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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Armut

Vollblüter

Mein Lieblingswort in letzter Zeit: Debütfilm! Cory Finley hat das Unfassbare geschafft und eine Geschichte ins Leben gerufen, die Kino wieder einmal interessant macht: Nicht die üblichen Verdächtigen in Sachen Charaktere, sondern völlig einzigartige und moderne Schöpfungen, die in einer komplett desaströsen, mentalen Welt umherirren und sich dabei völlig ungehindert entfalten können: Klar, so etwas hat’s ja noch nie bisher gegeben, warum also sollten hier irgendwelche Grenzen existieren?
Allein diese erfrischende, neuartige und mutige Variante, mit der man auf menschliche Interna zugeht und sie gegeneinander ausspielt, ist faszinierend. Dabei erhält der Zuschauer so vielfältige Möglichkeiten der Interpretation, die ihrer selbst wieder in eine neue Dimension vorstoßen und somit nicht an Altbekanntem kratzen, sondern völlig jungfräuliche Wege beschreiten.
Und mal ganz ehrlich: Was gibt’s geileres als das? Gedankliches Frischfleisch, dass noch nie in den Fängen einer Kapitalismuskralle oder angstüberbordenden Entscheidungen festgesessen und die zwanghafte Entmannung nischengläubiger Gedanken durchleiden musste?
Der Geist ist frei … und auf einmal sind alle emotionalen und moralischen Zwänge und Grenzen entfesselt und man kann damit beginnen, zu spielen. Dafür wurden Leinwände erschaffen!
Und das fasziniert mich immer wieder an Debüts: Man macht einfach mal, denn es gibt ja nichts, woran man das Erstlingswerk messen könnte. Und somit gibt es nur einen Verlierer: Die Einschränkungen. Und darauf verzichten wir alle gerne.
 

.kinoticket-Empfehlung: Macht euch gefasst auf ein neues, psychodramatisches Spiel, in dem es keine Grenzen mehr gibt: Dieser Film erweist unfreiwillig dem 2016 verstorbenen Anton Yelchin alle Ehre und setzt ihm ein würdiges Denkmal.
Die Faszination, aus moralischen und ethischen Grenzen ausbrechen zu dürfen, schöpft dieser Titel vollständig aus und nutzt daher das leinwandgegebene Recht, Experimente der abartigsten Sorte durchzuführen, ohne dabei auch nur einer Menschenseele zu schaden.
Einer der Gründe, weshalb ich Kino generell liebe und einer der Gründe, weshalb ihr euch den Titel ansehen solltet: Es macht nämlich unheimlich viel Spaß!

 
Nachspann
❌ Nicht hocken bleiben, hier folgt nichts weiter.
Kinostart: 09. August 2018

Ready Player One (3D)

Steven Spielberg ist der erfolgreichste Regisseur aller Zeiten, der auf ein Repertoire an Filmen zurückblicken kann, die legendär-episch und definitiv prägend für die Geschichte Hollywoods und auch für die Geschichte des Films an sich sind.
Neben Kevin Feige (Avengers) zählt er zudem zu den erfolgreichsten Produzenten aller Zeiten, zumindest, wenn man sich die Einnahmen mal so ansieht.
Seine Lebenswerkliste liest sich runter wie das Who is Who in Hollywood und wer bin ich schon, dass ich einen Großmeister wie ihn kritisiere.
Ich tu’s trotzdem!
Ready Player One – als sein neuester Geniestreich – ist ein Film, der als allererstes Mal ein Kniefall vor den 80ern ist, was man an der diebisch freudigen Hingabe und Exzellenz spürt. Spielberg hatte definitiv seinen Spaß daran und es ist dabei völlig egal, ob er seinen Kindern eine Freude machen oder sich und den Rest der Welt nostalgisch in dieses Zeitalter zurück katapultieren wollte: Gepaart mit dem vollmundigen Humor und der vor Easter Eggs und Anspielungen triefenden Tiefe, mit der er in dieses Jahrzehnt abtaucht, erlebt man als Zuschauer einen ehrenhaften und respektvollen Kniefall vor einem Jahrzehnt, aus dem die heutigen Generationen, die .trailer und Plakat ansprechen sollten, wohl schon längst entwachsen sind.
Die Leute, die damals mit den entsprechenden “Artefakten” in ihrer Jugend groß geworden sind, können nun endlich dankbar den seinerzeit von Pixels vermasselten Versuch als gelungen bezeichnen, einer Ära den Respekt zu zollen, die es verdient. Was damals in lächerlicher Peinlichkeit versank, kommt dank Spielberg und seiner exzellenten Fähigkeit, solide Filme zu machen, nun endlich vollkommen zur Geltung.
Wie ich jüngst schon einmal schrieb: Spielberg gehört der konservativen Generation an, die es noch gewohnt ist, Filme zu machen, in denen man sich etwas ausdenken musste, um es glaubwürdig an die Zuschauer weiterzugeben. Er gab sich auch in der Vergangenheit nicht mit einem Versuch ab, sondern war – wie z.B. James Cameron auch – eine wegweisende und innovative Größe, die nicht einfach das tat, was ganz Hollywood schon mehr oder weniger versuchte, sondern der Meilensteine setzte und damit maßgeblich das nächste Zeitalter einläutete. Spielbergs Filme waren visionär, er war ein Mann, der sich Gedanken darum macht, was demnächst kommt und dem man durchaus nachsagen durfte, dass er sich auf der Ebene eines Genies bewegte.
Genau dieser Tupfer hat mir bei Ready Player One gefehlt. Natürlich versucht er, über moderne Techniken zu akkumulieren, dass sein Werk im Jahr 2018 tatsächlich ein Existenzrecht hat, was sich mit dem Kniefall vor den 80ern aber irgendwie beißt, da die Generation 80er schon längst aus den Kinderschuhe raus ist und dafür auf breiter Fläche viel zu wenig Zeit hat, um sich mit etwas derartigem zu beschäftigen, auf der anderen Seite mir von Spielberg zu wenig Innovation aufgefahren wurde, um daraus ein legendäres Masterpiece zu machen, dass in die Annalen der Geschichte eingeht.
Wäre ich böse (und ihr wisst, dass ich viel zu brav bin ^^), würde ich sagen: Man könnte es mit der katholischen Kirche von 1604 vergleichen, die dir erzählt, dass weiterhin alles so bleibt, wie bisher, man aber jetzt die Bibel auch auf dem iPad lesen könne. Innovation. Yeah.
Genau diese Bauchschmerzen, dieses “Können, aber aus Gründen nicht so richtig wollen”, dieses Abgeschleifte, damit sich keiner so richtig dran stößt, das “auf alle Märkte zugeschnitten sein” beißt sich mit der einst vorpreschenden Marke, die Spielberg schon immer ausgemacht hat.
Keine Frage: Die Actionszenen sind allesamt grandios umgesetzt, es kracht gewaltig und für’s Auge ist immens viel geboten. Wer sich für den Film entscheidet und dabei auf 3D verzichten möchte, sollte hochkant wieder aus dem Kino geschmissen werden, denn das wäre ein unverzeihlicher Frevel – das 3D ist gigantisch! Und zwar permanent! Da wurde nicht gespart und es rummst auch gewaltig.
Am Drehbuch scheitert es allerdings ein bisschen, da kommt meiner Meinung nach viel zu sehr die brave Anstandsmoral, die man auch schon aus BFG – Big Friendly Giant kennt, durch. Hier hat er sich meiner Meinung nach einfach ein wenig zu viel selbst gefeiert und dabei vergessen, dass nicht nur das (durchaus erlaubte und verständliche) Zurückschauen auf vollbrachte Taten an der Tagesordnung stehen sollte, sondern man den einen Schritt, den bisher noch keiner gewagt hat, eben auch noch hätte gehen sollen.
Ja, ich weiß, das ist Jammern auf sehr sehr hohem Niveau – doch jemand, der eben nicht grad erst damit begonnen hat, sondern unglaublich viele Filmjahre und -erfolge auf dem Buckel hat, darf man – denke ich – auch etwas anspruchsvoller kritisieren.
Für gute Laune, spaßige Unterhaltung und ein Easter-Egg-Feuerwerk an Anspielungen auch auf mein liebstes Jahrzehnt ist definitiv gesorgt.
 

.kinoticket-Empfehlung: Spielberg ist ein Genie, der auch dieses Mal wieder bis an seine Grenzen gegangen ist, ohne jedoch den einen entscheidenden Schritt auch noch zu gehen, der aus Ready Player One ein unvergessliches Meisterwerk hätte machen können.
Stattdessen hört er an dem Punkt auf, wo er auch die letzten Jahre schon stand, ohne dabei nicht trotzdem einen Reißer abzuliefern, der andere Filme mit Leichtigkeit in den Schatten wirft.
Für DIE Empfehlung der Woche reicht es definitiv – allerdings bitte NUR in 3D – denn das ist so grandios wie schon lange nicht mehr!

 
Nachspann
braucht man nicht abzuwarten, hier folgen keine After-Credits.
Kinostart: 05. April 2018

Schloss aus Glas

Das Thema Breakout ist derzeit in vielen Kinos wieder in Mode und erweist sich so langsam auch als Publikumsmagnet. Zumindest in kleineren Städten reißen sich die Menschen um .kinotickets für solche Vorstellungen und man rüstet den Wochenplan dementsprechend um, um genau das zu bieten.
Schloss aus Glas basiert erneut auf einer wahren Geschichte und ist somit zugleich Buchverfilmung als auch “aus dem echten Leben erzählt”. Die Geschichte ist derart verblüffend, tragisch und ergreifend, da sie nicht zwischen A und B entscheidet, sondern den erbitterten Zwist zwischen der notwendigen Realität und dem unerklärlichen Drang nach Freiheit und Ausbruch sorgfältig unter die Lupe nimmt und hier neue Formen des Umgangs damit präsentiert.
Durch seine “Tatsächlich passiert”-Nacherzählung verpuffen alle Argumente, die dieses Leben als “nur ein Film” hinstellen wollen und offenbart einmal mehr, dass es durchaus möglich ist, nicht nach den konformen Regeln des Konservatismus leben zu müssen, um tatsächlich erfolgreich und – viel wichtiger – glücklich im Leben sein zu können.
All dies verrät aber immer noch nichts über das, was uns in Schloss aus Glas in eindrücklichen und bleibenden Bildern erzählt wird. Brie Larson glänzt neben Naomi Watts an der Seite von Woody Harrelson, der wieder einmal Höchstleistungen darbietet, die auch in diesem Film wieder zum Anbeten sind.
Und neben all den Exzessen, Querulanten, Absonderlichkeiten und dem unbändigen Streben einer Coming-of-Age-Generation, die sich im harten Alltag durch alle möglichen und unmöglichen Situationen durchbeißt, erblüht hier eine diskutierbare Offerte von Optionen des Erwachsenwerdens, ohne dabei auf den Respekt und die Liebe verzichten zu müssen.
Und ich wage zu versprechen, dass jeder, der diesen Film besucht, auf irgendeine Weise angesprochen wird. Denn um das völlig gefühlskalt und emotionsbefreit abzutun, braucht es die Abwesenheit jedweder menschlicher Regung – und das dürfte in den seltensten Fällen der Fall sein.
 

.kinoticket-Empfehlung: Eine ergreifende und wahre Geschichte, die nicht nur mit völliger Schrägheit verblüfft, sondern die irren Windungen inmitten von Gesetzen und Normen durchbricht, um schlussendlich völlig befreit aus dieser Lage emporzusteigen.
Die Szenen sind beeindruckend und hallen noch lange nach, die Darsteller erobern die Herzen im Sturm und die erbitterte Wahrheit dieser Erzählung erschüttert noch lange danach den Geist.
Definitiv sehenswert und mega emotional!

 
Nachspann
sollte man mitnehmen, da dieser zur Glaubwürdigkeit extrem viel beiträgt.
Kinostart: 21. September 2017

Timm Thaler oder das verkaufte Lachen

Ihr wisst, was ich von deutschen Filmen halte, kennt meine abschätzige Meinung zu deutschen Schauspielern und deren Lautdarstellungen und vernehmt an dieser Stelle, dass selbst mein hoch geschätzter Sender ZDF hier coproduziert hat.
Beste Voraussetzungen für eine positive Kritik.
Spinnt der jetzt?
Zugegeben, als ich Milan Peschel auf der Darstellerliste entdeckt habe, kamen in mir auch die größten Angstgefühle hoch und ich befürchtete das Schlimmste. Vielleicht war das auch grade mein Glück, denn mit derart niedrigen Erwartungen liegt die Arbeitsleistung dann wieder darin, diese nicht noch zu unterbieten, sondern einfach nur mäßig gute Arbeit abzuliefern.
Es wurde mehr getan. Sehr viel mehr. So richtig viel mehr.
Irgendwie fällt nämlich gar nicht so richtig auf, dass das hier eine deutsche Produktion ist, wenn man über die üblichen Filmkinderkrankheiten mal hinweg sieht. Im Gegenteil: Timm Thaler oder das verkaufte Lachen hat mir sogar bis auf ein paar Ausnahmen so richtig gut gefallen.
Und das meine ich diesmal auch nicht ironisch. Gut, das Lachen des Kleinen wirkt auf den ersten Moment doch etwas befremdlich und unfreiwillig komisch, jedoch gewinnt Arved Friese als Hauptdarsteller dieser Kinderbuchverfilmung dann ganz schnell die Sympathie aller Anwesenden und punktet als glaubwürdiger und überaus charmanter Jungdarsteller in einem Bühnenstück, das die Empore guter Filme recht schnell erklimmt.
Gedreht wurde in Halle (Saale), Sachsen-Anhalt, Berlin und Umgebung und dabei eine sehr tiefgründige, Fragen aufwerfende Geschichte erzählt, die sich mit den wichtigen Themen unserer Zeit auseinandersetzt und somit nicht nur dem jungen Publikum ein Forum für Überlegungen und Diskussionen bieten.
Dabei wird dem zärtlichen Aufbau von Gefühlen und Magie, Neugier, Herausforderungen und Problembewältigung in der sicheren Atmosphäre eines Kinder- und Jugendfilms sehr viel Raum geboten. Man hat während des Schauens sehr viel Zeit zum Entdecken und Erkunden des Lebens und stellt dem Zuschauer die Frage danach, was wirklich wichtig ist und zählt.
Einzig die Rolle des Justus von Dohnanyi hat mir ob der Undurchsichtigkeit seiner Handlungsmotive nicht ganz so gefallen, was aber dem ansonsten gut durchstrukturierten Plot mit aufgeweckten Figuren und klaren Zielen nicht weiter schadet.
Lobend erwähnen möchte ich auch nochmal die Kulisse, die hier genutzt wurde, die malerisch durchaus mit Design und Ästhetik zu beeindrucken weiß.
 

.kinoticket-Empfehlung: Nicht nur als Kinderbesitzer sollte man hier zuschlagen und die Chance auf richtig gutes, unverdorbenes und lehrreiches Kino vertun, sondern ein .kinoticket lösen und die große Version dieses Kinderuniversums in vollen Zügen genießen.
Der Plot ist abwechslungsreich, spannend und wird vom gesamten Cast super rüber gebracht, hier und da gibt es ein paar kleine Mankos, die aber dem gesamt positiven Eindruck keinen Schaden zufügen.
Daumen hoch!

 
Zum Schluss noch ein paar interessante Fakten über das Lachen
© Constantin Film Presseheft
☑️ Die Wissenschaft vom Lachen heißt Gelotologie und stammt vom griechischen “gelos” ab, was soviel wie “das Lachen” heißt.
☑️ Das Lachen war ursprünglich eine Drohgebärde und entstand aus dem Zähnefletschen.
☑️ Beim Lachen aktiviert der Mensch 80 Muskeln, davon 17 in seinem Gesicht.
☑️ Die Redensart “Ich mache mir vor Lachen in die Hose” hat einen wahren Kern. Denn das Lachen entspannt die Blasenmuskulatur.
☑️ 20 Sekunden herzhaft zu lachen entspricht in etwa der körperlichen Leistung von drei Minuten schnellem Rudern. Somit kräftigt Lachen das Herz-Kreislauf-System.
☑️ Bären können nicht lachen, ihnen fehlen die entsprechenden Muskeln im Gesicht.
☑️ 1998 wurde der Weltlachtag eingeführt. Am ersten Sonntag im Mai lachen die Teilnehmer in mehr als 100 Ländern um Punkt 14 Uhr deutscher Zeit eine Minute lang.
☑️ Der Weltlachtag ist eine Initiative des Inders Madan Kataria, dem Gründer der weltweiten Yoga-Lach-Bewegung.
☑️ In einem Sketch der Comedytruppe Monty Python setzt das britische Militär im Zweiten Weltkrieg den “lustigsten Witz der Welt” als tödliche Waffe gegen die deutsche Wehrmacht ein.
 
Nachspann
Optisch anfangs ansprechend gestaltet bringt einen dieser auch bei gänzlichem Schauen nicht zu noch mehr Bildmaterial. Rausgehen ist also erlaubt.

(Exklusiv-Interview) Zwei um die Welt: In 80 Tagen ohne Geld

In einem zugegebenermaßen etwas merkwürdigen Trailer habe ich die beiden zum ersten Mal gesehen und dachte mir: Wow – ein Film übers Reisen, da muss ich unbedingt hin.
Pustekuchen. Denn das war kein Film, sondern die beiden Hauptdarsteller waren live vor Ort und haben über ein Experiment berichtet, das so sicherlich noch kein zweiter unternommen hat. Und es war nicht nur mega aufregend, den beiden Zwillingen beim Referieren über ihre Erfahrungen rund um den ganzen Globus zuzuhören und -zu schauen, sondern der Abend hat bei mir und sicherlich vielen anderen auch noch ganz andere Emotionen ausgelöst.
Warum ich hierüber berichten will? Weil ich es spannend und unglaublich wichtig finde, einen Blick über den Tellerrand zu werfen und für mich das Leben nicht nur aus Facebook, Arbeit und Schlaf besteht, sondern ich das Reisen als elementaren Bestandteil einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung betrachte.
Neben den irrsten Berichten aus aller Herren Länder bringen die beiden auch noch etwas mit, das mich unglaublich beeindruckt hat: Eine Weltoffenheit, Sympathie und Ausgereiftheit, was die Wertvorstellungen im Leben angeht, von denen sich so manch Großer (und Kleiner) mehrere Scheiben abschneiden sollte.
 
in80tagenohnegeld

Werbung für die Show vorm CinemaxX Augsburg am 10.10.2016
© 2016 kinoticket-blog.de

 
Zur Geschichte von Hansen & Paul Hoepner
Mit dem Fahrrad mal eben von Maastricht nach Milano radeln, um eine Möbelmesse zu besuchen, die seit drei Tagen vorbei ist, das Ganze dann etwas mehr ins Extrem prügeln und mit dem Bike nach Shanghai – für die beiden Zwillinge Hansen & Paul Hoepner gehört das zum Leben dazu.
Ersterer studierte Produktdesign, Goldschmiede und Fotografie, während Paul Mediendesign in Köln und “Human Factors” an der TU Berlin studierte. Beiden wurde die Sehnsucht nach Abenteuern bereits in die Wiege gelegt, da ihre Eltern sie schon frühzeitig mit auf Touren nahmen. Dieses Hobby haben sie ausgebaut und jetzt das Experiment gewagt, in 80 Tagen einmal die Welt zu umrunden, ohne dabei Geld in der Tasche zu haben.
 
Das Ziel des Projekts
Vorurteile abbauen gegenüber anderen Menschen, anderen Kulturen. Die Couchzone verlassen, den Komfort hinter sich lassen und einmal die Erde umrunden, ohne dabei zu betteln oder auf bedürftig zu machen, sondern immer etwas zurückzugeben, wenn man auch etwas bekommen hat.
Das Ergebnis davon ist nicht nur wahnsinnig interessant, sondern sollte von euch allen gesehen werden, wenn sie ihre CinemaxX-Tour durch Deutschland machen und dabei ihr Projekt in den Kinos vorstellen.
 
Für mich ist es ein unglaubliches Privileg, die beiden kennengelernt zu haben und ich freue mich, euch heute hier ein exklusives Interview präsentieren zu dürfen, das ich nach der Vorstellung mit Paul Hoepner führen durfte.
 

Ben
Die erste Frage, die ich habe, ist: Was hat euch überhaupt bewegt, grundsätzlich diese Reise zu machen?

Paul
Ich glaube, der ursprüngliche Gedanke war, dass wir was machen wollten, was wir so vorher noch nicht gemacht haben, und zwar gleich aus zwei Richtungen: Wir wollten wieder ein Abenteuer erleben, wieder auf Reisen gehen, aber wir hatten keinen Bock, unendlich viel Geld auszugeben und unendlich viel zu planen, gerade was Finanzierung angeht, weil das bei unserer ersten Reise eben das aufwendigste war. Also dieses Crowdfunding, was wir gemacht haben, bei der ersten Reise. Und dann haben wir uns überlegt: Wir versuchen’s einfach ohne Geld einmal – keine Ahnung – quer durch Europa. Das war so der erste Plan. Dann haben wir halt immer weiter gesponnen und – wie es bei mir und Hansen dann halt so ist – spinnen wir so lang weiter, bis wir das Maximum haben. Also haben wir gesagt: Wir versuchen’s einmal ganz um die Welt.
Ben
Gab’s da jemals Zweifel daran, ob das Projekt generell durchführbar ist, oder habt ihr gesagt “Das ist auf jeden Fall machbar, nur  – es wird halt interessant”?

Paul
Es ist eigentlich ironischerweise beides, also einerseits hat mein Gefühl mir gesagt, und auch mein Verstand am Anfang, dass es nicht machbar ist. Ich hab auch ehrlich gesagt am Anfang nicht dran geglaubt, dass wir’s schaffen würden. Ich hab immer damit gerechnet, mir immer irgendwelche Trostpreise überlegt, so wie “Naja, wenn wir’s bis Lissabon schaffen, ist ja auch schon ganz schön” und so weiter. Dass wir dann tatsächlich irgendwann nach Kanada rüberkommen, war schon ‘ne Überraschung für mich. Und dass wir’s dann von Kanada tatsächlich auch noch nach Tokio schaffen, war ‘ne Überraschung. Und so kam eigentlich eine Überraschung nach der anderen, bis man’s dann irgendwann fast geschafft hatte, und dann kam natürlich entsprechend die große Enttäuschung, dass man dann so kurz vorm Ziel scheitern soll, wenn man’s schon so weit geschafft hat. Das ist so ein bisschen wie wenn du in einer Quiz-Show bist und du hast die 900.000 € Frage und denkst dir: “Verdammt nochmal, jetzt geh ich auf die Million!” und dann verkackste. (lacht)
Ben
Habt ihr irgendwelche Regeln für’s Unterwegs sein? Also so Regeln, die grundsätzlich gelten, sowas wie “Nimm möglichst wenig Gepäck mit” oder legt ihr das speziell bei jedem Projekt dann neu fest?

Paul
Wir haben wirklich Regeln, die auch auf Erfahrung basieren. Die erste Regel ist, dass die Welt bei weitem nicht so gefährlich ist, wie sie immer dargestellt wird. Dass man vor Ort Sachen viel viel besser einschätzen kann, als wenn man sie von zu Hause aus plant. Das ist glaube ich wichtig, sich zu merken, weil: Wenn ich hier zu Hause eine Reise plane und ich gehe Informationen über ein gewisses Land durch, dann wird man mir durch diese Informationen sagen, ich sollte besser nicht in dieses Land reisen, denn das ist gefährlich. Aber wenn man erst einmal vor Ort ist und sich langsam rantastet an die Leute, an die Kultur, an die Problemzonen vielleicht auch in diesem Land, dann ist das eigentlich immer so, dass man feststellen wird, dass diese ganzen Gefahren, die da so übertrieben dargestellt werden, nur für diese Leute gelten, die total unsensibel in diese Kultur reinplatzen. Die vielleicht mit fetter Spiegelreflexkamera vorm Bauch in irgendein Ghetto reingehen und da Fotos von hungernden Kindern machen, weil sie es irgendwie toll finden und so Leute werden überfallen und vielleicht auch Opfer von irgendwelchen Raubmorden, aber wenn du halt einfach sagst: “Ich geh da nur hin, wenn ich eingeladen werde”, dann ist das was anderes.
Ben
Wieso sollte man sich den Vortrag von euch anschauen? Also, was ist der Beweggrund für jemanden, der jetzt im Internet surft, auf ein Blog geht und sagt: Ich hab hier einen Filmtitel, warum soll ich jetzt da rein?
Paul
Hab ich keinen Grund (lacht). Macht’s auf keinen Fall! (lacht)
Also ich glaube, was so das Feedback ist – kann man ja selber immer schwer einschätzen – aber was das Feedback ist, das wir so kriegen, ist, dass es schön zeigt, wie Menschen von den unterschiedlichsten Kulturen an einem Strang gezogen haben, nämlich dieses Projekt umzusetzen. Es sind ja alle Leute, die uns irgendwie geholfen haben, alle Leute, die uns unterstützt haben, irgendwie Teil dieses Projekts geworden und das wussten die eigentlich auch schon in dem Moment, wo die angefangen haben, uns zu unterstützen. Und das macht irgendwie all diese Leute zu einem Team. Und das ist – glaube ich – echt ein schönes Erlebnis, das zu sehen, wie das funktioniert, quer über alle Kulturen hinweg, über alle Länder, durch die wir gereist sind. Und der Mehrwert, den man auch als Zuschauer vielleicht ein bisschen hat, ist, dass man die Angst vor der Welt ein bisschen verliert. Dass man sich vielleicht eher mal traut, nach Indien zu reisen, wenn man noch kein Hotel gebucht hat, oder sich nicht sicher ist, ob man sich das Hotel leisten kann. Einfach mal hinfahren und zu sagen: Mir wird nichts passieren, weil ich hundertprozentig sicher bin, dass ich irgendjemanden finden werde, der mich freundlich aufnehmen wird, der mir vielleicht sogar ein Hotel zahlen wird, oder was weiß ich. Offenheit ist auf jeden Fall ein gewisses Thema.
Ben
Hat euch jetzt speziell diese Reise persönlich irgendwie verändert oder ist danach irgendetwas anders geworden?
Paul
Also was anders geworden ist, ist so ein Gefühl von “Was soll jetzt noch passieren?” – wenn man es schon schaffen kann, ohne Geld um die Welt zu reisen und von wildfremden Leuten für ein Projekt, was ja eigentlich ein simulierter Zustand war, Hilfe zu bekommen, dann ist man sich eigentlich sehr sehr sicher, dass, wenn man in einer Situation ist, wo man ernsthaft Hilfe braucht, diese Hilfe auch bekommen wird. Und zwar auch überall auf der Welt. Und es gibt einem ein gutes, sehr zuversichtliches Gefühl übers Leben, weil was auch immer passieren wird – worst case ist: Man hat nichts mehr – und offensichtlich kommt man auch so ganz gut zurecht.
Ben
Und würdet ihr jetzt, nachdem ihr das alles erlebt habt und all die Eindrücke, die ihr gezeigt habt heute in der Show, diese Reise nochmal machen?
Paul
Das ist so ein bisschen eine zweiseitige Antwort dazu. Wir haben schon festgestellt, dass wir jedem empfehlen würden, so eine Reise mal zu machen, weil die Erfahrungen, die wir gemacht haben auf dieser Reise so wertvoll sind, allein die Menschen, die wir getroffen haben, mir gezeigt haben, wie Menschen in solchen Ländern eigentlich sind und nicht, wie sie durch die Medien dargestellt werden. Das ist das eine: Ich würd’s jedem empfehlen, das zu machen, aber ich würd’s selber nicht nochmal machen können, weil wenn ich jetzt schon wüsste, welche Strapazen auf mich zukommen, wenn ich diese Reise mache, dann würde ich wahrscheinlich sagen: Ich mach lieber was anderes. Aber trotzdem ist es die Erfahrung absolut wert, so an seine eigenen Grenzen zu kommen und in einer absoluten Abhängigkeit von anderen Menschen zu sein ist wirklich eine Erfahrung, die man mal gemacht haben sollte.
Ben
Und zu dem Projekt, das ihr angekündigt habt für 2017, dass ihr in Deutschland Abenteuer erleben wollt, gibt es da schon ganz konkrete Pläne oder ist das alles noch in der Schwebe?
Paul
Ist eher noch in der Schwebe. Wir wollen irgendwas in Europa machen, was eine Herausforderung ist, was ein Abenteuer ist und was uns auch mit den Menschen in Europa zusammenbringt.
Ben
Vielen Dank für das Interview.
Paul
Sehr gerne.

 
Wow. Wenn man bedenkt, dass sie auf der ganzen Reise eigentlich keine einzige negative Reaktion auf ihr Vorhaben erlebt, sondern allerhöchstens Unglauben entgegengebracht gekriegt haben, zeigt das einmal mehr, wieviel Positives doch in den Menschen steckt.
All dies basierend darauf, dass sie nirgendwo gebettelt haben, sondern ehrlich und aufrichtig mit ihrem Experiment durch die Straßen gezogen sind und die Menschen mit ihrer Geschichte unterhalten haben.
Und all dies ganz bewusst ohne soziale Netzwerke. Paul hat mir gesagt, dass es ihnen wichtig war, nicht auf irgendwelche Hilferufe auf Facebook zu bauen, sondern dass all diese Kontakte tatsächlich im echten Leben stattfinden sollten. Noch nicht mal Bekannte oder Tanten, die man vielleicht irgendwo in Toronto hat, wurden informiert, weil man dieses Kapital dann auch von zu Hause mitgebracht hätte. Kein Couchsurfing, keine Apps, kein Internet.
Dass man dann in Tokio beim Einkaufen eben nicht weiß, was man da gerade kauft und das Mittagessen mal aus kondensierter Gemüsebrühepaste besteht, die ungenießbar ist, gehört dann einfach zum Abenteuer dazu.
Auf jeden Fall haben die Jungs viel von der Welt gesehen und wurden von vielen Menschen unterstützt, was sie nicht nur in finanzieller Form durch Unterstützung verschiedener Projekte wieder an die Welt zurückgegeben haben und -geben.
Insgesamt wurden bei dem Unterfangen rund 150 32GB-SD-Karten an Videomaterial erstellt, von denen knapp 50 Minuten verwertet wurden, die ihr alle auch in ihrer Show Zwei um die Welt – in 80 Tagen ohne Geld im CinemaxX eurer Wahl bestaunen dürft.
Lasst euch diese wertvolle Chance nicht entgehen und bucht die Vorstellung, solange noch Plätze verfügbar sind – dieses einmalige Erlebnis bekommt ihr garantiert so schnell nicht wieder!
Es war mir eine Ehre, euch beide kennengelernt zu haben und ich hoffe, wir laufen uns auch in Zukunft noch oft über den Weg.

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