen!

 
Nachspann
aufstehen, rausrennen und .. nichts verpassen, denn hier folgen keine weiteren Eindrücke mehr.

Mit besten Absichten

Schaut man sich dieses nervenzerreißende, triste Bild am Anfang des Films an, erwartet man unbewusst absolut nichts gutes. Wenn der Publisher dann auch noch Sony Pictures Classics heißt, zieht sich bei so manchem wahrscheinlich auch noch der Magen zusammen und es zuckt in den Gebeinen, um möglichst schnell aus dem Saal zu verschwinden.
Und genau dies sollte man tunlichst vermeiden, denn mit Mit besten Absichten hat Regisseurin Lorene Scafaria eine Arbeit abgeliefert, die sich nicht nur meisterlich aus den wirtschaftlichen Überbossen von Massenfilmen herauskristallisiert, sondern zudem nicht nur wahnsinnig herzergreifend, melodramatisch und emotional rüberkommt, sondern auch eine Geschichte erzählt, die mit fortlaufender Spielzeit immer berührender wird und schließlich in einem fulminanten Ende gipfelt, das aus einem spannenden Kinoabend etwas Unvergessliches werden lässt.
Herausragend ist nicht nur der Plot, der in Zeiten von überdimensionalem Wahnsinn sowieso schon etwas ganz besonderes darstellt, sondern auch die schauspielerischen Leistungen von Susan Sarandon, die in ihrer Klasse als unverwechselbar gilt und dem Film durch ihre eigene Persönlichkeit eine Note verleiht, die kein Computer mit noch so großer Rechenkraft ersetzen könnte.
Das Problem, dass in den großen Blockbustern die Schauspieler alle austauschbar sind und der eigentliche Star die Technik ist, die den Größenwahnsinn proklamiert und mal mehr schlecht als recht und dann wieder besser zu überzeugen weiß, birgt das Problem, dass Filme zur Massenware degradieren und man als Zuschauer keine echten Schauspieler mehr serviert bekommt, sondern allenfalls “Lückenfüller”, um die menschliche Komponente im Film auch noch zu beleben.
Früher war das anders – und das unterstreicht das “Classics” am Ende des Publisher-Namens dann auf höchst erfreuliche Weise, denn hier wird etwas abgestellt, das vor Seele und wahrem Leben nur so trieft.
Dass sich die Inhalte der Geschichte zudem auch noch tief in die eigene Seele vorbohren und dort einen vergnüglich-schmerzlichen Eindruck hinterlassen, ist die Kirsche auf der Sahnetorte, die man den Teilhabenden dieses Ensembles gerne gönnt.
Wer sich also ab morgen auf die neue Kinowoche vorbereitet, der sollte sich diesen Titel ganz genau ansehen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Herrlich oldschool, aber nicht altbacken, sondern mit einer erfrischenden Prise Humor, Vergnüglichkeit, Seelenschmerz und auf der Suche nach der eigenen Identität in einer Welt, in der auf einmal alles anders ist als es bisher war.
Hier versteht jemand sein Handwerk und schenkt seinen Zuschauern ein Werk, dass vor einfühlsamem Verständnis nur so ins Herz übergeht. Ein Film, den man sich besser mehrmals anschaut als ihn auch nur ein einziges Mal zu verpassen.
Reingehen!

 
Nachspann
driftet langsam ins Off … also nicht ganz so schnell aufstehen, sondern gemütlich aus dem Saal raus. Dann passt das.
 
P.S: Noch nie wurde Product Placement so elegant und komödiantisch als Stilmittel eingesetzt wie hier – von daher sind die teils übertriebenen Einlagen ebenfalls zum Schmunzeln 😉

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