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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Grossstadt

Symphony of Now

Hand hoch: Wer hat 1927 schon gelebt und ist damals bereits ins Kino gegangen? All jene dürfen sich glücklich schätzen, das Original tatsächlich auf der großen Leinwand gesehen zu haben, allen anderen verrate ich jetzt den Titel und bin mir gleichermaßen fast sicher, dass sie damit nichts großartig anfangen können, da so etwas kaum viral gehen dürfte: Berlin – Die Sinfonie der Großstadt war das maßgebliche Vorbild für diese höchst gelungene Neuauflage eines Kunstprojekts, dass die Liebe zu dieser traumhaften Großstadt in diversen modernen Facetten zeigt und dabei vollständig in die Kultur und den Geist der Hauptstadt eintaucht und die Menschen und Stadtszenen in einem meisterlichen Stück zusammenführt.

Das Wörtchen “Symphony” darf hier gern persönlich genommen werden: An dieser Stelle würde ich nämlich auch nicht von Soundtrack oder -kulisse sprechen, sondern tatsächlich von kuratiert-ausgewählten Stücken, die in Symbiose mit den vollständig frei und neu ausgewählten Bildern einen künstlerischen Exzess hervorrufen, der anfänglich durch seine grobe Andersartigkeit besticht, aber alsbald in seinen Bann zieht und so einen vollkommen neuartigen Dokumentarfilm abbildet, der sich dem Kulturleben der Hauptstadt widmet und eine interessante Geschichte zu erzählen hat.

Der besondere Umgang mit Formen, Architektur, Farbspielen und Licht- sowie Schattenelementen, das extravagante Herantasten an die scheinbar undurchdringliche Nacht-Gesellschaft einer modernen Generation erschafft hier visuelle Impressionen, die sich nur vollständig in seiner Gänze im Kino ausleben lassen und denen man mit kleineren Displays und Soundausstattungen kaum beikommen kann.

Ob der kurzen Laufzeit empfiehlt es sich also sehr, hier bewusst den Gang ins nächstgelegene Lichtspielhaus anzutreten und das warmweiche Soundbed dort in einem Klangraum zu erleben, den man nicht auf dem Handy oder Netflix-Abspielgeräten nachstellen kann.

 

.kinoticket-Empfehlung: Auch, wenn hier wirklich alles vollständig anders ist, als man es erwartet: Die Fülle an Impressionen und die gelungene Auseinandersetzung mit der Berliner Kulturszene ist auch im Süden Deutschlands oder anderen Bundesländern ein Grund, Symphony of Now im Kino zu besehen, denn nur dort entfaltet er seine großartige Wirkung tatsächlich.

Was hier gemacht wurde, ist großartige Kunst in einem völlig neuartigen, modernen und zeitgleich nostalgischen Können miteinander zu verzahnen und dabei das Portrait einer Stadt zu zeichnen, dass sich ein jeder im großen Saal anschauen sollte. Woanders wirkt das Ding einfach nicht.

 

Nachspann
❌ enthält keine weiteren Szenen oder Bildmaterial und darf daher gern abgekürzt werden, wobei das verfrühte Hinaustigern aus diesem eh schon kurzen Stück tatsächlich wenig Sinn macht.

Kinostart: 12. Juli 2018

Original Title: Symphony of Now
Length: 65 Min.
Rated: FSK 0

Aschenbrödel und der gestiefelte Kater

Es ist Weihnachten vorbei und die Kinos öffnen ihre Pforten und zeigen Aschenbrödel und Der gestiefelte Kater als Theateraufführung auf den Leinwänden.
Die Frage ist: Warum?
Natürlich: Fernsehen buddelt alljährlich seine “Traditionen” aus den Verließen und hinterlässt eine schleimig-langweilige Spur des immergleichen Inhalts sekundenversetzt auf fast allen öffentlich-rechtlichen Kanälen, damit auch ja niemand das bislang “ungekannte” Material verpasst. Es wirkt fast so, als pervertiere sich das Kulturangebot der Öffentlich-Rechtlichen selbst und offenbart die Wiederholungskultur, die man sonst – nicht ganz so penetrant – auch auf den scheinbar bildungsreichen und kulturdurchzogenen Kanälen zum Besten geben will.
Damit entblößt sich die augenscheinliche Verzichtbarkeit des zwangsabgabenfinanzierten Medienangebots und zeigt einmal mehr die Einfallslosigkeit und den Unmut zum Wagnis offensichtlich und unverblümt. Aschenbrödel gehört ungefragt zu diesen Sendungen, die bislang jeder wirklich einmal irgendwo gesehen haben sollte – und auch hier höre ich kein Aufschrei in der Nation nach Gleichberechtigung zwischen den unterschiedlichen Filmangeboten oder lese Hashtags auf Twitter zur Gleichbehandlung verschiedener Sendungsangebote – nein, dieser Umstand wird einfach hingenommen und als gegeben akzeptiert. Gesellschaftliche Konsequenz.
Umso erstaunlicher, dass nun auch die Kinoketten ihr Programmheft mit Angeboten wie eben jenem füllen und auf einmal “Neue Titel” in der Liga der Angebote rund um die Leinwand auftauchen, von denen so mancher scheinbar im Kino noch nichts gehört hat – also Abflug und reingehen und schauen, was einen da erwartet.
Die Idee an sich ist nicht schlecht: Mitmachkino für Kinder, die instruiert werden und anschließend das Geschreie, Klatschen und wilde Rumtobereien quasi von der Leinwand herab angeführt werden, um die Aufmerksamkeit durch körperliche Bewegung und Animation aufrechtzuerhalten und den Kleinen dabei auch ganz unbemerkt noch ein Stück Theater-Kultur mit auf den Weg zu geben.
Auch die Denkleistung wird gefördert, indem sich die Jüngsten ihres Vorstellungsvermögens bemächtigen müssen, um herauszufinden, welcher Charakter von den beiden Darstellern auf der Bühne nun grad wer ist. Hier sehe ich Tendenzen zur kulturellen Erziehung, Bildungsreichtum und Märchenvermittlung auf moralisch hochwertigem Niveau, das man den jüngsten Zuschauern da präsentiert.
Wieso also sehe ich derartige Sendungen nicht beim Zappen durchs ZDF und ARD oder auf den dritten Kanälen? Muss einmal mehr Kino beweisen, dass es doch besser geht, als man es vom TV gewöhnt ist?
Die Tatsache, dass der Titel bereits aus dem Jahre 2013 stammt, spricht eigentlich Bände.
Schade eigentlich, denn hier läge so viel Potenzial, um endlich einmal der breiten Bevölkerungsschicht zu vermitteln, wofür ihre Rundfunkgebühren verwendet werden, denn die wenigsten werden bis zum Ende der Abspänne von Kultur-Filmen im Kino sitzen bleiben und feststellen, dass da auch ihre Gebühren mit drin stecken.
In der Kinosparte haben sich die Öffentlich-Rechtlichen nämlich bislang immer öfters als wahre Goldgruben hervorgetan, die durchaus sehenswerte Titel erschaffen können und bei vielen wunderbaren Dokumentationen, Biopics und anderen Kunststücken mitwirken … aber in ihrem eigenen Medium vermisse ich so etwas wie Aschenbrödel und der gestiefelte Kater bislang noch schmerzlich.
Zeit, dass sich das ändert – und so lange darf man diese (veralteten) Titel gerne immer wieder auf die Leinwand zurückholen und zeigen: Wir brauchen mehr davon, also produziert uns etwas, dass unserer Tage gerecht wird und wieder auf den Leinwänden erstrahlen kann.
 

.kinoticket-Empfehlung: Der künstlichen “Wäh”-Stimmung der Besucher könnte man durch breiter angelegte Streuung in den Öffentlich-Rechtlichen zuvorkommen, dann würden Titel wie dieser in den Kinos nicht ganz so erbärmlich untergehen.
Idee, Umsetzung und kultureller Mehrwert sind hier nämlich sehr wohl gegeben und ich würde begrüßen, wenn sich mehr Filmschaffende auf solche Inhalte konzentrieren und sie wieder in die Kinos bringen würden.

 
Nachspann
braucht man nicht abwarten.
Kinostart: 20. November 2013 – derzeit wieder in vereinzelten Sondervorstellungen.

Ein Dorf sieht schwarz

Ich muss langsam aufpassen, dass ich nicht doch damit anfange, hier und da zu spoilern, auch wenn das beim Titel eh schon fast auf der Hand liegt, worum es bei diesem Film gehen könnte. Politisch gesehen trifft man auf jeden Fall den Zahn der Zeit und schlägt damit komplett auf die Zwölf.
Dass das auch ohne moralische Predigten und vorgehaltenen Zeigefinger funktioniert, beweist Regisseur Julien Rambaldi mit seinem neuesten französischen Hit Ein Dorf sieht schwarz derzeit aktuell auf der Leinwand. Die beschwingte Fröhlichkeit des französischen Comedy-Kinos trifft auf die heitere Abwechslung in der Culture-Clash-Komödie mit tragischen Elementen, die das Bild einer nicht erwachsen gewordenen Gesellschaft abzeichnet, die sich im Laufe der Zeit kaum gewandelt hat, obwohl um sie herum doch irgendwie alles anders geworden zu sein scheint.
Dass die Franzosen witzige Filme hinkriegen, weiß man schon längst. Dass diese Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht und das Leben oftmals die besten Geschichten schreibt, ist auch kein Geheimnis mehr. Vereint man dann beides auf der Leinwand, bekommt man ein rührendes Erlebnis, das weder im Schmalz noch in irgendwelchen Fettnäpfchen verunstaltet wird und dabei die zu Herzen gehende Geschichte einer Familie beschreibt, die auch in diesem Jahrzehnt wieder politische Relevanz in sich trägt.
Dabei versucht man nicht, einen weltumspannenden Hit zu generieren, der mit immer weiter reichenden Gags das Publikum erobert, sondern bewegt sich kaum aus der Wohnzimmerwohlfühlarea hinaus und baut eher im heimischen Stil den Charme rund um den Zuschauer selbst auf. Das Konstrukt erhebt sich am Ende zu einem wunderbaren Gesamteindruck und hinterlässt einen zutiefst emotionalen, herzergreifenden Moment.
 

.kinoticket-Empfehlung: Nichts für einen bombastischen Kinoabend, sondern eher für die gemütlichen Stunden zu zweit abends im Bett – wer dafür den Kinosaal bevorzugt, sollte sich eher in ein Independent-Lichtspielhaus verkrümeln, denn dort ist dieser Film bestens aufgehoben und erhält die ihm zustehende Würdigung.

 
Nachspann
kommt außer dem üblichen Abspann keiner mehr, man darf also raus rennen, sobald es dunkel wird.

Die Häschenschule – Jagd nach dem Goldenen Ei

Wir haben wieder mal einen Film, der offensichtlich auf Kinder ausgerichtet ist und bei dem das ZDF seine Finger im Spiel hat.
Ich rieche viel Konservatismus, fragwürdige Moral und erzieherische Methoden, die dem Klischee nach in den vergangenen Jahrhunderten eingeordnet werden könnten. Dazu noch einige Filmförderungen am Start, die auch nicht unbedingt für ihren geistigen Kreativitäts- und politischen Spielraum bekannt sind. All das ergibt eine explosive Mischung, die mich in den ersten 15 Minuten auch sehr viel Bauchschmerzen gekostet hat.
Relativ schnell kristallisiert sich heraus, dass man hier eben nicht wieder die bekannte und vermutbare Keule ausgepackt hat, sondern beweist, dass man mit alten Traditionen brechen und durchaus etwas sehr Erfrischendes, Ehrliches und Lohnenswertes in die Kinos bringen kann.
Dabei umreißt man mal nicht die vor Klischee triefenden Moralgeschichten, sondern beschäftigt sich mit den Themen, die im angesprochenen Zielgruppenalter tatsächlich auf der Tagesordnung stehen.
Das Problem hierbei sehe ich nicht darin, dass der Film falsch aufgezogen wurde, sondern dass man sich als Erwachsener tatsächlich absolut nicht angesprochen fühlt. Denn für die Zielgruppe ist das mal eine erfrischend moderne Weltansicht mit einem pädagogischen Faktor, den ich offengestanden dem ZDF in diesem Ausmaß nicht zugetraut hätte.
Von der Seite her hat es mich gepackt und ich kann dieser genialen Buchverfilmung meinerseits eine Empfehlung aussprechen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer Material für die Jüngsten sucht und sich weder auf konservatives Gequatsche noch langweilige Plots einlassen will, ist hiermit richtig gut bedient.
Man beweist Stärke in Form einer herausragenden Botschaft, die in eine spannende, kindgerechte Story verpackt wurde und die Eltern die Möglichkeit bietet, ihre Kinder stilvoll und pädagogisch wertvoll zu unterhalten.

 
Nachspann
Unbedingt sitzen bleiben, hier kommen noch weitere Szenen.

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