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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Busfahrt

Swiss Army Man

Ich habe mich auf diesen Film gefreut und extra nochmal eine 150 km Fahrt investiert, um ihn in der Sneak Preview zu sichten, denn meine Befürchtungen, dass dieser Titel anschließend niemals seine Jungfräulichkeit auf der Leinwand der Masse ablegen wird, sind begründet.
Swiss Army Man ist dem Fantasy Film Fest entnommen, wo er auch bereits gezeigt wurde, was dem globalen Zuschauer ungefähr die Richtung vorgeben könnte, in welche Bahnen man hier mit der Kamera schwenkt und welche Inhalte man zum Programm macht.
Ladies und Gentleman, ich präsentiere: Independent Kino.
Den berühmten Namen eines Harry Potter-spielenden Daniel Radcliffe oder dem aus Love & Mercy bekannten Darsteller Paul Dano ist wohl zu verdanken, dass der reichhaltigen Auswahl aller Fantasy Film Fest-Filme eben dieser entzogen wurde, vermutlich, weil man sich mit einem derart bekannten Schauspielrepertoire doch ein gewisses Maß an Zuschauern erhofft oder eben hier die besten Chancen zur Weiterverwertung dieses Stoffes sieht.
Eben diese zwei waren auch der Grund, weshalb ich mich unglaublich auf diese Performance gefreut habe, denn spielen können die Jungs. Radcliffe ist seiner Schule längst entwachsen und hat bereits in Die Frau in Schwarz bewiesen, dass er hartem Stoff gefeit ist und Dano ist für mich per se eine Schauspiellegende, der unglaublich viel Feingefühl und verborgene Überraschungen in sich trägt, die vielleicht in kommenden Jahren stückweise enthüllt werden könnten.
Und allem Gezeter zum Trotz erhebt sich hier ein Stück, das jedweder Beschreibung spottet und dem Zuschauer erstmal einwas nimmt: Alle Grenzen und Barrieren.
Hierbei trennt sich sofort die Spreu vom Weizen. Sobald dann das Blitzlichtgewitter der aufgehenden Saaltüre endlich vorrüber ist, bleiben diejenigen sitzen, die zu geizig oder zu neugierig sind, um herauszufinden, was aus dem Stoff, der dem Zuschauer anfangs wirklich extrem viel abverlangt, geworden ist.
Wenn ich sage, es werden alle Grenzen überschritten, dann meine ich damit alle Grenzen. Der Mensch wird auf das absolute Minimum reduziert und in Dimensionen geschickt, wo nichts mehr zählt als das nackte Überleben.
Zwischen all dem Hohn, dem Schmutz, der fäkalen Sprache und dem irrsinnigen Schwachsinn erhebt sich dann stückweise eine Philosophie, die dir permanent mächtig ins Gemächt tritt und dabei jedesmal die Bühne für den nächsten Schlag frei macht, den dir die grenzensprengenden Momente dieses Films unwiederbringlich immer wieder ins Gesicht donnern, damit du auch ja nie vergisst, außerhalb deiner sonst denkenden Barrieren zu bleiben.
Das fällt einem als Nichtkenner solcher Movies erstmal richtig schwer. Eigentlich fällt es den ganzen Film über schwer, aber der biegt sich dann immer wieder in versöhnende Kurven, so dass die Lust niemals genommen wird, man aber immer wieder außerhalb der Bahn durch den Dreck schlingert, statt sich in einer kitschigen Komödie wiederzufinden, die auch ein anständiges Studio genommen hätte.
Und da sind wir wieder bei den Vorteilen des Independent Kinos: Es gibt keine Ärsche, die auf ihren hohen Rössern thronen und den Regisseuren vorgeben, was geht und was nicht. Man will Grenzen überschreiten und tut es auch. Alles, was man dafür braucht, ist etwas Akku in den Kameras und Menschen, die bereit sind, eine derartige Performance abzulegen, die schauspielerisch mit Sicherheit mehr abverlangt, als alle Marvel-Superhelden gemeinsam in den Pott bringen.
Denn das können die beiden wirklich herausragend: Diese abartige Rolle spielen, in die sie hier gesteckt werden und mehr als überzeugend rüberbringen, was man im Drehbuch womöglich gemeint hat. Mit Mimik, Andersartigkeit und völligem Entarten so überzeugend zu demonstrieren, dass alles, was sich der Mensch als Verhaltensweise angeeignet hat, eigentlich eine Farce ist, über die man am Ende verstohlen selber lächeln muss, gehört für mich auf einen Thron, der nicht nur im Kino platziert sein sollte, sondern weit darüber hinaus Spekulationsstoff für hoch philosophische Diskussionen bietet.
Und genau das ist das marketingstrategische Problem: Swiss Army Man kriegt man niemals für ein Massenpublikum aufbereitet in ein Kino rein, bei dem der Saal dann auch voll wird und die Leute es frenetisch abfeiern, insofern man nicht auf Wunderwaffen wie das Fantasy Film Fest zurückgreift, wo all die Fans von Independent aus ihren Gruften steigen und ihre Filme endlich mal auf der großen Leinwand bestaunen dürfen.
Insofern wird sich dieses Werk wohl eher auf einem Dachboden mit DVD Player verkrochen seiner Wohltat rühmen und still und leise im heimlichen Kämmerlein geschaut werden, was diese Sneak angesichts eines wirklich relativ gefüllten Saals dann zu einer noch interessanteren Show macht als ohnehin schon.
Dass der Film niemals alle Menschen auf seine Weise berühren kann, ist von Anfang an ausgeschlossen. Wer jedoch akzeptiert, dass hier mit Themen gespielt, die auch in fünftausend Jahren noch nicht auf RTL diskutiert werden, dem wird ein unvergesslicher Kinoabend zuteil, der – vermutlich – mangels Vorstellungen sowieso nur im heimischen Wohnzimmer stattfinden wird. Hier wiederum lohnt sich ein Stück weit mitgebrachte Ernsthaftigkeit und der Wille, sich des Stoffes tatsächlich anzunehmen, denn dann hat man eine wunderbare Diskussionsgrundlage, auf der basierend man so einiges im Leben hinterfragen darf.
Das ist dann der Moment, aus dem neue Ideen entspringen, der Zeitpunkt der Geburt von Kreativität und großem Geist. Das ist der Moment, wo die Trance, in die uns die Medien, sozialen Netzwerke und der nie aufhörende Boom an Überschwemmung von Informationen geführt hat, endlich aufhört und vielleicht ein erster Gedanke einem ansonsten schmutzigen Geist entspringt, der das Feuer des Lebens neu entfacht.
Dass dazu ungewöhnliche Methoden notwendig sind, versteht sich ganz von selbst. Und Swiss Army Man ist ungewöhnlich. Unbestreitbar. Doch davon solltet ihr euch vielleicht besser selbst ein Bild machen. Die DVD-Regale warten auf euch.
 

.kinoticket-Empfehlung: Tja, jetzt einfach alles auf einen Punkt zu bringen, ist genauso schwierig, wie das Publikum über die ersten 15 Minuten zu führen.
Nach der Vorstellung vor dem breiten Publikum einer preisreduzierten Sneak Preview wird der große Ansturm wahrscheinlich sowieso ausbleiben, demnach ist es schwierig, dass anschließend noch Leute aus dem Saal rennen, denn es geht wohl kaum erst jemand rein.
Und das ist nicht nur traurig, sondern zeigt auch, warum das Independent Kino bislang keine großartigen Erfolge feiern durfte. Dass eben jene Machart von Filmkunst allerdings extrem wichtig ist, davon zeugt Swiss Army Man genauso wie von der Tatsache, dass man hier sehr wohl gewusst hat, was man tat, die wahren Absichten aber genial zwischen den Zeilen versteckt hält.
Und Menschen, die dafür den Türöffner gefunden haben, haben hier nicht nur ein Freudenfest, sondern eine rühmliche Orgie an dematerialistischen Eindrücken, die nicht nur aus der Realität holt, sondern einen auch nicht wieder in diese hinein lässt.
Was meine Person angeht: Gerne mehr davon.

 
Nachspann
bleibt weitere Sequenzen schuldig, nach der Abblende darf man also nach draußen tigern und sich wieder in geordneten Bahnen bewegen.

Abschussfahrt – Vier ist einer zu voll

Für mich ist es immer ein wenig merkwürdig zu erleben, wie das Massenpublikum bei so manchem Film unbeteiligt dasitzt und es einfach so hinnimmt, obwohl hier meisterliche Arbeit getan wurde, und dann bei schnödem Humor in Gelächter ausbricht und auf einmal doch anwesend ist.
So geschehen bei den Vorschautrailern zu Abschussfahrt, auf den ich schon von Anfang an keine großen Hoffnungen gesetzt habe. Irgendwo hab ich mal eine Kritik aufgeschnappt, in der das Wort “Schuljungenhumor” gefallen ist – und mit eben diesen Erwartungen bin ich auch in den Streifen rein.
Ich wurde nicht so enttäuscht, wie erwartet, denn das typische Verhalten deutscher Protagonisten hielt sich charmant in Grenzen. Die Kiddies sind zwar durchaus dämlich und machen keinen Hehl daraus, als Loser dazustehen und gezeigt zu werden, punkten hier dann aber mit einer saftigen Portion Charme, so dass man ihnen ihre Dummheiten abkauft und sie in abwegiger Form doch irgendwo mag.
Die schnippischen Witze ziehen nicht so stark, wie man es z.B. von Fack Ju Göhte gewöhnt ist, führen aber dennoch zu Lachern, die jetzt zwar nicht im oberen Niveau angesiedelt sind, jedoch für deutsche Produktion durchaus zu überzeugen wissen.
Der Strom der Geschehnisse reißt einen auch nicht unbedingt großartig mit, es sind eher die improvisierend wirkenden Einfälle, mit denen sich die Darsteller aus den Situationen retten, in die sie sich unbewusst reinmanövriert haben. Und dabei passiert jede Menge Mist, der sich glaube ich selbst nicht ganz so ernst nimmt und eher ohne anzustrengen unterhalten möchte.
Und das schafft der Film in exzellenter Weise. Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass wir hier RTL-Niveau hätten, dafür ist er einfach zu gut, beinhaltet zu geile Musik und liefert kuscheligen Schulabschlussfahrt-Alltag, bei dem man gerne mal dabei ist.
Immer müsste ich sowas jetzt nicht haben, für zwischendurch zum Entspannen, um neben Filmen wie Mad Max: Fury Road 3D oder A World Beyond mal durchatmen zu können, jedoch genau das richtige.
 

.kinoticket-Empfehlung: Beinhaltet nicht die kindische Blödheit, die man beispielsweise aus Schweiger– bzw. Schweighöfer-Filmen kennt, und weiß mit gemütlichem Charme durchaus zu überzeugen.
Jedoch sollte einem klar sein, dass hier definitiv für Schüler gedreht wurde und erwachsenerer Humor und Anspruch ausbleibt. Ist man sich darüber im Klaren, erhält man leichte Unterhaltung, die zwischendurch mal ganz gut tut.

 
Nachspann
sollte man sich definitiv anschauen, der ist bis ganz zum Schluss fast witziger als der komplette Film.

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