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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Florian Karlheim

Frau Mutter Tier

Kennt ihr diese "Bio-Mütter"? Die alles und jeden zu irgendeiner keuschen Vegan-Flunker-Krümel-Backstein-Diät erziehen müssen und alles und jeden verteufeln, der nicht vollständig in ihren eigenen Exzessen aufgeht und sich in seinen Gelüsten allem und jedem beugt und dann der ganzen Welt vorspielt, wie toll und einfach doch alles ist, nur, um hintenrum dann zusammenzubrechen und in einen "Mallorca-Urlaub" in die nächste Anstalt zu fliegen, um sich von den geistigen Krankheiten wieder einigermaßen erholen zu können, bevor man endgültig vor Lüge, Trugsucht und Hass auf das Eigenversagen zusammenbricht und schließlich aufgibt und sich irgendwo auf dem Speicher aufhängt?
Ich erlebe und treffe regelmäßig diesen Schlag Menschen und würde ihnen allen mit Vorliebe kompetent in die Fresse schlagen und spürbar zeigen, dass es so nicht geht.
Und wenn ihr jetzt denkt: Großer Gott, nun kommt der mit so einem Film um die Ecke: Jap! Und nein – es ist so köstlich anders, als ihr nun alle glaubt: Den grandiosen Schlag in die Fresse übernimmt nämlich der Film – oder anders gesagt: Voila, hier ist er.
BAM!
🙂
Jap, ich HASSE diese Raben-rotierende-Helikopter-Bio-Mama-Geraffel-Tanten, die sinnfreien Sprit in ihr seelenloses Hirn pumpen, selbst nicht mit ihrem Leben klar kommen und dir dann erklären, wie dein Leben zu funktionieren hat und sich selbst als "Life-Coach" bezeichnen. Und glaubt mir, meine Waffen waren in den letzten Jahren oft genug gewetzt, und eben jene sind knapp der Gesichtsdresche entgangen, weil mein Beherrschungsgen grad noch so funktioniert hat.
Und im Zuge dessen darf ich euch eröffnen: Es ist ein herrliches FEST, was dieser Film dazu zu sagen hat. Er führt diese Persönlichkeiten nämlich höchst selbstbeweihräuchernd vor und entfesselt danach den Sturm der Gerechtigkeit über dieser Schwadron an Dummheit und Non-Intelligenz, um den gemeinen Kinozuschauer so richtig tiefherzig und umschwelend zu befriedigen. Und zwar in jederlei geistiger Hinsicht. Und anderswie auch.
Ich feiere wieder einmal die Obsieg-Macht der Wahrheit in den Kinos, die offen ansprechen, kein Blatt vor den Mund nehmen, Wahrheiten erkennen lassen, wo sich ganze Heerscharen sonst was vormachen und eben die Dinge auf den Punkt bringen, ohne dabei ausfallend oder verächtlich zu werden.
Und dieses Kunststück – Felicitas Darschin sei Dank – kann ab kommenden Donnerstag endlich ein jeder auf einer Leinwand seiner Wahl bewundern und sich dabei so richtig herrlich amüsieren und feststellen, wie schön vielfältig und inhaltsreich deutsches Kino doch sein kann.
Mit tiefer Verbeugung und aufrichtiger Danksagung: Gebt uns bitte mehr davon. Und behaltet dabei den zynischen Grad an Wahrhaftigkeit bei, so wie hier, dann feier ich euch auch in Zukunft weiter!
 

.kinoticket-Empfehlung: Zynisch, böse, durchleuchtend und offenbarend: Die Wahrheit über die fürchterlichsten Wesen dieser Erde – in seiner glorreichen Gänze!
Frau Mutter Tier echauffiert sich nicht nur über die schlimmsten der Schlimmen, sondern zeigt auch gleich noch bildungsfördernd Möglichkeiten der Eigencharakterbildung auf, um diese grausame Spezies möglichst bald auszurotten und der Vergessenheit anheim gedeihen zu lassen.
Selten so ein wohlschmeckendes Stück Wahrheit mit purer Ironie und dem süßen Geschmack der Offenheit verschlungen. Und glaubt mir – es geht runter wie Öl!

 
Nachspann
❌ braucht man nicht abzuwarten, hier kommt nichts mehr.
Kinostart: 13. September 2018
Original Title: Frau Mutter Tier
Length: 96 Min.
Rate: FSK (tba)

Zwei Herren im Anzug

An diesem Film scheiden sich wohl die Geister – die theatergeprägte Generation beschreit dieses Werk als Meisterstück zeitgeschichtlicher Dokumentation in Vollendung und feiert Josef Bierbichler als modernen Helden des Kinos ab, der es endlich vollbracht hat, die gebeutelte Geschichte dieses Landes fesselnd auf die Leinwand zu bannen, die nicht so versierten Freunde altdeutscher Geschichte fühlen sich gelangweilt und gelegentlich vor den Kopf gestoßen ob der missdeutbaren Botschaft, die dieses Werk hinterlässt.
Tatsächlich hat mich dieser Film beides – begeistert und verärgert. Als übermäßiger Konsument von Geschichten auf der Leinwand empfand ich es als sehr erfrischend und technisch super gelungen, mal einen Film in unserer Zeit zu sehen, der bewusst in schwarzweiß gedreht wurde. Obwohl man als Laie meint, dass dies ja alles einfacher macht, da man sich nicht mehr um Farben und Aussehen scheren muss, liegt die Wahrheit eher im Gegenteil: Es ist schwieriger, einen Film in schwarzweiß zu bringen, weil hier die Bildgebung und viele Details wesentlich schwieriger umzusetzen sind und man nicht mehr nur “einfach draufhalten kann”. Von dieser Seite her hat man die Umsetzung tatsächlich extrem gelungen auf die Reihe gebracht und das Spiel mit den diversen Wechseln sehr gekonnt inszeniert.
Ebenfalls hochgradig gelungen ist der Tritt ins vergangene Jahrhundert, das Aufleben lassen dieser Zeit und die historische Verbundenheit durch eine Generation hindurch zu sehen ist etwas, das man in anderen Filmen nicht in diesem Ausmaß hat. Die lokale Verbundenheit und der – wenn man so will – rote Faden durch alles ist in diesem Stück plastisch, historisch und grenzt dabei schon fast an das Unverständnis heutiger Generationen, die diese Epochen eben nicht mehr in dem Ausmaß zelebrieren, wie sie damals von der aktuellen Generation proklamiert wurde.
Und da kommen wir zu dem Punkt, was mir letztendlich übel aufgestoßen ist: Dieses immerwährende Festhängen an unliebsamen Fakten, die sich im Nachgang nicht mehr ändern lassen und auch heute keine neuen Lösungen anbieten, sondern sich einzig und allein im Bad von Schuld, Schuldzuweisung und Egalität suhlen, statt konkret Verantwortung zu übernehmen und für seine Sünden zu büßen.
Dieses Thema ist ein heikles, das in vielen Bereichen bereits große Kriege entfacht hat und wenn ich dann als jemand, der nicht in dieser Zeit gelebt oder aktiv und bewusst etwas davon mitgekriegt hat, sondern die Taten vergangener Tage nur aus Geschichtsbüchern und Filmen kennt, aus einem Film gehe und mir sage: “Okay, die Welt ist schlecht”, dann ist das eine Erkenntnis, die gleichzeitig keine ist, denn genau das wussten wir alle schon lange.
Es wäre in der Tat ein historischer Meilenstein, würde man die Egalität derjenigen dann einfach mal weglassen, sich das Gejammer von “Ich wusste es ja nicht besser und habe eigentlich auch nichts gemacht” sparen und sagen: Wir waren das und genau das war scheiße, es tut uns leid.” – dann hätten heutige Generationen die Möglichkeit, Schuld zu vergeben und man könnte gemeinsam damit beginnen, die schwarzen Kapitel der Vergangenheit in Sühne und Vergebung zu ertränken und sich tatsächlich an die Aufarbeitung machen.
Ich habe dem deutschen TV früher oft vorgeworfen, in seiner eigenen Historie zu ertrinken und keine anderen Themen zu kennen – von Freude und Ausgelassenheit ganz zu schweigen. Überzeugt haben mich diesbezüglich aber eher amerikanische Filme, auch in Sachen Moral. Die fehlte mir hier nämlich gänzlich – und dafür ist dieses Werk mit seinen 139 Minuten deutlich zu lang.
Freunde dieser Zeit, Leute mit den gleichen verschrobenen Ansichten oder Persönlichkeiten, die sich zurück in jene Epochen wünschen, feiern natürlich ein Fest alter Traditionen, finden sich wieder inmitten grandios ausgearbeiteter Szenen, die ein irres Bild vermitteln und tatsächlich tief in die Verkommenheit menschlichen Seins vordringen, aber all das bringt am Ende nichts, wenn es nicht zu einer Lösung führt oder gar Vorbild wird, sondern man sich schlichtweg drumrum entschuldigt und seiner eigenen Verantwortung entzieht.
Und genau das halte ich diesen Generationen bis heute vor – und nun steinigt mich dafür.
 

.kinoticket-Empfehlung: Josef Bierbichler fungiert hier gleichzeitig als Romanautor, Filmemacher und Hauptdarsteller und vereint die Geschichte einer Familie eines ganzen Jahrhunderts in historischen Bildern, die weit über dem stehen, was andere Dokumentationen bisher ablieferten.
Die Gleichgültigkeit, mit der man hier in Sachen Verantwortung umgeht, hat mich erneut vor den Kopf gestoßen und das Gesamtprojekt in Frage stellen lassen, weil mir dafür einfach zu viel Unverständnis und Einsicht entgegengekommen ist, die ich mir sinnigerweise von den Erzählenden gewünscht hätte.
Wer also eine zeithistorische Aufarbeitung besehen möchte, ist mit diesem Werk bestens gesegnet, jedoch sollte man weder Moral noch einen Sinn darin suchen, denn der wird uns gänzlich vorenthalten.

 
Nachspann
braucht man nicht abwarten, hier folgen keine weiteren Szenen mehr.
Kinostart: 22. März 2018

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