Leonardo DiCaprio ist bekannt dafür, großartige Filme zu machen und dafür von der Academy nicht mit Lob besudelt zu werden. Zeit für einen neuen Film von ihm, für den er wieder keinen Oscar abstauben wird.
So zumindest sollte man denken, wenn man sich die glorreichen Machenschaften seiner Vergangenheit im Hinblick auf die Vergabe des Goldjungen anschaut. In diese Reihe erfolgreicher Erzählungen wirft Alejandro G. Inarritu mit ihm als Hauptdarsteller einen weiteren Film, der vor technischem Können und schauspielerischer Präsenz nur so leuchtet.
Was diesmal unübersehbar richtig gemacht wurde: Der Dreck. Was ich bei Im Herzen der See schon so bemängelt habe, wurde hier nun ausgiebig gefeiert: Gestandene Männer werden in den Dreck geschmissen und müssen sich aus selbigen wieder herauskämpfen, ohne dabei von der Natur oder ihresgleichen in irgendeiner Form Unterstützung beigemessen zu kriegen.
156 qualvoll lange Minuten schaut man dabei zu, wie der Mensch sich unter katastrophalen Zuständen windet und ums nackte Überleben kämpft. Hier wird einmal mehr die Seele unserer Spezies offen auf der Leinwand präsentiert und die schrecklichen Abgründe verschiedenster, niederträchtiger Absichten offenbart.
Was anfangs noch spannend ist, verändert sich im Laufe des Films langsam zur tatsächlichen Qual für den Zuschauer, da bei dem Werk zwar offensichtlich sehr nahe am real Erlebten gearbeitet wird und der Held der Stunde eben nicht einfach aufsteht, sich den Dreck von den Ohren wischt und fröhlich weiterspaziert, jedoch mangelt die gesamte Darstellung an erzählerischer Tiefe.
Es wirkt fast, als hätte man einfach ein Fenster in die Vergangenheit aufgerissen und – ausgeschmückt über den Umweg eines Romans – ein paar Geschichten erzählt, die Teile ihres Ursprungs in tatsächlich Erlebtem fundieren. Was mir persönlich dabei fehlt, ist die Leitung des Zuschauers hin zu einer Pointe, die einen nach so langer Zeit bereichert wieder aus dem Saal spazieren lässt.
Die ist zwar – wenn man ganz genau hinschaut und es so will – schon vorhanden, jedoch im Rahmen dessen, was man vorher gezeigt hat, so unspektakulär und klein, dass einem kaum auffällt, dass hier etwas gesagt wurde. Und damit geht ein riesengroßer Paukenschlag offensichtlich ins Leere, weil am Schluss dennoch die Frage bleibt: “Und jetzt? Wofür das Ganze?”
Schauspielerisch kann man weder an Tom Hardy noch an Leo DiCaprio irgendwas bemängeln und auch die Technik im Hintergrund hat ganze Arbeit geleistet. Die Kälte und Unverfrorenheit der Natur, die harte, kalte, unmenschliche Gegend und das Unwillkommene, in das die Menschen hier geworfen werden, kommt mehr als gut und realistisch rüber und zeigt sehr eindrucksvoll, dass Natur eben nicht immer nur schön und wunderbar, sondern auch rauh und hart zu einem sein kann.
Angesichts der blutigen Elemente, empfinde ich die Freigabe ab 16 teilweise schon als zu niedrig, da hier doch ziemlich offensichtlich Dinge zelebriert werden, die zwar hervorragend in die Geschichte passen, jedoch nicht unbedingt von der breiten Allgemeinheit (FSK 16 wird von der Gesellschaft oft als “Jugendfrei” wahrgenommen und somit auch FSK 12-Klientel gezeigt) gesehen werden muss, da manche Parts im Film sehr wohl einen harten Magen voraussetzen, um hier unbeschadet über die Szenen zu schlittern.
Was bleibt, ist ein gigantischer Film, der eindrucksvolle Bilder zeigt, imposante Szenen zelebriert und damit eine Geschichte ausschmückt, die unter realen Bedingungen sicherlich niemand persönlich erleben möchte.
Hätte man hier noch etwas mehr Tiefgang eingebaut und nicht nur die Natur selbst sprechen lassen, wäre daraus ein gigantischer Meilenstein des Kinos geworden. So spart man zwar auch mit Worten und vollführt vieles durch reines Beobachten, erhält dadurch aber auch irgendwie keine so richtige Inhaltswucht, sondern plätschert mit wenigen Elementen natürlich dahin.
 

.kinoticket-Empfehlung: Großartiges Kino mit eindrucksvollen Momenten, deren Ursprung auf realen Begebenheiten beruht und fürs Kino und zuvor für einen Roman ausgeschmückt wurden.
Die Realitätsnähe ist diesmal mehr als deutlich, der Dreck, durch den man sich wühlt, fühlt sich auch als Zuschauer echt an und die Kälte und Rauhheit der Natur erlebt nicht nur einmal ihren Höhepunkt im Siegeszug gegen den Kampf ums Überleben.
Was mir fehlt, ist ein bleibender Schluss, der dem Film den Sinn  verleiht, um nicht aus dem Gedächtnis wieder zu verschwinden. Hier wurde einfach zu wenig aufgetragen, so dass nach 156 Minuten Laufzeit das Fenster zur Vergangenheit einfach wieder zugeht und man nun dasteht und sehen muss, was man mit dem eben Gesehenen anfängt.

 
Nachspann
gibt’s nicht, nachdem auf schwarz geblendet wurde, darf man sich also aus dem Saal entfernen.