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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Drama Page 1 of 3

Don't Worry – Weglaufen geht nicht

Endlich wieder ein Titel, der von amazon studios produziert wurde und trotzdem das Licht der Leinwand erblicken darf: Dieses Werk braucht sich überhaupt nicht hinter aktuellen Kinoblockbustern verstecken, sondern zeigt einmal mehr, wozu das ehemalige Buchverkäufer-Label in der Lage ist. Und ich finde es großartig, dass man diesem Stück die Kinoauswertung nicht vorenthält, sondern den Zuschauern die Möglichkeit gibt, das Werk auf dem Big Screen zu besehen.
Die Story basiert auf dem wahren Cartoonisten und wird von Joaquin Phoenix hervorragend gespielt. Hat der überhaupt je einen Flop produziert? Mit flapsigem Humor bestückt schlängelt sich das bewegende Drama über alle Ebenen hinweg und portraitiert den Aufstieg und Fall eines Menschen in unterhaltsamer und einprägender Weise.
Die Portion Ruhe, die der Film dabei mitbringt, wirkt wie eine solide Basis, die es einem seelisch nicht ermöglicht, in irgendwelche Abgründe zu fallen, sondern garantiert, dass man trotz der ernsten Phasen dennoch seinen Spaß hat und nicht selbst in irgendwelche Depressionen rutscht. Zeitweilig wirkt es fast wie eine Doku, allerdings ohne das Stundenplan-Gefühl. Man hat einfach seine Freude beim Schauen, darf sich dabei auch gerne ein Popcorn genehmigen und erfährt vielleicht ein wenig Unterstützung dabei, wenn es darum geht, wieder “zurück ins Leben” zu finden.
Die Story ist definitiv spannend und es ist interessant, welche – und vor allem, woher – er seine Inspirationen nimmt. Ein spannender Fakt ist zudem: Obwohl ich mit dem Großteil des Casts bislang nicht so wirklich grün geworden bin, stört die Besetzung hier absolut nicht, sondern man wundert sich eher, dass wirklich diese Personen auf der Leinwand zu sehen sind: Sie fügen sich so wunderbar in den Plot ein, ohne Personenverherrlichung, die es auf Plakaten und in der PR bei Hollywood sonst übermäßig viel gibt.
Und mit dieser fast schon einzigartigen Genügsamkeit erobert sich der Film den Weg in die Herzen der Zuschauer ganz von allein.
 

.kinoticket-Empfehlung: Einprägsames Erzählerlebnis über das Leben eines vom Leben gezeichneten Menschen.
Die Story hinter ihm ist bezeichnend. Das Werk zeigt einmal mehr, dass Streaming-Giganten auch am Kino nicht vorbei müssen, sondern beide Optionen Hand in Hand miteinander kooperieren können. Die aufgelockerte und ruhig-fundierte Erzählweise sorgt für ein nachhaltiges Erlebnis beim Zuschauer und öffnet die Möglichkeiten für suchende Menschen, indem man viel Inspiration und Vorbildverhalten liefert. Und das ohne großartiges Helden-Rumgepose, sondern mit einer genügsamen und defensiven Einstellung.
Großartig!

 
Nachspann
✅ zeigt den wahren “Wegläufer” und zertifiziert damit die Geschichte als wahre Begebenheit.
Kinostart: 16. August 2018

Landrauschen

Phew – es hat lange gedauert, bis ich mich durch die Mühlen dieses Films durchgeackert habe und mich einiges an Emotionen und Selbstbeherrschung gekostet, das Ding wirklich bis zum Ende durchzustehen.
Ja, ich bin einer der Verfechter der Strategie, dass man Filmen einfach bis ganz zum Schluss die Chance geben soll, ihre Botschaft zu vermitteln und niemals (!) vorzeitig den Saal verlassen, weil es immer sein könnte, dass am Schluss dann Kind XY aufwacht, sich die Augen reibt und alles nur ein böser Traum war – was einen ziemlich miesen Einfall dann wieder genial machen würde.
Vorweg sollte ich vielleicht noch erklären, dass ich persönlich so einige Schwierigkeiten damit habe, wie man mit modernen Entwicklungen und Weltansichten in ländlichen Umgebungen umgeht. Ich bin selbst ein Kind Berlins, dass in Städten wie Frankfurt, München, Augsburg und Co. zu Hause ist und einen Wohnsitz im tiefsten Allgäu sein Eigen nennt und damit beide Welten gleichermaßen im kneippschen Wechsel permanent zu spüren bekommt.
Und die Szenen sind teilweise extrem hässlicher Natur! Hier greift der Film ein und zieht so ziemlich alle Register von Klischees, die mir einfallen und zelebriert sie einfach mal vollkommen durch. Während man (als gebeuteltes Kind) eine Tortur nach der nächsten durchleidet und sich überlegt, wie das alles noch schlimmer werden könnte, und dann dabei zusieht, wie eben jene Einfälle im Film plastisch und exakt so wiedergegeben werden … der Horror!
Man fragt sich, was die Macherin damit bezwecken möchte und kämpft sich weiter durch den Stoff, der auch im Queer-Cinema angesiedelt kein Vorzeigebeispiel ist, sondern an den Klischees erstickt! Warum?
Ja, ich wünsche mir schon seit ich klein bin einfach die Filme, die man der unbescholtenen Kirchenmama einfach in den Videorekorder einlegen und ihr sagen kann: “Kuck an, danach verstehst du und bist ein anderer Mensch!”, die es den Kindern und Jugendlichen abnehmen, selbst irgendwelche doofen Einfälle kreieren zu müssen, um über schwierige Themen zu reden und konservative Weltansichten zu brechen.
Was Filme wie dieser hier unmöglich machen, da sie den Konservativen eher die Argumente in die Hände spielen und man sich hinterher noch mit Sätzen wie “Siehst du, die sind allesamt krank, merkst du, wie gestört sowas ist?” auseinandersetzen muss und keine Zeit bleibt, die Auflösung abzuwarten, da diese Kritiker niemals bis ganz zum Schluss durchhalten und falls doch, eben jene Argumente dann mit “Ja, das ist im Film so, aber die Realität sieht anders aus” abtun und wegdiskutieren.
Das “in die Presche” für jemanden springen vollzieht auch Landrauschen damit nicht in Perfektion, sondern nähert sich hier eher maushaft an eine (ebenfalls wieder klischeehafte) Auflösung, die ich zwar in Teilen begrüße, aber eher als glückliche Nebenhandlung einer ansonsten misslungenen Darstellung preisen würde.
Soweit mal meine Gedanken während der Laufzeit. Danach habe ich darüber nachgedacht und bin die Dinge nochmal durchgegangen und habe mir Fragen gestellt:
Wollte die Regisseurin eher sarkastisch/ironisch auf die dümmlichen Verhaltensweisen auf dem Land aufmerksam machen und hat gerade deshalb bewusst und in voller Absicht eben jene Klischees tief und ausgiebig gezeigt?
Wollte sie die Menschen in der Stadt (ja, der Film läuft auch in München in den Kinos!) darauf aufmerksam machen, dass solch ein mittelalterliches Verhalten auch im Jahr 2018 noch existent und in vollem Gange ist und es eben nicht normal ist, dass man als Bürger andere Menschen und Weltansichten kommentarlos akzeptiert und toleriert, auch wenn man selbst anderer Meinung ist?
Wollte sie mit einem provokanten Film auf die überholten Einstellungen der Kirche hinweisen und Praktiken aufzeigen, mit denen nicht nur die Darstellerin in dem Film sich auseinandersetzen müssen und damit aufzeigen, welche Arschgeigen da teilweise in gehobenen christlichen Positionen sitzen, die allesamt Dreck am Stecken haben und sich ihre Heiligkeit sonstwohin stecken können?
Ist das alles nur bitterböse Ironie und der Satz auf dem Plakat tatsächlich kabarettistisch zu verstehen?
Das wäre dann der “Kind wacht auf”-Moment: Denn dann ist das Werk ziemlich genial! Dafür hätte ich dann ein wenig stärker auf die zynischen Absichten hingewiesen und sie nicht so im Sande verlaufen lassen, würde mich mit den gezeigten Inhalten aber viel mehr anfreunden und es als “Seht her, so geht es auf dem deutschen Land im Jahr 2018 zu” proklamieren und unter der Prämisse den Kirchenmamas eben jenen Film vorsetzen, auch wenn diese das ja schon wüssten, weil sie selbst so sind.
Ihr merkt: Man kommt um Klischees hässlicher Art nicht drumrum und muss sich irgendwie damit auseinandersetzen. Und das ist bei mir ein heißes Eisen, mit dem ich nicht gerne zu tun habe.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ertrinkt in allen Klischees dieser Welt und hat womöglich kritisch-sarkastische Absichten, die (wenn es so ist) das Werk tatsächlich zu einer gut erzählten Heimatdevastation machen und die Scheinheiligkeit der trügerischen Idylle entzaubert.
Das entbindet einen jedoch nicht, den tiefen Griff in die Klischeekiste durchleiden zu müssen, was für manchen zur Mammutaufgabe mutieren könnte, da es teilweise echt hässlich ist. Das zeigt zwar auf, in welcher Manier man auch heute noch auf dem Land agiert, ändert jedoch nichts an der Falschheit solcher Denkweisen.
Ob dieser Film dadurch ein gelungenes Beispiel für Aufklärung und Zusammenfindung ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

 
Nachspann
❌ braucht man nicht aussitzen, hier folgt nichts weiter.
Kinostart: 19. Juli 2018

The Rider

The Rider – endlich mal ein Film, der einem schon im Kinoplakat alles offenbart, was man vorher wissen muss, und dabei vermag, in keiner Weise zu spoilern oder wesentliche Elemente bereits im Vorfeld preiszugeben. Schaut euch dieses romantisch verwöhnte Bild einfach mal genau an, studiert seine Absichten, lest zwischen den Zeilen: Dieser Film revolutioniert ein Genre, dem er gar nicht zugehörig ist. Zumindest nicht so richtig.
Es ist kaum zu glauben, dass gerade so ein Werk verantwortlich dafür ist, der Welt zu zeigen, dass dieses machohafte Gehabe, das wir aus solchen Werken normalerweise kennen, und das für viele die einzige Quelle solcher Geschichten ist, gar nicht der Realität entspricht, sondern dahinter eine Gefühlswelt verborgen ist, die man solch einer Unternehmung niemals zugetraut hätte.
Dieses Ding hat mich überwältigt. Die Bilder betören und senden eine sensible, verträumte, fast schon verletzliche Form von Gewalt auf die Leinwand, die zum einen schockt, zum anderen fesselt und in seinen Bann zieht. Chloé Zhao schafft es als Regisseurin, hier eine Ansicht an den Zuschauer zu vermitteln, der in den Gedanken und Sehnsüchten gefangen genommen wird und sich innerhalb dieser unendlichen Weiten bewegen kann, ohne darin verloren zu gehen.
Wer schon mal einen kleinen Blick in die ersten Eindrücke und Kurz-Reviews des Films geworfen hat, wird die Überwältigung an allen Enden dieser Welt bemerkt haben, die dieser Streifen global ausgelöst hat. Auch mich hat’s geflasht und lasst euch zum Schluss eines gesagt sein: Nutzt die großen Leinwände, gerne auch in ruhigeren Sälen, die die maßgebliche Pracht und Schönheit erst richtig zur Geltung bringen – sie ersetzen in keiner Weise die kleineren Displays, auf denen man sich später dieses Werk zu Gemüte führen könnte.
 

.kinoticket-Empfehlung: Sensibles, beeindruckendes und emotional angereichertes Gefühlsepos in einem Genre, wo man dies so gar nicht erwartet.
Brady Jandreau spielt überragend und setzt damit Akzente in einem Umfeld, dass normalerweise von gegenteiligen Gefühlen geprägt auf der Leinwand exerziert wird. Dieser romantisch-verträumte Blick in die Abgründe einer Seele sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen und nur die große Leinwand dafür nutzen, damit die Naturgewalt und all die kleinen Details und Feinheiten richtig zur Geltung kommen.

 
Nachspann
❌ braucht man nicht auszuharren, hier folgt nichts mehr.
Kinostart: 21. Juni 2018

Call Me By Your Name

Lasst uns mal ein bisschen träumen: Ich bete schon, seit ich ihn gesehen habe, dafür, dass genau dieser Film den Goldjungen in der Kategorie “Best Picture” abräumt!
Es wäre so ein dermaßen endgeiles Statement der Academy und ganz ehrlich: Timothée Chalamet spielt zum Heulen schön! Egal, was du über die Thematik denkst: Nach diesem Film bleibt garantiert kein Auge trocken und kein Herz unberührt!
Bislang hat man noch nicht oft genug versucht, den Menschen diese Inhalte in einer derartig normalen Version zu vermitteln, und alle früheren Versuche hatten bislang eins gemeinsam: Sie scheiterten grandios!
Call Me By Your Name macht die Ausnahme und holt garantiert jeden aus seiner Ecke ab und pulvert ihn mit Normalität zu, dass gar nicht auffällt, was sich hier eigentlich tatsächlich abspielt!
Und Leute: Vorbilder! Es ist so tränenrührend nachahmenswert, wie sich Stuhlbarg und Co. hier verhalten: Jede Gesellschaft muss davor niederknien, zutiefst um Entschuldigung flehen und anschließend schwören, sich für alle Zeiten zu bessern! Eine bessere, sinnlichere und aufwühlendere Pointe in einem Bilderbad der Gefühle hat bislang noch niemand so unvergesslich auf die Leinwand gebannt!
Nach Call Me By Your Name gibt es einfach keine Entschuldigungen mehr, kein “Ich konnte es ja nicht wissen”, keine Intoleranz und Wegsehen – danach muss es endlich jeder verstanden haben und ich erbitte, dass die Welt reif genug ist, um damit umgehen zu können: Der Oscar® in Best Picture würde ein Vielfaches dazu beitragen!
Und ja, ich hab selten so intensiv und berührt im Kino gesessen und einfach geweint!
 

.kinoticket-Empfehlung: Mein Lieblingsfilm 2018? Call Me By Your Name.
Timothée Chalamet legt eine Performance an den Start, die dieses Genre ENDLICH mit Normalität, verspielter Jugendlichkeit und absolut liebenswürdiger Unerfahrenheit beseelt, was aus Call Me By Your Name für mich schon jetzt DEN Film des Jahres macht!
Rein! Anschauen und von dem lernen, was euch da vor die Füße gespielt wird – etwas herzergreifenderes wie das hier werdet ihr sowieso nicht so schnell wieder finden!
Vote 4 Best Picture!

 
Nachspann
😭😭😭😭😭😭😭 Wer hält sowas aus?
Kinostart: 1. März 2018
P.S: Man spricht bereits über Fortsetzungen … JAAAAAA BITTE!!!

Wunder

Erinnert ihr euch noch an die Zeit vor – ich glaube – ein oder zwei Jahren? Da war cineastisch überhaupt nichts los. Irgendwie lief nur Scheiße. Selbst die Blockbuster waren zum Kotzen und die Lust auf Kino tendierte gegen Null. Der Zuschauer wurde zu Hauf für blöd gehalten und man hatte das Gefühl, die Intelligenz hätte die Segel gestrichen und wir alle könnten nur noch dabei zusehen, wie die Welt nun vollkommen verdummt.
Recht und Ordnung, Moral und Anstand, profilschichtige Tiefe und sinnvolle Pointen – all das suchte man vergeblich. Es gab kein Independent-Kino mehr, keine Nischenfilme, kein Debüt-Kino, keine Insidertipps – und all das hat mir wahnsinnig Angst gemacht!
Die gute Nachricht: Meine Angst ist komplett vorbei! Ich freue mich so tierisch auf dieses Kinojahr, weil ich vieles davon schon gesehen habe. Ein Film davon ist Wunder und er wurde zu Recht und meines Erachtens mit zu wenig Oscar®-Nominierungen bedacht.
Es gibt ja den Ausspruch: “Nur die Harten kommen in den Garten” und dem möchte ich hinzufügen: Im Garten gibt es viele zerbrechliche Blumen, sinnliche Düfte, emotionale Freuden und andere Empfindungen, die mit Härte und Verbissenheit nur unterschwellig etwas zu tun haben. Und genau das trifft auch auf das Publikum von Wunder zu: An Emotionalität ist dieser Streifen wohl kaum zu überbieten und es ist kein Wunder, wenn es Damen gibt, die die ganze Vorstellung über entweder vor Freude oder Ergriffenheit bloß heulen.
Zur Zeit hab ich tatsächlich das Gefühl, Hollywood räumt nun endlich mal mit der moralischen Verkommenheit auf, die sich in den letzten Jahren in unsere Erdengesellschaft eingeschlichen hat und sorgt endlich wieder dafür, dass mal jemand vorlebt, wie man sich zu verhalten hat.
Und dabei kann man sich von allen eine dicke Scheibe Vorbild abschneiden, denn hier wird nicht schmalzig oder klischeehaft verkorkst, was viele andere Filme nicht in den Griff kriegen, sondern die authentische Liebe und der familiäre Zusammenhalt sind jederzeit spür- und greifbar.
 

.kinoticket-Empfehlung: Mich hat der Film tief berührt und ich sehe ihn als eines von vielen (kommenden) Beispielen unvergleichbarer Menschlichkeit, die in unser aller Leben wieder vermehrt Einzug halten sollte.
Lasst euch nicht von Owen Wilsons früheren Werken abschrecken: Dieser Film ist ein Beispiel dafür, dass auch er vollkommen ernste und herzergreifende Filme machen kann.

 
Nachspann
lohnt sich das Abwarten nicht, hier kommt nichts mehr.
Kinostart: 25. Januar 2018

Handsome Devil

Irgendwo hatte ich es bereits einmal erwähnt, dass die Filme, die man uns im Rahmen der Queerfilmnacht präsentiert, immer massentauglicher werden und längst nichts mehr mit der provokanten Abgeschiedenheit und Randszenen-Rebellion zu tun haben, die man früher aus dieser Genrebranche kannte.
Handsome Devil liefert hierfür ein brillantes neues Beispiel, das wieder einmal zeigt, dass man in Sachen Filmtechnik, Kameraführung, Optik und Design sowie Castauswahl und Plot durchaus verstanden hat, dass man sich gerne in den üblichen Bahnen Hollywoods bewegen darf, auch wenn man einen schwulen Plot zu bieten hat.
Und hier von “Oh mein Gott, Jungs lieben Jungs” zu quatschen, finde ich mittlerweile in vielen Fällen ebenfalls überzogen, da es gar nicht so sehr darauf hinausläuft, dass eben die Kerle schwul sind, sondern ganz andere Momente und Ebenen in den Vordergrund treten und die gleichgeschlechtliche Liebe nur noch ein Randfakt ist, der halt hier und da mal um die Ecke lugt.
Und damit hat man die eigentliche Eingrenzung in Queer-Cinema durchaus bereits verlassen und liefert Filme, die sich gekonnte Kinobetreiber auch gerne in die Wochenplanung einbauen können, ohne dabei auf großartigen Widerstand zu stoßen – mein Gott, hier und da ist halt mal eine Szene, wo darüber gesprochen wird – selbst gezeigt wird in diesem Fall kaum noch etwas.
Und darauf meinen großartigen Applaus! Genau so habe ich es mir schon seit Jahren gewünscht. Wenn man von Integration, Toleranz und diesem ganzen Quatsch spricht, den einige so dermaßen übertreiben, wie es bei Biofanatikern oft der Fall ist, dann löst man damit keine positiven Emotionen bei den anderen aus, sondern schürt eher neuen Hass – und genau das Gegenteil möchte man ja eigentlich erreichen.
So ist es auch kaum verwunderlich, dass neben mir eine Frau im Schwulenfilm sitzt und sich diese Thematik zu Gemüte führt – denn Handsome Devil ist nicht nur ein Parade-Vorzeigebeispiel für einen tatsächlich absolut gelungenen Gay-Film, sondern schafft auch in vielen Rollen und Nebenrollen zusätzlich absolut nachahmenswerte Perfekt-Beispiele für großartiges Verhalten in punkto Stereotype und Klischees.
Hut ab – so etwas dermaßen gelungenes hätte ich gestern Abend im Kino tatsächlich nicht erwartet!
 

.kinoticket-Empfehlung: Hier haben wir endlich DAS Paradebeispiel für einen absolut gelungenen, mainstreamtauglichen Genrefilm, der sich mit gleichgeschlechtlicher Liebe beschäftigt, ohne irgendwelche Ekelgefühle bei Konservativen auszulösen.
Lange haben wir darauf gewartet. Das Kino ist mittlerweile soweit und nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis diese liebenswürdige Normalität der Darsteller auch in der Gesellschaft heimisch wird und mehr Menschen so sind, wie z.B. dieser Lehrer.
Respekt – Hut ab – definitiv sehenswert. Notfalls halt auf Netflix.

 
Nachspann
kommt keiner, ist aber grafisch genauso hervorragend ausgemalt wie die restliche Optik des Films.
Kinostart: 16. November 2017

Good Time

Robert Pattinson kennt man in unserer Generation wohl eher aus der Twilight-Saga, mit der er sich international berühmt gemacht hat. Was ich an dem Jungen aber viel mehr bewundere, ist seine Entscheidung, sofort im Anschluss in die Independent-Produktionen zu wechseln und seine Karriere dort aufzubauen, statt sich – wie üblich – für Massenprodukte fürstlich bezahlen zu lassen.
Und es gibt ja bereits viele Titel, in denen er mitwirkt, die sich wirklich sehen lassen können und die ich den Twilight-Filmen immer vorziehen würde. Good Time gehört meines Erachtens dabei zu den wahren Stilblüten, in denen er die Hochkonjunktur seines kreativen Schauspielschaffens zeigen und erbarmungslos ausleben darf. Dieser Film ähnelt durch die Methoden des modernen Film Noir einer irren und subtilen Fahrt in die Abgründe des Wahnsinns solcher Eskapaden, die beim Zuschauer definitiv einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Es macht höllisch Spaß, dem düsteren Schaffen zuzusehen und selbst ein Teil davon zu werden. Dabei driften die Schöpfer auch niemals zu stark auf die Bahn der Hollywood-Geldmacherobjekte, sondern bleiben ihrem Hang zum Nischenkino immer treu. Angeführt von einer mehr als interessanten Persönlichkeit mit einer einzigartigen Ausstrahlung profitiert Good Time tierisch von Pattinsons Anwesenheit und macht aus diesem bislang nicht viel umworbenen Stück ein modernes Kinowunder.
 

.kinoticket-Empfehlung: Unbedingt reingehen! Einer der besten Darbietungen, die Twilight-Star Robert Pattinson je abgeliefert hat!
Zerreißt vor Spannung, Ambiente und diebischer Hingabe an ein Kinogenre, dem wir wieder etwas mehr Aufmerksamkeit widmen sollten! Einzigartig!

 
Nachspann
beinhaltet keine weiteren Szenen oder Abfolgen. Rausgehen erlaubt!
Kinostart: 2. November 2017

The Secret Man

Oftmals braucht man ja gar nichts mehr zu einem Film sagen, sondern einfach nur ein Gesicht dazu präsentieren, um die gewünschte Wirkung zu erzielen und die Zuschauerschaft ins Kino zu locken.
Wie wäre es mit Liam Neeson? Dessen Konterfei ja mittlerweile auch seinen eigenen Ruf erarbeitet hat und für ein ganz bestimmtes Genre steht, dass sich quasi schon als Subkultur innerhalb der Thriller- und Actionwelt begründet hat?
Ähm … schwierig. Richtig?
Aus dem Grund haben die Kostüm- und Maskenbildner in The Secret Man auch erstklassige Arbeit geleistet, da man den Mann in seiner Güte kaum wiedererkennt. Und seine Rolle schon gar nicht.
Bereits im .trailer entdeckt man eindrucksvoll, zu welch schauspielerischen Höhenflügen dieser bereits in die Jahre gekommene Mann noch fähig ist und dass er es durchaus versteht, seine Fans und darüber hinaus auch andere zu begeistern.
Nicht nur, dass diese Story wieder auf wahren Begebenheiten beruht, die damals von den Medien bis ins unerträgliche ausgeschlachtet wurden, sondern man münzt die Vorfälle in entertainmentfreudige und brachial-unterhaltsame Momente um, die einen erstklassigen und vor allem spannenden Polit-Thriller erschaffen, der gerne wochenlang die Blockbuster-Top-10 anführen darf.
Dass solche Naturgewalten schon seit Jahrhunderten die Massen begeistern, ist ja allseits bekannt. Einen so intimen Einblick in die privaten Bereiche dieser Organisationen mit Messer und Salz bewaffnet für all die wunden Punkte ihrer Karriere hat bislang aber noch keiner so eindrucksvoll hingekriegt.
Mich hat’s extrem mitgenommen und wieder mal hat Hollywood es nachträglich geschafft, eigentlich langweilige, für Schüler und Studenten uninteressante Politik zu einem sehenswerten Erlebnis zu machen, dass noch lange nachhallt und einprägsam einen Teil unserer Weltgeschichte ins Gedächtnis einbrennt.
 

.kinoticket-Empfehlung: Sehen sollte man den Film auf jeden Fall, denn der zerbricht fast unter seiner selbst aufgebauten Spannung – und das, obwohl eigentlich alles schon vorab bekannt sein könnte.
Dazu sollte man sich ein ungestörtes, großes und soundträchtiges Kino suchen, aber nicht auf Actionsequenzen warten, sondern sich von dem wummenden Sound und der politischen Härte umnieten lassen.
Unterhaltung ist dabei auf jeden Fall garantiert.

 
Nachspann
wahrt die Anknüpfung an die reellen Geschehnisse in Form von Sätzen. Danach folgt nichts mehr.
Kinostart: 2. November 2017

Schloss aus Glas

Das Thema Breakout ist derzeit in vielen Kinos wieder in Mode und erweist sich so langsam auch als Publikumsmagnet. Zumindest in kleineren Städten reißen sich die Menschen um .kinotickets für solche Vorstellungen und man rüstet den Wochenplan dementsprechend um, um genau das zu bieten.
Schloss aus Glas basiert erneut auf einer wahren Geschichte und ist somit zugleich Buchverfilmung als auch “aus dem echten Leben erzählt”. Die Geschichte ist derart verblüffend, tragisch und ergreifend, da sie nicht zwischen A und B entscheidet, sondern den erbitterten Zwist zwischen der notwendigen Realität und dem unerklärlichen Drang nach Freiheit und Ausbruch sorgfältig unter die Lupe nimmt und hier neue Formen des Umgangs damit präsentiert.
Durch seine “Tatsächlich passiert”-Nacherzählung verpuffen alle Argumente, die dieses Leben als “nur ein Film” hinstellen wollen und offenbart einmal mehr, dass es durchaus möglich ist, nicht nach den konformen Regeln des Konservatismus leben zu müssen, um tatsächlich erfolgreich und – viel wichtiger – glücklich im Leben sein zu können.
All dies verrät aber immer noch nichts über das, was uns in Schloss aus Glas in eindrücklichen und bleibenden Bildern erzählt wird. Brie Larson glänzt neben Naomi Watts an der Seite von Woody Harrelson, der wieder einmal Höchstleistungen darbietet, die auch in diesem Film wieder zum Anbeten sind.
Und neben all den Exzessen, Querulanten, Absonderlichkeiten und dem unbändigen Streben einer Coming-of-Age-Generation, die sich im harten Alltag durch alle möglichen und unmöglichen Situationen durchbeißt, erblüht hier eine diskutierbare Offerte von Optionen des Erwachsenwerdens, ohne dabei auf den Respekt und die Liebe verzichten zu müssen.
Und ich wage zu versprechen, dass jeder, der diesen Film besucht, auf irgendeine Weise angesprochen wird. Denn um das völlig gefühlskalt und emotionsbefreit abzutun, braucht es die Abwesenheit jedweder menschlicher Regung – und das dürfte in den seltensten Fällen der Fall sein.
 

.kinoticket-Empfehlung: Eine ergreifende und wahre Geschichte, die nicht nur mit völliger Schrägheit verblüfft, sondern die irren Windungen inmitten von Gesetzen und Normen durchbricht, um schlussendlich völlig befreit aus dieser Lage emporzusteigen.
Die Szenen sind beeindruckend und hallen noch lange nach, die Darsteller erobern die Herzen im Sturm und die erbitterte Wahrheit dieser Erzählung erschüttert noch lange danach den Geist.
Definitiv sehenswert und mega emotional!

 
Nachspann
sollte man mitnehmen, da dieser zur Glaubwürdigkeit extrem viel beiträgt.
Kinostart: 21. September 2017

Logan Lucky

Als ich damals im Internet auf die Suche nach ein paar Vorabinformationen zu Kinofilmen ging, die ich plante, mir im Kino anzusehen, traf ich auf extrem viele Spoiler, aggressive Meinungen und jede Menge Rücksichtslosigkeit, was das Verraten von Detailinformationen zur Handlung betrifft und mir damit den Genuss komplett zerstörte, weil ich mich jetzt während des Films nicht mehr von interessanten Wendungen überraschen lassen konnte.
Damals dachte ich mir: Warum jetzt eigentlich darüber aufregen, dass niemand so etwas schreibt? Schreib es doch einfach selbst und sei du der Unterschied, den du dir in der Welt wünschst. Gesagt – getan. Fortan habe ich zu jedem Kinoticket, das man mir verkauft hat, eine Rezension geschrieben: .kinoticket-blog.de war geboren.
Steven Soderbergh erging es mit den großen Studios genauso – und ich denke, man kann aus so manchem Interview herauslesen, dass die kreativen Ausflüchte und Risiken, die man als Künstler gerne eingeht, oft (immer?) von den geldeintreibenden Großmächten wieder zurückgestutzt werden und so das geistreiche Schaffen der Regisseure mächtig beschränkt wird. Also warum noch länger damit rumärgern und nicht einfach selbst den Unterschied machen?
Gesagt – getan: Er gründete seinen eigenen Verleih Fingerprint Releasing, dass derzeit in den Kinos mit seinem ersten Großprojekt Logan Lucky am Start ist, dem man diese schöpferische Freiheit vollkommen anmerkt.
Das Bild von traditionell zurechtgestutzten Charakteren fehlt völlig und man verzichtet auf den ganzen massentauglichen Mist zugunsten von Ideen, die spürbar nicht in der Allgemeinheit verankert sind, sondern sich wieder der überaus schwierigen Aufgabe widmen, dem Zuschauer eine neue Form der Unterhaltung zu bieten und ihn gleichzeitig dafür zu gewinnen, so dass er mit einem großen Maß an Befriedigung wieder aus dem Kino raus kommt.
Meiner Meinung (und den Lachern meiner Mit-Zuschauer) nach zu urteilen ist dies auch völlig gelungen. Die schroffe, unnatürliche Art, in unerklärten Gesichtsausdrücken und Handlungsoptionen zu verharren, sie als gegeben zu präsentieren und deren Beweggründe vielleicht auch im kommenden Abschnitt nicht hinreichend (oder auch gar nicht) zu erklären, bezeugt für mich wieder den Mut, den Zuschauer durchaus für fähig dafür zu halten, die logischen Lücken der Profile der Protagonisten durch Eigeninitiative zu füllen und somit für sich selbst ein schlüssiges und funktionierendes Gesamtbild zu erschaffen.
Damit schlägt Soderbergh gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Er erspart sich das BILDhafte Idiotenerklärungssystem, dass sich neuerdings in Blockbustern eingeschlichen hat und nutzt zugleich das biologische Belohnungssystem des Zuschauers, um positive Emotionen zu bilden. Und das ist – neben der Geschichte an sich – für mich der eigentliche Coup dieses Films: Der gewagte und lohnenswerte Schritt neben die Spur und damit endlich wieder mal auf erzählerisches Neuland.
 

.kinoticket-Empfehlung: Schon der .trailer war seltsam und der Film offenbart dann, warum: Hier waren kreative Kräfte am Werk, die ein in sich schlüssiges Gesamtkonzept präsentieren, dass einen Besuch im Lichtspielhaus definitiv sinnvoll erscheinen lässt.
Die Konzeption von Offenlegung der Profile im gleichen Atemzug mit den Stichpunkten der Handlung einhergehend legt man hier eine völlig neue Erzählweise auf den Tisch und schafft es, die Kundschaft von diesem zu überzeugen.
Für mich einen Besuch im Kino definitiv wert.

 
Nachspann
hat leere Taschen und braucht deshalb nicht ausgesessen zu werden.
Kinostart: 14. September 2017

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