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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: böse

Meine teuflisch gute Freundin

Wir sind wieder im deutschen Kino und man findet auf der Leinwand diesbezüglich fast alles, was hierzulande Rang und Namen hat – zumindest, wenn man die aktuellen Teenie-Stars mal so durchforstet. Dementsprechend kratzt man auch wieder an meiner heiß geliebten Theatersprache und beordert meine Fav-Stars gleich mal in den Keller, weil man so einfach nicht spricht. Aber was soll’s.
Samuel Finzi dürfte meinen Lesern aktuell noch aus HERRliche Zeiten in Erinnerung sein und wenn ich euch jetzt verrate, dass sein vorheriges Projekt Hot Dog war, dürfte jeder wissen, wie meine Sympathien um diesen Darsteller stehen und mit welchen Gefühlen und Erwartungen ich diesen Film begonnen habe.
Die Startvoraussetzungen sind also unterirdisch und genau da setzt wohl auch der Plot an, der – zu meiner großen Überraschung – zwar von vielen kleinen filmischen Gemeinheiten gebeutelt wird, sich daraus aber extravagant empor kämpft und dem Zuschauer, im speziellen dem Zielpublikum, eine wahrhaft sehenswerte Story vorbeibringt, die von Moral und guten Vorbildern geprägt ist und gleichsam durch seine Ungewöhnlichkeit ungemein viel Spaß bereitet.
Wer jetzt mit Anstand und Konservativismus ankommt, so von wegen “Teufel”, “Dämonen” und “Das ist nichts für Kinder, schon gar nicht für meine”, darf diese Vorurteile gerne sofort wieder einstecken, denn davon ist im Film rein gar nichts zu sehen. Schaut euch ein Profilbild des Darstellers an, dann seht ihr alles, was an “Teufelsfratze” im Antlitz erstrahlt – die Kindertauglichkeit ist demnach also gewährleistet.
Vielmehr finden die diabolischen Streifzüge eher in den Handlungen statt, wobei hier angemerkt werden darf, dass der Alltag in deutschen Schulen wohl oftmals wesentlich boshafter ist, als auf der Leinwand gezeigt. So mag wohl auch manch einer die Überschwänglichkeit der guten Seite anzweifeln, die jedoch im Rahmen des Films meiner Meinung nach super ausgelotet dargestellt wurde und fast wie der sprichwörtlich trockene Schwamm vorbildhaftes Verhalten an die Tagesordnung bringt, die unserer Gesellschaft in Teilen heute so arg fehlt.
 

.kinoticket-Empfehlung: Es ist schon bezeichnend, dass man erst in die Hölle hinabsteigen muss, um moralisch-ethisch vertretbares Handeln zu finden, was metaphysisch betrachtet schon wieder ein glanzvolles Beispiel zum derzeitigen Zustand unserer Welt offenbart.
Das alles in einen kinderfreundlichen Film verpackt, der wieder ehrbares Verhalten lehrt und dabei noch wunderbar unterhält, ist Inhalt dieses Films. Familientaugliche Kost, die gerne im Kino konsumiert werden kann – wer danach noch mit den Kids über das Verhalten der verschiedenen Charaktere spricht, hat pädagogisch alles richtig gemacht! Top!

 
Nachspann
✅ Ist zwar nicht sonderlich wichtig oder Story-vorantreibend, aber es werden alle Figuren nochmal schön bebildert gezeigt.
Kinostart: 28. Juni 2018

Hereditary – Das Vermächtnis

Horror und Kino – zwei Gegensätzlichkeiten. Könnte man meinen. Szenenintern geht der Horrorfan eher ins Festival, denn ins richtige Kino und selbst Normalos, die sich “nur ab und an mal einen Horrorfilm anschauen”, finden, dass das klassische Kino in den letzten Jahrzehnten kaum brauchbare Streifen in diesem Genre rausgebracht hat. Ein überdeutliches Kennzeichen dafür, was in der Massenproduktion der Filmindustrie schon seit Jahren falsch läuft: Man möchte wieder niemanden vor den Kopf stoßen und produziert daher kompromissbereit, was unweigerlich zur Folge hat, dass man die Liebhaber und eingeschworenen Fans unweigerlich vor den Kopf stößt.
Das, was man vermeiden möchte, um damit eine große – teils desinteressierte – Zuschauerschaft anzusprechen, stülpt man den Fans gezwungenermaßen über und vergrault so im Prinzip gleich alle. Diese elenden Eingriffe zugunsten von “Das könnte jemandem nicht gefallen und dieser Umstand kostet uns bares Geld!”, diese rigorose Selbstzensur zugunsten von Dollar und Reichtum, wird uns eines Tages noch unsere Freiheit im Reden und in der Kunst kosten.
Die Produzenten müssen wieder aufwachen und anfangen, Regisseure und Schreiberlinge das sagen zu lassen, was sie sagen möchten, um Streitgespräche zu entfachen, um zu provozieren. Um den Mächtigen dieser Welt zu zeigen, wo ihre Grenzen sind. Um Menschen zu mobilisieren, für ihre Rechte einzustehen und als Vorbild voranzugehen, diese Welt zu einer besseren Welt zu machen.
Dafür braucht es Leute, die Eier in den Hosen haben – Menschen, die sich was trauen und denen Geld auf deutsch gesagt scheißegal ist.
Ari Aster gehört zu diesen Menschen. Bereits zwei Jahre vor Produktionsbeginn sprach er mit Menschen und warb für sein Projekt. Er wusste genau, was er wollte. Er engagierte mehr oder weniger bereits große Teile der Crew, obwohl noch überhaupt nichts feststand und von Finanzierung noch gar keine Rede war. Er verfasste ein 75seitiges Manuskript nur mit Einstellungen und Festlegungen, wie der Film zu sein hat, ohne vorher Drehorte noch etwas anderes gesehen zu haben. Große Teile seines Sets baute er schlichtweg einfach selbst, da die Kameraeinstellungen und Drehmöglichkeiten schon so exakt feststanden, dass es quasi unmöglich geworden ist, einen Location Scout auf die Suche zu schicken, der dann wieder mit Kompromissen in der Tasche angekommen wäre.
Sprich: Er wusste genau, was er sagen wollte und ließ sich nicht durch irgendwelche dubiosen Grenzen und Panikentscheidungen ausbremsen.
Und das Ergebnis, liebe Kapitalismusgeilheitsfanatiker?
Der Film ist noch nicht mal in den Kinos gestartet und die breite Fangemeinde feiert ihn jetzt schon sensationell ab – und das zu Recht!
Dieses Ding revolutioniert das Horrorgenre auf eine völlig neue Weise und gilt jetzt schon als der Höhepunkt unseres Jahrhunderts. Und ja, seit Äonen war das wieder mal ein Film, bei dem ich im Kino saß und mitgezittert habe, der so richtig schön einzigartig und sehenswert ist – und der dem Psychohorror-Genre angehört. Dass ich so etwas noch zu Lebzeiten erleben werde, hatte ich schon längere Zeit bezweifelt. Allein die Kameraeinstellungen und Drehweisen sind spektakulär und erschaffen hier eine völlig neue Dimension des Schauens.
Diesen ganzen massengeglätteten Schwachsinn darf man sich also gerne getrost sonstwohin stecken – hier kommt der Titel, der endlich wieder das hält, was er verspricht: Hereditary. Wer das am Ticketschalter schlecht aussprechen kann, sagt einfach: “Ein Ticket für den besten Horrorfilm unseres Jahrzehnts!” und schult so gleich das Kinopersonal, ebenfalls reinzugehen und zu schauen, was die Leute da so mögen.
Gabriel Byrne gehörte mit Stigmata zu einem meiner Kindheitsträger, die damals schon eine tragende Rolle gespielt haben und Alex Wolff liefert hier auch sensationelle Darstellungen ab. Und das Ende ist gleichermaßen eine Verneigung vor dem klassischen Horror der 90er als auch eine grundlegende Neuschöpfung in Sachen Twist.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ein herausragendes Beispiel dafür, was passiert, wenn man sich einfach gnadenlos auf ein Genre einlässt und diese Menschen mit Bravour bedient: Ein Film, der schon weit vor Erscheinen von seinen Fans gefeiert wird und als DAS Meisterwerk seiner Branche schlechthin gilt.
Die absolute Verweigerung jedweder Kompromisse dient Regisseur Ari Aster hier als Erfolgsgarant: Die Menschen lieben diesen Titel und können es alle kaum erwarten, dass dieses Ding endlich in den Kinos startet, die damit zum ersten Mal seit Jahren endlich einmal erstklassigen Horror auf dem Big Screen präsentieren und sich nicht mit glattgebügeltem Schwachsinn zufriedengeben müssen.
Ein großartiger Meilenstein, der mit Würde schafft, worin vorher hunderte andere versagten.

 
Nachspann
❌ lohnt nicht, auszusitzen, hier folgt nichts mehr.
Kinostart: 14. Juni 2018

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