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ITTEFAQ – Es geschah eines Nachts

Und weiter geht’s im Land der Besonderheiten: Wir bewegen uns nach Bollywood und verzichten gleich mal auf Show, Tanz und Gesang: Ja, Indien kann auch ganz anders!
ITTEFAQ – Es geschah eines Nachts lehnt an das 1969 gedrehte Filmwerk an und präsentiert einen erstklassigen Krimi in indischer Manier: der deutsche Kulturgänger wird hier wohl die ein oder andere merkwürdige Szene finden, die den indischen Humor durchscheinen lässt, was für den geneigten film noir-Liebhaber wohl seltsam anmuten wird, allerdings kann man sich stellenweise das Lachen dann doch nicht verkneifen und die Story reißt auch ziemlich bald in ihren Bann und fesselt bis zum spektakulären Finale.
Wer sich jetzt desinteressiert abwenden möchte: In Indien wurde der Streifen zeitgleich mit Thor: Ragnarok released, was eine ziemlich starke Konkurrenz darstellt und gegen den er trotzdem seinen Platz behauptet hat. Ein Blick in die hierzulande rar gesäten Vorstellungen ist er also definitiv wert.
Über die anfängliche Suche zwischen Komödie und Thriller ist er schnell hinweg und entwickelt dann einen sehr speziellen, tiefergehenden und interessanten Blick in eine Geschichte, die zum Mitraten einlädt und ihre Offenbarung lange auf sich warten lässt. Diese ist dafür aber umso genialer und bereitet dem Zuschauer ein süffiges Ende. Damit erlebt man einen Thriller, der zwar von fern her kommt, es jedoch locker mit internationalen Größen aufnimmt und sie locker in die Tasche steckt. Prädikat: Sehenswert!
 

.kinoticket-Empfehlung: Bollywood mal ganz anders: Kein Gesang, kein Tanz und keine Kleider: Hier herrschen völlig neue Prinzipien und nehmen einen mit auf eine spannende Ratetour quer durch die dunklen Tiefen einer wunderbar erzählten Story.
Auch wenn der indische Humor vielleicht nicht jedermanns Geschmack ist: Der überwiegende Teil dieses Films besteht aus einem ernstzunehmenden Thriller mit wendungsreichen Pointen und einem herrlichen Finale.

 
Nachspann
❌ braucht man nicht ausharren, hier folgt nichts mehr.
Kinostart: 31. Mai 2018
Alle Kinos, die den Film in einem einmaligen oder wiederholten Event zeigen, findet ihr hier.

Maggie's Plan

“Darunter kann ich mir mal absolut nichts vorstellen.” – so derjenige, der um den heutigen Sneak-Titel wusste und mir nicht mehr verraten wollte.
Gehört, gelesen oder sonstwie publiziert hat auch keiner irgendwas, das mir in die Augen gestochen wäre – und vielleicht ist das auch ganz gut so.
Maggie’s Plan erweckt den Anschein, jemand würde vorgeben, mit reichlich Intellekt gesegnet zu sein und hätte nun den Auftrag, einen Woody Allen zu kopieren und mit genügend unverstandener Sprache zu füllen, um daraus ein Werk zu kredenzen, das von der Presse hochgelobt wird und vom Publikum letztendlich verschmäht.
Schaut man sich die bis dato spärlichen Rezensionen dazu an, könnte man meinen, der Plan hat funktioniert. Die Ambivalenz des Films besteht darin, seine sowohl charakterliche als auch Plot-bezogene Entwicklung durch absoluten Stillstand zu definieren: Es passiert einfach mal rein gar nichts. Die Handlung besteht mehr oder weniger nur aus Gequatsche, mit dem vielleicht Frauen glücklich werden, die die typischen New Yorker Frauenfilme gutfinden, in denen auch immer und immerzu geredet wird.
Anfangs sogar so weltfremd, als könnte man meinen, jemand hätte sich hier in den Untiefen einer Universität verirrt und würde schon seit Jahrzehnten den Weg an Gottes Sonnenlicht nicht mehr finden. Was anfangs noch etwas wie Irrational Man ausgesehen hat, entpuppte sich schnell als seelenloses Geistwesen, das seinen Charme dadurch auszeichnet, dass auf der Rückseite irgendwas von “Made in China” steht und somit signalisiert, dass der vorgebrachte Echtheitswert eines Da Vinci tatsächlich von Honshon Khi Gau stammt, den kein Arsch kennt und auch irgendwie niemand kennen will.
Ethan Hawke und Julianne Moore sind jetzt zwar nicht gerade zwei Schauspieler, die ich persönlich von der geistigen Bettkante stoßen würde, und diese eine Zehntelsekunde, die ihren Charakter im Film definiert, spielen die beiden auch hervorragend, allerdings fehlt diesem Teil einfach eine eigene Seele und vor allem eins: Bewegung.
Es ist so furchtbar anstrengend, dem so dermaßen schmerzhaft-vorhersehbarem Plot zu folgen, der sich noch nicht mal Mühe dazu gibt, mit Wendepunkten zu überraschen, sondern einfach nur platt und erbärmlich ein Konzept in den Mund knallt, das nicht nur nicht schmeckt, sondern irgendwie in sich auch schon vergoren und schlecht geworden ist. Und selbst, wenn es mal dazu kommt, Momente zu erschaffen, die hier wieder großes Gefühlskino zulassen würden, dann enden diese Phasen in derart unromantischen, jämmerlichen Szenen, die noch nicht mal Entschuldigungen oder Mitleid zulassen, sondern eher auf schamhafte Weise ein nicht zu unterdrückendes Lachen hervorrufen ob der unvergleichlich platten Darstellung, die einzig zum Ziel hat, dem Moment jegliche Relevanz zu entziehen.
Mein langfristiger Sneak-Freund und ich (Grüße ins OEZ) haben hinterher scherzhafterweise noch darüber gewitzelt, dass dir im Leben niemals einer begegnen wird, der dich danach fragt, ob du diesen Film hier gesehen hast – und ich fürchte, an dieser Aussage ist extrem viel Wahrheit dran.
Die Bedeutungslosigkeit dieses Machwerks schreit schon nicht mehr zum Himmel, sondern ist vollständig in der Hölle gefangen. Nach dem Film vergehen keine drei Minuten, bevor alles vergessen und durch Egalität im Nirgendwo verschwunden ist, weil davon rein gar nichts hängen bleibt, das dir in irgendeiner Form emotional oder wissentlich weitergeholfen hätte.
Gehört man zu den Streber-Studenten, die hier ihren Mikrokosmos aufleben sehen, mag man vielleicht stellenweise seine Freude an verschiedenen Ausdrucksweisen haben, die fürs Allgemeinpublikum aber eher verwirrend, verstörend und unzulänglich sind und somit auch keinerlei Sympathiepunkte auf die Guthabenseite schreiben.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wenn du den Titel liest, dann renn … und zwar nach draußen und möglichst weit weg.
Es war für mich unglaublich anstrengend, diesen Film bis zum Ende zu sehen und mitzuverfolgen, was da nun jetzt “passiert”. Mit viel Gutgläubigkeit und gutem Willen kann man darein vielleicht noch eine künstlerische Handlung interpretieren, die es fertigbringen wollte, einen Kinofilm zu erschaffen, der sich durch absolut nichts hervortut – gelungen ist dieses Experiment in meinen Augen aber gar nicht, sondern eher ein Paradebeispiel für Ausreden der Filmförderung, in Zukunft nicht ausgewiesene Konzepte zu unterstützen und zu fördern.
Bleibt draußen und nehmt lieber cineastische Alternativen, auch wenn davon zur Zeit auch nicht so arg viel über die Leinwände schwirrt.

 
Nachspann
Wenn da jetzt noch ein Nachspann gekommen wäre – wäre das eine Überraschung gewesen. Und das passt absolut nicht zum restlichen Konzept des Films.

Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika

Blödest gewählter Titel ever … Oder würdet ihr freiwillig in einen Film gehen, der so heißt? Die Marketingspezialisten dürften es zumindest schwer haben, den Film an die breite Masse heranzutragen um damit ein möglichst breit gestreutes Publikum zu erreichen, für das die Message des Films unerlässlich wichtig ist.
Dass das Ganze nicht so funktioniert, wie es vielleicht könnte, zeigte schon die Pressevorführung an sich, bei der reichlich wenig Vertreter der Medien zugegen waren als bei anderen, trächtigeren Titeln.
Vor der Morgenröte suhlt sich hier in einem fast verlassenen Bereich des Kinos, in dem viel Platz für Ideen, Kreativität, Geistreichhaltigkeit und andere künstlerisch ambitionierte Leidenschaft ist – und man startet genau so. Mit visuellen Eindrücken, die so gigantisch sind, dass das Herz eines jeden Liebhabers von bildhafter Schönheit zugleich schneller schlagen muss.
Dieses Werk gehört wieder zu jenen, bei denen man nicht von Anfang an klar deuten kann, worauf man sich hier eingelassen hat, sondern wo die Macher es noch verstehen, das Publikum zu überraschen, mitzureißen und zu unterhalten.
Stefan Zweig, seinerzeit ein Künstler und Autor von bedeutender Größe, bereist hier mit einem Teilstücke seines Lebens und erzählt dabei die Geschichte von eigentlich etwas völlig anderem, größerem, furchtbarerem.
Auch hier betritt man für meine Verhältnisse Neuland, indem man über geschichtliche Dinge berichtet, ohne sie jedoch maßgeblich zu bebildern oder voyeuristisch auszuschöpfen. Dass die Klage, der Wehmut, der Schrecken, die Zerstörungskraft und all die mächtigen Elemente allesamt durch die Gesichtsmimik eines einzelnen Darstellers wiedergegeben werden, grenzt für mich nahezu an ein schauspielerisches Wunder.
Hand aufs Herz: Habt ihr von Josef Hader vorher schon mal etwas gehört oder gesehen? Ich nicht. Und dieser Mann ist genial! Den Äußerungen anderer Pressevertreter kann ich nur beipflichten, dass er für seine Darstellung in Vor der Morgenröte durchaus preisverdächtig ist und eine Auszeichnung nicht nur verdient hätte, sondern erhalten muss!
Es blutet einem das Herz, diesen Mann dabei zu beobachten, wie er mit sich selbst kämpft, mit den Umständen der Welt nicht mehr zurecht kommt, immer tiefer in Dimensionen vordringt, derer er längst nicht mehr Herr ist und wie er durch seine wunderbare Art versucht, das Beste aus allem zu machen.
Gerade die perverse Diversität zwischen Horror und Schönheit, die hier so aussagekräftig über die Leinwand ergossen wird, die Dinge aus einem völlig anderen Blickwinkel aus betrachtet, schafft hier ein völlig neues, cineastisches Erlebnis, dem man sich als Zuschauer allein schon aufgrund der Genialität solchen Schaffens stellen sollte – und nicht zuletzt natürlich des Inhalts wegen, der – im Vergleich zu fast allen anderen Filmen dieses “Genres” (das Wort ist eher falsch in diesem Zusammenhang, aber mir fällt nichts besseres ein) hier ein musterhaftes Beispiel darstellt, dem die Geschichtsbücher und historischen Aufarbeiter gerne folgen dürften.
Genau das ist auch das Problem: Der Titel ist genauso grausam gewählt, dass das Werk letztendlich tatsächlich eher als Schulunterhaltungsfilm endet und nicht als ernstzunehmende Kost für den gemeinen Kinobesucher gesehen wird – und diese Entwicklung wäre das worst case scenario überhaupt. Denn der Inhalt gehört nicht nur ins Kino, sondern in die Wohnzimmer, in die Köpfe, in das Denken unserer Nation.
Hier werden unglaublich detaillierte, einfühlsame und wahrhaft meisterlich recherchierte Fakten auf den Tisch gelegt, deren Interpretation dem Zuschauer überlassen wird – Berichterstattung, die man sich von allen Medien heute nur noch wünschen kann.
Wer nach diesem Film nicht mit zittrigen Knien im Foyer steht und erstmal nichts mit sich anzufangen weiß, der hat ihn nicht gesehen. Allein wenn ich an die Szenen denke, rührt es mich fast erneut zu Tränen vor Erschütterung und Mitgefühl. Und ja, ich bin ein Kerl.
Ich weiß, dass ich euch in der Vergangenheit auch schon Filme ans Herz gelegt habe, die bewusst dämlich sind, einfach weil sie mal einen Abstecher aus dem Brei an anderer Dämlichkeit heraus getan haben und eben auf ihre Weise erfrischend waren. Das hier ist etwas völlig anderes, das man aus jeglicher vergleichender Bewertung mit gleichzeitig laufenden Filmen herauslösen und für sich selbst bewerten und anschauen sollte. Und zwar konkurrenzlos.
Vor der Morgenröte ist ein unglaublich ehrenhaftes Werk über Menschlichkeit in einer Welt voller Grausamkeit und unglaublicher Schönheit. Hader ist unglaublich in seiner Überzeugung. Die innere Verzweiflung Zweigs portraitiert das grausame Zusammenbrechen und die Dunkelheit eines Krieges, der auf der anderen Seite der Welt stattfindet, von dessen emotionalen Folgen sich Zweig nicht erholt. Der Film beinhaltet die unerträgliche Harmonie zwischen Krieg & Frieden.
Stellt euch vor, ihr habt RTL II, Sat.1 und das Gottseidank nicht mehr existente 9Live. Und ihr habt Arte. Der geistige Anspruch von letzterem ist vielen fast schon zu heftig, aus dem Grund existieren Hartz-IV-Sender und erfreuen sich großartigen Zuschauerquoten. Alles gut und recht. Doch zwischendrin kommt auf Arte mal ein Film, wo man sich denkt: WOW.
Nun nimmst du 500 solcher WOW-Filme und setzt sie mit 9Live gleich. Und innerhalb dieser 500 Filme ist dann einer, der wieder so ein Arte-WOW-Gefühl auslöst: Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika.
Verstanden?
 

.kinoticket-Empfehlung: Nein? Also nochmal zum Mitschreiben: REIN!!! Da gibt es keine Diskussion, keine Ausreden, kein ich habe, ich will, ich finde …. REIN!
Jetzt klar?
REIN GEHEN!
Nein, auch das gilt als Ausrede nicht – geh rein! Geh einfach rein! Was hast du zu verlieren? Facebook läuft dir nicht weg, deine Timeline wartet auch zwei Stunden auf dich und ist hinterher immer noch einsehbar.
Also – geh – einfach – rein!
Jetzt klar?
Gut.

 
Nachspann
nach so einem Film? Bleibt einfach noch etwas sitzen und lasst das, was zu hören ist, auf euch wirken. Hilft besser, um hinterher im Foyer die zitternden Knie zu überspielen. Vertraut mir.
Kinostart: 02. Juni 2016
Social: www.facebook.com/VorDerMorgenroete

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