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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Berlin Page 1 of 2

M/M


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Willkommen in einer Nische des schwulen Gay-Cinema bei einem Film, der gleichermaßen fasziniert wie verstört.

Da dies das pure Genre-Kino ist, sollte man sich darüber im Klaren sein, um was es hier geht und welche Bilder man evtl. zu erwarten hat. Die hochchristliche, konservativ-kirchliche Lektüre dürft ihr also allesamt beiseite legen und ich will keine Beschwerden hören von wegen “Oh mein Gott” … dieser Film ist genau für diese Zielgruppe erschaffen worden und alle anderen halten einfach den Rand.

Soviel mal zum Thema “Toleranz und Integration”.

Bewegen wir uns jetzt innerhalb des Gay-Kinos, dann begeistert dieser Film zum einen mit einem unfassbar non-mainstreamigen Soundtrack, der mal nicht in die Porno-Klischeekiste passt, sondern tatsächlich so gerne in verschiedenen Locations laufen darf, wo ich mich liebend gern dazu gesellen würde. Der Beat rockt.

Zum anderen wird man hier verwöhnt mit stilistischen Bildern und optischen Reizen (Nein, ich meine nicht die Männer!), die an und für sich eine absolute Augenweide sind und auch wiederum nicht in die übliche “Gay-Klischee-Box” passen, sondern aus dem Metier etwas herausstechen. Und wer für diesen Typus Mann noch etwas abgewinnen kann, der bekommt Bonus-Views oben drauf. 😉

Dennoch verstört dieser Film, da die Art des Themas und die Umsetzung zum einen sehr schwer begreifbar ist, sofern man sich nicht vorher mit dem Inhalt in Textform befasst hat, und zum anderen das Ding einfach … naja, merkwürdig ist. Seltsam, seltsame Wendungen, seltsamer Ausgang, nach dem man aber (dank des Soundtracks und der Optik) nicht enttäuscht ist, da dieser Streifen definitiv eine Kinoerfahrung wert ist, die ihr seit dem 26. Oktober 2018 allesamt im Heimkino nacherleben dürft.

Warum ich das erst heute poste? Neben ein zwei Festivals (u.a. Porn-Festival), wo der Film gezeigt wurde, sind mir keine Kinos bekannt geworden, die den Film tatsächlich ins reguläre Programm geschmissen hätten, also hab ich gewartet, bis er auf DVD erscheint.

 

.kinoticket-Empfehlung: Ganz klares Gay-Kino mit berauschend gutem Soundtrack und toller Optik – auch die Auswahl an Darstellern wirkt überzeugend.

Der Plot verwirrt, lässt teilweise Fragen offen und mutet insgesamt seltsam an, den Film deshalb aber nicht zu sehen, empfände ich als falsche Entscheidung. Gönnt ihn euch, sofern ihr mit “Männersex” klar kommt.

 

Nachspann
❌ braucht nicht abgewartet zu werden, hier folgt nichts weiter.

Heim-Kinostart: 26. Oktober 2018

Original Title: M/M
Length: 81 Min.
Rate: FSK 16

Symphony of Now

Hand hoch: Wer hat 1927 schon gelebt und ist damals bereits ins Kino gegangen? All jene dürfen sich glücklich schätzen, das Original tatsächlich auf der großen Leinwand gesehen zu haben, allen anderen verrate ich jetzt den Titel und bin mir gleichermaßen fast sicher, dass sie damit nichts großartig anfangen können, da so etwas kaum viral gehen dürfte: Berlin – Die Sinfonie der Großstadt war das maßgebliche Vorbild für diese höchst gelungene Neuauflage eines Kunstprojekts, dass die Liebe zu dieser traumhaften Großstadt in diversen modernen Facetten zeigt und dabei vollständig in die Kultur und den Geist der Hauptstadt eintaucht und die Menschen und Stadtszenen in einem meisterlichen Stück zusammenführt.

Das Wörtchen “Symphony” darf hier gern persönlich genommen werden: An dieser Stelle würde ich nämlich auch nicht von Soundtrack oder -kulisse sprechen, sondern tatsächlich von kuratiert-ausgewählten Stücken, die in Symbiose mit den vollständig frei und neu ausgewählten Bildern einen künstlerischen Exzess hervorrufen, der anfänglich durch seine grobe Andersartigkeit besticht, aber alsbald in seinen Bann zieht und so einen vollkommen neuartigen Dokumentarfilm abbildet, der sich dem Kulturleben der Hauptstadt widmet und eine interessante Geschichte zu erzählen hat.

Der besondere Umgang mit Formen, Architektur, Farbspielen und Licht- sowie Schattenelementen, das extravagante Herantasten an die scheinbar undurchdringliche Nacht-Gesellschaft einer modernen Generation erschafft hier visuelle Impressionen, die sich nur vollständig in seiner Gänze im Kino ausleben lassen und denen man mit kleineren Displays und Soundausstattungen kaum beikommen kann.

Ob der kurzen Laufzeit empfiehlt es sich also sehr, hier bewusst den Gang ins nächstgelegene Lichtspielhaus anzutreten und das warmweiche Soundbed dort in einem Klangraum zu erleben, den man nicht auf dem Handy oder Netflix-Abspielgeräten nachstellen kann.

 

.kinoticket-Empfehlung: Auch, wenn hier wirklich alles vollständig anders ist, als man es erwartet: Die Fülle an Impressionen und die gelungene Auseinandersetzung mit der Berliner Kulturszene ist auch im Süden Deutschlands oder anderen Bundesländern ein Grund, Symphony of Now im Kino zu besehen, denn nur dort entfaltet er seine großartige Wirkung tatsächlich.

Was hier gemacht wurde, ist großartige Kunst in einem völlig neuartigen, modernen und zeitgleich nostalgischen Können miteinander zu verzahnen und dabei das Portrait einer Stadt zu zeichnen, dass sich ein jeder im großen Saal anschauen sollte. Woanders wirkt das Ding einfach nicht.

 

Nachspann
❌ enthält keine weiteren Szenen oder Bildmaterial und darf daher gern abgekürzt werden, wobei das verfrühte Hinaustigern aus diesem eh schon kurzen Stück tatsächlich wenig Sinn macht.

Kinostart: 12. Juli 2018

Original Title: Symphony of Now
Length: 65 Min.
Rated: FSK 0

Das Kongo Tribunal

Wer von euch hat manchmal (oder immer) das Gefühl, dass die Politik heutzutage nur noch am Versagen ist? Hände hoch!
Ich predige schon lange davon, dass man, um etwas zu lernen, heute nicht mehr in Schulen gehen oder TV schauen muss, sondern ins Kino gehen sollte, denn dort spielt sich das ab, was hinterher (oder vorher) auf unserer Welt passiert (ist).
Das Kongo Tribunal ist erneut ein meisterliches Beispiel dafür, dass an dieser Behauptung definitiv etwas dran zu sein scheint, denn dort, wo die Politik schon seit jeher versagt hat, obsiegt dieses Werk mit seinem unerschütterlichen Drang, den Schrei nach Gerechtigkeit zu beantworten, der aus so vielen Kehlen schon seit Jahrzehnten brüllt.
Milo Rau wird wohl für viele auch kein unbeschriebenes Blatt mehr sein, zumindest diejenigen, die sich mit seinen anderen Arbeiten befasst haben und man mag auch hier wieder Urteile über Selbstbeweihräucherung oder -inszenierung ausschütten, aber das alles interessiert mich reichlich wenig.
Das Kongo Tribunal spielt zwar in fernen Ländern, geht uns aber als Konsumenten alle an und durchdringt die Kulisse zur machtpolitischen Auseinandersetzung der Wirtschaftsriesen, die unseren unbändigen Hunger nach Konsum zu stillen versuchen und dabei im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen.
Und damit wird jeder – auch in Deutschland – zur Verantwortung gezogen und durch Rau seiner Untätigkeitsargumente beraubt – und das ist gut so. Denn Gerechtigkeit ist das einzige, dass uns vor dem Untergang bewahrt – und gerade davon existiert in letzter Zeit so unfassbar wenig, dass es einfach nur zum Heulen ist.
Und da prescht Das Kongo Tribunal als volksziviles Event nach vorne, um der Politik zu zeigen, was passieren muss, damit die entsprechenden Täter zur Rechenschaft gezogen und tatsächlich Urteile gesprochen werden, nach denen rechtskräftige Konsequenzen folgen – die auch als Präzedenzfall dienen und offenbaren, dass anderen Branchen das gleiche blüht, wenn sie Menschenleben so missbilligend behandeln.
Dieses Tribunal einzuberufen und es zu filmen, um es anschließend durch die Äther der Kinos an die Öffentlichkeit zu verteilen und zu beweisen, dass es eben doch geht – wenn man will – ist eines der größten Kunststücke, dass man in menschenrechtlicher Hinsicht in letzter Zeit gestartet hat – und ich bewundere es.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer Gerechtigkeit sucht: Hier ist sie.
Als Vorbild, Präzedenzfall für die Politik und Beispiel, wie man ein guter Mensch sein kann.
Wieder einmal ist Kino menschlicher als das Leben selbst und beantwortet all die Schreie der Opfer in nur einem einzigen Film.
Das verwegene Konstrukt der Komplexität von Verantwortung und Rechenschaft zeichnet sich auch in diesem Werk hervorragend ab und überlässt dem Zuschauer, wie er damit umgehen möchte.
Meisterhaft.

 
Nachspann
Sitzenbleiben – hier werden noch einige wichtige Statements genannt, bevor man dann vollständig entlassen wird. Beim Scrolling könnt ihr quasi dann raus.
Kinostart: 16. November 2017

Jugend ohne Gott

Ich habe das Plakat gesehen und wusste: Da musst du rein! Den musst du unbedingt sehen!
Und ihr glaubt nicht, welche Hürden ich dafür habe überwinden müssen, nur, um einen Film zu konsumieren, nach dem meine Seele alle Hände ausgestreckt hatte. Warum? Wusste ich nicht – ich wusste nur: Der ist es!
Und was soll ich sagen? Nichts mehr. Fragt das gesamte Personal meines Stammkinos, wieviele Worte ich an diesem Tag noch aus meinem Mund rausgebracht habe. Voller Erfolg!
Neulich habe ich mich ja schon einmal über den neuen Weg ausgelassen, den deutsche Filmemacher jüngst eingeschlagen haben, indem sie sich nicht mehr lachhaften, sondern eher dramatischen Handlungen widmen und damit zumindest bei mir voll ins Schwarze treffen.
Jugend ohne Gott ist ein weiteres Beispiel dafür, das von mir höchsten Respekt und tiefste Anerkennung abverlangt. Natürlich spürt man, dass hierzulande immer noch vergleichsweise wenig Kohle für Filmproduktion übrig ist und die Regisseure ganz andere Schwierigkeiten zu meistern haben, als im Land über dem großen Teich, und auch das Schauspielfachwissen und die Veranlagung zum Ingenium der Schauspieler darf hier noch weiter gefördert werden. Was allerdings mehr als deutlich aus der Tiefe des Bodens hervorquillt ist das Können der Drehbuchschreiber!
Leute: Gebt den Produzenten hier einfach mal das Budget eines durchschnittlichen Hollywood-Schinkens und wir wären mit Jugend ohne Gott an der Stelle, die Amerika überflüssig machen würde! Und das mein ich ernst!
Die durchsetzende Verblüffung und intensive Eindringlichkeit, mit der man hier relevante Themen zeitgemäß und absolut unterhaltsam unters Volk zu bringen vermag, schreit förmlich danach, diesen Menschen endlich die gebührenden Werkzeuge an die Hand zu geben, damit sie ihre Arbeit in Vollendung vollbringen können!
Und damit verwandelt sich diese Kritik in einen Appell an alle: Geht einfach da rein und macht euch erst hinterher darüber Gedanken, ob dieser Gang nun ein lohnenswerter war oder nicht. Denn zumindest seid ihr nicht bei den Unwissenden, die anschließend nicht darüber diskutieren können. Mein Gefühl sagt mir, dass damit ein großer Meilenstein in der Entwicklung deutscher Filmgeschichte gesetzt wurde und man gezeigt hat, wohin man in kommenden Jahren gern gehen möchte – und gleichzeitig auch offenbart, wo genau noch die Schwächen liegen.
Letzteres ist in Anbetracht der durchschlagenden Kraft des Plots absolut verzeihlich und löst nicht mehr Aggression, sondern eher intensives Mitfühlen aus, das sich im tiefsten Inneren wünscht, die Produzenten kriegen für ihre Fortsetzungen einfach größere Mittel an die Hand.
 

.kinoticket-Empfehlung: Gebt dieser Produktion mal die finanziellen Mittel eines durchschnittlichen USA-Films an die Hand und wir sind an dem Punkt, wo keiner mehr auf Hollywood angewiesen wäre.
Der Inhalt: Bahnbrechend! Die Stimmung: Wow! Die Umsetzung (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) herausragend!
Ganz im Ernst: Jugend ohne Gott setzt komplett neue Maßstäbe, die deutsches Kino auch international neu positionieren und laut herausschreien: So soll es weiter gehen – helft uns dabei!
Ich habe den ganzen Tag kein Wort mehr aus mir raus gekriegt vor Ergriffenheit und 100prozentiger Volltrefferquote, die dieser Film bei mir hinterlassen hat!
REIN DA!

 
Nachspann
lohnt nicht abzuwarten, Stoff zum Nachdenken ist sowieso genügend vorhanden.
Kinostart: 31. August 2017

Tigermilch

Den Kino-Trend zu beobachten, der sich inzwischen in deutschem Lande ausbreitet, bereitet meiner einer relativ großes Vergnügen. Hatte ich in der Vergangenheit immer extreme Schwierigkeiten mit deutschen Filmemachern und ihren Endprodukten, entwickelt sich derzeit fast schon eine erbarmungslose Liebe zwischen mir und dem deutschen Kino.
Deutsche haben vorwiegend versucht, Komödien zu produzieren und die Welt zum Lachen zu bringen, vermutlich, weil dann nicht so schwerwiegend auffällt, dass hierzulande nicht mal annähernd so viel Kohle für die Filmproduktion übrig ist, wie in Hollywood. Das kann man in Komödien noch besser kaschieren, als wenn man sich z.B. Actionfilme vornehmen und diese produzieren würde.
Aus dem Grund quellen in den heimischen Verkaufsregalen auch nicht Unsummen von Action-Krachern, sondern Filme, die ich persönlich niemals kaufen würde, sondern eher peinlich berührt belächle.
Unter der Annahme, dass Geschmäcker verschieden sind, wage ich jetzt einfach mal die Aussage und behaupte, dass es in diesem Land niemanden gibt, der wirklich großartige Komödien auf die Reihe kriegt – weder Comedians noch Akteure der Filmindustrie. Zumindest sieht es so aus, wenn man das Tagesgeschäft dessen betrachtet, was sich derzeit auf dem Markt tummelt (Ja, ich weiß, Bully und so … der gehört für mich aber eher in das vergangene Zeitalter und nicht mehr zur modernen Filmpolitik).
Und statt aufzugeben und den Kopf in den Sand zu stecken, widmet sich das inländische Kino einfach einem anderen Genre, und haut da in kürzester Zeit einen Erfolg nach dem anderen raus: Drama.
Schaut man sich die ins Millionenfach gehenden Nazi-Produktionen an, mit denen wir im TV zugeschwemmt werden und deren Depressivität Nacht für Nacht die emotional Instabilen ins Unglück stürzt, hätte man sich eigentlich so etwas denken können. Doch bisher ist wohl niemand drauf gekommen, anders lässt sich nicht erklären, dass derartige Filme erst jetzt so richtig den Durchbruch an die Oberfläche des cineastischen Alltags geschafft haben und dort mächtig abstauben.
Tigermilch ist einer dieser Filme, in dem Constantin Film ein weiteres Mal absolutes Gespür für guten Geschmack, eine hervorragend erzählte Geschichte und prätentiösen Tiefgang beweist. Die Charaktere laben sich in ihrer Unschuld und erwecken beim Zuschauer sogleich Mitgefühl, Verständnis und emotionale Nähe, während sie ihren widerstrebsamen Geist auf das Volk loslassen und somit für Entertainment pur sorgen.
Nach Axolotl Overkill hat man auch hier wieder fähige Musiker die Auswahl des Soundtracks treffen lassen und zeugt einmal mehr davon, dass dieses Land mehr kann als Sauerkraut und Weißwurstbrezeln. Der Beat ist berauschend und führt mit der jugendlichen Agonie zwei Kinder an den Rand des Erwachsenwerdens, die sich eben nicht mehr nur mit Luxusproblemen herumschlagen müssen, sondern knallhart mit aktuellen, politischen Fakten konfrontiert und diese im Alleingang an vorderster Front lösen müssen.
Hierbei trifft Regisseurin Ute Wieland den Geist der Zeit und fordert den mündigen Bürger von anderer Seite her auf, aktiv zu werden um in der Gesellschaft manche Dinge im Sinne der Heranwachsenden endlich zu klären.
Dass man als Zuschauer die Problematik des Inhalts nun endlich auch mal sorgenfrei von der anderen Seite aus betrachten kann, ist fast schon ein Bonus, der interkulturell für mehr Verständnis sorgt und somit sogar ein klein wenig zum Bildungsreichtum beiträgt, den ich so gerne auf der Leinwand sehe.
 

.kinoticket-Empfehlung: Ob es nun einfach die Frage ist, was derzeit grad sehenswert ist, oder man sich ein wenig amüsieren möchte – oder einfach auf der Suche nach tiefgründigem Stoff ist, der den Abend intellektuell auf ein klein wenig höheres Niveau hebt – Tigermilch eignet sich für all das hervorragend.
Der Zuschauer wird mitten in eine Welt geschmissen, von der man in den vergangenen Jahrzehnten immer weniger gehört hat, und dort durch richtige Songauswahl, erfrischende Charaktere und unglaublich gutes Können mit allerlei Liebenswertem beworfen.
Wieder einmal zeigt sich in jüngster Zeit das präferierte Genre, dem sich die inländischen Filmemacher mehr zuwenden sollten: Drama, Baby!

 
Nachspann
ist klassisch, wartet mit Musik und Text auf und enthält keine weiteren Überraschungsszenen. Rausgehen erlaubt.
Kinostart: 17. August 2017

Atomic Blonde

Die Presse wirbt mit Charlize Theron, James McAvoy, Til Schweiger und Sofia Boutella, was sich auf den ersten Moment anhört wie ein schlechter Witz.
Tatsächlich bewegen wir uns wieder einmal im Comic-Genre, dessen sich die Filmemacher angenommen haben, um daraus ein stilistisch absolut anbetungswürdiges Stück zu machen, dass zwar in Sachen Plot ein wenig kränkelt, in allen anderen Belangen jedoch auf der Spitze gelungenen Kinos angelangt ist: Atomic Blonde.
Fangen wir gleich mal mit dem Style vom Film an: Diese gezeichnete Streetwork-Grey-Out-Ära, die exakt zu der Stadt, noch viel besser zu der Story und dem Zeitalter und am besten zu meinem persönlichen Geschmack passt: Hervorragend!
Das Design des Films, die Schriftzüge, die moderne und trotzdem vergangene Weise, seine Mitteilungen am Rande von allem anderen zu machen: Ahhhhh!
Die Idee, hier ein wenig über die Stränge zu schlagen und den Comic-Look zu seinen Höhepunkten zu führen: Klasse!
Da verblassen ziehende Filmführungspersönlichkeiten wie McAvoy fast schon zur Nebensache, obwohl man auch hier sehr viel Fingerspitzengefühl bei der Besetzung und dem körperlichen sowie psychologischen Outfit bewiesen hat.
Dieser irre Trip in eine vergangene Zeit, der persönliche Kniefall vor einer Stadt, die (ich zumindest) vergöttere und das elegante Durchzelebrieren des dann doch recht simplen Plots erinnert ein wenig an Kunst mit Dingen, die man schon kennt, aber noch niemals in dieser Konstellation zusammengefügt hat.
Achja: Dann ist da ja noch Til Schweiger, dessen Anwesenheit man im Film (und glaubt mir, ich mein das ernst und habe das auch schon von anderen so gesagt bekommen, die den Film ebenfalls vor Kinostart gesehen haben!) gar nicht so wirklich mitkriegt und sich hinterher dann wundert und fragt: “Fuck, DAS war Til? Achja … jetzt, wo du es sagst…”
Allein das wäre für mich schon Grund, mir den Film anzusehen.
Atomic Blonde bietet aber so vieles mehr. Und ich habe ihn bereits zwei Mal gesehen und würde auch ein drittes Mal reingehen – diese liebevoll inszenierte Absurdität, die auf wohlige Weise mit einer möglichen Realität verschwimmt und dabei eine Story auf den Tisch prügelt, die so stattgefunden haben könnte, aber genauso abartig und überdreht wirkt, wie es bei Comics nun mal der Fall ist, hat bislang nicht nur mich vom Hocker gerissen, sondern ebenfalls ein breites Publikum.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer also nicht nur hübsche Männer, geile Frauen und jede Menge Sex-Appeal gepaart mit einer Story für beide Geschlechter erleben möchte, sondern auch noch einen gelungenen Kinoabend in der Tasche und herrlich abgedrehte Action sein Eigen nennen möchte, ist mit diesem Werk hervorragend bedient.
Kino: Groß, Publikum: Viel und gute Laune kommt dann ganz von allein.
Herrlich schräg und definitiv sehenswert!

 
Nachspann
Was ich zu erwähnen vergessen habe: der Soundtrack! Noch niemals hat man es so verzückend geschafft, mich für diese Beats zu begeistern, die eigentlich bekannt sind, aber seltenst so kunstvoll und überragend zutage getragen wurden. Wem das auch ein Ohrenschmaus ist, der sollte natürlich beim Abspann hocken bleiben, alle anderen, die weitere Bilder, Outtakes oder sonstiges erwarten, dürfen sofort gehen, um nicht enttäuscht zu werden.
Kinostart: 24. August 2017

Mein wunderbares West-Berlin

Phew, was soll ich dazu sagen?
Meine Einstellung zu Shakespeare’s “Leben und leben lassen” dürfte mittlerweile ja in einigen Beiträgen durchgesickert sein. Gleichzeitig kann ich mich mit der einseitigen Darstellung schwuler Momente in der diesbezüglich realitätsfernen Welt der Medien absolut nicht anfreunden und empfinde jeden Film, der diese Aussage nur weiter untermauert, eher kontraproduktiv gegenüber dem von den Schwulen so gewünschten Gleichstellungswunsch innerhalb der öffentlichen Gesellschaft.
Hier wird ein Bild einer Kultur gezeichnet, dass in Teilen so zwar stimmig und richtig ist, jedoch kaum die komplette Bandbreite dieser (Sub)-Kultur beinhaltet und somit den Menschen außerhalb dieser Branche genügend Angriffsfläche bietet, um Vorurteile und unrichtige Anschuldigungen blühen und gedeihen zu lassen. Und die schwulen Filmemacher unterstützen dieses Bild in meinen Augen damit, dass keiner sich traut, einfach mal völlig normale, gleichgeschlechtliche Paare zu zeigen und der Welt zu offenbaren, dass diese Form des Zusammenlebens auch “völlig normal” im Sinne der konservativen Gedanken sein kann, die in Teilen unserer Gesellschaft noch fest verankert sind. Ich fände, hiermit wäre allen besser gedient.
So verirrt man sich in ein Werk, dass zwar interessante Berichterstattung über die 50er und 60er in West-Berlin unternimmt und damit die Zuschauer schon teilweise darüber aufklärt, welche Abgründe, Schwierigkeiten, politischen und gesellschaftlichen Hürden Homosexuelle damals erklimmen und überwinden haben müssen, jedoch fördert die Gesamtaussage meiner Meinung nach auch nicht das eigentliche Urbestreben dieses kulturellen Einschlags, sondern sorgt eher für negativen Diskussionsstoff innerhalb der Gesamtbevölkerung.
Somit muss man als Zuschauer wirklich extrem viel für diese Lebensart übrig haben, oder man ist per se angewidert und wendet sich eher davon ab mit der Aussage “Und was soll mir das bringen? Alles nur schräge Vögel.”
Genau diese Intoleranz sorgt für die herrschenden Diskrepanzen zwischen der Gay-Community und dem Rest der Welt. Und dieser Film trägt damit meiner Meinung nach in keiner Weise dazu bei, genau das zu ändern. Wäre das nicht viel mehr die Aufgabe der Filmemacher, sich hier mal der Öffentlichkeit zuzuwenden und zu zeigen: “Hey, die Facetten sind viel reichhaltiger, als ihr bisher dachtet?”
 

.kinoticket-Empfehlung: Normalerweise klassifiziere ich nicht gerne, da ich Schubladendenken hasse, aber hier ist es wohl notwendig, zwischen “Schwul” und “Nicht Schwul” zu unterscheiden, um jeweils eine Empfehlung abzugeben.
Denn innerhalb dieses Milieus ist man mit diesem Film bestens bedient, erhält geschichtliche Aufklärung und erfährt Dinge, die man vielleicht noch nicht wusste. Nach außen hin erweist sich das Werk aber wieder als viel zu bunt, als dass es von der Öffentlichkeit als ernsthafte Argumentation für eine schwule Lebensweise wahrgenommen werden könnte und nimmt einem als Befürworter freier Entscheidungen eher die Argumente aus der Hand, als einem welche zu geben.

 
Nachspann
kommt keiner, man darf also wieder nach draußen trotten.
Kinostart: 29. Juni 2017

Axolotl Overkill

Axolotl Overkill tritt endlich wieder in die Fußstapfen der Filme, die sich trauen, im Kino nur ein bestimmtes Publikum anzusprechen und vollends zu befriedigen. Hegemann – sowohl Buchautorin als auch Regisseurin – verschafft den von ihr geschaffenen Charakteren auf der Leinwand eine vollkommen authentische, liebevoll inszenierte und rundum stimmige Bühne, auf der jeder seinen actionreichen Trip auf dem Weg zum Erwachsenwerden ausleben kann, ohne dabei auch nur irgendwelche Klischees zu erfüllen.
Die Auswahl der Darsteller ist genial getroffen, denn man zeigt hier endlich wieder etwas in der heutigen Zeit eher rar gewordenes: Schauspielkunst, die den Menschen als solches hervorhebt und einen Film erschafft, der nicht von Effekten oder dem Brimborium drumrum lebt, sondern sich völlig auf die Authentizität und überzogen-interessante Darstellung der verqueren Persönlichkeiten stützt. Und die Protagonisten sind so herrlich schräg, was sie für mich von vornherein liebenswert macht. Ohne dabei den Sinn für komische Momente zu verlieren, bewegt man sich hier amüsant-ernst an der Linie zum Erwachsenwerden und begleitet die Hauptdarstellerin auf einer ihrer männlichsten Rollen überhaupt. Überhaupt glänzt der Cast mit einer Glaubwürdigkeit und ehrlichen Offenheit, die ich selten in Filmen finde und allgemein absolut anbete.
Dazu das schräge Drehbuch, die irren Melodien dieser Reise als solches und das absolut stimmige Bild lassen diesen Film für mich zu einer Perle werden, der sich nicht nur mit interessanten Theorien auseinandersetzt, sondern hier auch so echt gespielt ist, dass man meinen könnte, man wäre live dabei gewesen, wäre das so wirklich passiert.
Für mich jetzt schon einer der besten deutschen Filme überhaupt!
 

.kinoticket-Empfehlung: Absolut grandios gespieltes Werk, das seinen Charme aus den überragenden Leistungen der Schauspieler und dem überaus legendär geschriebenen (Dreh)Buch erhebt.
Selten so ein ehrliches, offenes, konfuses und überaus intelligentes Werk gesehen, dass mit so viel Liebe und Hingabe multimedial aufbereitet wurde.
Spitze!

 
Nachspann
kann ich ehrlich gesagt nicht wirklich beantworten, da in der PV der Abspann nur gekürzt gezeigt wurde.
Kinostart: 29. Juni 2017

SMS für dich…

Ja, ich habe diesen Titel gemieden wie die Pest.
Ja, ich habe einen großen Bogen darum gemacht, dass mein Stammkino genau dieses Werk in den größten Saal katapultiert hat – denn das haben sie ja auch mit den Schweighöfer-Filmen gemacht und die mochte ich auch kein Stück.
Ja, ich habe gedacht, ich komme drumrum und lasse das Werk einfach in einer unsichtbaren Versenkung verschwinden und komme drumrum, ihn anzusehen.
Der Grund? Der Trailer.
So furchtbar naiv, klischeebehaftet, weibisch, schmalzromantriefend und vorhersehbar – das kann nur schief gehen.
Ja, ich hatte Vorurteile und es tut mir leid – ich habe einen Fehler gemacht.
Nachdem mich die Filmbelegung diese Woche mehr oder weniger dazu gezwungen hat, diesen Titel doch in die Movieschiene der zu sichtenden Titel aufzunehmen, habe ich mich selbst dafür verflucht, dieser genialen Meisterleistung so lange aus dem Weg gerannt zu sein, denn ich hätte euch schon längst in die Säle schicken müssen und nicht erst darauf hinweisen, wenn es fast schon zu spät dafür ist.
Soviel zu meiner Beichte.
Was mir an SMS für dich… so unglaublich gefallen hat?
Berliner Schnauze – die eine ungekannte Authentizität auf die Leinwand bringt, deren Charme man auch als Nicht-Berlin-Liebhaber nicht widerstehen kann. Diese liebevolle Sprache, für die ich als Ex-Berliner natürlich extrem viel übrig habe, bringt nicht nur unglaublich viel Sympathie ins Spiel, sondern sorgt auch dafür, dass man sich als Zuschauer ernstgenommen fühlt und der Story Glauben schenkt – denn genau so könnte es dir auf offener Straße auch passieren.
Das Thema – tausende Male erzählt, wiederaufbereitet und doch völlig neu entworfen: Filme über die Liebe, Frauen, Männer, Beziehungen, Dramen, Enttäuschungen und Glück gibt es wie Sand am Meer. Dass all dies hier nicht zum Inhalt gehört, sondern man eine völlig neue Plattform betritt, die nicht nur das Rad irgendwie komplett neu erfindet, sondern dazu auch noch eine frische Brise Moderne mit auf den Plan wirft, ist gleichermaßen schmeichelnd wie wohltuend: Auch hier merkt man wieder die Unverbrauchtheit der Regisseurin – und genau diese Tatsache lässt einem alteingesessenen Filmliebhaber um so mehr das Öl die Kehle runterlaufen.
Der Umgang mit Klischeemomenten – die irgendwo keine mehr sind, sondern sich auf einer völlig normalen, natürlichen Basis zu etwas wirklich fesselndem entwickeln, von dem man seine Augen nicht mehr abwenden kann: Der Unterhaltungskomplex hat hier eine Dimension erreicht, die einen vergessen lässt, dass man gerade in einem Film sitzt und sich womöglich auch langweilen könnte, sondern du bist bei der Sache und fieberst bis zum Schluss mit, wenn man in einem überbordenden Finale gipfelt, dass dem vorurteilsbehafteten Zuschauer die letzten Argumente raubt, wenn der sich selbst mitwippend in einem Hauch Selbstironie wiederfindet, die jeglicher Vorstellung von Normalität spottet und etwas hinterlässt, dass ich dem Machwerk hinter diesem Trailer niemals zugetraut hätte.
Wie auch schon bei Unsere Zeit ist jetzt hatte ich hier einmal mehr den verstärkten Eindruck, man gibt sich zur Zeit grade die allergrößte Mühe, all die stummen Gebete der Vergangenheit zu erhören und in Deutschland endlich eine Basis zu schaffen, auf der Filme kreiert werden, die man auch in 20 Jahren noch guten Gewissens weiterempfehlen kann. SMS für dich… gehört für mich seitdem zu den Pflichtfilmen, die jeder deutsche Movieliebhaber in seiner Sammlung haben sollte – wer hätte das gedacht.
Und wer von dem Cast noch irgendwelche Nachwehen zu verdauen hat, möglicherweise aus Titeln wie Fack Ju Göhte 2, dem sei gesagt: Die Überraschung ist euch versprochen – so habt ihr diese Jungs und Mädels noch nie spielen sehen.
Wenn’s weiter so läuft mit der inländischen Produktion, werde ich bald noch Fan von deutscher Filmkost … – das schockt mich ehrlich gesagt genauso wie euch vielleicht an dieser Stelle.
 

.kinoticket-Empfehlung: Klarer Fall: Es tut mir leid, dass ich so spät darauf hinweise – man sollte sich so schnell wie möglich aufmachen und dafür den Kinosessel buchen.
Alles andere wären vertane Chancen, denn hier zeigt man eimmal mehr, welches filmische Potenzial unser Land aufzuweisen hat und in welche Richtungen man gehen kann.
Das Dargebotene hat mich nicht nur tief beeindruckt, sondern setzt unglaubliche Maßstäbe für kommende Kinofilme, deren Kreativität, Charme, Unverbrauchtheit und Liebe zur Erzählung hoffentlich noch oft zu sehen sein wird.
Also rein und diesen Titel zu einem Erfolg werden lassen. Es lohnt sich.

 
Nachspann
Auch hier gilt wieder mal: Sitzenbleiben. Die gezeigten Szenen während des Abspanns sind die paar Minuten wert.

(Exklusiv-Interview) Zwei um die Welt: In 80 Tagen ohne Geld

In einem zugegebenermaßen etwas merkwürdigen Trailer habe ich die beiden zum ersten Mal gesehen und dachte mir: Wow – ein Film übers Reisen, da muss ich unbedingt hin.
Pustekuchen. Denn das war kein Film, sondern die beiden Hauptdarsteller waren live vor Ort und haben über ein Experiment berichtet, das so sicherlich noch kein zweiter unternommen hat. Und es war nicht nur mega aufregend, den beiden Zwillingen beim Referieren über ihre Erfahrungen rund um den ganzen Globus zuzuhören und -zu schauen, sondern der Abend hat bei mir und sicherlich vielen anderen auch noch ganz andere Emotionen ausgelöst.
Warum ich hierüber berichten will? Weil ich es spannend und unglaublich wichtig finde, einen Blick über den Tellerrand zu werfen und für mich das Leben nicht nur aus Facebook, Arbeit und Schlaf besteht, sondern ich das Reisen als elementaren Bestandteil einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung betrachte.
Neben den irrsten Berichten aus aller Herren Länder bringen die beiden auch noch etwas mit, das mich unglaublich beeindruckt hat: Eine Weltoffenheit, Sympathie und Ausgereiftheit, was die Wertvorstellungen im Leben angeht, von denen sich so manch Großer (und Kleiner) mehrere Scheiben abschneiden sollte.
 
in80tagenohnegeld

Werbung für die Show vorm CinemaxX Augsburg am 10.10.2016
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Zur Geschichte von Hansen & Paul Hoepner
Mit dem Fahrrad mal eben von Maastricht nach Milano radeln, um eine Möbelmesse zu besuchen, die seit drei Tagen vorbei ist, das Ganze dann etwas mehr ins Extrem prügeln und mit dem Bike nach Shanghai – für die beiden Zwillinge Hansen & Paul Hoepner gehört das zum Leben dazu.
Ersterer studierte Produktdesign, Goldschmiede und Fotografie, während Paul Mediendesign in Köln und “Human Factors” an der TU Berlin studierte. Beiden wurde die Sehnsucht nach Abenteuern bereits in die Wiege gelegt, da ihre Eltern sie schon frühzeitig mit auf Touren nahmen. Dieses Hobby haben sie ausgebaut und jetzt das Experiment gewagt, in 80 Tagen einmal die Welt zu umrunden, ohne dabei Geld in der Tasche zu haben.
 
Das Ziel des Projekts
Vorurteile abbauen gegenüber anderen Menschen, anderen Kulturen. Die Couchzone verlassen, den Komfort hinter sich lassen und einmal die Erde umrunden, ohne dabei zu betteln oder auf bedürftig zu machen, sondern immer etwas zurückzugeben, wenn man auch etwas bekommen hat.
Das Ergebnis davon ist nicht nur wahnsinnig interessant, sondern sollte von euch allen gesehen werden, wenn sie ihre CinemaxX-Tour durch Deutschland machen und dabei ihr Projekt in den Kinos vorstellen.
 
Für mich ist es ein unglaubliches Privileg, die beiden kennengelernt zu haben und ich freue mich, euch heute hier ein exklusives Interview präsentieren zu dürfen, das ich nach der Vorstellung mit Paul Hoepner führen durfte.
 

Ben
Die erste Frage, die ich habe, ist: Was hat euch überhaupt bewegt, grundsätzlich diese Reise zu machen?

Paul
Ich glaube, der ursprüngliche Gedanke war, dass wir was machen wollten, was wir so vorher noch nicht gemacht haben, und zwar gleich aus zwei Richtungen: Wir wollten wieder ein Abenteuer erleben, wieder auf Reisen gehen, aber wir hatten keinen Bock, unendlich viel Geld auszugeben und unendlich viel zu planen, gerade was Finanzierung angeht, weil das bei unserer ersten Reise eben das aufwendigste war. Also dieses Crowdfunding, was wir gemacht haben, bei der ersten Reise. Und dann haben wir uns überlegt: Wir versuchen’s einfach ohne Geld einmal – keine Ahnung – quer durch Europa. Das war so der erste Plan. Dann haben wir halt immer weiter gesponnen und – wie es bei mir und Hansen dann halt so ist – spinnen wir so lang weiter, bis wir das Maximum haben. Also haben wir gesagt: Wir versuchen’s einmal ganz um die Welt.
Ben
Gab’s da jemals Zweifel daran, ob das Projekt generell durchführbar ist, oder habt ihr gesagt “Das ist auf jeden Fall machbar, nur  – es wird halt interessant”?

Paul
Es ist eigentlich ironischerweise beides, also einerseits hat mein Gefühl mir gesagt, und auch mein Verstand am Anfang, dass es nicht machbar ist. Ich hab auch ehrlich gesagt am Anfang nicht dran geglaubt, dass wir’s schaffen würden. Ich hab immer damit gerechnet, mir immer irgendwelche Trostpreise überlegt, so wie “Naja, wenn wir’s bis Lissabon schaffen, ist ja auch schon ganz schön” und so weiter. Dass wir dann tatsächlich irgendwann nach Kanada rüberkommen, war schon ‘ne Überraschung für mich. Und dass wir’s dann von Kanada tatsächlich auch noch nach Tokio schaffen, war ‘ne Überraschung. Und so kam eigentlich eine Überraschung nach der anderen, bis man’s dann irgendwann fast geschafft hatte, und dann kam natürlich entsprechend die große Enttäuschung, dass man dann so kurz vorm Ziel scheitern soll, wenn man’s schon so weit geschafft hat. Das ist so ein bisschen wie wenn du in einer Quiz-Show bist und du hast die 900.000 € Frage und denkst dir: “Verdammt nochmal, jetzt geh ich auf die Million!” und dann verkackste. (lacht)
Ben
Habt ihr irgendwelche Regeln für’s Unterwegs sein? Also so Regeln, die grundsätzlich gelten, sowas wie “Nimm möglichst wenig Gepäck mit” oder legt ihr das speziell bei jedem Projekt dann neu fest?

Paul
Wir haben wirklich Regeln, die auch auf Erfahrung basieren. Die erste Regel ist, dass die Welt bei weitem nicht so gefährlich ist, wie sie immer dargestellt wird. Dass man vor Ort Sachen viel viel besser einschätzen kann, als wenn man sie von zu Hause aus plant. Das ist glaube ich wichtig, sich zu merken, weil: Wenn ich hier zu Hause eine Reise plane und ich gehe Informationen über ein gewisses Land durch, dann wird man mir durch diese Informationen sagen, ich sollte besser nicht in dieses Land reisen, denn das ist gefährlich. Aber wenn man erst einmal vor Ort ist und sich langsam rantastet an die Leute, an die Kultur, an die Problemzonen vielleicht auch in diesem Land, dann ist das eigentlich immer so, dass man feststellen wird, dass diese ganzen Gefahren, die da so übertrieben dargestellt werden, nur für diese Leute gelten, die total unsensibel in diese Kultur reinplatzen. Die vielleicht mit fetter Spiegelreflexkamera vorm Bauch in irgendein Ghetto reingehen und da Fotos von hungernden Kindern machen, weil sie es irgendwie toll finden und so Leute werden überfallen und vielleicht auch Opfer von irgendwelchen Raubmorden, aber wenn du halt einfach sagst: “Ich geh da nur hin, wenn ich eingeladen werde”, dann ist das was anderes.
Ben
Wieso sollte man sich den Vortrag von euch anschauen? Also, was ist der Beweggrund für jemanden, der jetzt im Internet surft, auf ein Blog geht und sagt: Ich hab hier einen Filmtitel, warum soll ich jetzt da rein?
Paul
Hab ich keinen Grund (lacht). Macht’s auf keinen Fall! (lacht)
Also ich glaube, was so das Feedback ist – kann man ja selber immer schwer einschätzen – aber was das Feedback ist, das wir so kriegen, ist, dass es schön zeigt, wie Menschen von den unterschiedlichsten Kulturen an einem Strang gezogen haben, nämlich dieses Projekt umzusetzen. Es sind ja alle Leute, die uns irgendwie geholfen haben, alle Leute, die uns unterstützt haben, irgendwie Teil dieses Projekts geworden und das wussten die eigentlich auch schon in dem Moment, wo die angefangen haben, uns zu unterstützen. Und das macht irgendwie all diese Leute zu einem Team. Und das ist – glaube ich – echt ein schönes Erlebnis, das zu sehen, wie das funktioniert, quer über alle Kulturen hinweg, über alle Länder, durch die wir gereist sind. Und der Mehrwert, den man auch als Zuschauer vielleicht ein bisschen hat, ist, dass man die Angst vor der Welt ein bisschen verliert. Dass man sich vielleicht eher mal traut, nach Indien zu reisen, wenn man noch kein Hotel gebucht hat, oder sich nicht sicher ist, ob man sich das Hotel leisten kann. Einfach mal hinfahren und zu sagen: Mir wird nichts passieren, weil ich hundertprozentig sicher bin, dass ich irgendjemanden finden werde, der mich freundlich aufnehmen wird, der mir vielleicht sogar ein Hotel zahlen wird, oder was weiß ich. Offenheit ist auf jeden Fall ein gewisses Thema.
Ben
Hat euch jetzt speziell diese Reise persönlich irgendwie verändert oder ist danach irgendetwas anders geworden?
Paul
Also was anders geworden ist, ist so ein Gefühl von “Was soll jetzt noch passieren?” – wenn man es schon schaffen kann, ohne Geld um die Welt zu reisen und von wildfremden Leuten für ein Projekt, was ja eigentlich ein simulierter Zustand war, Hilfe zu bekommen, dann ist man sich eigentlich sehr sehr sicher, dass, wenn man in einer Situation ist, wo man ernsthaft Hilfe braucht, diese Hilfe auch bekommen wird. Und zwar auch überall auf der Welt. Und es gibt einem ein gutes, sehr zuversichtliches Gefühl übers Leben, weil was auch immer passieren wird – worst case ist: Man hat nichts mehr – und offensichtlich kommt man auch so ganz gut zurecht.
Ben
Und würdet ihr jetzt, nachdem ihr das alles erlebt habt und all die Eindrücke, die ihr gezeigt habt heute in der Show, diese Reise nochmal machen?
Paul
Das ist so ein bisschen eine zweiseitige Antwort dazu. Wir haben schon festgestellt, dass wir jedem empfehlen würden, so eine Reise mal zu machen, weil die Erfahrungen, die wir gemacht haben auf dieser Reise so wertvoll sind, allein die Menschen, die wir getroffen haben, mir gezeigt haben, wie Menschen in solchen Ländern eigentlich sind und nicht, wie sie durch die Medien dargestellt werden. Das ist das eine: Ich würd’s jedem empfehlen, das zu machen, aber ich würd’s selber nicht nochmal machen können, weil wenn ich jetzt schon wüsste, welche Strapazen auf mich zukommen, wenn ich diese Reise mache, dann würde ich wahrscheinlich sagen: Ich mach lieber was anderes. Aber trotzdem ist es die Erfahrung absolut wert, so an seine eigenen Grenzen zu kommen und in einer absoluten Abhängigkeit von anderen Menschen zu sein ist wirklich eine Erfahrung, die man mal gemacht haben sollte.
Ben
Und zu dem Projekt, das ihr angekündigt habt für 2017, dass ihr in Deutschland Abenteuer erleben wollt, gibt es da schon ganz konkrete Pläne oder ist das alles noch in der Schwebe?
Paul
Ist eher noch in der Schwebe. Wir wollen irgendwas in Europa machen, was eine Herausforderung ist, was ein Abenteuer ist und was uns auch mit den Menschen in Europa zusammenbringt.
Ben
Vielen Dank für das Interview.
Paul
Sehr gerne.

 
Wow. Wenn man bedenkt, dass sie auf der ganzen Reise eigentlich keine einzige negative Reaktion auf ihr Vorhaben erlebt, sondern allerhöchstens Unglauben entgegengebracht gekriegt haben, zeigt das einmal mehr, wieviel Positives doch in den Menschen steckt.
All dies basierend darauf, dass sie nirgendwo gebettelt haben, sondern ehrlich und aufrichtig mit ihrem Experiment durch die Straßen gezogen sind und die Menschen mit ihrer Geschichte unterhalten haben.
Und all dies ganz bewusst ohne soziale Netzwerke. Paul hat mir gesagt, dass es ihnen wichtig war, nicht auf irgendwelche Hilferufe auf Facebook zu bauen, sondern dass all diese Kontakte tatsächlich im echten Leben stattfinden sollten. Noch nicht mal Bekannte oder Tanten, die man vielleicht irgendwo in Toronto hat, wurden informiert, weil man dieses Kapital dann auch von zu Hause mitgebracht hätte. Kein Couchsurfing, keine Apps, kein Internet.
Dass man dann in Tokio beim Einkaufen eben nicht weiß, was man da gerade kauft und das Mittagessen mal aus kondensierter Gemüsebrühepaste besteht, die ungenießbar ist, gehört dann einfach zum Abenteuer dazu.
Auf jeden Fall haben die Jungs viel von der Welt gesehen und wurden von vielen Menschen unterstützt, was sie nicht nur in finanzieller Form durch Unterstützung verschiedener Projekte wieder an die Welt zurückgegeben haben und -geben.
Insgesamt wurden bei dem Unterfangen rund 150 32GB-SD-Karten an Videomaterial erstellt, von denen knapp 50 Minuten verwertet wurden, die ihr alle auch in ihrer Show Zwei um die Welt – in 80 Tagen ohne Geld im CinemaxX eurer Wahl bestaunen dürft.
Lasst euch diese wertvolle Chance nicht entgehen und bucht die Vorstellung, solange noch Plätze verfügbar sind – dieses einmalige Erlebnis bekommt ihr garantiert so schnell nicht wieder!
Es war mir eine Ehre, euch beide kennengelernt zu haben und ich hoffe, wir laufen uns auch in Zukunft noch oft über den Weg.

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