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wenn aus filmen leidenschaft wird

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Berlin Bouncer

Berlin Bounce

© 2019 farbfilm verleih GmbH

Ich möchte euch gar nicht zu viel verraten, am liebsten noch nicht mal, woher ihr David Dietl zuletzt kennen solltet: Denn das würde eure Wahrnehmung und Einschätzung schon wieder viel zu sehr in die falsche Richtung beeinflussen. Zumindest, was diese “Dokumentation” angeht: Die ist fürstlich komisch, seelennah und spiegelt ein originelles, authentisches und liebevolles Porträt einer Stadt und deren Menschen wieder.

Und nein, es liegt ganz sicher nicht an meiner sowieso bestehenden “Berlin”-Macke, dass ich zu dieser Stadt ein favorisiertes Verhältnis habe und die schönsten Stunden meines Lebens mit ihr verbinde. Die Pressevorführung wurde u.a. in München abgehalten und den Münchnern hat dieses Werk genauso positiv zugesagt wie mir.

Es liegt ganz sicher an den Menschen. Das hier sind Originale. Nicht austauschbare Originale – und damit wertvolle Leinwandfracht, die es selbst in den bestbezahltesten Hollywood-Blockbustern so nicht mehr gibt. Doch nicht nur das macht Berlin Bouncer zu einem einzigartigen Stück, sondern auch die Kulturdurchzogenheit und Einblicke in vergangene Zeiten, Sehnsüchte, Persönlichkeiten – eine Sparte, die man zwar kennen kann, aber von der in den Tagesthemen niemals die Rede sein wird und die damit dennoch gewissermaßen einem Underground-Kult angehört, der in dieser Stadt exzessiv gelebt wurde und wird.

Und ob ihrer unvergleichlichen Art schließt man die Darsteller/Protagonisten auch komplett in sein Herz und erlebt diesen leichten Frohsinn und das Zukunftsstrebende, eine Lebensweise, die man nicht so häufig im stressbehafteten Alltag antrifft und die darum umso mehr Freude bereitet.

.kinoticket-Empfehlung: Nach diesem Ding ist man irgendwie beflügelt, positiv überschüttet und mit Freude und Heiterkeit gesegnet, wenn man das Kino wieder verlässt.

Die Berliner Kulturabgründe, die sich im Rahmen diverser Geschichten hier auftun, befriedigen Nostalgie, Zeitwert-Gefühle und sind informativer Neugier-Natur, die ein unvergleichbar wunderbares und herrliches Bild einer Stadt und ihrer Menschen abzeichnet.

Definitiv sehenswert!

Nachspann
❌ muss man nicht zwingend aussitzen, hier folgen keine weiteren Szenen.

Kinostart: 11. April 2019

Original Title: Berlin Bouncer
Length: 87 Min.
Rated: FSK 12

M/M


© 2018 PRO-FUN MEDIA GmbH

 

Willkommen in einer Nische des schwulen Gay-Cinema bei einem Film, der gleichermaßen fasziniert wie verstört.

Da dies das pure Genre-Kino ist, sollte man sich darüber im Klaren sein, um was es hier geht und welche Bilder man evtl. zu erwarten hat. Die hochchristliche, konservativ-kirchliche Lektüre dürft ihr also allesamt beiseite legen und ich will keine Beschwerden hören von wegen “Oh mein Gott” … dieser Film ist genau für diese Zielgruppe erschaffen worden und alle anderen halten einfach den Rand.

Soviel mal zum Thema “Toleranz und Integration”.

Bewegen wir uns jetzt innerhalb des Gay-Kinos, dann begeistert dieser Film zum einen mit einem unfassbar non-mainstreamigen Soundtrack, der mal nicht in die Porno-Klischeekiste passt, sondern tatsächlich so gerne in verschiedenen Locations laufen darf, wo ich mich liebend gern dazu gesellen würde. Der Beat rockt.

Zum anderen wird man hier verwöhnt mit stilistischen Bildern und optischen Reizen (Nein, ich meine nicht die Männer!), die an und für sich eine absolute Augenweide sind und auch wiederum nicht in die übliche “Gay-Klischee-Box” passen, sondern aus dem Metier etwas herausstechen. Und wer für diesen Typus Mann noch etwas abgewinnen kann, der bekommt Bonus-Views oben drauf. 😉

Dennoch verstört dieser Film, da die Art des Themas und die Umsetzung zum einen sehr schwer begreifbar ist, sofern man sich nicht vorher mit dem Inhalt in Textform befasst hat, und zum anderen das Ding einfach … naja, merkwürdig ist. Seltsam, seltsame Wendungen, seltsamer Ausgang, nach dem man aber (dank des Soundtracks und der Optik) nicht enttäuscht ist, da dieser Streifen definitiv eine Kinoerfahrung wert ist, die ihr seit dem 26. Oktober 2018 allesamt im Heimkino nacherleben dürft.

Warum ich das erst heute poste? Neben ein zwei Festivals (u.a. Porn-Festival), wo der Film gezeigt wurde, sind mir keine Kinos bekannt geworden, die den Film tatsächlich ins reguläre Programm geschmissen hätten, also hab ich gewartet, bis er auf DVD erscheint.

 

.kinoticket-Empfehlung: Ganz klares Gay-Kino mit berauschend gutem Soundtrack und toller Optik – auch die Auswahl an Darstellern wirkt überzeugend.

Der Plot verwirrt, lässt teilweise Fragen offen und mutet insgesamt seltsam an, den Film deshalb aber nicht zu sehen, empfände ich als falsche Entscheidung. Gönnt ihn euch, sofern ihr mit “Männersex” klar kommt.

 

Nachspann
❌ braucht nicht abgewartet zu werden, hier folgt nichts weiter.

Heim-Kinostart: 26. Oktober 2018

Original Title: M/M
Length: 81 Min.
Rate: FSK 16

Symphony of Now

Hand hoch: Wer hat 1927 schon gelebt und ist damals bereits ins Kino gegangen? All jene dürfen sich glücklich schätzen, das Original tatsächlich auf der großen Leinwand gesehen zu haben, allen anderen verrate ich jetzt den Titel und bin mir gleichermaßen fast sicher, dass sie damit nichts großartig anfangen können, da so etwas kaum viral gehen dürfte: Berlin – Die Sinfonie der Großstadt war das maßgebliche Vorbild für diese höchst gelungene Neuauflage eines Kunstprojekts, dass die Liebe zu dieser traumhaften Großstadt in diversen modernen Facetten zeigt und dabei vollständig in die Kultur und den Geist der Hauptstadt eintaucht und die Menschen und Stadtszenen in einem meisterlichen Stück zusammenführt.

Das Wörtchen “Symphony” darf hier gern persönlich genommen werden: An dieser Stelle würde ich nämlich auch nicht von Soundtrack oder -kulisse sprechen, sondern tatsächlich von kuratiert-ausgewählten Stücken, die in Symbiose mit den vollständig frei und neu ausgewählten Bildern einen künstlerischen Exzess hervorrufen, der anfänglich durch seine grobe Andersartigkeit besticht, aber alsbald in seinen Bann zieht und so einen vollkommen neuartigen Dokumentarfilm abbildet, der sich dem Kulturleben der Hauptstadt widmet und eine interessante Geschichte zu erzählen hat.

Der besondere Umgang mit Formen, Architektur, Farbspielen und Licht- sowie Schattenelementen, das extravagante Herantasten an die scheinbar undurchdringliche Nacht-Gesellschaft einer modernen Generation erschafft hier visuelle Impressionen, die sich nur vollständig in seiner Gänze im Kino ausleben lassen und denen man mit kleineren Displays und Soundausstattungen kaum beikommen kann.

Ob der kurzen Laufzeit empfiehlt es sich also sehr, hier bewusst den Gang ins nächstgelegene Lichtspielhaus anzutreten und das warmweiche Soundbed dort in einem Klangraum zu erleben, den man nicht auf dem Handy oder Netflix-Abspielgeräten nachstellen kann.

 

.kinoticket-Empfehlung: Auch, wenn hier wirklich alles vollständig anders ist, als man es erwartet: Die Fülle an Impressionen und die gelungene Auseinandersetzung mit der Berliner Kulturszene ist auch im Süden Deutschlands oder anderen Bundesländern ein Grund, Symphony of Now im Kino zu besehen, denn nur dort entfaltet er seine großartige Wirkung tatsächlich.

Was hier gemacht wurde, ist großartige Kunst in einem völlig neuartigen, modernen und zeitgleich nostalgischen Können miteinander zu verzahnen und dabei das Portrait einer Stadt zu zeichnen, dass sich ein jeder im großen Saal anschauen sollte. Woanders wirkt das Ding einfach nicht.

 

Nachspann
❌ enthält keine weiteren Szenen oder Bildmaterial und darf daher gern abgekürzt werden, wobei das verfrühte Hinaustigern aus diesem eh schon kurzen Stück tatsächlich wenig Sinn macht.

Kinostart: 12. Juli 2018

Original Title: Symphony of Now
Length: 65 Min.
Rated: FSK 0

Das Kongo Tribunal

Wer von euch hat manchmal (oder immer) das Gefühl, dass die Politik heutzutage nur noch am Versagen ist? Hände hoch!
Ich predige schon lange davon, dass man, um etwas zu lernen, heute nicht mehr in Schulen gehen oder TV schauen muss, sondern ins Kino gehen sollte, denn dort spielt sich das ab, was hinterher (oder vorher) auf unserer Welt passiert (ist).
Das Kongo Tribunal ist erneut ein meisterliches Beispiel dafür, dass an dieser Behauptung definitiv etwas dran zu sein scheint, denn dort, wo die Politik schon seit jeher versagt hat, obsiegt dieses Werk mit seinem unerschütterlichen Drang, den Schrei nach Gerechtigkeit zu beantworten, der aus so vielen Kehlen schon seit Jahrzehnten brüllt.
Milo Rau wird wohl für viele auch kein unbeschriebenes Blatt mehr sein, zumindest diejenigen, die sich mit seinen anderen Arbeiten befasst haben und man mag auch hier wieder Urteile über Selbstbeweihräucherung oder -inszenierung ausschütten, aber das alles interessiert mich reichlich wenig.
Das Kongo Tribunal spielt zwar in fernen Ländern, geht uns aber als Konsumenten alle an und durchdringt die Kulisse zur machtpolitischen Auseinandersetzung der Wirtschaftsriesen, die unseren unbändigen Hunger nach Konsum zu stillen versuchen und dabei im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen.
Und damit wird jeder – auch in Deutschland – zur Verantwortung gezogen und durch Rau seiner Untätigkeitsargumente beraubt – und das ist gut so. Denn Gerechtigkeit ist das einzige, dass uns vor dem Untergang bewahrt – und gerade davon existiert in letzter Zeit so unfassbar wenig, dass es einfach nur zum Heulen ist.
Und da prescht Das Kongo Tribunal als volksziviles Event nach vorne, um der Politik zu zeigen, was passieren muss, damit die entsprechenden Täter zur Rechenschaft gezogen und tatsächlich Urteile gesprochen werden, nach denen rechtskräftige Konsequenzen folgen – die auch als Präzedenzfall dienen und offenbaren, dass anderen Branchen das gleiche blüht, wenn sie Menschenleben so missbilligend behandeln.
Dieses Tribunal einzuberufen und es zu filmen, um es anschließend durch die Äther der Kinos an die Öffentlichkeit zu verteilen und zu beweisen, dass es eben doch geht – wenn man will – ist eines der größten Kunststücke, dass man in menschenrechtlicher Hinsicht in letzter Zeit gestartet hat – und ich bewundere es.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer Gerechtigkeit sucht: Hier ist sie.
Als Vorbild, Präzedenzfall für die Politik und Beispiel, wie man ein guter Mensch sein kann.
Wieder einmal ist Kino menschlicher als das Leben selbst und beantwortet all die Schreie der Opfer in nur einem einzigen Film.
Das verwegene Konstrukt der Komplexität von Verantwortung und Rechenschaft zeichnet sich auch in diesem Werk hervorragend ab und überlässt dem Zuschauer, wie er damit umgehen möchte.
Meisterhaft.

 
Nachspann
Sitzenbleiben – hier werden noch einige wichtige Statements genannt, bevor man dann vollständig entlassen wird. Beim Scrolling könnt ihr quasi dann raus.
Kinostart: 16. November 2017

Jugend ohne Gott

Ich habe das Plakat gesehen und wusste: Da musst du rein! Den musst du unbedingt sehen!
Und ihr glaubt nicht, welche Hürden ich dafür habe überwinden müssen, nur, um einen Film zu konsumieren, nach dem meine Seele alle Hände ausgestreckt hatte. Warum? Wusste ich nicht – ich wusste nur: Der ist es!
Und was soll ich sagen? Nichts mehr. Fragt das gesamte Personal meines Stammkinos, wieviele Worte ich an diesem Tag noch aus meinem Mund rausgebracht habe. Voller Erfolg!
Neulich habe ich mich ja schon einmal über den neuen Weg ausgelassen, den deutsche Filmemacher jüngst eingeschlagen haben, indem sie sich nicht mehr lachhaften, sondern eher dramatischen Handlungen widmen und damit zumindest bei mir voll ins Schwarze treffen.
Jugend ohne Gott ist ein weiteres Beispiel dafür, das von mir höchsten Respekt und tiefste Anerkennung abverlangt. Natürlich spürt man, dass hierzulande immer noch vergleichsweise wenig Kohle für Filmproduktion übrig ist und die Regisseure ganz andere Schwierigkeiten zu meistern haben, als im Land über dem großen Teich, und auch das Schauspielfachwissen und die Veranlagung zum Ingenium der Schauspieler darf hier noch weiter gefördert werden. Was allerdings mehr als deutlich aus der Tiefe des Bodens hervorquillt ist das Können der Drehbuchschreiber!
Leute: Gebt den Produzenten hier einfach mal das Budget eines durchschnittlichen Hollywood-Schinkens und wir wären mit Jugend ohne Gott an der Stelle, die Amerika überflüssig machen würde! Und das mein ich ernst!
Die durchsetzende Verblüffung und intensive Eindringlichkeit, mit der man hier relevante Themen zeitgemäß und absolut unterhaltsam unters Volk zu bringen vermag, schreit förmlich danach, diesen Menschen endlich die gebührenden Werkzeuge an die Hand zu geben, damit sie ihre Arbeit in Vollendung vollbringen können!
Und damit verwandelt sich diese Kritik in einen Appell an alle: Geht einfach da rein und macht euch erst hinterher darüber Gedanken, ob dieser Gang nun ein lohnenswerter war oder nicht. Denn zumindest seid ihr nicht bei den Unwissenden, die anschließend nicht darüber diskutieren können. Mein Gefühl sagt mir, dass damit ein großer Meilenstein in der Entwicklung deutscher Filmgeschichte gesetzt wurde und man gezeigt hat, wohin man in kommenden Jahren gern gehen möchte – und gleichzeitig auch offenbart, wo genau noch die Schwächen liegen.
Letzteres ist in Anbetracht der durchschlagenden Kraft des Plots absolut verzeihlich und löst nicht mehr Aggression, sondern eher intensives Mitfühlen aus, das sich im tiefsten Inneren wünscht, die Produzenten kriegen für ihre Fortsetzungen einfach größere Mittel an die Hand.
 

.kinoticket-Empfehlung: Gebt dieser Produktion mal die finanziellen Mittel eines durchschnittlichen USA-Films an die Hand und wir sind an dem Punkt, wo keiner mehr auf Hollywood angewiesen wäre.
Der Inhalt: Bahnbrechend! Die Stimmung: Wow! Die Umsetzung (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) herausragend!
Ganz im Ernst: Jugend ohne Gott setzt komplett neue Maßstäbe, die deutsches Kino auch international neu positionieren und laut herausschreien: So soll es weiter gehen – helft uns dabei!
Ich habe den ganzen Tag kein Wort mehr aus mir raus gekriegt vor Ergriffenheit und 100prozentiger Volltrefferquote, die dieser Film bei mir hinterlassen hat!
REIN DA!

 
Nachspann
lohnt nicht abzuwarten, Stoff zum Nachdenken ist sowieso genügend vorhanden.
Kinostart: 31. August 2017

Tigermilch

Den Kino-Trend zu beobachten, der sich inzwischen in deutschem Lande ausbreitet, bereitet meiner einer relativ großes Vergnügen. Hatte ich in der Vergangenheit immer extreme Schwierigkeiten mit deutschen Filmemachern und ihren Endprodukten, entwickelt sich derzeit fast schon eine erbarmungslose Liebe zwischen mir und dem deutschen Kino.
Deutsche haben vorwiegend versucht, Komödien zu produzieren und die Welt zum Lachen zu bringen, vermutlich, weil dann nicht so schwerwiegend auffällt, dass hierzulande nicht mal annähernd so viel Kohle für die Filmproduktion übrig ist, wie in Hollywood. Das kann man in Komödien noch besser kaschieren, als wenn man sich z.B. Actionfilme vornehmen und diese produzieren würde.
Aus dem Grund quellen in den heimischen Verkaufsregalen auch nicht Unsummen von Action-Krachern, sondern Filme, die ich persönlich niemals kaufen würde, sondern eher peinlich berührt belächle.
Unter der Annahme, dass Geschmäcker verschieden sind, wage ich jetzt einfach mal die Aussage und behaupte, dass es in diesem Land niemanden gibt, der wirklich großartige Komödien auf die Reihe kriegt – weder Comedians noch Akteure der Filmindustrie. Zumindest sieht es so aus, wenn man das Tagesgeschäft dessen betrachtet, was sich derzeit auf dem Markt tummelt (Ja, ich weiß, Bully und so … der gehört für mich aber eher in das vergangene Zeitalter und nicht mehr zur modernen Filmpolitik).
Und statt aufzugeben und den Kopf in den Sand zu stecken, widmet sich das inländische Kino einfach einem anderen Genre, und haut da in kürzester Zeit einen Erfolg nach dem anderen raus: Drama.
Schaut man sich die ins Millionenfach gehenden Nazi-Produktionen an, mit denen wir im TV zugeschwemmt werden und deren Depressivität Nacht für Nacht die emotional Instabilen ins Unglück stürzt, hätte man sich eigentlich so etwas denken können. Doch bisher ist wohl niemand drauf gekommen, anders lässt sich nicht erklären, dass derartige Filme erst jetzt so richtig den Durchbruch an die Oberfläche des cineastischen Alltags geschafft haben und dort mächtig abstauben.
Tigermilch ist einer dieser Filme, in dem Constantin Film ein weiteres Mal absolutes Gespür für guten Geschmack, eine hervorragend erzählte Geschichte und prätentiösen Tiefgang beweist. Die Charaktere laben sich in ihrer Unschuld und erwecken beim Zuschauer sogleich Mitgefühl, Verständnis und emotionale Nähe, während sie ihren widerstrebsamen Geist auf das Volk loslassen und somit für Entertainment pur sorgen.
Nach Axolotl Overkill hat man auch hier wieder fähige Musiker die Auswahl des Soundtracks treffen lassen und zeugt einmal mehr davon, dass dieses Land mehr kann als Sauerkraut und Weißwurstbrezeln. Der Beat ist berauschend und führt mit der jugendlichen Agonie zwei Kinder an den Rand des Erwachsenwerdens, die sich eben nicht mehr nur mit Luxusproblemen herumschlagen müssen, sondern knallhart mit aktuellen, politischen Fakten konfrontiert und diese im Alleingang an vorderster Front lösen müssen.
Hierbei trifft Regisseurin Ute Wieland den Geist der Zeit und fordert den mündigen Bürger von anderer Seite her auf, aktiv zu werden um in der Gesellschaft manche Dinge im Sinne der Heranwachsenden endlich zu klären.
Dass man als Zuschauer die Problematik des Inhalts nun endlich auch mal sorgenfrei von der anderen Seite aus betrachten kann, ist fast schon ein Bonus, der interkulturell für mehr Verständnis sorgt und somit sogar ein klein wenig zum Bildungsreichtum beiträgt, den ich so gerne auf der Leinwand sehe.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ob es nun einfach die Frage ist, was derzeit grad sehenswert ist, oder man sich ein wenig amüsieren möchte – oder einfach auf der Suche nach tiefgründigem Stoff ist, der den Abend intellektuell auf ein klein wenig höheres Niveau hebt – Tigermilch eignet sich für all das hervorragend.
Der Zuschauer wird mitten in eine Welt geschmissen, von der man in den vergangenen Jahrzehnten immer weniger gehört hat, und dort durch richtige Songauswahl, erfrischende Charaktere und unglaublich gutes Können mit allerlei Liebenswertem beworfen.
Wieder einmal zeigt sich in jüngster Zeit das präferierte Genre, dem sich die inländischen Filmemacher mehr zuwenden sollten: Drama, Baby!

 
Nachspann
ist klassisch, wartet mit Musik und Text auf und enthält keine weiteren Überraschungsszenen. Rausgehen erlaubt.
Kinostart: 17. August 2017

Atomic Blonde

Die Presse wirbt mit Charlize Theron, James McAvoy, Til Schweiger und Sofia Boutella, was sich auf den ersten Moment anhört wie ein schlechter Witz.
Tatsächlich bewegen wir uns wieder einmal im Comic-Genre, dessen sich die Filmemacher angenommen haben, um daraus ein stilistisch absolut anbetungswürdiges Stück zu machen, dass zwar in Sachen Plot ein wenig kränkelt, in allen anderen Belangen jedoch auf der Spitze gelungenen Kinos angelangt ist: Atomic Blonde.
Fangen wir gleich mal mit dem Style vom Film an: Diese gezeichnete Streetwork-Grey-Out-Ära, die exakt zu der Stadt, noch viel besser zu der Story und dem Zeitalter und am besten zu meinem persönlichen Geschmack passt: Hervorragend!
Das Design des Films, die Schriftzüge, die moderne und trotzdem vergangene Weise, seine Mitteilungen am Rande von allem anderen zu machen: Ahhhhh!
Die Idee, hier ein wenig über die Stränge zu schlagen und den Comic-Look zu seinen Höhepunkten zu führen: Klasse!
Da verblassen ziehende Filmführungspersönlichkeiten wie McAvoy fast schon zur Nebensache, obwohl man auch hier sehr viel Fingerspitzengefühl bei der Besetzung und dem körperlichen sowie psychologischen Outfit bewiesen hat.
Dieser irre Trip in eine vergangene Zeit, der persönliche Kniefall vor einer Stadt, die (ich zumindest) vergöttere und das elegante Durchzelebrieren des dann doch recht simplen Plots erinnert ein wenig an Kunst mit Dingen, die man schon kennt, aber noch niemals in dieser Konstellation zusammengefügt hat.
Achja: Dann ist da ja noch Til Schweiger, dessen Anwesenheit man im Film (und glaubt mir, ich mein das ernst und habe das auch schon von anderen so gesagt bekommen, die den Film ebenfalls vor Kinostart gesehen haben!) gar nicht so wirklich mitkriegt und sich hinterher dann wundert und fragt: “Fuck, DAS war Til? Achja … jetzt, wo du es sagst…”
Allein das wäre für mich schon Grund, mir den Film anzusehen.
Atomic Blonde bietet aber so vieles mehr. Und ich habe ihn bereits zwei Mal gesehen und würde auch ein drittes Mal reingehen – diese liebevoll inszenierte Absurdität, die auf wohlige Weise mit einer möglichen Realität verschwimmt und dabei eine Story auf den Tisch prügelt, die so stattgefunden haben könnte, aber genauso abartig und überdreht wirkt, wie es bei Comics nun mal der Fall ist, hat bislang nicht nur mich vom Hocker gerissen, sondern ebenfalls ein breites Publikum.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer also nicht nur hübsche Männer, geile Frauen und jede Menge Sex-Appeal gepaart mit einer Story für beide Geschlechter erleben möchte, sondern auch noch einen gelungenen Kinoabend in der Tasche und herrlich abgedrehte Action sein Eigen nennen möchte, ist mit diesem Werk hervorragend bedient.
Kino: Groß, Publikum: Viel und gute Laune kommt dann ganz von allein.
Herrlich schräg und definitiv sehenswert!

 
Nachspann
Was ich zu erwähnen vergessen habe: der Soundtrack! Noch niemals hat man es so verzückend geschafft, mich für diese Beats zu begeistern, die eigentlich bekannt sind, aber seltenst so kunstvoll und überragend zutage getragen wurden. Wem das auch ein Ohrenschmaus ist, der sollte natürlich beim Abspann hocken bleiben, alle anderen, die weitere Bilder, Outtakes oder sonstiges erwarten, dürfen sofort gehen, um nicht enttäuscht zu werden.
Kinostart: 24. August 2017

Mein wunderbares West-Berlin

Phew, was soll ich dazu sagen?
Meine Einstellung zu Shakespeare’s “Leben und leben lassen” dürfte mittlerweile ja in einigen Beiträgen durchgesickert sein. Gleichzeitig kann ich mich mit der einseitigen Darstellung schwuler Momente in der diesbezüglich realitätsfernen Welt der Medien absolut nicht anfreunden und empfinde jeden Film, der diese Aussage nur weiter untermauert, eher kontraproduktiv gegenüber dem von den Schwulen so gewünschten Gleichstellungswunsch innerhalb der öffentlichen Gesellschaft.
Hier wird ein Bild einer Kultur gezeichnet, dass in Teilen so zwar stimmig und richtig ist, jedoch kaum die komplette Bandbreite dieser (Sub)-Kultur beinhaltet und somit den Menschen außerhalb dieser Branche genügend Angriffsfläche bietet, um Vorurteile und unrichtige Anschuldigungen blühen und gedeihen zu lassen. Und die schwulen Filmemacher unterstützen dieses Bild in meinen Augen damit, dass keiner sich traut, einfach mal völlig normale, gleichgeschlechtliche Paare zu zeigen und der Welt zu offenbaren, dass diese Form des Zusammenlebens auch “völlig normal” im Sinne der konservativen Gedanken sein kann, die in Teilen unserer Gesellschaft noch fest verankert sind. Ich fände, hiermit wäre allen besser gedient.
So verirrt man sich in ein Werk, dass zwar interessante Berichterstattung über die 50er und 60er in West-Berlin unternimmt und damit die Zuschauer schon teilweise darüber aufklärt, welche Abgründe, Schwierigkeiten, politischen und gesellschaftlichen Hürden Homosexuelle damals erklimmen und überwinden haben müssen, jedoch fördert die Gesamtaussage meiner Meinung nach auch nicht das eigentliche Urbestreben dieses kulturellen Einschlags, sondern sorgt eher für negativen Diskussionsstoff innerhalb der Gesamtbevölkerung.
Somit muss man als Zuschauer wirklich extrem viel für diese Lebensart übrig haben, oder man ist per se angewidert und wendet sich eher davon ab mit der Aussage “Und was soll mir das bringen? Alles nur schräge Vögel.”
Genau diese Intoleranz sorgt für die herrschenden Diskrepanzen zwischen der Gay-Community und dem Rest der Welt. Und dieser Film trägt damit meiner Meinung nach in keiner Weise dazu bei, genau das zu ändern. Wäre das nicht viel mehr die Aufgabe der Filmemacher, sich hier mal der Öffentlichkeit zuzuwenden und zu zeigen: “Hey, die Facetten sind viel reichhaltiger, als ihr bisher dachtet?”
 

.kinoticket-Empfehlung: Normalerweise klassifiziere ich nicht gerne, da ich Schubladendenken hasse, aber hier ist es wohl notwendig, zwischen “Schwul” und “Nicht Schwul” zu unterscheiden, um jeweils eine Empfehlung abzugeben.
Denn innerhalb dieses Milieus ist man mit diesem Film bestens bedient, erhält geschichtliche Aufklärung und erfährt Dinge, die man vielleicht noch nicht wusste. Nach außen hin erweist sich das Werk aber wieder als viel zu bunt, als dass es von der Öffentlichkeit als ernsthafte Argumentation für eine schwule Lebensweise wahrgenommen werden könnte und nimmt einem als Befürworter freier Entscheidungen eher die Argumente aus der Hand, als einem welche zu geben.

 
Nachspann
kommt keiner, man darf also wieder nach draußen trotten.
Kinostart: 29. Juni 2017

Axolotl Overkill

Axolotl Overkill tritt endlich wieder in die Fußstapfen der Filme, die sich trauen, im Kino nur ein bestimmtes Publikum anzusprechen und vollends zu befriedigen. Hegemann – sowohl Buchautorin als auch Regisseurin – verschafft den von ihr geschaffenen Charakteren auf der Leinwand eine vollkommen authentische, liebevoll inszenierte und rundum stimmige Bühne, auf der jeder seinen actionreichen Trip auf dem Weg zum Erwachsenwerden ausleben kann, ohne dabei auch nur irgendwelche Klischees zu erfüllen.
Die Auswahl der Darsteller ist genial getroffen, denn man zeigt hier endlich wieder etwas in der heutigen Zeit eher rar gewordenes: Schauspielkunst, die den Menschen als solches hervorhebt und einen Film erschafft, der nicht von Effekten oder dem Brimborium drumrum lebt, sondern sich völlig auf die Authentizität und überzogen-interessante Darstellung der verqueren Persönlichkeiten stützt. Und die Protagonisten sind so herrlich schräg, was sie für mich von vornherein liebenswert macht. Ohne dabei den Sinn für komische Momente zu verlieren, bewegt man sich hier amüsant-ernst an der Linie zum Erwachsenwerden und begleitet die Hauptdarstellerin auf einer ihrer männlichsten Rollen überhaupt. Überhaupt glänzt der Cast mit einer Glaubwürdigkeit und ehrlichen Offenheit, die ich selten in Filmen finde und allgemein absolut anbete.
Dazu das schräge Drehbuch, die irren Melodien dieser Reise als solches und das absolut stimmige Bild lassen diesen Film für mich zu einer Perle werden, der sich nicht nur mit interessanten Theorien auseinandersetzt, sondern hier auch so echt gespielt ist, dass man meinen könnte, man wäre live dabei gewesen, wäre das so wirklich passiert.
Für mich jetzt schon einer der besten deutschen Filme überhaupt!
 

.kinoticket-Empfehlung: Absolut grandios gespieltes Werk, das seinen Charme aus den überragenden Leistungen der Schauspieler und dem überaus legendär geschriebenen (Dreh)Buch erhebt.
Selten so ein ehrliches, offenes, konfuses und überaus intelligentes Werk gesehen, dass mit so viel Liebe und Hingabe multimedial aufbereitet wurde.
Spitze!

 
Nachspann
kann ich ehrlich gesagt nicht wirklich beantworten, da in der PV der Abspann nur gekürzt gezeigt wurde.
Kinostart: 29. Juni 2017

SMS für dich…

Ja, ich habe diesen Titel gemieden wie die Pest.
Ja, ich habe einen großen Bogen darum gemacht, dass mein Stammkino genau dieses Werk in den größten Saal katapultiert hat – denn das haben sie ja auch mit den Schweighöfer-Filmen gemacht und die mochte ich auch kein Stück.
Ja, ich habe gedacht, ich komme drumrum und lasse das Werk einfach in einer unsichtbaren Versenkung verschwinden und komme drumrum, ihn anzusehen.
Der Grund? Der Trailer.
So furchtbar naiv, klischeebehaftet, weibisch, schmalzromantriefend und vorhersehbar – das kann nur schief gehen.
Ja, ich hatte Vorurteile und es tut mir leid – ich habe einen Fehler gemacht.
Nachdem mich die Filmbelegung diese Woche mehr oder weniger dazu gezwungen hat, diesen Titel doch in die Movieschiene der zu sichtenden Titel aufzunehmen, habe ich mich selbst dafür verflucht, dieser genialen Meisterleistung so lange aus dem Weg gerannt zu sein, denn ich hätte euch schon längst in die Säle schicken müssen und nicht erst darauf hinweisen, wenn es fast schon zu spät dafür ist.
Soviel zu meiner Beichte.
Was mir an SMS für dich… so unglaublich gefallen hat?
Berliner Schnauze – die eine ungekannte Authentizität auf die Leinwand bringt, deren Charme man auch als Nicht-Berlin-Liebhaber nicht widerstehen kann. Diese liebevolle Sprache, für die ich als Ex-Berliner natürlich extrem viel übrig habe, bringt nicht nur unglaublich viel Sympathie ins Spiel, sondern sorgt auch dafür, dass man sich als Zuschauer ernstgenommen fühlt und der Story Glauben schenkt – denn genau so könnte es dir auf offener Straße auch passieren.
Das Thema – tausende Male erzählt, wiederaufbereitet und doch völlig neu entworfen: Filme über die Liebe, Frauen, Männer, Beziehungen, Dramen, Enttäuschungen und Glück gibt es wie Sand am Meer. Dass all dies hier nicht zum Inhalt gehört, sondern man eine völlig neue Plattform betritt, die nicht nur das Rad irgendwie komplett neu erfindet, sondern dazu auch noch eine frische Brise Moderne mit auf den Plan wirft, ist gleichermaßen schmeichelnd wie wohltuend: Auch hier merkt man wieder die Unverbrauchtheit der Regisseurin – und genau diese Tatsache lässt einem alteingesessenen Filmliebhaber um so mehr das Öl die Kehle runterlaufen.
Der Umgang mit Klischeemomenten – die irgendwo keine mehr sind, sondern sich auf einer völlig normalen, natürlichen Basis zu etwas wirklich fesselndem entwickeln, von dem man seine Augen nicht mehr abwenden kann: Der Unterhaltungskomplex hat hier eine Dimension erreicht, die einen vergessen lässt, dass man gerade in einem Film sitzt und sich womöglich auch langweilen könnte, sondern du bist bei der Sache und fieberst bis zum Schluss mit, wenn man in einem überbordenden Finale gipfelt, dass dem vorurteilsbehafteten Zuschauer die letzten Argumente raubt, wenn der sich selbst mitwippend in einem Hauch Selbstironie wiederfindet, die jeglicher Vorstellung von Normalität spottet und etwas hinterlässt, dass ich dem Machwerk hinter diesem Trailer niemals zugetraut hätte.
Wie auch schon bei Unsere Zeit ist jetzt hatte ich hier einmal mehr den verstärkten Eindruck, man gibt sich zur Zeit grade die allergrößte Mühe, all die stummen Gebete der Vergangenheit zu erhören und in Deutschland endlich eine Basis zu schaffen, auf der Filme kreiert werden, die man auch in 20 Jahren noch guten Gewissens weiterempfehlen kann. SMS für dich… gehört für mich seitdem zu den Pflichtfilmen, die jeder deutsche Movieliebhaber in seiner Sammlung haben sollte – wer hätte das gedacht.
Und wer von dem Cast noch irgendwelche Nachwehen zu verdauen hat, möglicherweise aus Titeln wie Fack Ju Göhte 2, dem sei gesagt: Die Überraschung ist euch versprochen – so habt ihr diese Jungs und Mädels noch nie spielen sehen.
Wenn’s weiter so läuft mit der inländischen Produktion, werde ich bald noch Fan von deutscher Filmkost … – das schockt mich ehrlich gesagt genauso wie euch vielleicht an dieser Stelle.
 

.kinoticket-Empfehlung: Klarer Fall: Es tut mir leid, dass ich so spät darauf hinweise – man sollte sich so schnell wie möglich aufmachen und dafür den Kinosessel buchen.
Alles andere wären vertane Chancen, denn hier zeigt man eimmal mehr, welches filmische Potenzial unser Land aufzuweisen hat und in welche Richtungen man gehen kann.
Das Dargebotene hat mich nicht nur tief beeindruckt, sondern setzt unglaubliche Maßstäbe für kommende Kinofilme, deren Kreativität, Charme, Unverbrauchtheit und Liebe zur Erzählung hoffentlich noch oft zu sehen sein wird.
Also rein und diesen Titel zu einem Erfolg werden lassen. Es lohnt sich.

 
Nachspann
Auch hier gilt wieder mal: Sitzenbleiben. Die gezeigten Szenen während des Abspanns sind die paar Minuten wert.

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