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wenn aus filmen leidenschaft wird

Tag: Adil Hussain

Was werden die Leute sagen

Leute, mir fehlen die Worte. Ich bin in diesen Film rein, in der Erwartung, etwas zu sehen, dass sich ein wenig mit Scham, Heimlichtuerei oder kulturellen Unterschieden in der Gesellschaft auseinandersetzt … und geliefert hat man eine Explosion, die mich sprachlos gemacht und zutiefst schockiert hat!
Aber der Reihe nach.
Ich weiß, mein Label steht für Spoilerfreiheit, und ich glaube, dass ich nicht zu viel verrate, wenn ich sage: Beginnt einfach damit, euch noch einmal Der Stern von Indien anzusehen, um die Erschaffung und Gründung dieses Staates zu verstehen. Um ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, woraus das alles entstanden ist und welche moralischen, emotionalen und religiösen Fundamente hier Grundstein waren, auf denen sich diese Kultur entwickelt hat.
Dann legt euch selbst die Halterungen im Schädel an, holt euch ein .kinoticket und begebt euch auf eine grausame, unfassbare Reise durch einen Film, der für mich bis jetzt absolut der Film des Jahres ist!
Iram Haq hat etwas erschaffen, dass ich als “Meilenstein internationaler, kultureller Verständigung und Aufklärung” bezeichnen würde, dass nicht nur Einblicke in ein Leben gewährt, sondern hier zu einem tieferen Grundverständnis führt und verschiedene Kulturen (hoffentlich) zusammenbringt.
Wir leben in einer Welt kultureller Diversität, in der längst nicht mehr einheitlich durch Landesgrenzen abgeschirmt ist, was woanders passiert. Nicht nur moderne Technik hat die Abgrenzungen zu fremden Nationen, fremden Gepflogenheiten längst verwischen lassen, sondern politische und marktwirtschaftliche Entscheidungen fordern unlängst ihre überfälligen Konsequenzen ein und verändern aktiv das Bild einer Welt, die in sich zusammenzubrechen droht.
Geht man von Deutschland aus – einem Land, dass vergleichsweise zu anderen Nationen in Reichtum und Wohlstand lebt – hört man vielerorts Beschwerden über Zugereiste, Flüchtende aus Nationen und Ländern, in denen andere Regeln herrschen und man spürt den Unmut unserer Landesbürger über die ungewollte Konfrontation mit anderen Gewohnheiten.
Die Medien haben daraus eine inzwischen lächerliche Dauerdiskussion gemacht, in der die immergleichen Fragen nicht beantwortet und zumindest wohlgemeinte Absichten nicht mehr erkennbar sind, was zusätzlich den Hass auf diese Menschen schürt und den Aufgebrachten zusätzlichen Nährboden liefert, was dann in Aktionen wie Hausbränden und anderen Verwerflichkeiten endet.
All dies entsprungen aus einem grundsätzlichen Unverständnis heraus, da keiner von uns ernstlich den Willen und Mut aufgebracht hat, sich diesen Fremdartigkeiten zu stellen und sie zumindest ansatzweise verstehen zu wollen.
Okay, bevor ihr hier gleich alle Sturm lauft: Es geht nicht darum, alle Grenzen zu öffnen und die ganze Welt in unser Land spazieren zu lassen, ihnen Geld in den Rachen zu werfen und dabei nichts zu hinterfragen. Falsch. Es geht um etwas viel größeres.
Wozu Politiker nicht in der Lage waren, was viele sogenannte “Experten” in unzähligen Talk-Diskussionen und Polit-Shows nicht auf die Reihe gebracht haben, hat nun ein Paradebeispiel geschafft auf einer Plattform, auf der ordentliches Reden und das Aufzeigen einer komplexeren Sache unglaublich einfach ist: Kino.
Iram Haq erzählt eine Geschichte, von Schauspielern inszeniert, die mit großartiger Sorgfalt gecastet wurden, um die entsprechend psychische Belastung auch korrekt darstellen zu können. Wer den Film besieht und im Abspann genau hinschaut, wird feststellen, dass die Handlungen “frei erfunden” sind. Im Interview verrät die Regisseurin aber, dass dies ihre persönliche Geschichte ist, die sie durch diesen Film zu interpretieren versucht und für die sie Jahre ihres Lebens gebraucht hat, um sie auch richtig erzählen zu können.
Ihr ging es nicht um kulturelles Bashing, ihr ging es auch nicht um die Darstellung einer Opfer-Täter-Rolle, sondern ihr Ziel war, beide Kulturen so in einem Film zu präsentieren, der zwar ganz klar aus Sicht des Kindes, das sie damals war, gezeigt wird und den Zuschauer sehr einfühlsam an ihrer Welt teilhaben lässt, jedoch auch zumindest versucht, diese verschrobenen und hier verurteilten Werte und Ängste einer ganzen Nation widerzuspiegeln.
Die Grundelemente dieses Films hat sie in ihrer Kindheit persönlich durchlitten und ist damit selbst Leidtragende dieser hasszerfressenen Kluft, die zwischen verschiedenen Völkern unterschiedlichen Glaubens entstehen können, den Film selbst hat sie aber mit einigen Details ausgeschmückt, weil sich dies so im Kino besser darstellen ließ.
Im Film selbst kommt man zu einem Punkt, wo man sich fragt: “Wieso bringst du dich nicht einfach um? Wie kann ein Mensch so etwas aushalten?”
Wenn man diese Gedanken dann weiter verfolgt und z.B. einfach mal ein Gedankenexperiment durchführt, in dem alle Deutschen nun den Platz mit Bürgern dieser Nation austauschen und für den Rest ihres Lebens unter diesen Bedingungen leben müssen, dann wären wohl ziemlich viele deutsche Selbstmorde an der Tagesordnung, da diese Belastungen einfach unvorstellbar sind.
Wie hält ein Mensch so etwas aus?
Diesen Film zu machen und der Welt einen offenen, ungeschönten Blick auf alle Seiten solcher Religionen und Länder zu verschaffen, ist das Beste, das diese Frau machen konnte – und sie bereichert uns alle dadurch mit einer unbezahlbar großen Portion Grundverständnis für Menschen, die das unbeschreibliche Glück haben, in unserer westlichen Welt leben und aufwachsen zu dürfen und all die Freiheiten zu genießen, derer wir, die wir hier geboren sind, gar nicht mehr gedenken noch sie zu schätzen wissen.
Ich wage sogar zu behaupten: Wenn jeder dazu verpflichtet wäre, diesen Film zu schauen, um die komplexe Verstrickung kultureller Unterschiede endlich in seiner Gänze zu begreifen, hätten wir weltweit kein Rassismusproblem mehr.
Dir als Europäer geht es während der Laufzeit wahrscheinlich permanent durch die Muskeln, du zuckst und würdest gewissen Parteien permanent ins Gesicht schlagen, damit sie diese Ungerechtigkeiten und qualvollen Misshandlungen junger Menschen endlich unterlassen, aber du verstehst genauso, dass dies dort einfach so ist und man das nicht durch Verantwortungszuweisung und eine simple Schuldfrage klären kann, sondern da viel mehr dahinter steht, dass so einfach nicht zu lösen ist, dass diese psychischen “Vergewaltiger” selbst Opfer ihrer eigenen Kultur geworden sind und man dies nicht durch billiges Gewäsch als eigene Verantwortung verurteilen kann.
Ich weiß, meine Worte sind schäbig im Vergleich zu der bildhaften und verständlichen Darstellung Iram Haqs durch den Film, aber ihr merkt schon, welch ein gigantisches Konstrukt interkultureller Aufklärung und Harmoniefindung dieses Projekt innehat, dass zu klaren Schlüssen kommt, dessen Befreiungsschlag sich aber nicht wie eine Erlösung anfühlt, was uns alle noch vor große Aufgaben für die Zukunft stellt.
 

.kinoticket-Empfehlung: Auch wenn der Titel ins Schwarze trifft: Gegen die Mega-Giganten derzeitiger Kinopublikationen stirbt dieser Film elende Tode und die Presseabteilungen haben genügend Schwierigkeiten, Kinos zu finden, die Raum zum Screenen zur Verfügung stellen.
Dabei ist dieser Film die wohl wichtigste Errungenschaft des heutigen Jahrhunderts, weil er einen unbezahlbaren Beitrag dazu liefert, dass ganze Nationen zu einem besseren Ich aufsteigen können, indem er ungeschönt und konsequent die Geschichte eines jungen Mädchens erzählt, das Opfer einer Welt geworden ist, die heute immer noch traurig-aktuell ist.
Wenn man sich als Zuschauer bereits den erlösenden Freitod der Hauptdarstellerin wünscht, um sie endlich von den unsäglichen Qualen zu befreien, weil diese Torturen unvorstellbar sind, dann zeigt dies, mit welch geballter Macht hier Dinge verarbeitet werden, die man als Europäer zwar kennt, sie aber immer mit “Geht mich nichts an” zur Seite geschoben hat, ohne zu verstehen, was dies wirklich bedeutet.
Dieser Film schafft es, den Bann des Hasses durch simple Aufklärung zu brechen und verhilft jedem, der es möchte, zu einem tieferen Grundverständnis für diese schwierige Situation – und ich wünsche jedem von euch, diesen Film gesehen zu haben, um diesen Planeten durch anderes Handeln zu einer gesünderen Lebensweise zu verhelfen.
Lasst alles andere links liegen und helft aktiv dabei, dass dieser Film nicht in einer Versenkung verschwindet und unter sinnfreien Blockbustern begraben wird – er hat alles verdient, nur nicht das.

 
Nachspann
Ich saß da und konnte nicht mehr aufstehen. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. War einfach nur geschockt.
Kinostart: 10. Mai 2018

Umrika

Anhand der aktuellen Flüchtlingssituation schon fast ein wenig paradox, jetzt einen Film dieses Themas auf die Leinwand zu bringen und den Zuschauer damit unterhaltend zum Denken anzuregen.
Richtig ausgesprochen bezeichnet der Titel das Land der freien Möglichkeiten – aus Sicht einer Familie eines Dorfes in Indien. Die träumen vom großen Erfolg im Westen und begeben sich auf eine interessante Reise, die im Verlauf des Films nicht nur spannend bleibt, sondern auch weitreichende Wendungen aufweist, so dass dem Zuschauer bis ganz zum Schluss nicht langweilig wird.
Die Stars – bekannt aus Werken wie Life of Pi oder Best Marigold Hotel – liefern auch hier wieder fantastische Leistungen ab und überzeugen durch authentisches Spiel und gelungene Wortwahl. Dass dabei nicht auf die Tränendrüsen gedrückt oder der Zuschauer mit intellektuell-schwerlastigen Phrasen in den Abgrund des Mitleids gedrückt wird, kommt dem Film mit seiner komödienhaft anmutenden Leichtigkeit zusätzlich zugute.
Zwischendrin tut es mal richtig gut, nicht immer von vorn mit dem Finger konfrontiert zu werden, der uns aufzeigen will, was wir falsch machen, wo Verbesserungspotenzial liegt oder welche üblen Missstände auf der Welt herrschen. Hier wird man einfach mal in ein Wasserbad spaßiger Gefühle geworfen und darf konsequenzlos planschen ohne dabei Schaden anzurichten. Und genau diese Leichtigkeit ist es, die Umrika zu einem sehenswerten Stück Kinogeschichte macht, das zwischen Blockbustern wie James Bond 007: Spectre oder Die Tribute von Panem – Mockingjay (Teil 2) gänzlich untergeht.
 

.kinoticket-Empfehlung: Aus eben jenem Grund ist jedweder Hinweis auf den Film mehr als angebracht, denn hier waren Künstler am Werk, die die guten Seiten des Menschen ansprechen und aufzeigen.
Und das, obwohl in dem Film selbst genügend Schreckensmomente umschifft werden, die den Intellekt des Normalsterblichen auf keinen Fall überlasten.
Wer etwas sinnvolles sehen möchte, wobei man sich richtig gut fühlen kann und soll, der darf bei Umrika getrost zugreifen. Ein leichter, lustiger Kinoabend mit garantiert guter Unterhaltung sind vorprogrammiert.

 
Nachspann
kommt keiner mehr, nach der Schwarzblende ist tatsächlich Schluss.

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