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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: besessen

Hereditary – Das Vermächtnis

Horror und Kino – zwei Gegensätzlichkeiten. Könnte man meinen. Szenenintern geht der Horrorfan eher ins Festival, denn ins richtige Kino und selbst Normalos, die sich “nur ab und an mal einen Horrorfilm anschauen”, finden, dass das klassische Kino in den letzten Jahrzehnten kaum brauchbare Streifen in diesem Genre rausgebracht hat. Ein überdeutliches Kennzeichen dafür, was in der Massenproduktion der Filmindustrie schon seit Jahren falsch läuft: Man möchte wieder niemanden vor den Kopf stoßen und produziert daher kompromissbereit, was unweigerlich zur Folge hat, dass man die Liebhaber und eingeschworenen Fans unweigerlich vor den Kopf stößt.
Das, was man vermeiden möchte, um damit eine große – teils desinteressierte – Zuschauerschaft anzusprechen, stülpt man den Fans gezwungenermaßen über und vergrault so im Prinzip gleich alle. Diese elenden Eingriffe zugunsten von “Das könnte jemandem nicht gefallen und dieser Umstand kostet uns bares Geld!”, diese rigorose Selbstzensur zugunsten von Dollar und Reichtum, wird uns eines Tages noch unsere Freiheit im Reden und in der Kunst kosten.
Die Produzenten müssen wieder aufwachen und anfangen, Regisseure und Schreiberlinge das sagen zu lassen, was sie sagen möchten, um Streitgespräche zu entfachen, um zu provozieren. Um den Mächtigen dieser Welt zu zeigen, wo ihre Grenzen sind. Um Menschen zu mobilisieren, für ihre Rechte einzustehen und als Vorbild voranzugehen, diese Welt zu einer besseren Welt zu machen.
Dafür braucht es Leute, die Eier in den Hosen haben – Menschen, die sich was trauen und denen Geld auf deutsch gesagt scheißegal ist.
Ari Aster gehört zu diesen Menschen. Bereits zwei Jahre vor Produktionsbeginn sprach er mit Menschen und warb für sein Projekt. Er wusste genau, was er wollte. Er engagierte mehr oder weniger bereits große Teile der Crew, obwohl noch überhaupt nichts feststand und von Finanzierung noch gar keine Rede war. Er verfasste ein 75seitiges Manuskript nur mit Einstellungen und Festlegungen, wie der Film zu sein hat, ohne vorher Drehorte noch etwas anderes gesehen zu haben. Große Teile seines Sets baute er schlichtweg einfach selbst, da die Kameraeinstellungen und Drehmöglichkeiten schon so exakt feststanden, dass es quasi unmöglich geworden ist, einen Location Scout auf die Suche zu schicken, der dann wieder mit Kompromissen in der Tasche angekommen wäre.
Sprich: Er wusste genau, was er sagen wollte und ließ sich nicht durch irgendwelche dubiosen Grenzen und Panikentscheidungen ausbremsen.
Und das Ergebnis, liebe Kapitalismusgeilheitsfanatiker?
Der Film ist noch nicht mal in den Kinos gestartet und die breite Fangemeinde feiert ihn jetzt schon sensationell ab – und das zu Recht!
Dieses Ding revolutioniert das Horrorgenre auf eine völlig neue Weise und gilt jetzt schon als der Höhepunkt unseres Jahrhunderts. Und ja, seit Äonen war das wieder mal ein Film, bei dem ich im Kino saß und mitgezittert habe, der so richtig schön einzigartig und sehenswert ist – und der dem Psychohorror-Genre angehört. Dass ich so etwas noch zu Lebzeiten erleben werde, hatte ich schon längere Zeit bezweifelt. Allein die Kameraeinstellungen und Drehweisen sind spektakulär und erschaffen hier eine völlig neue Dimension des Schauens.
Diesen ganzen massengeglätteten Schwachsinn darf man sich also gerne getrost sonstwohin stecken – hier kommt der Titel, der endlich wieder das hält, was er verspricht: Hereditary. Wer das am Ticketschalter schlecht aussprechen kann, sagt einfach: “Ein Ticket für den besten Horrorfilm unseres Jahrzehnts!” und schult so gleich das Kinopersonal, ebenfalls reinzugehen und zu schauen, was die Leute da so mögen.
Gabriel Byrne gehörte mit Stigmata zu einem meiner Kindheitsträger, die damals schon eine tragende Rolle gespielt haben und Alex Wolff liefert hier auch sensationelle Darstellungen ab. Und das Ende ist gleichermaßen eine Verneigung vor dem klassischen Horror der 90er als auch eine grundlegende Neuschöpfung in Sachen Twist.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ein herausragendes Beispiel dafür, was passiert, wenn man sich einfach gnadenlos auf ein Genre einlässt und diese Menschen mit Bravour bedient: Ein Film, der schon weit vor Erscheinen von seinen Fans gefeiert wird und als DAS Meisterwerk seiner Branche schlechthin gilt.
Die absolute Verweigerung jedweder Kompromisse dient Regisseur Ari Aster hier als Erfolgsgarant: Die Menschen lieben diesen Titel und können es alle kaum erwarten, dass dieses Ding endlich in den Kinos startet, die damit zum ersten Mal seit Jahren endlich einmal erstklassigen Horror auf dem Big Screen präsentieren und sich nicht mit glattgebügeltem Schwachsinn zufriedengeben müssen.
Ein großartiger Meilenstein, der mit Würde schafft, worin vorher hunderte andere versagten.

 
Nachspann
❌ lohnt nicht, auszusitzen, hier folgt nichts mehr.
Kinostart: 14. Juni 2018

Sinister 2

Was kommt dabei raus, wenn man das Genre “Horror” mit “FSK 16” und “mainstreamtaugliches Kino” mischt? Richtig: Meistens nichts gutes.
Warum mir der Film trotzdem gefallen hat?
Die Charaktere nehmen sich selbst ernst.
Wie oft begegnet man der manifestierten Dummheit, wenn man die Charakterausbildung in diversen Horrorfilmen ein wenig näher betrachtet. Hier macht man da ein klein wenig den Unterschied und setzt weniger auf ironisch-komische Einlagen, sondern vielmehr auf Ernsthaftigkeit und damit auch ein Stück weit Glaubwürdigkeit. Zwar beißt sich dies mit der Insgesamt-Aussage des Films zeitweise ein bisschen, jedoch gehen die Schauspieler in ihren Rollen authentisch auf und überzeugen so mit ihrem Tun.
Der Gruselfaktor stimmt.
Nichts ist schlimmer, als ein Horrorfilm, bei dem man ausschließlich lachen muss oder sich gar langweilt. Wenn die Tiefe der menschlichen Ängste nicht mal ansatzweise angekratzt wird, sondern nur oberflächlich peinlich versucht wird, durch altbekannte Tricks ein klein bisschen Panik zu schüren. Hier wurden jedoch Szenen eingebaut, die bei mir tatsächlich Gänsehaut auf dem Rücken spazieren schickten. Nicht viele, aber immerhin genug, um als Horrorfilm respektiert zu werden. Das Ungreifbare ist stets präsent, wenn klar ist, dass wieder ein wenig mehr ins Dunkel des Unwissens hervorgedrungen werden soll – und Psychoschocks sind sowieso wesentlich wirksamer als jedes noch so liebevoll angerichtete Blutbad im Bilderwald.
Die übliche Schlächterzählung fehlt.
Das systematische Abschlachten der anfangs lieblos eingeführten, oberflächlichen Darsteller fehlt hier gänzlich. Im Gegenteil: Es ist faszinierend, mit welcher Hingabe man sich hier an die Familie annähert und mit ihnen gemeinsam etwas erlebt, von dem anfangs gar nichts klar ist. Auch wenn der Clou der Geschichte eher fragwürdig und teils verstörend bis hin zu lächerlich ist, so hat der Weg in den finalen Abgrund durchaus seine Reize. Man springt zwar auf den Zug der bekannten Horrorfilm-Mache auf, reist aber nicht im Inneren des Waggons mit, sondern ist allenfalls S-Bahn-Surfer des Ganzen.
Der Soundtrack ist eigenwürdig genug, um hervorzustechen.
Es ist selten, dass man einen musikalisch so tief in die Verzerrtheit führen kann, dass selbst Disharmonien in sich vollkommen klingen und auf ihre perfide Art schon wieder eine völlig neue Harmonie ausmachen. Musikalisch betrachtet durchaus ein sehenswertes Stück, das irgendwie funktioniert und auch hier ein klein wenig aus der Masse ausbricht.
 

.kinoticket-Empfehlung: Nicht wirklich was für hartgesottene Fans von gruselnder Unterhaltung mit Sinn und Verstand, durch die Bodenständigkeit und andeutungsweise Andersartigkeit aber dennoch ein sehenswertes Stück, das in verschiedenen Punkten durchaus zu überzeugen weiß.
Die große Überraschung bleibt genauso aus, wie die totale Enttäuschung. Antipathien zu dem Film wurden bei mir keine geweckt und davor warnen würde ich auch zu keinem Zeitpunkt. Wer mal etwas anderes sehen will, darf hier getrost zuschlagen.

 
Nachspann
spart euch das Warten, hier kommt nichts weiter.

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