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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Experiment

The First Purge

Wenn “Purge” im Titel vorkommt, darf bei den Producern so viel Blumhouse Productions stehen, wie will: Dann hab ich mit diesem Label meinen absoluten Frieden. The First Purge ist nach The Purge – Die Säuberung, The Purge: Anarchy und The Purge: Election Year bereits das vierte Filmchen dieser grandiosen Spielfilmreihe und begeistert ein weiteres Mal mit unerwartetem Tiefgang und grandiosen Horrorfilmeinlagen.
Inzwischen hat Blumhouse Productions als Probier-Label von sich reden gemacht, die Dinge testen, die sich sonst keiner der großen Studios mehr traut. Die Produktionskosten sind in fast allen Fällen überschaubar gering und somit ist ein möglicher Flop durchaus verschmerzbar, zumal sich kommerziell gesehen in letzter Zeit öfters ausgezahlt hat, dass man sich solch neuer Filmversuche angenommen hat.
The First Purge ist kein Filmversuch mehr, sondern bereits die dritte Fortsetzung einer großartigen Filmidee, die eben nicht auf stupides Blutgeplänkel und billige Gore-Effekte setzt, sondern sich psychologisch als auch politisch mit möglichen Szenarien einer absurden Welt auseinandersetzt und diese einfach mal durchexerziert. Entertainment at it’s best: Man nutzt gekonnt die Leinwand für psychologische Spielchen, die in der realen Welt undenkbar wären und sorgt so für großartige Unterhaltung in ihrer vollen Blüte! Es macht einfach nur Spaß.
Nun könnte man meinen, dass man im vierten Teil nun endlich allen Saft aus dem Wollmilchkuhschwein herausgepresst hätte und nicht mehr viel Neues hinzukommen kann: Es wurde alles gesagt, es wurde alles gezeigt und nun geht’s in immer wiederkehrende Wiederholungen rasant in Richtung Langeweile? Nein! Genau diese Erwartungen mag man vielleicht als unvoreingenommener Kinobesucher anfangs haben, aber genau da erlebt man, weshalb ich diese Filmreihe so sehr schätze: Man trumpft mit Inhalten und gibt sich nicht mit billigen Wiederholungen zufrieden.
Es sind eben nicht die sonst bekannten Splatter-Erfahrungen, die abseits jedweder Vernunft und Größe den Geist dieser Horrorlandschaft ausfüllen, es sind wohl durchdachte, provokante und tiefgründige Gedankenexperimente, denen man Leben einhaucht und ihnen Bilder und Töne angedeihen lässt, damit sich der Zuschauer gänzlich darauf einlassen und die Folgen dessen genießen kann. Selten hab ich so viel Menschlichkeit in einem Film gesehen, dessen Aufgabe es ist, das Leben in jeder Form zu verachten und den niederträchtigsten Gelüsten Freiraum zu verschaffen!
So mag vielleicht der ein oder andere enttäuscht sein, weil die Werbung, .trailer und Poster andere Töne angezeigt haben, der Film selbst überrascht aber mit einer großartigen Portion Seligkeit und türmt dabei die professionellen Erwartungen an diese Filmreihe weiter nach oben auf: The First Purge zeigt Größe und beweist einmal mehr, dass Horror nicht gleich Stumpfsinn sein muss: So wird’s eben richtig gemacht!
 

.kinoticket-Empfehlung: Anders, als so manch einer vielleicht erwarten würde, aber dafür umso reichhaltiger und bewundernswerter: The First Purge opfert seine Liebe dieser ausgefallenen Idee und steht als Prequel ganz oben auf dem Treppchen der gelungenen Fortsetzungen.
Soundtrack, Kulisse, Dramaturgie und Tiefgang als auch Kostüme und Masken: Hier hat man richtig investiert und sorgt einmal mehr für offenes Staunen und Verwunderung, wenn auch aus völlig anderen Beweggründen als anfangs angenommen. Diesen Film darf man sich als wahrer Purge-Fan sowieso nicht entgehen lassen!

 
Nachspann
❌ braucht man nicht aussitzen, es sei denn, man steht auf den Soundtrack 😉
Kinostart: 5. Juli 2018

The Circle

Am schlimmsten sind die Dinge, von denen keiner so wirklich merkt, dass sie immer mehr zum Alltag werden, bis es irgendwann kein Zurück mehr gibt.

In Zeiten von Digitalisierung, Vorantrieb durch die Politik, gnadenloser Überwachung und dem konzentrierten Ausbau totalitärer Transparenz merkt man nicht, dass bestehende Konzerne wie Facebook, Apple, Google oder Amazon im digitalen Bereich längst die Weltherrschaft an sich gerissen haben und die Bürger durch ihre Strategien kontrollieren.

Die Menschen rennen ihren Produkten hinterher, erfreuen sich an der scheinbaren Kostenlos-Politik und merken dabei nicht, dass die Währung des heutigen Zeitalters längst nicht mehr Geld in Form von Papier und Münzen, sondern die digitale Identität zum Zahlungsmittel mutiert ist.

The Circle nimmt sich dieses Themas an und baut dabei auf Ideen aus dem Buch von Dave Eggers, der sich einfach mal vorgestellt hat, wie die Welt in ein paar Jahren aussehen könnte und welche Folgen diese Entwicklung haben wird.

Ansätze davon sieht man auch schon heute, wenn man mit offenen Augen den Fortschritt der Technik und des Internets begutäugt. Längst stellt sich nicht mehr die Frage, ob diese Mutation nun gut oder schlecht, gewinnbringend und förderlich oder angstbereitend ist, sondern man kümmert sich nur noch darum, wie man den Schritt in die digitale und damit vollkommen überwachbare Phase gehen kann.

Dass die Kameras in den Supermärkten an der Kasse nicht dafür da sind, um Diebstähle zu verhindern, sondern ebenfalls die Mitarbeiter überwachen und sogar ermöglichen, die Kunden und ihr Einkaufsverhalten auszuspionieren, dürfte jedem klar sein. Dass mit Punktekarten darum geworben wird, zu erfahren, was der Kunde tatsächlich gekauft und womit er bezahlt hat, ist auch kein großes Geheimnis mehr und die immer weiter um sich greifende Vernetzung aller möglicher Dienste, teils durch Aufkäufe von größeren Firmen (siehe Whatsapp-Übernahme durch Facebook) dienen nur mehr dazu, detailliertere Profile von Nutzern zu erstellen, um in der Flut von Userdaten Trends und Werbepublikum zu erkennen und letztendlich dadurch Geld zu machen.

The Circle treibt diese Gedanken und Entwicklung, in der wir mittendrin stecken, komplett auf die Spitze und zeigt im Schnellverfahren, wohin wir mit riesigen Schritten zurasen, wenn dieser Farce nicht irgendwann Einhalt geboten wird.

Und das wird nicht passieren. Niemand hat Interesse daran, Firmen Einhalt zu gebieten, die sich ehrenamtlich engagieren, soziale und ökologische Projekte fördern und Umweltschutz auf ihre Fahnen schreiben, um beim Publikum gut anzukommen. Keiner möchte auf die gut gemeinten Ansätze verzichten, die uns kostenlos in den Appstores angeboten werden.

Niemand macht sich irgendwo Mühe, wenn man das gleiche Ergebnis auch gratis von Google in Simplizität ausgeliefert bekommt und warum noch nach etwas suchen, wenn Amazon mühelos und günstiger nach Hause liefert.

Wer immer noch der Meinung ist, er könne durch Weglassen von Smartphones oder den Verzicht auf Online-Banking dieser Überwachung entgehen, der erkläre mir doch einmal, wie er im Stadtzentrum von München all den Kameras entfleuchen will, die überall in den Geschäften angebracht sind und mit denen auch die Straßenszenen aufgenommen werden können. Oder wie er verhindern will, dass er von unzähligen Smartphone-Aufzeichnungen erfasst wird, die ihr Material wieder an eine der großen Firmen ausliefern. Oder wie er ohne Bankkonto im Laden bezahlen will (unter laufenden Überwachungskameras), die somit in irgendeiner Form ermitteln, wer was wann getan hat. Oder wie er öffentliche Verkehrssysteme benutzen möchte ohne von Kameras (auf der Autobahn, im Bus, in den Zügen, S- und U-Bahnen) erfasst werden möchte.

Oder wie er tanken will, ohne dass er auf einem Überwachungsband landet.
Ihr merkt: Argumentationen dieser Richtung sind nicht nur sinnbefreit, sondern grenzen bereits an Lächerlichkeit und bezeugen eher, dass die Verfechter dieser Ansicht völlig am aktuellen Weltbild vorbei leben und keinerlei Ahnung haben, was sich direkt in ihrem Umfeld abspielt.

Damit wird The Circle wieder einer der Filme, die nicht nur mit offenem Mund wieder aus dem Saal schicken, sondern gerade deshalb zur Pflichtlektüre jedes Bürgers und Politikers gemacht werden sollten, um aufzuzeigen, dass all die Gemütlichkeit und Datenflut nicht nur gänzlich positive Seiten hat, sondern die Diskussion um Überwachung, “Schutz und Sicherheit” und mögliche Folgen noch lange nicht ausdiskutiert ist.

.kinoticket-Empfehlung: Der Gang ins Kino ab dem 14. September 2017 gehört zur Grundwissensausbildung und die breitgefächerte Diskussion in der Öffentlichkeit ist für mich eine unvermeidbare Aufgabe, der sich die Gesellschaft noch zu stellen hat.

Wer’s nicht abwarten kann, darf gerne inzwischen zum Buch oder einer alternativen Geschichte von Marc Elsberg greifen (Zero), um sich mit der Thematik vertraut zu machen.

Allen anderen wird ab oben genanntem Datum der Inhalt durch wahnsinnig gute Schauspieler präsentiert, die einen Film abliefern, der neben extrem spannender Unterhaltung auch unglaublich hohes Informationspotenzial aufweist und hier den Sprung aus der Entertainment-Kiste schon im .trailer vollzogen hatte.

Reingehen ist hier Pflicht und steht außer Frage!

Nachspann
❌ liefert keine weiteren Szenen, sollte aber bereits zum Gespräche beginnen genutzt werden, denn dieses Thema wird uns eines Tages alle umbringen, wenn niemand etwas tut!

Kinostart: 14. September 2017

Original Title: The Circle
Length: 110 Min.
Rated: FSK 12

Das Belko Experiment

Endlich mal wieder ein Film, der mit seinen Meinungen polarisiert und kein Allgemeinheitsgemansche erzeugt, sondern den Leute entweder die Tränen vor Glück in die Augen oder die Wut ins Gesicht treibt. Man fühlt sich direkt zurück in die 90er versetzt, wo man es auch in Hollywood teilweise noch so handhabte, dass man hier und da ein paar Genrefreunde befriedigte und einem die große breite Masse noch relativ egal war.
Blockbuster hin oder her – wir sind hier im Independent-Kino zu Hause und hauen da auch richtig auf die Zwölf. Freigabe ab 18? Läuft. Deshalb braucht jetzt aber niemand erwarten, dass wieder die klassischen Gore-Momente abgefeiert werden, in denen zermatschte Gehirne und möglichst brutale Schüsse mit Gekröse in 3D durch die Säle fliegen, sondern das erste Mal hat man ein so derbes Thema derart kunstvoll und intelligent inszeniert, dass mir immer noch der Schauer über den Rücken läuft.
Man spürt, dass hier eben nicht die barbusige Blondine neben zehn weiteren Klischees durchs Bild springt, bis auf einmal der Vorhang fällt und das fröhliche Gemetzel mit Killcount gestartet wird, sondern allein schon das “Intro” (wenn man so will) arbeitet sich mit extrem viel Fingerspitzengefühl und Charakterausarbeitung immer weiter durchs Geschehen, dass der Zuschauer zwar in der Achterbahn der Gefühle mitgerissen wird und auch irgendwie noch mit einem Arm am Gurt hängt, jedoch längst nicht mehr mit seinem Arsch im Sitz verankert ist, sondern wild durch die Luft schleudert und sich dabei immer wieder am Gestänge der Achterbahn anschlägt.
Die Voraussetzungen, mit denen man hier sowohl auf als auch vor der Leinwand konfrontiert wird, lassen jemanden wie mich innerlich frohlocken, denn endlich wird alles anders und Chaos bricht aus. Chaos reinigt die Welt von ihren aufgesetzten Zwängen und offenbart das wahre Wesen der Menschen. Ich höre schon die entnervten Enthusiasten aufstöhnen, weil hier gleich wieder die Klischeemoralkeule ausgepackt wird, um ein weiteres Mal zu zeigen, dass … und wer … und wieso …… Nein.
The Belko Experiment begleitet dich durch ein wahres Schauspiel, für das ich keine andere Bezeichnung finde, als stilvoll-perverse Kunst. Man spürt den Machern an, dass sie unglaublich intelligent waren, sowohl beim Schreiben der Dialoge, als auch bei den Überlegungen, wer weshalb wie handeln würde. Das typische Blabla, das man aus spanischen Horrorfilmen beispielsweise kennt, hat hier keinen Platz und selbst Abschlachtungen finden in gewisser Weise unglaublich elegant und absolut durchgestylt statt, was einem zwar vordergründig den Tod eines Menschen zeigt, ihm unterschwellig aber dennoch Respekt und Ehre erweist und somit kein sinnloses Töten bedeutet. Demnach sollte man sich nicht im Pollunder mit abgehalfterten Jeans, sondern eher im Opern-Dress in die Vorstellung hocken, weil spätestens zu dem Zeitpunkt, an dem die Musik einsetzt, klar wird, dass es sich hier keineswegs um Trash oder einen B-Movie handelt, sondern der Intellekt des Films auf weitaus höherem Niveau avanciert.
Dies spürt man bei Szenen, in denen das gesamte Kino vergnüglich im Takt der höchst anspruchsvollen Klänge mitschwingt, während auf der Leinwand das Unaussprechliche gnadenlos durchgezogen und dem Zuschauer mit aller Brutalität ins Hirn gemeißelt wird.
Und genau da beginnt die Diskussion, bei der sich so viele so unglaublich aufregen, ob der gefühlten Sinnlosigkeit der Taten in Verbindung mit der nicht wegzudiskutierenden Intelligenz und brillanten Inszenierung der dargestellten Abstrusitäten.
Und genau das feiere ich: Endlich mal ein Film, der nicht “Yoah, war ganz ok” aus den Mündern holt und ihn dann in Vergessenheit geraten lässt, sondern der für wilde Diskussionen sorgt und damit genau das erreicht, was man eigentlich im Kino erreichen sollte: Geteilte Meinungen und das Herausfordern des Geistes, damit sich der Zuschauer auch danach noch damit beschäftigen muss, um irgendwie damit klar zu kommen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ich hab’s gefeiert – in allen Punkten: Dem Aufbau, der Entwicklung, der abartigen Perversion, der philosophischen Tiefgründigkeit, der Darstellung, dem Score, der essentiellen Verbindung zwischen Optik und Akustik.
Ich habe keine Ahnung, womit die Macher diese perfide Konstruktion so elegant in den Raum zeichnen konnten, aber der Coup hat funktioniert und in meinem Fall voll eingeschlagen. Entweder man liebt es, oder hasst es – dazwischen gibt’s nichts.
Achja: Jeder, den ich danach gefragt hat, meinte, dass die Musik und der Soundtrack einsame spitze sind. Da waren sich komischerweise alle einig.

 
Nachspann
braucht nicht abgewartet werden, da folgt nichts mehr.
Kinostart: 15. Juni 2017

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