.kinoticket-blog.de

wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Alexander Hörbe

Gundermann

Gundermann – selbst als Geborener in dieser Region ist mir dieser Name niemals aufgefallen. Ja, es gibt diejenigen, die sich dem nachhallenden Hype der Nostalgie hinterherwerfen und der Meinung sind, damals war alles perfekt. Wer dort leben musste, wird wissen, dass zwar einige Dinge ganz okay waren, vieles aber auch sehr fragwürdig bzw. beängstigend. So zumindest habe ich es in meiner Kindheit erlebt, die ich zum Großteil in der DDR verbracht habe.
Nimmt man jetzt mal Augenschein auf die unzähligen Dokumentationen, die zum Teil in schwarz/weiß bereits hunderte Male in den TV-Stationen rauf und runtergespielt wurden, wird man sehr schnell merken, dass diese Themen unlängst alle einmal behandelt wurden und eigentlich nur noch nervig sind. Das ewige Schwelgen in den immergleichen Lobeshymnen auf die “gute alte Zeit” oder das dramatische Panikmachen in wüster “Aufklärung” über die Ära und die ach so bösen Politiker … ich kann und will es nicht mehr sehen. Es nervt. Ausschließlich. Kommt sowas, zappt meine Fernbedienung fast schon von alleine weg, weil sie weiß, dass mich derlei einfach nur noch ankotzt.
Und dann findest du dich eines Tages im Kino wieder und betrachtest einen Film, über den du vorher noch nie was gehört hast und der sich mit genau dieser Ära beschäftigt.
Und fühlst dich immens unterhalten. Lachst, bangst, siehst die Dinge in einer verspielten Leichtigkeit und Ruhe, empfindest Sympathie und Empathie und freust dich über die kleinen Erfolge, betrauerst die Misserfolge und denkst am Schluss: Wann läuft der endlich an, damit ich ihn direkt nochmal sehen kann?
Gundermann ist ein Biopic von einem DDR-Bürger, der von Alexander Scheer so glaubwürdig und authentisch gespielt wurde, dass viele, die das Original nicht kannten, dachten, er wäre es wirklich. Die Performance ist unglaublich! Und dieser Film so vielschichtig, dass man sich wünschte, er würde in allen Ecken und Enden der TV-Landschaft über den Äther fließen und das Volk endlich mal vernünftig über das aufklären, was dort gang und gebe war.
Denn die Verflechtungen mit den verschiedenen Bereichen, mit denen ein Mensch im Laufe seines Lebens in Berührung kommt, wurden hier so wunderbar zusammengeführt, dass es einfach Spaß macht, ihm zuzusehen, wie er mehr oder weniger durch sein eigenes Leben stolpert und dabei trotzdem weiß, was er will. Seine schillernde Persönlichkeit wurde so grandios eingefangen, dass allein dafür schon ein Ticket lohnenswert wäre.
Dazu kommt, dass dies die erste Dokumentation über das Leben in der DDR ist, die ich mit Freuden aufgesogen habe und mir jederzeit wieder anschauen würde, auch wenn sie recht lang ist. Und das sage ich als jemand, der seiner “Heimat” (wie viele den Geburtsort nennen) schon lange den Rücken gekehrt hat und der es nirgendwo lang genug aushält, um die Wurzeln zu schlagen, die ihn an diesen Boden binden würden. Ich liebe das Reisen, ich liebe die Bayern, ich fühle mich hier viel mehr zu Hause als in Sachsen und wenn ich auf meiner Arbeit erzähle, dass ich gebürtiger Sachse bin, glaubt mir keiner ein einziges Wort.
Meine Bindung zum Sächsischen ist quasi nicht vorhanden und ich vermisse überhaupt nichts, sondern liebe das, wo ich jetzt lebe und bin und mir sind die Leute immer peinlich gewesen, die dem Hype um die DDR nachrennen, dennoch bitte ich euch inständig darum: Schaut euch diesen einen Film an und genießt ihn, denn er hat rein gar nichts von dieser abstoßenden Materie, die andere Dokus über diese Zeit schon im Vorfeld versprühen.
 

.kinoticket-Empfehlung: Entfesselt die Einblicke in ein verborgenes Reich aus anderen Perspektiven und beleuchtet Dinge, die nicht in der allgemeinen Öffentlichkeitswahrnehmung vorhanden waren.
Alexander Scheer spielt so glaubwürdig, das man meinen könnte, er wäre “der Echte” und der Film bietet Unterhaltungspotenzial, das einen vergessen lässt, dass dies eigentlich nur eine “langweilige Biografie” sein sollte. Selbst als DDR-Hasser empfindet man Sympathie mit den Handlungen und fühlt sich auf höchstem Niveau entertaint. Also geht rein und genießt es… noch niemals wurde Geschichte so wunderbar aufgearbeitet und erzählt.

 
Nachspann
❔Der finale Nachspann stand zur Pressevorführung noch nicht fest, daher können dazu keine Aussagen gemacht werden.
Kinostart: 13. August 2018

Happy Hour

Trailer schon mal irgendwo gesehen? Nein.
Sonst irgendwas über den Film gelesen oder gehört? Nein.
Für mich die allerbesten Voraussetzungen für einen guten Filmabend mit jeder Menge spannender Überraschungen und toller Unterhaltung.
Ganz ehrlich? Nach Wie Männer über Frauen reden war es für mich etwas schwierig, in diesen Film “einzusteigen”. Dem Zuschauer wird es hier nicht gerade leicht gemacht, einen Überblick über die Charaktere und den Sinn der Geschichte zu gewinnen, stattdessen wird man dramaturgisch eher ins kalte Wasser geschubst und mit TV-ähnlichen Aspekten konfrontiert, die man auf der großen Kinoleinwand dann hinzunehmen hat.
Ist dieser Holperstart überstanden, erfreut man sich an einer gut erzählten Geschichte, die hier weniger den Spannungsbogen-Plot als vielmehr die Moral über verschiedenste Erlebnisse und Wesenszüge des Lebens beleuchten und verarbeiten möchte. Dies gelingt auf einem gewissen Niveau auch recht ordentlich, wobei der anfänglich aufgetauchte TV-Effekt niemals ganz weggeht.
Ich möchte nicht sagen, dass die Geschichte schlecht ist, dass man es nicht schafft, in ihr abzutauchen und irgendwann tatsächlich warm mit ihr ist, ich möchte auch nicht sagen, dass die Macher hier schlechte Arbeit geleistet haben, nur die Tatsache, dass man gerade das Kinopublikum dazu nötigt, sich diese Art Film anzuschauen, fand ich als etwas merkwürdig ausgewählt. Das Ding hätte meines Erachtens nach im Fernsehen viel bessere Chancen, wahrgenommen zu werden und wurde schließlich ja auch von diversen Fernsehsendern produziert.
Somit geht der cineastisch angehauchte Fan eher etwas bedröppelt wieder aus dem Saal, weil die ganz großen Kinomomente hier eben fehlen und stattdessen eher auf dramaturgische Schauspieleffekte gesetzt wird. Das gleiche gilt übrigens für die “Auflösung” des Plots. Wäre das Ding an einem Abend auf Arte oder im WDR gelaufen, hätte ich dazu viel eher etwas inhaltlich positives sagen können, aber für einen Kinofilm (und in diesem Blog geht es um Kino und nicht ums Fernsehen!) fand ich es einfach zu tv-esk.
 

.kinoticket-Empfehlung: Wer gute Fernsehfilme liebt und einen niveauvollen Streifen auch im Spätprogramm auf der Flimmerkiste schaut, der darf gern den Absprung ins Kino wagen und sich dort dieses Stück ansehen.
Eingefleischte Kinofans werden wohl eher enttäuscht sein, da die Highlights des Werkes nicht unbedingt fürs Kino gemacht zu sein scheinen, sondern ihren Nährboden eher in der TV-Riege finden.
Alles in allem hat man aber eine einprägsame Geschichte, die teils makabere Wesenszüge der Menschen aufdeckt und analysiert.

 
Nachspann
ist zwar lustig bunt, beinhaltet aber keine weiterführenden Szenen oder ähnliches.

Powered by WordPress & Theme by Anders Norén